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10/2005
 

[ Weltentwicklungsbericht 2006 ]

Entwicklungsbremse Ungleichheit

Wirtschaftliche und politische Chancenungleichheit behindern Entwicklung, verursachen Armut und sind eine Ursache für die erheblichen Unterschiede bei Indikatoren wie Lebenserwartung, Bildung und Einkommen sowohl innerhalb von Entwicklungsländern als auch zwischen reichen und armen Ländern. Das ist die zentrale These des Weltentwicklungsberichtes 2006, den die Weltbank im September vorlegte. Der Bericht mit dem Titel „Equity and Development“ definiert soziale Gerechtigkeit als Chancengleichheit und Schutz vor existenziellen Risiken. Unter „Entwicklung“ verstehen die Autoren mal wirtschaftliche Entwicklung im engeren Sinne, mal menschliche Entwicklung nach der Definition des UN-Entwicklungsprogramms.

Für die Weltbank wird Chancenungleichheit einerseits durch das Versagen wichtiger Märkte (vor allem für Kapital, Arbeit, Land und Bildung) hervorgerufen, die dahin tendieren, benachteiligte Gruppen trotz ihres produktiven Potenzials auszuschließen. Zum anderen sei Chancenungleichheit das Ergebnis einer ungleichen Verteilung von politischem Einfluss: Einflussreiche Gruppen werden bei der Allokation von Ressourcen über Märkte und staatliche Institutionen systematisch bevorzugt. Beide Faktoren, so der Bericht, befördern nicht nur Ungerechtigkeit, sondern auch Ineffizienz.

Die ungleiche Verteilung von politischem Einfluss ist also neben dem Fehlen effektiver staatlicher Institutionen zur Korrektur von Marktversagen das wesentliche Hindernis für mehr soziale Gerechtigkeit. Diese Aussage ist bemerkenswert für die Weltbank, die sich bei der Bewertung politischer Machtverhältnisse traditionell eher zurückhält. Folgerichtig wäre es gewesen, hätte die Bank die Politikempfehlung abgegeben, auf nationaler Ebene die Verteilung politischer Macht neu zu regeln. Denn folgt man der Weltbank-Analyse, dann sind Demokratisierung und die Überwindung autoritärer Strukturen unerlässlich, wenn mehr soziale Gerechtigkeit erreicht werden soll.

Zu einem solchen Schluss ringen sich die Autoren des Berichtes allerdings nicht durch. Vielmehr plädieren sie für Interventionen in den Bereichen Bildung, Gesundheit und soziale Sicherung (zum Aufbau und Schutz von Humankapital), Bodenreform, Infrastruktur und Justiz (um den Zugang zu Produktionsfaktoren und Justiz zu verbessern), Regulierung von Finanz-, Arbeits- und Produktmärkten (um Marktzugang für alle zu erreichen). Dadurch, so die Weltbank-Argumentation, ließen sich die beiden Ziele soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliches Wachstum gleichzeitig erreichen. Zwar gibt der Bericht Hinweise darauf, wie die vorgeschlagenen Politiken in den verschiedenen Sektoren auch zu einer breiteren Verteilung der politischen Macht führen könnten. Doch die Autoren geben keine Empfehlungen für eine unmittelbare Politik der Demokratisierung, für politische Maßnahmen zur Förderung demokratischer Strukturen. Stattdessen setzt der Bericht darauf, dass die skizzierten Reformen einen Prozess anstoßen, der nach und nach zu einer breiteren Verteilung der politischen Macht und damit zu einem stabilen gesellschaftlichen Fundament für mehr soziale Gerechtigkeit führt. Es ist zweifelhaft, ob dieser Weg in autoritären Regimen mit großen wirtschaftlichen und politischen Ungleichheiten zum Erfolg führt.

Der Bericht geht auch auf die strukturelle Benachteiligung der armen Länder auf internationaler Ebene ein. Reformbedarf gebe es unter anderem bei der entwicklungsfreundlichen Regulierung von Migration, beim Abbau von Handelshemmnissen,bei der Stärkung der Verhandlungskapazitäten armer Länder in der WTO und bei der Stabilisierung der internationalen Finanzarchitektur. Allerdings bleiben die Empfehlungen eher vage. Auch auf diesem Gebiet dürfte die politische Wirkung des Berichts deshalb gering bleiben.

Matthias Krause