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Beiträge aus der Rubrik InWent-Forum
Informationsgesellschaft: Via Internet zu den Millenniumszielen
Wassermanagement: Abschied von allgemeinen Rezepten
 10/2005
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[ Informationsgesellschaft ]
Via Internet zu den Millenniumszielen
Satellitenschüsseln ersetzen Hungrigen nicht die Reisschüssel und durch Glasfaserkabel lässt sich kein Wasser pumpen. Dennoch sind sie unabdingbar zum Erreichen der Millenniumsziele. Der Zweite Weltgipfel über die Informationsgesellschaft (WSIS) im November in Tunis soll Weichen stellen.
[ Von Christian Taaks ]
Die Zahlen der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) stimmen optimistisch: Gab es 1992 in den Industrieländern noch 14-mal mehr Telefonanschlüsse als in den Entwicklungsländern, hatte sich die Differenz in nur acht Jahren auf den Faktor fünf verringert. Ähnlich beim Mobilfunk. Lebten 1992 in reichen Ländern noch dreißigmal mehr Nutzer als in armen, waren es zehn Jahre später nur noch viermal mehr. Der Privatsektor spielte bei dieser Entwicklung eine Schlüsselrolle. Seine Investitionen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie überstiegen in den ausgehenden 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Summe der gesamten öffentlichen Entwicklungshilfe.
Gleichwohl gibt es keinen Anlass zu Euphorie. Denn die digitale Kluft hat sich zwar global verringert, in einzelnen Ländern ist sie aber oft gewachsen. Die Entwicklungsunterschiede zwischen Stadt und Land sowie zwischen Arm und Reich bleiben oft gigantisch. Doch gerade dort, wo die Herausforderungen am größten sind, ist Engagement für den Privatsektor wegen geringer Gewinnaussichten häufig wenig attraktiv.
Aus der Sicht von Peter Ammon vom Auswärtigen Amt stellen die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien ein unentbehrliches Werkzeug bei der Bekämpfung der Armut dar. Weil der öffentliche Sektor finanziell mit dieser Aufgabe überfordert wäre, richtet die Millenniumserklärung der Vereinten Nationen ihr Augenmerk auf Partnerschaften mit dem Privatsektor. Sie sollen die neuen Technologien allen zugänglich machen. Um die Dimensionen dieser Aufgabe zu illustrieren, zitiert Ammon die Statistik: Nach wie vor gibt es in Manhattan mehr Internetnutzer als in Afrika südlich der Sahara.
Zugangsbarrieren
Indien hat dank der modernen Medien einen Entwicklungssprung vollzogen. Angesichts der geringen Verfügbarkeit moderner Informationsmittel auf dem Land warnt Namrata Bali gleichwohl vor einer Vernachlässigung traditioneller Strukturen. Die Generalsekretärin der Vereinigung Selbständiger Frauen Indiens (SEWA) erinnert daran, dass 97 Prozent der weiblichen Arbeitskräfte Indiens in der informellen Wirtschaft arbeiten zumeist auf dem Land. Computer und Internetzugänge seien nach wie vor teuer, die notwendige Infrastruktur nur in Städten verfügbar. Auch Englisch wirke als Sprachbarriere im Internet. SEWA konzentriert sein Engagement zur Verbreitung von ICT-Medien auf die Ausstattung ländlicher Regionen mit Mobiltelefonen. Der Verband vergibt günstige Kleinkredite, um Kleinunternehmen mit moderner Kommunikationstechnologie auszustatten. Das dient der effektiveren Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen, der Gesundheitsvorsorge, aber auch der privanten Kommunikation. Die kleinen Leute müssen im Mittelpunkt stehen, sagt Bali.
Wie SEWA ortientieren sich auch die mehr als 125 000 Village-Phone-Operators in den ländlichen Gebieten Ugandas am Vorbild der Grameen Bank in Bangladesh, die 1997 ihr Village-Phone-Programm startete. Es geht um Telekom-Dienstleistungen für Kleinunternehmen und Privatpersonen. Für die Anschaffung der Grundausstattung (Mobiltelefon, Antenne, Werbematerial, Prepaid-Karte) erhalten die Operatoren in Uganda ein Darlehen von 250 Dollar. Die Sprechzeiten verkaufen sie mit Gewinn an ihre Kunden weiter und finanzieren damit ihr Geschäft samt Rückzahlung des Kredits. Richard Mwami, Generalmanager der MTN VillagePhone Uganda, geht davon aus, dass sein Unternehmen mittlerweile 70 Prozent des Landes erreicht.
Tim Wood, Programmmanager des Technology Center von Grameen USA (US-amerikanische Schwester der gleichnamigen Bank aus Bangladesh), möchte das Geschäftsmodell möglichst bald auch in anderen Entwicklungsländern anbieten. Nicht ohne Stolz stellt er fest, dass das Vorhaben in Uganda zunächst rein privat ohne staatliches Zutun in Gang kam: Die Regierung ist erst im Rahmen einer Public Private Partnership eingestiegen, als das Projekt bereits Fahrt aufgenommen hatte.
Für Wood ist die Aufgabe des Staates klar: Er muss den privaten Sektor zu Aktivitäten ermutigen. Andererseits könnten Initiativen nur auf Basis einer bestehenden Infrastruktur umgesetzt werden. Sie zu errichten ist eine öffentliche Aufgabe. Einige Koordinaten für Partnerschaften zwischen öffentlichem Sektor und Privatwirtschaft sind damit bereits festgelegt.
