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Beiträge aus der Rubrik Debatte
Mariam Tutakhel, Heinrich-Böll-Stiftung: Medienförderung in Afghanistan sollte dem Wiederaufbau dienen
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 10/2006
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[ Mariam Tutakhel, Afghanistan-Expertin ]
Medienförderung sollte dem Wiederaufbau dienen
In Afghanistan berücksichtigen die Geber in der Medienförderung zu wenig den Bedarf vor Ort. Außerdem schützen sie die noch schwache Regierung nicht gegen medial verbreitete Hetzpropaganda der Warlords. In Postkonfliktländern ist die Einschränkung der Pressefreiheit gerechtfertigt, wenn das der Stabilisierung dient, findet Mariam Tutakhel, die für das Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) an der Universität Duisburg die Medienförderung in Afghanistan untersucht hat. Tutakhel war früher beim Auswärtigen Amt tätig, seit 2005 ist sie Vorstandsreferentin bei der Heinrich-Böll-Stiftung.
Frau Tutakhel, wie hat sich die Medienlandschaft in Afghanistan seit dem Sturz der Taliban verändert?
Die Zahl der Medien, vor allem der Printmedien, ist enorm gewachsen. Die Qualität steht allerdings in keinem Verhältnis zu den Mitteln, die die internationale Gemeinschaft dafür ausgegeben hat. Allein in Kabul gibt es zum Beispiel mehr als 20 Frauenzeitschriften und das bei einer Analphabetenquote bei Frauen zwischen 60 und 80 Prozent. Insgesamt gibt es in Kabul rund 300 staatliche und nichtstaatliche Publikationen, in den Provinzen sind es rund hundert.
Welche Rolle spielen die Geberländer bei diesem Wachstum?
Obwohl viele Bedarfsanalysen der Geber angesichts der hohen Analphabetenrate und absehbarer logistischer Probleme beim Vertrieb dagegen sprachen, wurden vor allem in der Anfangszeit der internationalen Hilfe nach 2001 hauptsächlich Printmedien finanziert. Das ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass Zeitungen und Zeitschriften kostengünstiger als andere Medienangebote produziert werden können, weniger technisches Knowhow erfordern und kurzfristig aufgebaut werden können. Und das war für die internationale Gemeinschaft, die schnell greifbare Ergebnisse präsentieren wollte, gerade in der Anfangszeit sehr wichtig.
Das heißt, es wurden immer mehr Zeitungen gedruckt, die kaum jemand lesen konnte?
Genau. Abgesehen davon konnte auch kaum jemand dafür bezahlen, so dass die wirtschaftliche Unabhängigkeit nicht gewährleistet war.
Und was passiert mit all dem bedruckten Papier?
In Kabul findet man in den Büros der internationalen Hilfsorganisationen und in öffentlichen Gebäuden Unmengen von Publikationen. Es gibt nur wenige Organisationen, die sich um den Vertrieb ihrer Printmedien kümmern. Meines Wissens wird nur die Zeitschrift Killid landesweit verkauft: Der Herausgeber, eine afghanische nichtstaatliche Organisation, mietet Autos und beliefert die Händler.
Zugespitzt kann man also sagen, dass die Geber Printmedien fördern, die dann hauptsächlich von ihren eigenen Leuten gelesen werden?
Ja. Die Förderung ist absolut angebotsorientiert. Die Zielgruppe ist nicht die afghanische Bevölkerung, sondern sind die Geber selbst, deren Vorstellungen letztlich auch die Inhalte der Magazine bestimmen.
Wie sieht es bei Fernsehen und Hörfunk aus?
Zusätzlich zum staatlichen Sender RTA und seinen Ablegern in den Provinzen gibt es derzeit rund 35 unabhängige Radiostationen in Afghanistan. Bekannt sind auch hier vor allem Frauensender wie Radio Sahar in Herat oder Radio Sohra in Kundus. Hier ist das Problem, dass die Organisationen, die die Sender aufgebaut haben, bis auf wenige Ausnahmen keine Zielgruppenanalysen durchgeführt haben. Eine lobenswerte Ausnahme ist der von der Bundeswehr geführte Sender Radio Sadaye Azadie, der zunächst die Bedürfnisse und Wünsche der Hörer ermittelt hat und sehr erfolgreich ist. Gleiches gilt für den kommerziellen Sender Arman FM, der bei Hörfunk und Fernsehen mit seinem Ableger Tolo TV mittlerweile Marktführer in Afghanistan ist.
