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Was Chinas Erfolg für andere Länder bedeutet


10/2005
 

Chinas Gewicht

Das spektakuläre Wachstum der chinesischen Wirtschaft ist für andere Entwicklungsländer eine zweischneidige Angelegenheit. Rohstoffexporteure profitieren zwar von der zunehmenden chinesischen Nachfrage, doch die Industrialisierung wird angesichts der harten Konkurrenz durch die Volksrepublik schwieriger. Das chinesische Wirtschaftswunder beeinflusst auch die Einkommensverteilung innerhalb anderer Länder und trägt nicht unbedingt zur Armutslinderung bei.


[ Von Rhys Jenkins ]

Das schnelle Wachstum und die zunehmende Öffnung während des letzten Vierteljahrhunderts haben China zu einem der wichtigsten Akteure der Weltwirtschaft im frühen 21. Jahrhundert gemacht. Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts liegt seit 1980 bei mehr als neun Prozent im Jahr und hat China zur sechstgrößten Wirtschaft der Welt gemacht. Laut Prognosen wird China innerhalb der nächsten fünf Jahre Deutschland überholen und auf den dritten Platz steigen. In den nächsten zehn Jahren könnte es an Japan vorbeiziehen und zur weltweit zweitgrößten Wirtschaft aufsteigen.

Die Reformen seit den späten 1970er Jahren haben China zunehmend in die Weltwirtschaft eingebunden. Chinas Anteil am Welthandel ist seit 1980 von weniger als ein Prozent auf fast sechs Prozent im Jahr 2003 gestiegen; das Land ist heute die viertgrößte Handelsmacht. Chinas Wachstum und Exportleistungen erinnern zwar an Japan und andere asiatische Länder während ähnlicher Entwicklungsphasen. Doch allein aufgrund seiner Größe dürfte China die Weltwirtschaft künftig viel stärker beeinflussen.

In den entwickelten Ländern schrillen bereits die Alarmglocken angesichts des Zustroms billiger chinesischer Waren seit dem Beitritt der Volksrepublik zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001. Das gilt insbesondere seit dem Auslaufen des Welt-Textilabkommens (Multi-Fibre Agreement) Anfang 2005. Die USA haben die Einfuhr bestimmter Textilien aus China bereits eingeschränkt und denken über umfassendere Regeln nach, um den Anstieg chinesischer Importe zu kontrollieren. Die Versuche der Europäischen Union, die Importe aus China zu begrenzen, haben zu der chaotischen Situation geführt, dass Millionen chinesischer Kleidungsstücke in Häfen gestoppt wurden, weil die Quoten bereits wenige Wochen nach der Vereinbarung überschritten waren. Chinas schnelles Wachstum hat darüber hinaus schwerwiegende Konsequenzen für die Umwelt. So ist das Land zum zweitgrößten CO2-Emittenten nach den USA geworden.

Chinas weltweite Expansion wirkt sich auch auf andere Entwicklungsökonomien aus. Länder aus allen Weltregionen wie Mexiko, Bangladesch und Lesotho äußern sich besorgt zu den Konsequenzen der chinesischen Konkurrenz für ihre Exporte. Gleichzeitig finden viele Rohstoffexporteure neue Märkte in China und kommen dadurch in den Genuss besserer Austauschbedingungen (terms of trade). An anderen Orten hingegen können einheimische Hersteller kaum mit billigen chinesischen Importen konkurrieren.

Chinas Wachstum beeinflusst andere Entwicklungsländer auf vier verschiedene Arten: durch
– die Steigerung der Entwicklungsländer-Exporte nach China;
– die chinesische Konkurrenz für Entwicklungsländer-Exporte auf Drittmärkten;
– die chinesische Konkurrenz auf den Märkten in Entwicklungsländern;
– und durch die Konkurrenz um ausländische Direktinvestitionen.

Der Einfluss des chinesischen Wachstums auf ein Entwicklungsland hängt davon ab, wie stark jeweils diese einzelnen Faktoren sich auf das Land auswirken.


Exporte nach China

Chinas Aufschwung und wirtschaftliche Öffnung haben zu einem erheblichen Importwachstum geführt. Die chinesischen Einfuhren liegen derzeit bei etwa 500 Milliarden Dollar im Jahr und machen China zum drittgrößten Exportmarkt der Welt. Die chinesischen Importe aus anderen Entwicklungsländern stiegen von 1990 bis 2003 um mehr als das Achtfache.

