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 10/2006
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[ Tsunami-Hilfe ]
Zu viel des Guten
Nach dem verheerenden Tsunami im Indischen Ozean Ende 2004 sammelten internationale Hilfsorganisationen in kürzester Zeit die Rekordsumme von 13,5 Milliarden US-Dollar ein, mehr als fünf Milliarden davon von privaten Spendern. Dadurch konnte den Betroffenen schneller und umfassender geholfen werden als in früheren Katastrophenfällen. Zudem ermöglichten die schier unerschöpflichen Ressourcen einen vergleichsweise reibungslosen Übergang von der Nothilfe zum Wiederaufbau. Zu diesem Ergebnis kommt die internationale Tsunami Evaluation Coalition (TEC) in einem Bericht, den sie im Juli vorstellte. Im Mittelpunkt der Analyse aber steht die Kehrseite des Geldsegens: Zu viele und vor allem zu viele unprofessionelle Organisationen beteiligten sich am Aufbau, die Koordination unter ihnen war miserabel, die Bedürfnisse der betroffenen Bevölkerung wurden häufig ignoriert und lokale Selbsthilfe wurde an den Rand gedrängt. Die Tsunami Evaluation Coalition (TEC) ist ein Zusammenschluss von knapp fünfzig internationalen staatlichen und nichtstaatlichen Hilfsorganisationen und Forschungseinrichtungen.
Der TEC-Bericht untersucht die internationale Hilfe in den ersten elf Monaten nach dem Tsunami. Die enorme Summe, die der internationalen humanitären Industrie zur Verfügung gestanden habe, habe eine Vielzahl neuer Akteure mit mangelhaften Kompetenzen angelockt. Zudem hätten sich bereits etablierte Organisationen in Bereichen engagiert, die außerhalb ihrer Expertise lagen. Die große Zahl der beteiligten Organisationen habe die Kosten für ein koordiniertes Vorgehen erhöht. Die Helfer seien durch die reichlich vorhandenen Gelder voneinander unabhängig und nicht auf Zusammenarbeit angewiesen gewesen. In vielen Fällen habe das zu Hilfeleistungen geführt, die an den Bedürfnissen und Lebensbedingungen der Betroffenen vorbei gingen. Nicht einmal die Vereinten Nationen und das Rote Kreuz hätten ihre Arbeit auf eine gemeinsame Bedarfsanalyse gestützt, monieren die Evaluierer.
Besonders scharf kritisiert der Bericht, dass nur wenige der ausländischen Organisationen ihren eigenen Standards gerecht geworden seien, lokale Selbsthilfeansätze zu respektieren und zu stärken. Viele lokale und nationale Bemühungen und Kapazitäten wurden von der Flut gut ausgestatteter internationaler Agenturen und privater Organisationen an den Rand gedrängt, heißt es in dem Papier. In vielen Fällen hätten die internationalen Organisationen es nicht einmal geschafft, die Bevölkerung angemessen zu informieren.
Die internationale Hilfe sei dort am effektivsten gewesen, wo sie sich stark auf lokale Kräfte gestützt und diesen gegenüber Rechenschaft abgelegt habe. Das sei am besten solchen Organisationen gelungen, die schon vor der Katastrophe lokale Kooperationspartner in den betroffenen Ländern gehabt hätten. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass ohne eine stärkere Regulierung der internationalen Not- und Wiederaufbauhilfe die Mängel der Tsunami-Hilfe in künftigen Notfällen immer wieder auftreten werden. Die Autoren plädieren unter anderem für die Einführung eines international gültigen Verfahrens zur Zertifizierung und Akkreditierung von Hilfsorganisationen, um die professionell arbeitenden Agenturen herausfiltern zu können. Das Bundesentwicklungsministerium erklärte, es werde die Evaluierung nutzen, um den Dialog mit den Ressorts sowie den staatlichen und nichtstaatlichen (Entwicklungs-)Organisationen im Bereich Katastrophenverhütung und -vorsorge zu intensivieren. (ell)
Im Internet:
http://www.tsunami-evaluation.org/ The+TEC+Synthesis+Report/
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