Treffen die von Ihnen genannten Mängel der Medienförderung auf alle Geber gleichermaßen zu oder gibt es Unterschiede?
Alle Geber standen unter dem politischen Druck, in Afghanistan möglichst rasch Ergebnisse zu erzielen. Unterschiede gibt es allerdings in haushaltsrechtlichen Fragen, die sich auf die Qualität der Projekte auswirken können. Die Mittel des Stabilitätspaktes Afghanistan der Bundesregierung zum Beispiel müssen jeweils innerhalb eines Haushaltsjahres ausgegeben werden. Anders als mit Mitteln des Entwicklungsministeriums lassen sich mit diesem Geld deshalb nur schwer langfristige Vorhaben finanzieren.
Welche Rolle haben die Medien in Afghanistan? Kontrollieren sie Regierung und Politik oder dienen sie nur der Unterhaltung?
Idealerweise dienen die Medien in Postkonfliktstaaten wie Afghanistan am Anfang vor allem der Kommunikation zwischen Regierung, Bevölkerung und internationaler Gemeinschaft, um dann nach und nach in die Rolle der kontrollierenden 4. Gewalt zu wachsen. In Afghanistan ist die Situation diffus. Auf der einen Seite gibt es starke unabhängige Sender wie Tolo TV, die brisante politische Themen aufgreifen und sowohl von Islamisten als auch moderaten Kräften, sowohl vom Staat als auch nichtstaatlichen Akteuren angegriffen werden. Auf der anderen Seite stehen viele Medien unter Einfluss der Warlords und werden gezielt zur Hetze gegen die staatliche Ordnung, die Regierung und die internationale Gemeinschaft genutzt.
Sollte das unterbunden werden?
Ich gehe soweit zu sagen, dass in einer Postkonfliktsituation wie in Afghanistan die Einschränkung der Pressefreiheit mit dem Ziel, die politische Lage zu stabilisieren, legitim und geboten ist. Es fehlen schlichtweg die institutionellen und rechtlichen Voraussetzungen, unter denen Medien ihrer kontrollierenden Rolle verantwortungsvoll nachgehen können.
In dieser Hinsicht plädieren Sie für mehr Einflussnahme durch die Geber?
Nein, nicht durch die Geber. Zwischenstaatliche Organisationen wie die OSZE sollten die Medien wenigstens so lange kontrollieren, bis der Staat aus eigener Kraft dazu in der Lage ist. Die afghanische Regierung ist ja selbst noch Gegenstand des Wiederaufbaus und noch längst nicht voll funktionstüchtig.
Aber würden durch solch eine Beschneidung der Pressefreiheit von außen möglicherweise nicht auch gesellschaftliche Konflikte unterdrückt, zum Beispiel zwischen Modernisierern und Traditionalisten?
Sicher spiegeln Auseinandersetzungen über Medien auch tiefer liegende Konflikte in Afghanistan, etwa über den Stellenwert islamischer Prinzipien. Aber meistens geht es um Macht, nicht um Prinzipien. Als zum Beispiel über die Präsenz von Sängerinnen im Rundfunk gestritten wurde, ging es vor allem um afghanische Frauen, nicht um Künstlerinnen aus dem Ausland. Das macht deutlich, dass es den Kritikern wie dem Obersten Gerichtshof nicht um islamische Prinzipien ging, sondern um den Erhalt der eigenen Macht.
Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.
Mariam Tutakhel
war von 2002 bis 2004 Referentin im Arbeitsstab des Auswärtigen Amtes für den Dialog mit der islamischen Welt. Von Januar bis Juli 2004 war sie stellvertretende Leiterin der Außenstelle der Deutschen Botschaft in Herat, Afghanistan. Jetzt ist sie Vorstandsreferentin bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin.
tutakhel@hotmail.com
Im Internet:
Die INEF-Studie: http://inef.uni-due.de/page/documents/Report83.pdf
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