Woraus bestehen diese Importe? China braucht vor allem Energie und Bodenschätze, um den boomenden Industriesektor anzutreiben. China ist ein rohstoffarmes Land. Das Wirtschaftswachstum hat das einheimische Angebot überholt und schafft eine dringende Importnachfrage. Auf Bodenschätze und Brennstoffe entfallen mehr als zwei Drittel der chinesischen Importe aus Afrika und mehr als ein Drittel der Importe aus Lateinamerika. China ist heute ein wichtiger Markt für afrikanische Ölexporteure wie Angola und Sudan. Das Land betreibt Ölfelder in Venezuela und einigte sich erst kürzlich mit der dortigen Regierung auf weitere Öl- und Erdgaserkundungen. China beteiligt sich an der Modernisierung sambischer Kupferminen und entwickelt engere Beziehungen zu Simbabwe – auch wegen seiner Interessen an den Bodenschätzen dieses Landes.

Chinas Wachstum hat zu einem Anstieg des Lebensstandards der Bevölkerung und damit auch der Konsumnachfrage geführt. Das spiegelt sich zum Beispiel in der gestiegenen Einfuhr landwirtschaftlicher Produkte. Mit wachsendem Wohlstand ändern sich die Konsummuster – vor allem die Nachfrage nach Fleischprodukten ist gestiegen. Der zunehmende Fleischkonsum in den vergangenen Jahren in China hat zu einem deutlichen Anstieg der Importe von Tierfuttermitteln wie Soja und Fischmehl geführt. Der Soja-Boom in Lateinamerika hat in China einen gut gehenden Markt gefunden, der im letzten Jahr ein Drittel der brasilianischen Ernte absorbiert hat. Fischmehl-Exporte nach China sind für Peru eine wichtige Devisenquelle geworden.

Auch Chinas Exportboom hat die Nachfrage nach Importen erhöht, weil ein Großteil der chinesischen Exporte aus vorgefertigten Einzelteilen montiert wird. Einige der weiter fortgeschrittenen Entwicklungsländer in Asien sind deshalb wichtige Exporteure von (Halb-) Fertigwaren nach China geworden. Taiwan und Südkorea sind die dritt- beziehungsweise viertgrößten Exporteure nach China, aber auch einige der ASEAN-Länder haben vom chinesischen Importwachstum profitiert.


Konkurrenz auf Drittmärkten

Entwickelte Länder sehen die zunehmende Penetration ihrer Märkte durch Importe aus China mit Sorge. Allerdings ist das oft ein größeres Problem für andere Entwicklungsländer als für die Produzenten in entwickelten Ländern. So haben sich beispielsweise US-amerikanische Einzelhändler gegen die Begrenzung des Imports chinesischer Textilien ausgesprochen, da die Einfuhr chinesischer Waren hauptsächlich auf Kosten der Exporte anderer Länder in die USA gestiegen sei. Diese anderen Exporteure werden von der chinesischen Konkurrenz gleich doppelt getroffen: Sie verlieren Marktanteile und machen gleichzeitig infolge des Preisdrucks durch billige chinesische Waren niedrigere Gewinne.

Vor allem solche Länder sind vom Wachstum der chinesischen Exporte nach Nordamerika und Europa betroffen, die Waren herstellen, in denen China besonders konkurrenzfähig ist. Dazu gehören Länder wie Bangladesch, Kambodscha und Thailand in Asien, Lesotho in Subsahara-Afrika sowie Mexiko und einige andere zentralamerikanische Staaten.

Probleme haben insbesondere solche Länder, die unter dem Quotensystem des Welt-Textilabkommens Kapazitäten für Textil- und Kleidungsexporte aufgebaut haben. Nach dem Auslaufen des Abkommens sind sie der direkten Konkurrenz durch China ausgesetzt, der sie unter Umständen nur wenig entgegenzusetzen haben. Schon gibt es aus vielen Ländern Berichte über Fabrikschließungen, darunter Bangladesch, El Salvador und Lesotho. Die Probleme beschränken sich jedoch nicht auf solche Länder, die sich auf die Fertigung einfacher Güter spezialisiert haben. Je weiter sich die chinesische Industrie technologisch entwickelt, desto größer der Exportradius des Landes und damit auch die Gefahr für Länder mittleren Einkommens wie Mexiko oder Malaysia, die kapitalintensivere und anspruchsvollere Produkte exportieren. Auch einige chinesischen Agrarexporte steigen: Chinesische Äpfel zum Beispiel drängen zunehmend auf die Exportmärkte solcher Länder wie Chile und Südafrika.


