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10/2005
 

Völkerkunde:
Die Entwicklungsethnologie fehlt

Werner Petermann:
Die Geschichte der Ethnologie.
Wuppertal, Peter Hammer Verlag 2004, 1095 S.,
59,90 Euro, ISBN 3-87294-930-6

Sicher ist der umfangreiche Band zur Geschichte der Ethnologie keine Pflichtlektüre für den normalen entwicklungspolitisch interessierten Leser. Das anspruchsvolle, angesichts der Komplexität der Materie dennoch flüssig geschriebene Buch führt jedoch mitten in eine Thematik hinein, die Verständnis für die kulturellen Bedingungen von Entwicklung wecken und fördern kann. Der Einstieg beginnt mit den Anfängen kultureller Erörterungen bei Herodot. Dieser hat nicht nur hinreichend Stoff über fremde Völker geliefert, sondern damit auch Generationen von Wissenschaftlern das Ausgangsmaterial zu Themen wie Fremdwahrnehmung, kulturelle Unterschiede oder Ethnozentrismus.

Nach dem Einstieg in die Grundlagen der antiken Ethnologie setzt sich der Autor mit den europäischen Entdeckungen und kolonialen Eroberungen auseinander. Es folgt die Darstellung der philosophischen Grundlagen der Kulturwissenschaften im 18. Jahrhundert. Die Beiträge zum 19. Jahrhundert führen den Leser vor allem in die – stark von Briten geprägte – beginnende empirische Forschung ein. Im 20. Jahrhundert kommt es zu einer Inflation der theoretischen Schulen. Sie wird vor allem von Wissenschaftlern aus Deutschland, Großbritannien, den USA und Frankreich vorangetrieben. Stichworte sind hier Kulturkreislehre, Funktionalismus, Strukturalismus oder Kulturökologie.

In allen acht Kapiteln verbindet Petermann Information über die Art und Weise, wie sich die Vertreter der Ethnologie in der jeweiligen Epoche fremden Kulturen genähert haben, mit Sachinformationen über methodische Fragen, Personen – in Form zahlreicher biographischer Abschnitte – sowie wichtige Begriffe. Auffallend ist, dass die „Vor- und Frühgeschichte“ der Ethnologie sehr viel Platz einnimmt, während die Ausführungen des Autors mit der Annäherung an die Gegenwart immer knapper werden. Die jüngsten Dekaden bleiben stark unterbelichtet. So als hätte es neben und nach Michel Foucault keine anderen Akteure und weder einen theoretischen noch eine praxisorientierten Diskurs mehr gegeben.

Damit ist das größte Manko des Buches angesprochen: die fehlende Einbeziehung der „applied“ und „development anthropology“. In den USA ist sie seit 30 Jahren präsent, in Deutschland blickt die „Entwicklungsethnologie“ auf eine auch schon 20jährige Existenz zurück. Hier hätte der Leser mehr erwartet. Trotzdem: mit der umfassenden Literaturliste und einem ausführlichen Personen- und Sachregister ausgestattet stellt das Buch eine durchaus empfehlenswerte Geschichte der Ethnologie dar.

Frank Bliss