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Tribüne


Wer ist Wer?: E. F. Schumacher

Agrarreform in Brasilien


11/2003
 

Entwicklungstheorie: Wer ist Wer? 42. Folge

E. F. Schumacher (1911 – 1977)
Ein früher Prophet der Nachhaltigkeit

[ Von Hans Dembowski ] Der Bestseller Small Is Beautiful (1973) machte Schumacher weltbekannt. Darin warnte er vor dem Drang zu immer höherem Wirtschaftswachstum. Den Entwicklungsländern empfahl er angepasste Technik statt hoher Investitionen. Sein Kernthema war das menschengerechte Maß. Er nahm viel von dem vorweg, was heute nachhaltige Entwicklung genannt wird.


I. Biographischer Abriss

Ernst Friedrich Schumacher wurde am 16. August 1911 in Bonn als Professorensohn geboren. Nach dem Abitur studierte er Volkswirtschaftslehre, zunächst in Bonn und dann an der London School of Economics. Der brillante Student fiel unter anderem dem Ökonomen John Maynard Keynes auf und erhielt ein zweijähriges Rhodes-Stipendium in Oxford. Die Verlängerung um ein Jahr nutzte er, um nach New York an die Columbia University zu gehen, wo er bald darauf als Dozent eingesetzt wurde. Schumacher beendete seine Studien aber nicht mit einem formalen Abschluss. Mitte der 30er Jahre versuchte er sich als Banker in Berlin.

Um dem Hitler-Regime zu entkommen, ging er 1937 zurück nach London und arbeitete dort als Investmentberater. Nach Kriegsbeginn internierte ihn die britische Regierung als „feindlichen Ausländer“ (enemy alien) auf einem Bauernhof. Dank seiner akademischen Kontakte blieb er nicht isoliert. Schumacher wurde zum Mitglied des Kreises progressiver Intellektueller um Keynes und William Beveridge, die eine stabile Weltwirtschaftsordnung entwerfen wollten und die Grundlagen des britischen Wohlfahrtsstaats konzipierten. Keynes, der geistige Vater von Weltbank und Internationalem Währungsfonds, schrieb sogar Passagen aus einem unveröffentlichten Aufsatz Schumachers über zwischenstaatliche Zahlungsströme ab, er wurde ertappt, weil das auf der Farm entstandene Original 1943 in der Zeitschrift Economica gedruckt wurde.

Schumachers Verbindung zu führenden Ökonomen erklärt seinen – für einen nichtjüdischen Deutschen außerordentlich steilen – Aufstieg im Nachkriegs-England. Fritz, wie ihn Freunde und Verwandte nannten, beriet die Besatzungsmacht in Deutschland und war Ende der 40er Jahre zeitweilig für die Wirtschafts-Kommentierung der Times verantwortlich. Von 1950 bis 1970 arbeitete er dann als Chefökonom (chief economic advisor) in der britischen Kohlebehörde.

Daneben blieb er publizistisch tätig – in späteren Jahren vor allem in der Fachzeitschrift Resurgence. Zudem beriet Schumacher auch UN-Institutionen und Regierungen ehemaliger Kolonien, wobei eine Burmareise 1955 ihn besonders stark beeindruckte. Diese Erfahrung lieferte die Inspiration für den Aufsatz „Buddhist Economics“, worin Schumacher zentrale Thesen seines entwicklungspolitischen Denkens formulierte und den er später zu einem Kapitel seines Buches „Small Is Beautiful“ machte. Dieser Bestseller erschien 1973 und beeinflusste das entwicklungspolitische Denken in vielen Ländern, auch in Deutschland. Der internationale Erfolg machte den Autor zum häufig engagierten Redner. 1976 sprach er bei Terminen in den USA vor insgesamt rund 60 000 Zuhörern – darunter Jimmy Carter, der Sieger der Präsidentschaftswahl im selben Jahr. Auf Vortragsreise in der Schweiz erlag Schumacher am 4. September 1977 einem Herzinfarkt.


II. Werk und Einordnung

Im Mittelpunkt von Schumachers Denken steht die Frage nach dem menschengerechten Maß. Der ökonomischen Wissenschaft sprach er ab, derlei korrekt zu bewerten, da sie lediglich Marktpreise, nicht aber das Wesen der Dinge beachte. Der Experte aus der Kohleverwaltung machte das unter anderem daran fest, dass weder Theorie noch Marktpraxis zwischen reproduzierbaren und endlichen Gütern unterschieden. Folglich gelte rasanter Raubbau an Rohstoffen als produktiv und wohlstandsmehrend, obwohl in Wirklichkeit unwiederbringliche Werte zerstört würden. Schumacher hielt die westliche Industriegesellschaft für unfähig, „natürliches Kapital“ zu würdigen und zu bewahren. Dazu zählte er auch sauberes Wasser, gesunde Böden oder reine Luft. Im Kern, so behauptete er, gälten ökonomische Lehrsätze nur für die industrielle Produktion, aber nicht für die Organisation ganzer Gesellschaften oder deren Umgang mit der Natur.