Konkurrenz auf Inlandsmärkten

Chinesische Waren überschwemmen nicht nur die entwickelten Länder, sondern breiten sich auch rapide über die Entwicklungswelt aus. Das hat zwei Konsequenzen. Einerseits profitieren die Konsumenten von den billigen chinesischen Produkten. Andererseits kann es passieren, dass einheimische Hersteller der Konkurrenz nicht standhalten und die Produktion einschränken oder sogar aufgeben müssen.

In den am wenigsten entwickelten, nur schwach industrialisierten Ländern konkurrieren chinesische Produkte hauptsächlich mit Importen aus anderen Ländern – so dass dem Nutzen für die Verbraucher keine gravierenden Nachteile für einheimische Hersteller gegenüberstehen. Auf längere Sicht jedoch dürfte es die Vorherrschaft chinesischer Importe auf dem Markt für arbeitsintensive Waren schwieriger für ein Land machen, die eigene Industrialisierung in Gang zu bringen. In Ländern mit höherem Einkommen, die bereits einen industriellen Sektor geschaffen haben, ist die Gefahr für Produzenten viel größer – vor allem für Hersteller technologisch wenig anspruchsvoller Waren. Fortgeschrittenere Länder sind im Augenblick weniger bedroht – was sich in dem Maße ändern könnte, wie sich die chinesische Industrie weiterentwickelt.

Nach der Lehrbuch-Ökonomie werden zwar die Gewinne der Konsumenten die Verluste einheimischer Hersteller aufwiegen, wenn der Handel insgesamt zunimmt. Doch das trifft nur auf längere Sicht zu. Kurzfristig können erhebliche Anpassungskosten entstehen, wenn vorhandene Ressourcen keiner alternativen Verwendung zugeführt werden. Darüber hinaus dürfte zunehmender Handel mit China auch erhebliche verteilungspolitische Auswirkungen haben.


Auswirkungen auf ausländische Direktinvestitionen

Auch in Bezug auf ausländische Direktinvestitionen ist China wichtig – aus zwei Gründen: Zum einen besteht die Sorge, das Wachstum der Auslandsinvestitionen in China könnte die Zuflüsse in andere Entwicklungsländer verringern. In China sind die Investitionen aus dem Ausland zwischen 1990 und 2003 um mehr als das Fünfzehnfache gestiegen; im vergangenen Jahr hatte China einen Anteil von zehn Prozent an den gesamten ausländischen Direktinvestitionen weltweit. Es gibt jedoch kaum Hinweise darauf, dass die Ströme nach China auf Kosten der anderen Entwicklungsländer gehen. Experten sind sich weitgehend einig darin, dass Investitionen im Ausland von Faktoren wie der Größe des Marktes, dem Wachstum und der Wirtschaftspolitik bestimmt werden. Die Umleitung von Zuflüssen weg von anderen Entwicklungsländern in Richtung China dürfte keine große Rolle spielen.

Zum anderen beginnt China selbst im Ausland zu investieren, und dieser Aspekt des chinesischen Booms könnte sich förderlich auf das Wachstum und die Armutsbekämpfung in den Gastländern auswirken. In den Jahren 2000 bis 2003 betrugen die Investitionsströme aus China durchschnittlich drei Milliarden US-Dollar jährlich – gemessen an den gesamten weltweiten Auslandsinvestitionen ist das sehr wenig. Doch wahrscheinlich werden die chinesischen Investitionen künftig wachsen, da die chinesische Regierung Restriktionen gelockert hat. Beobachter prognostizieren, dass China innerhalb von fünf Jahren einer der drei größten Investoren in Afrika werden könnte. Und der Besuch von Präsident Hu Jintao in Lateinamerika im letzten Jahr zog die Verheißung deutlich ansteigender chinesischer Investitionen in dieser Region nach sich. Während China in entwickelten Ländern auch in die Verarbeitung investiert, liegt der Schwerpunkt in Entwicklungsländern noch bei Öl und Bodenschätzen.


Auswirkungen auf die arme Bevölkerung

Gemäß der Millenniumentwicklungsziele soll bis zum Jahr 2015 die Zahl der Armen, die von weniger als einem Dollar am Tag leben, halbiert werden. Chinas bemerkenswertes Wirtschaftswachstum hat einen großen Beitrag zur Erreichung dieses Ziels geleistet: Von 1981 bis 2001 hat sich der Anteil der Armen an der chinesischen Bevölkerung von 64 Prozent im Jahr 1981 auf 17 Prozent verringert. In den übrigen Entwicklungsländern ist die Armutsbekämpfung jedoch nicht annähernd so erfolgreich. Laut einer Schätzung der Weltbank hat sich die Zahl der Menschen, die von weniger als einem Dollar am Tag leben, seit 1980 weltweit (außer China) um 200 Millionen reduziert. Das ist weniger, als China allein im gleichen Zeitraum erreicht hat.

