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Wassermanagement: Abschied von allgemeinen Rezepten


10/2005
 

[ Wassermanagement ]

Abschied von Standardlösungen

Das neue InWEnt-Programm für den Wassersektor im Nahen Osten und in Nordafrika ist einzigartig: Es konzentriert sich auf Länder mit ähnlichen Bedingungen, bringt Vertreter von Regierung, Wissenschaft, Wirtschaft und NROs zusammen und wird von Wasserexperten aus der ganzen Welt unterstützt.


[ Von Asit K. Biswas und Cecilia Tortajada ]

Ein Problem der Wasserexperten war in der Vergangenheit ihre Politik des “business as usual”. Veränderungen kamen nur langsam voran, Diskussionen werden oft dogmatisch geführt (Verstaatlichung oder Privatisierung, einfache oder technisch aufwendige Lösungen, soll Wasser einen Preis haben oder frei zugänglich sein). Viele Rezepte für die Praxis sind häufig grob vereinfachend sowie losgelöst von den sozialen, ökonomischen, klimatischen, institutionellen, rechtlichen und ökologischen Bedingungen des jeweiligen Landes. Es ist viel über die Wasserkrise geschrieben worden, die der Welt angeblich droht. Die meisten Voraussagen basieren auf unzuverlässigen Daten, vereinfachenden Konzepten, einseitigen Analysen, fehlerhaften Einschätzungen sowie dogmatischen Einstellungen.


Aktuelle Prioritäten

Die Forschungsergebnisse des World Centre for Water Management lassen folgende Schlüsse zu:
1. Die Welt steht nicht vor einer Wasserkrise: Wir sehen uns einer Krise des Wassermanagements gegenüber. Es mag im einen oder anderen Teil der Welt schwieriger sein, die Wasserressourcen effizient zu handhaben, aber die Wasserprobleme bleiben lösbar. Wir haben das Wissen, die Erfahrung und die Technologie, unsere Wasserressourcen sehr viel effizienter zu managen, als das derzeit der Fall ist. Aus diesem Grund muss der Vermittlung von modernen und geeigneten Managementmethoden höchste Priorität eingeräumt werden.

2. Wenn die Ressourcen effizient verwaltet werden, lassen sich auch die Wasserprobleme in den Griff bekommen. Kommt es zu einer Wasserkrise, wird es weniger eine Frage des Mangels als der Wasserqualität sein. Von Lateinamerika über Afrika bis hin zu den aufstrebenden asiatischen Ländern wird der Aspekt der Wasserqualität bislang vernachlässigt. Unsere Analysen zeigen, dass in Lateinamerika derzeit weniger als zehn Prozent des Abwassers behandelt und auf umweltschonende Art und Weise entsorgt wird. In Asien dürfte es nicht anders sein, in Afrika eher noch schlechter. Die Oberflächengewässer in der Nähe von urbanen Zentren sind häufig stark verunreinigt. Auch das Grundwasser – eine wichtige Quelle für Trinkwasser – wird zunehmend belastet.

3. Die Lösung für die Wasserprobleme in verschiedenen Teilen der Welt kann nicht ein und dieselbe sein: Sie muss jeweils an die lokalen Gegebenheiten angepasst werden. Die gegenwärtige Praxis, ein Lösungskonzept vorzugeben und dann nach Problemen zu suchen, auf die es angewandt werden kann, ist Teil des Problems. Es gibt keine Universallösung. Was in Deutschland funktioniert, muss nicht in Jordanien klappen, und umgekehrt. Was in Marokko erfolgreich ist, könnte bereits in Ägypten versagen, obwohl beide Länder viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Es gibt auch eine zeitliche Dimension: Eine Lösung, die im Jemen in den 1970ern funktionierte, kann heute überholt sein. Diese Überlegungen werden derzeit weitgehend ignoriert.

4. Es gibt nicht die eine Lösung, die für alle Länder der Erde passt. Dogmatische Debatten helfen nicht weiter. Schlichte Lösungen können wunderschön, aber auch absolut hässlich, ausgefeilte Entwürfe können großartig, aber auch eine Katastrophe sein. Jede Lösung muss in ihrem Gesamtzusammenhang beurteilt werden. Konzepte wie „Integriertes Wasserressourcen-Management“ sind in den meisten süd- und südostasiatischen Ländern nicht anwendbar. Wir dürfen nicht alle Probleme in eine Form zwängen, damit wir ihnen eine Standardlösung überstülpen können. Wir müssen zuerst die Probleme betrachten und dann entscheiden, wie sie sich am besten lösen lassen.

