Beiträge aus der Rubrik
Monitor


Tsunami-Hilfe: Zu viel des Guten

Vertragsanbau: Sinnvoll, aber kein Königsweg

Zuckermarkt: Scheinheiliges Versprechen

Afghanistan: Drogenanbau auf Rekordhöhe

US-Rechnungshof lobt und tadelt MCA

IWF: Mehr Stimmen für Schwellenländer

Wüstenbekämpfung: Im Sande verlaufen

Privatwirtschaft: In Frieden Geld verdienen


10/2006
 

[ Vertragsanbau ]

Sinnvoll, aber kein Königsweg

Viele arme Länder haben am ehesten mit Agrarprodukten Chancen auf dem Weltmarkt. Auch Kleinbauern können das nutzen – zum Beispiel mit Hilfe des so genannten Vertragsanbaus: Sie verpflichten sich, größeren Unternehmen bestimmte Produkte zuzuliefern. Die Firmen garantieren den Ankauf einer bestimmten Menge und stellen häufig Vorleistungen wie Saatgut, Dünger oder Beratung.

Soll die Entwicklungspolitik dies unterstützen? Ja, sagt Andreas Foerster aus dem Afrika-Referat des Bundesentwicklungsministeriums. In Afrika wolle das Ministerium verstärkt die markt- und gewinnorientierte Landwirtschaft sowie Partnerschaften mit Privatfirmen im Agrarsektor fördern, erklärte er im Juli auf einer Tagung des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) und der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG). Die DEG, eine Tochter der KfW, unterstützt Vertragsanbau-Programme für weltweit rund eine halbe Million Kleinbauern mit Krediten zu marktüblichen Zinsen.

Laut John Humphrey von der Universität Sussex ist der Trend zum Vertragsanbau eine Folge des Wandels auf den globalen Agrarmärkten: Große Firmen kontrollieren zunehmend den ganzen Produktionsprozess. Zudem müssen Exporteure, die Gemüse oder Tropenfrüchte nach Europa oder Nordamerika exportieren wollen, immer mehr und strengere Standards erfüllen. Und die regeln nicht mehr nur Eigenschaften des Produkts, sondern zunehmend auch Produktionsverfahren.

Das wirkt sich von Produkt zu Produkt verschieden aus. Für zertifizierten Kaffee und Kakao zum Beispiel gebe es teilweise erhebliche Aufpreise, erklärt Matthieu Vidal vom Schweizer Unternehmen Ecom. Ecom liefert der Café-Kette Starbucks gegen einen überdurchschnittlichen Preis Kaffee nach deren firmeneigenen Standards. So rentiert sich der Aufwand für die Kontrolle des Anbaus. Ecom unterstützt in der Elfenbeinküste Vertragsbauern bei der Einhaltung ökologischer Standards. Für die Bauern lohnt sich das vor allem, weil sie höhere Erträge erzielen.

Anders sieht es bei Gemüse und Obst aus. Hier bringt die Einhaltung von Standards kaum höhere Preise. Allerdings sind manche Märkte nur zertifzierten Erzeugern zugänglich: So lassen sich nur solche Produkte nach Europa verkaufen, die den europäischen EurepGAP-Standards entsprechen, erklärt George Solomon von der East African Growers’ Association. Das kenianische Unternehmen erzeugt die Hälfte seines Obstes und das gesamte Gemüse im Vertragsanbau. Sicherzustellen, dass die Kleinbauern immer komplexere Standards einhalten, ist aufwendig und erhöht die Produktionskosten um ein Viertel. Für einige Produkte erzielt die Firma einen geringen Aufpreis, aber nicht mehr als 10 Prozent. Jedoch tragen Standards, zu denen ökologische und arbeitsrechtliche Anforderungen gehören, zur Modernisierung des kenianischen Gartenbaus bei, räumt Solomon ein. Die Importländer sollten sich aber an den Kosten beteiligen, und die Zertifizierung kleiner Betriebe sollte erleichtert werden.

Für Unternehmen liegt ein Vorteil des Vertragsanbaus darin, dass sie Land im Besitz kleiner Bauern nutzen können. Zudem erzeugen Kleinbauern arbeitsintensive Produkte günstiger als Lohnarbeiter, sagt Solomon. Beim Gemüseanbau ermöglicht die Zusammenarbeit mit Betrieben in verschiedenen Klimazonen den ganzjährigen Anbau. Den Kleinbauern kann der Vertragsanbau Zugang zu neuen Techniken bringen, neue Märkte öffnen und die Einnahmen verstetigen. Zugleich aber fallen ständige Kosten für die Einhaltung von Standards an, weil Produktionsverfahren dokumentiert werden müssen. Wie die Vorteile zwischen Bauern und Unternehmen verteilt sind, hängt laut Michael Brüntrup vom DIE stark vom Weltmarkt und den politischen Rahmenbedingungen ab. Nutznießer sind aber eher besser gestellte Bauernhaushalte mit einer gewissen Bildung, nicht die Ärmsten. Viele sehr kleine Betriebe werden sogar vom Markt verdrängt. Solomon weist allerdings darauf hin, dass erfolgreiche Vertragsbauern in Kenia Saisonarbeitskräfte beschäftigen und so Einkommenschancen für einige der Ärmsten schaffen.

Eine Förderung des Vertragsanbaus kann also sinnvoll sein. Man sollte aber, so John Humphrey, auf einfachere Standards dringen und vor allem die Erzeugung für weniger anspruchsvolle Märkte wie den Nahen Osten und Asien fördern. Den Königsweg zur Armutsbekämpfung weist der Vertragsanbau aber nicht – schon deshalb nicht, weil in Afrika der größte Teil der Landwirtschaft dem Eigenbedarf der Armen dient, wie der für ländliche Entwicklung zuständige BMZ-Referatsleiter Christoph Kohlmeyer bemerkt.

Bernd Ludermann