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Krisenprävention: Instabilität überwindet Grenzen

PPP: Starthilfe für indische Unternehmerinnen


10/2006
 

[ Public Private Partnership ]

Gründerinnen tun sich zusammen

Mangelnde Kreditwürdigkeit ist nur eins von vielen Hindernissen für Inderinnen, die einen eigenen Betrieb starten wollen. In Andhra Pradesh gibt es einen Verband von Unternehmerinnen, die Frauen auf dem Weg in die wirtschaftliche Selbständigkeit unterstützen. Die Organisation arbeitet geschickt mit staatlichen Stellen zusammen.


[ Von Berthold Hoffmann ]

„Der Markt ist heutzutage sehr konkurrenzbetont, niemand erhält mehr Zeit, aus Fehlern zu lernen“, sagt Kanneganti Ramadevi. Die Präsidentin der Association of Lady Entrepreneurs of Andhra Pradesh betont: „Deshalb brauchen Unternehmerinnen Beratung und Unterstützung, um erfolgreich zu sein und typischen Fallstricken zu entgehen.“ Unter dem Acronym ALEAP bekannt, hat sich die ungewöhnliche Organisation der Förderung von Unternehmerinnen und Gründerinnen verschrieben.

ALEAP wurde 1993 als Kleingruppe gegründet und hat heute mehr als 2500 Mitglieder. Unter ihnen sind viele, denen nur dank Anschubhilfe durch den Verband der betriebliche Erfolg möglich war. Als gestandene Geschäftsfrauen möchten sie nun etwas zurückgeben und anderen Geschlechtsgenossinnen den Weg in die ökonomische Unabhängigkeit erleichtern.

Überall auf der Welt ist die Startphase für Kleinunternehmen schwierig. Doch für Frauen aus niedrigen Gesellschaftsschichten im von Armut geplagten Indien ist die Herausforderung besonders groß. „Unsere Erfahrung lehrt, dass die Bewilligung eines Kredits der große Engpass auf dem Weg zur Unternehmensgründung ist“, berichtet Ramadevi. „Die meisten Frauen, denen wir helfen, stammen aus armen Verhältnissen. Sie bieten den Banken keinerlei Sicherheit, die normalerweise Voraussetzung für die Bewilligung eines Kredits wäre.“

Hier springt die ALEAP Credit Guarantee Association ein, die in Kooperation mit lokalen Banken günstige Kleinkredite anbietet. ALEAP bürgt bei der Bank für die Rückzahlung der Darlehen. Dabei wird der Verband vom indischen Staat unterstützt. Als bewährter und vertrauenswürdiger Partner der Finanzinstitute kann ALEAP günstige Zinsraten für die Mitglieder aushandeln. Auch der Faktor Zeit spielt eine Rolle. ALEAP erreicht, dass die Kredite innerhalb einer Woche ausgezahlt werden. Geschäftsgründerinnen können also zügig an die Arbeit gehen. Um das Risiko so gering wie möglich zu halten, werden alle Gründungsideen auf ihr Marktpotential getestet.

Die Förderung von Unternehmerinnen ist ein zentrales volkswirtschaftliches Anliegen – und nicht etwa nur ein Thema der Geschlechtergerechtigkeit. Im Frühjahr betonte der Londoner Economist die Bedeutung der Geschlechterfrage für den Erfolg einer Volkswirtschaft. Unter der Überschrift: „Forget China, India and the Internet: economic growth is driven by women“ ging es darum, dass weibliche Erwerbstätigkeit der wichtigste Wachstumsfaktor der Weltwirtschaft sei. Sie spiele global eine wichtigere Rolle als niedrige Löhne in Indien oder China, Bodenschätze oder neue Möglichkeiten, die die Informations- und Kommunikationstechnologien bieten.

In der Tat belegen diverse Untersuchungen die Bedeutung weiblicher Erwerbstätigkeit für Fortschritt und Wohlstand. In den Industrienationen ist der steigende Anteil erwerbstätiger Frauen eine entscheidende Triebkraft der dynamischsten Ökonomien. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass eine Wechselbeziehung zwischen dem Bruttosozialprodukt pro Kopf und dem Maß an Geschlechtergleichheit, das in einem Land gegeben ist, besteht. Eindrucksvoll dokumentiert sind diese Zusammenhänge beispielsweise in der „Gender, Institutions and Development Data Base (GID)” der OECD (2006).

Amartya Sen, der Wirtschaftsnobelpreisträger, betont denn auch die Notwendigkeit, vor allem die Rolle der Frauen durch Bildung, Schaffung von Erwerbsmöglichkeiten und die Gewährleistung von Eigentumsrechten zu stärken. Dies ist einerseits geboten, um deren Fähigkeiten zu erweitern und zu stärken, aber auch, weil ihnen eine Schlüsselrolle bei der Bewältigung zentraler Entwicklungsprobleme wie der Reduzierung der Kindersterblichkeit oder des Bevölkerungswachstums zukommt.