Das wirft die Frage auf, ob die Expansion Chinas und die Armutsbekämpfung im eigenen Land auch zur Verringerung der Armut an anderen Orten beigetragen haben – oder diese eher behindert hat. Tatsächlich wirkt sich Chinas Boom keineswegs generell vorteilhaft auf die arme Bevölkerung in anderen Ländern aus. Die Waren, die China importiert, werden in der Regel nicht von den Armen hergestellt. Auf der anderen Seite sind sie die Leidtragenden, wenn Bergbau oder Holzeinschlag die Umwelt zerstören oder die Existenzgrundlagen benachbarter Gemeinden bedrohen. Selbst die Steigerung landwirtschaftlicher Exporte wie Soja kann schädliche ökologische und soziale Auswirkungen haben, wenn sie mit der Ausdehnung der kommerziellen Landwirtschaft und verstärktem Druck auf die Bauern einhergeht.

Noch schwerwiegender sind die Folgen, wenn andere Entwicklungsländer durch verstärkte chinesische Konkurrenz Exportmärkte verlieren. Häufig betroffen sind Industrien, die sich auf ungelernte Arbeitskräfte stützen (wie Bekleidung und Schuhe) und eine große Anzahl niedrig bezahlter, oftmals weiblicher Arbeitnehmer beschäftigen. Ein Verlust dieser Arbeitsplätze an China kann verheerende Auswirkungen auf die Haushaltseinkommen haben. Ein Bericht der Organisation Christian Aid fasst die Notlage der Arbeiterinnen in den Bekleidungsindustrien von Bangladesch mit der Formulierung „von Lumpen zu Reichtümern zu Lumpen“ (rags to riches to rags) zusammen. Ausgerechnet diejenigen, die erst kürzlich durch Exportwachstum ihrer Armut entfliehen konnten, sind nun am verletzlichsten gegenüber der chinesischen Konkurrenz.

Es mag sein, dass Konsumenten vom Import billiger chinesischer Waren profitieren. Unklar ist jedoch, inwieweit das auch für die arme Bevölkerung gilt. Importgüter werden im allgemeinen eher von der urbanen Bevölkerung und insbesondere von den Wohlhabenderen konsumiert. Ob auch die arme Bevölkerung einen Vorteil hat, hängt davon ab, ob sie Zugang zu diesen importierten Waren hat und ob niedrige Einfuhrpreise auch an die Konsumenten weitergegeben werden.


Schlussfolgerung

In den vergangenen Jahren hat Chinas Wirtschaftswachstum maßgeblich zur Dynamik der Weltwirtschaft beigetragen. Ein deutlicher Wachstumsrückgang in China würde sicherlich auch das Wachstum anderer Entwicklungsländer drücken. Aber die Auswirkungen des chinesischen Booms sind uneinheitlich – sowohl zwischen verschiedenen Ländern als auch innerhalb einzelner Länder.

Länder, deren Ökonomien sich mit der von China ergänzen, haben profitiert. Dazu gehören einige ostasiatische Nachbarn, die China als Fertigungsstätte für ihre Exporte nutzen, sowie einige Entwicklungsländer mit Rohstoffen, die aus dem Wachstum des chinesischen Marktes Vorteile gezogen und ihre Exporte erhöht sowie die Austauschbeziehungen zu ihren Gunsten verbessert haben. Ländern hingegen, die direkt mit China auf Exportmärkten konkurrieren, droht die Gefahr ernsthafter Erschütterungen.

Innerhalb einzelner Länder wirkt sich das chinesische Wirtschaftswachstum unterschiedlich aus. Die arme Bevölkerung profitiert selten direkt – und dürfte oft sogar negativ betroffen sein. Diese Folgen sind jedoch nicht zwingend. Wachstum bei Bergbau- oder Holzexporten kann beispielsweise dafür genutzt werden, zusätzliche Staatseinnahmen durch Abgaben und Steuern zu generieren. Wenn der entsprechende politische Wille da ist, können diese Gelder dann in Programme zur Armutsbekämpfung geleitet werden.



Dr. Rhys Jenkins
ist Professor für Volkswirtschaft an der School of Development Studies der University of East Anglia in Norwich.
r.o.jenkins@uea.ac.uk