Wasser ist eine Voraussetzung für das Überleben von Mensch und Ökosystemen sowie von ökonomischer Entwicklung. Ohne Wasser lässt sich die Lebensqualität für die Bewohner des Nahen Ostens und Nordafrikas (MENA) nicht steigern. Klimatisch liegen die MENA-Länder in einem Teil der Welt, der die größten Probleme mit Wasserversorgung hat. Umso wichtiger ist ein langfristig effizientes, rationales und gerechtes Management der lokalen und regionalen Wasserressourcen. Die Zukunft der meisten MENA-Länder hängt zu einem bedeutenden Teil davon ab, wie gut sie ihre Wasserressourcen verwalten. Dazu gehören nicht nur traditionelle Wasserlieferanten wie Flüsse, Seen und Grundwasservorkommen, sondern auch die Sammlung, Behandlung und Wiederverwendung von Abwässern, die Nutzung von Wasser mangelhafter Qualität, die Entsalzung von Brack- und Meerwasser sowie weitere Alternativen.

Da ein Schuh selten allen passt, müssen die spezifischen Probleme in den einzelnen Regionen analysiert und mögliche Alternativen für eine rechtzeitige und kosteneffektive Lösung ausgelotet werden. Das InWEnt-Programm „Capacity Development für den Wassersektor in der MENA-Region“ ist aus verschiedenen Gründen einzigartig:
– Es legt den Schwerpunkt auf eine Region, in der die vorherrschenden sozialen, ökonomischen, rechtlichen und kulturellen Bedingungen relativ ähnlich sind. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass lokales Wissen, Technologien und Erfahrungen im Rahmen des Süd-Süd-Transfers sinnvoll weitergereicht werden können.
– Das Programm bringt Experten und Interessenvertreter aus der Region und verschiedenen Ebenen von Regierungen, Forschungsinstitutionen, Wirtschaft und NRO zusammen. Sie sollen den Stand des Wassermanagements in ihren Ländern bewerten und Möglichkeiten erarbeiten, wie sich die verschiedenen Praktiken und Prozesse in den nächsten Jahren verbessern lassen.
– Das Programm wird von Wasserexperten aus der ganzen Welt unterstützt. Sie wollen ihr Wissen und ihre Erfahrungen den Teilnehmern zur Verfügung stellen.
– Über vier Jahre hinweg sind vier Partnerforen geplant. Jeweils gewissenhaft vorbereitet sollen sie einmal jährlich den Austausch und das wechselseitige Lernen der Teilnehmer voneinander ermöglichen und sicherstellen, dass der Prozess voranschreitet.

Das erste Partnerforum mit dem Schwerpunkt „Water Governance in der MENA-Region“ wird im November im jordanischen Amman stattfinden. Weitere Foren sind für 2006, 2007 und 2008 (im Rahmen der Expo 2008 im spanischen Saragossa) geplant. Bei jedem Forum kommen rund 65 Teilnehmer zusammen. Eine Kerngruppe wird an allen vier Foren teilnehmen, um Kontinuität und Kohärenz des Prozesses zu sichern. Das Programm soll die regionale Zusammenarbeit stärken und zukunftsorientierte Managementstrategien entwickeln. Es soll geeignete Reformen für den Wassersektor formulieren und umsetzen sowie das öffentliche und politische Bewusstsein für wasserrelevante Themen schärfen.

Besonders bemerkenswert an dem Programm ist, dass es explizit voraussetzt, dass die Welt heterogen ist – mit verschiedenen Kulturen, sozialen Normen, geographischen Bedingungen, ungleicher Verfügbarkeit von Ressourcen und Geld für Investitionen, Fähigkeiten zum Management und institutionellen Bedingungen. Regierungssysteme, rechtliche Rahmenbedingungen und Entscheidungsprozesse unterscheiden sich oft erheblich von Land zu Land – selbst innerhalb einer Region.

Das bedeutet: Es gibt nicht die eine Lösung, die gleichermaßen auf einen ökonomischen Giganten wie die USA, technologische Kraftwerke wie Deutschland und Japan, aufstrebende Ökonomien wie China und Indien sowie so verschiedene Länder wie Brasilien, Bahrain, Bhutan und Burkina Faso anwendbar ist. Kein Konzept von Wassermanagement kann gleichermaßen zu asiatischen Wertvorstellungen, afrikanischen Traditionen, islamischen Bräuchen, japanischer Kultur und westlicher Zivilisation passen. Das InWent-Programm bricht mit der gängigen schablonenhaften Herangehensweise durch seinen regionalspezifischen Ansatz. Es bezieht die Verschiedenartigkeit der Bedingungen und die Vielzahl der Lösungsmöglichkeiten auf objektive, unparteiische und undogmatische Weise mit ein.




Prof. Dr. Asit K. Biswas
ist Präsident des Third World Centre for Water Management
(http://www.thirdworldcentre.org), Mexiko. Er war Mitglied der Weltwasserkommission und gilt als einer der bedeutendsten Wasserexperten weltweit.
akbiswas@thirdworldcentre.org

Dr. Cecilia Tortajada
ist Vize-Präsidentin des Third World Centre for Water Management und Vize-Präsidentin der International Water Resources Association und Herausgeberin des International Journal of Water Resources Development.
ctortajada@thirdworldcentre.org