Während zu Recht die Ausbeutung von Frauen in Betrieben mit miserablen Arbeitsbedingungen beklagt wird, ist aus ökonomischer Sicht das weibliche Wirtschaftspotential bei weitem noch nicht genügend ausgebeutet. Die Erhöhung des Anteils erwerbstätiger Frauen an der Bevölkerung ist ein Schlüssel zur Lösung zentraler wirtschaftlicher Probleme.


Vielfältiger Service

Vor diesem Hintergrund ist die Vermittlung von Krediten nur eine von vielen Dienstleistungen, die ALEAP für Unternehmerinnen bereithält. Kostenlose Basisberatungen werden ebenso angeboten wie eingehende Marktuntersuchungen. Darüber hinaus sorgt ALEAP mit der Bereitstellung von Infrastruktur dafür, dass Unternehmerinnen gute Erfolgschancen haben. In Hyderabad, der Hauptstadt des Bundesstaates, vermietet die Vereinigung in einem Geschäftskomplex Läden an ihre Mitglieder. Am Stadtrand hat sie dafür gesorgt, dass das erste Gewerbegebiet für Frauen entstand – wofür sie auch die Unterstützung der Bundes- und der Landesregierung mobilisierte. ALEAP unterhält unter anderem eine Konferenzhalle, ein Kommunikations- und Informationszentrum sowie eine Kinderkrippe und ein Wohnheim für erwerbstätige Frauen. Etwa 60 Frauen haben von hier aus ihre ersten unternehmerischen Schritte unternommen.

Örtliche Nähe fördert dabei vielfältige persönliche Kontakte, was wiederum ökonomische Möglichkeiten verbessert. ALEAP legt großen Wert auf Vernetzung und Kooperation. Den beteiligten Frauen ist klar, dass derlei für Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit sehr wichtig ist. Sie haben daher an verschiedenen Orten sektorspezifische Cluster gebildet. In Vijayawada hat ALEAP Bekleidungsunternehmen angesiedelt, in Cuddapah Lebensmittelherstellung und in Madanapalli Seidenproduktionen.

Beflügelt von den Erfolgen in Andhra Pradesh sucht ALEAP zunehmend auch internationalen Kontakt. Beim 10. Unternehmerinnentag in Essen in diesem Jahr waren beispielsweise zwei ALEAP-Vertreterinnen anwesend. Die intelligenten und pragmatischen Förderungskonzepte aus Südindien beeindruckten ihre deutschen Kolleginnen. Das Interesse war so groß, dass bald darauf deutsche Textilfachfrauen nach Asien flogen, um Kooperationsmöglichkeiten auszuloten.

Ausgangspunkt für solche Zusammenarbeit ist das EU-India Network of Women Entrepreneurs (EINWE), das auf einem von ALEAP in Kooperation mit InWEnt durchgeführten Trainings- und Netzwerkprogramm beruht. Es vermittelt Inderinnen die erforderlichen Kenntnisse, um im Lebensmittel- und Bekleidungsexport Fuß zu fassen. Gleichzeitig unterstützt das Projekt den Unternehmerinnenverband durch Vermittlung internationaler Kontakte.

Angesprochen auf ihre Situation als Unternehmerinnen in Indien äußert sich ALEAP’s Präsidentin selbstbewusst. Statt sich lange mit den Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen aufzuhalten, betont sie die Notwendigkeit, Initiative zu ergreifen und aktiv die Rahmenbedingungen zu verändern. Mit der Gründung der Unternehmerinnenvereinigung und mit dem Aufbau der umfangreichen Dienstleistungen für Frauen hat sie als „change agent“ bewiesen, welche Gestaltungsmöglichkeiten auch benachteiligte Gruppen haben.

Das Erfolgsbeispiel aus Andrhra Pradesh zeigt, wie wichtig es ist, Frauen als Trägerinnen und Initiatorinnen von Veränderungsprozessen in den Mittelpunkt entwicklungspolitischer Überlegungen zu stellen. Es geht nicht darum, Programme „für“ Frauen und zur Verbesserung ihrer Situation aufzulegen, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, vorhandene Spielräume weiter auszubauen. Voraussetzung ist der individuelle Wille, Veränderungen voranzutreiben. Dies sichert die vielzitierte „ownership“, die eine Grundvoraussetzung für den Erfolg von Projekten oder Programmen ist.

InWEnt und ALEAP haben vereinbart, den eingeschlagenen Weg der Kooperation und internationalen Vernetzung weiter zu vertiefen. Geplant ist die Ausweitung der gemeinsamen Aktivitäten mit europäischen wie auch regionalen Verbänden im Kontext der Südasiatischen Zusammenarbeit. Ziel ist die weitere Stärkung des Leistungsprofils der Unternehmerinnenvereinigungen durch Training, Dialog und Netzwerkbildung.


Berthold Hoffmann
ist ein Projektleiter von InWEnt. Er beschäftigt sich mit Blick auf europäische-asiatische Kooperation mit Exportförderung sowie Umwelt- und Sozialstandards. berthold.hoffmann@inwent.org



Links:
Association of Lady Entrepreneurs of Andhra Pradesh
http://www.aleap.org/
EU-India Network of Women Entrepreneurs
http://www.einwe.com
Gender, Institutions and Development Data Base (GID)
http://www.oecd.org/dev/institutions/GIDdatabase