Nach Ansicht von Kerry McNamara vom Weltbank-Programm Information for Development (infoDev) muss die Politik die Voraussetzungen für eine aktive, innovative und den lokalen Erfordernissen angemessene Entwicklung des ICT-Sektors schaffen. Und sie muss gewährleisten, dass die gesamte Bevölkerung Zugang erhält. Dabei liege das Hauptaugenmerk auf Wachstum, Entwicklung und Armutsbekämpfung. Lokales Innovationspotential sei nicht nur im Hinblick auf die Entwicklung der örtlichen Wirtschaft, sondern auch unter dem Gesichtspunkt der Subsidiarität zu fördern: Wir dürfen die Vergessenen nicht ein weiteres Mal vergessen und müssen zweimal darüber nachdenken, jenen weitere Vorteile zu verschaffen, die bereits privilegiert sind.
Marcos Bafutto hat aus seiner Erfahrung als Direktor der Regulierungsbehörde für Telekommunikation in Brasilien (ANATEL) die Einsicht gewonnen, dass jedes Land eine nationale Strategie benötigt. Der ICT-Sektor braucht stabile Rahmenbedingungen, Rechtssicherheit, Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit, verbindliche Regeln, fairen Wettbewerb, technologische Neutralität, Planungssicherheit und vor allem Transparenz. Hier seien die Regulierungsbehörden gefordert. Sie müssten für alle Marktteilnehmer Chancengleichheit gewährleisten und für faire Preise sorgen.
Das ist oft ein schwieriger Balanceakt. Thomas Ganswindt, Mitglied des Vorstands der Siemens AG und der ICT Task Force der Vereinten Nationen, plädiert dafür, den Marktmechanismen zu vertrauen. Sie könnten aber nur störungsfrei wirken, wenn die politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen verlässlich und transparent seien. Nur dann könne sich ein echter Wettbewerb entfalten. Meist sei nicht Mangel an Geld, sondern ein Übermaß an Risiken für Investitionszurückhaltung verantwortlich. Politik und öffentliche Hand sollten nur eingreifen, wenn der Markt nicht von selbst effektiv arbeite. Traditionelle Mechanismen der Entwicklungshilfe werden aus seiner Sicht den Erfordernissen nicht mehr gerecht.
Geberländer gefordert
Rasche Fortschritte erfordern eine Anpassung der Geberpraxis. Pierre Dandjinou, für das UN-Entwicklungsprogramm als Berater für ICT for Development im Senegal tätig, ist von der unverbindlichen Haltung vieler Geberländer bisher enttäuscht. Den Schlüssel zur Lösung der Probleme in Afrika sieht er in der Schaffung einer funktionierenden Infrastruktur. Die Menschen bräuchten einen leichten und erschwinglichen Zugang zum Internet.
Angesichts solcher Herkulesaufgaben rät Klemens van de Sand, MDG-Beauftragter des Bundesentwicklungsministeriums, der Gebergemeinschaft, zunächst zu schauen, was der Privatsektor macht. Er weiß, dass häufig die Regierungen Teil des Problems sind: Es muss einen politischen Willen geben, die Millenniumsziele zu erreichen. Shaun Lake, Direktor der südafrikanischen Firma Global Trade Training, stellt in seiner beruflichen Praxis allerdings immer öfter fest, dass der ICT-Privatsektor zum Schaden aller mit EZ-Projekten konkurriert: Es ist für den Privatsektor frustrierend zu sehen, dass Geber unzählige Pilotprojekte lancieren, ohne auf vorhandene Erfahrungen zurückzugreifen.
Für Peter Zangl vom Generaldirektorium Information, Gesellschaft und Medien bei der Europäischen Kommission geht es beim Zweiten Weltgipfel für die Informationsgesellschaft (WSIS II) im November 2005 in Tunis um nichts weniger, als mit einer technischen Revolution umzugehen, die die ganze Erde durchläuft: Wir müssen sicherstellen, dass jede und jeder auf diesen Zug aufspringen kann. Nun gelte es, vom Plan zur Aktion zu schreiten. Als Präsident des Vorbereitungsausschusses für WSIS II sieht Janis Karklins dafür gute Chancen: Die MDGs zu erreichen und die digitale Kluft zu überwinden sind für ihn zwei Seiten einer Medaille. Dass dabei Politik und Privatsektor zusammenwirken müssen, ist für ihn nur natürlich: Regierungen und Unternehmen teilen langfristig ähnliche Entwicklungsziele soziale und ökonomische Entwicklung.
Dr. Christian Taaks
arbeitet unter anderem für das Institut für internationale Zusammenarbeit und Politikberatung der Friedrich-Naumann-Stiftung in Potsdam und für das Entwicklungspolitische Forum von InWEnt.
c.taaks@t-online.de
Der Beitrag entstand unter dem Eindruck des internationalen Politikdialogs Mainstreaming ICTs for Development: the Key Role of the Private Sector, den das Entwicklungspolitische Forum von InWEnt im Juni 2005 in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung durchgeführt hat. Eine gedruckte Dokumentation ist beim Entwicklungspolitischen Forum in Berlin erhältlich. Die erweiterte Fassung steht im Internet unter http://www.inwent.org/themen_reg/ef/events/ict/index.en.shtml
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