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10/2005
 

Frieden: Lebensbilanz

Dieter Senghaas:
Zum irdischen Frieden.
Frankfurt, Suhrkamp 2004 ,
307 S., 11,00 Euro, ISBN 351812384X

Ein weiterer Beitrag zur Kant-Exegese soll es nicht sein. Doch bewusst stellt sich Dieter Senghaas mit seinem jüngsten Buch in die Tradition Immanuel Kants. Der in Bremen lehrende Friedens- und Konfliktforscher verweist mit dem Titel auf Kants 1795 erschienenes Werk „Zum ewigen Frieden“ und die dahinter stehende Vision einer Weltbürgergesellschaft. Auf über 300 Seiten führt Senghaas – alles und jedes hinterfragend – seine Leser durch die Zerklüftungen der modernen Welt, vorbei an ihren ökonomischen, sozialen, kulturellen und politischen Schichtungen und Gefälle, ihren Asymmetrien und Dilemmata. Den Fokus richtet er dabei immer auf die Frage: Wodurch und wie konstituiert sich Frieden heute?

In das Zentrum seiner Analyse stellt der Autor, der diesen Themen sein Wissenschaftlerleben gewidmet hat, den Zusammenhang von Frieden und wirtschaftlicher Entwicklung. So sind für ihn mit Blick auf die krassen Asymmetrien in der Welt „die variablen Ausprägungen der Sicherheitsdilemmata ohne das Verständnis des vorgängig gelagerten Entwicklungsdilemmas nicht mehr begreifbar“. Deshalb sei eine „Politik aktiver Verteilungsgerechtigkeit eine Mindestvoraussetzung für sozialen Frieden innerhalb von Gesellschaften und zwischen ihnen“.

Auch darüber hinaus lässt Senghaas keinen Zweifel daran zu, dass „die Konstitutionsbedingungen für einen auf Vernunft aufbauenden Frieden bekannt“ sind. Wie in früheren Werken steht im Mittelpunkt seiner jüngsten „Erkenntnisse und Vermutungen“ das „zivilisatorische Hexagon“. Es funktioniert vereinfacht und verkürzt so: Man installiere ein Gewaltmonopol, sorge für dessen rechtsstaatliche Kontrolle, demokratische Teilhabe der Bürger und soziale Gerechtigkeit sowie für ein gesellschaftliches Klima, in dem eine konstruktive Konfliktkultur gedeihen kann, und hat damit die Grundlagen für ein friedliches Zusammenleben der Menschen geschaffen. Frieden als ein auf sechs Säulen ruhendes Projekt der Zivilisation.

Doch was einfach anmutet, scheint oft unmöglich zu realisieren. Friedlicher Wandel, schreibt Senghaas, erfordere – zumal vor dem Hintergrund der dramatischen, weltweit zu beobachtenden und alle Lebensbereiche erfassenden gesellschaftlichen Umbrüche – „bei allen Akteuren und auf allen Ebenen Lernbereitschaft und Anpassungsfähigkeit“. Da diese nicht mit Gewalt erzwungen werden könnten, gebe es „keine Alternative zu einer Überzeugungsarbeit vermittels Kommunikation“. Für die Beteiligten bedeutet dieses Unterfangen mühsame, oft qualvolle Prozesse, immer neue Versuche und Irrtümer. Hinzu kommen Wege, Umwege und Abwege, die häufig nur gegen den Willen der Betroffenen durchzusetzen sind. Die Geschichte des so aufgeklärten und vorbildlich demokratischen Europa ist voll von solchen Beispielen.

Wiewohl der Autor um die Schwächen und Gefahren seines Modells weiß, ist er dennoch überzeugt, dass die Menschheit langfristig nur eine Überlebenschance hat. Sie muss die Zerklüftungen, Ungleichheiten und dramatischen Ungerechtigkeiten der Welt abbauen und einebnen, wenn schon nicht überwinden. Das freilich sei „ eine Jahrhundertaufgabe“. Was dann doch fast wieder nach Immanuel Kant klingt. Oder nach einem Vermächtnis.

Volker Dieckmann