Die Fixierung der Ökonomie auf Profitabilität zu Marktpreisen folgt für Schumacher aus der „metaphysischen Blindheit“ der Disziplin. Er bezeichnete Märkte als die „Institutionalisierung von Individualismus und Unverantwortlichkeit“. Wirtschaftswissenschaft beruhe auf unbewiesenen Grundannahmen. Demnach bedeute möglichst große Güterproduktion möglichst große Bedürfnisbefriedigung, was wiederum Frieden stifte. Tatsächlich aber widerspreche der Versuch, um jeden Preis das Output zu erhöhen, elementaren menschlichen Bedürfnissen. So betrachte die akademische Volkswirtschaft beispielsweise Arbeit nur als notwendiges Übel, das durch den Einsatz von Kapital möglichst reduziert werden sollte. Dieses Denken lasse andere Funktionen von Arbeit außer Acht – dass sie Gemeinschaft stifte und Menschen ermögliche, ihre Fähigkeiten zu entfalten und Zufriedenheit zu finden.

Der Standardvolkswirtschaft, die sich an aggregierten Zahlen wie dem Bruttosozialprodukt orientiert, hielt Schumacher nach seiner Burma-Reise ein Konzept entgegen, das er „buddhistische Ökonomie“ nannte. Die Bevölkerung des asiatischen Landes war ihm zufriedener und friedfertiger erschienen als die Westeuropas. Der Wirtschaftsexperte, der selbst zur spirituellen Suche neigte, führte das auf die buddhistische Tradition zurück, die übertriebene Bindung an materielle Güter ablehnt. Entsprechend zielt Schumachers „buddhistische Ökonomie“ nicht darauf ab, möglichst viele Waren zu erzeugen. Es geht ihm vielmehr darum, mit möglichst geringem Aufwand genug Wohlstand für ein erfülltes menschliches Dasein zu erwirtschaften. Arbeit sei dabei eine sinnstiftende Tätigkeit, die in ausgewogener Balance zur Muße stehen müsse. Wer diese komplementären Konzepte trenne, zerstöre die Freude an beidem, warnte Schumacher. Alle Menschen hätten das Bedürfnis, „kreativ, nützlich und produktiv mit Kopf und Händen“ tätig zu sein.

Schumacher fand aber auch Ökonomie-immanente Argumente gegen die Faustregel, Entwicklung erfordere in erster Linie Investition in hochgezüchtete Technik. Er hielt den Versuch für aussichtslos, die Beschäftigungskrise armer Staaten mit der Schaffung von Arbeitsplätzen auf dem hohen technischen Stand der Industrieländer zu lösen. Der dafür nötige Kapitaleinsatz sei gewaltig – und nicht finanzierbar. Es komme deshalb darauf an, herkömmliche Verfahren so zu verbessern, dass sie möglichst vielen Personen Einkommen verschaffen. Dann könnte wiederum Massenkaufkraft das Wirtschaftsleben anregen.

„Technik mit menschlichem Antlitz“, so Schumacher, könne man nicht für teures Geld importieren. Sie müsse vor Ort entwickelt und gewartet werden. Seinem Verständnis nach sollte sie grundsätzlich billig genug sein, um dem Investor zu ermöglichen, viele neue Arbeitsplätze zu schaffen. Sie sollte zudem möglichst vielfältig verwendbar sein, damit sie dem Menschen dient (und nicht umgekehrt). Kritikern, die ihm Fortschrittsfeindlichkeit vorwarfen, hielt er entgegen, dass in armen Ländern Hightech-Anlagen häufig durch Pannen lahm gelegt werden, so dass ihre Kapazität nie voll genutzt werde. Außerdem werde durch kapitalintensive Technik die Arbeitsproduktivität erhöht und folglich Beschäftigung vernichtet.

Es ging Schumacher nicht darum, Innovationen zu verhindern. Er sprach deshalb statt von angepasster auch von „intermediärer Technik“, weil es – je nach lokalen Bedingungen – unterschiedliche Balancen von Arbeits- und Kapitalintensivität geben könne. Um dieses Konzept zu propagieren, gründete er 1966 die Beratungsgesellschaft Intermediate Technology Development Group. In Deutschland wurden seine Ideen mit einiger Verspätung populär: Erst 1978, als auch die deutsche Ausgabe von „Small Is Beautiful“ erschienen war, gründete die GTZ ihre Abteilung German Appropriate Technology Exchange (GATE).

Besonderen Stellenwert hatte für ihn die Landwirtschaft. Der Hobbygärtner befürwortete auch hier arbeits- statt kapitalintensiver Modernisierung und engagierte sich in der britischen Soil Association für die organische Landwirtschaft. Er verknüpfte dabei mehrere Stränge seiner Gesellschaftskritik. Möglichst breite Beschäftigung sei besonders in den Agrarregionen nötig – denn vor allem dort herrsche bittere Armut, die durch Landflüchtige dann in die Städte gebracht werde. Zudem warnte Schumacher aus ökologischen Gründen vor der Intensivierung der Agrarproduktion, weil sie die Gesundheit der Böden gefährde und zudem „metaphysisch blind“ die Zucht von Tieren und Pflanzen mit der Herstellung lebloser Maschinen gleichsetze. Betriebswirtschaftliche Produktivität dürfe nur eines von mehreren Zielen sein – Permanenz, Gesundheit und Schönheit hielt Schumacher für gleichrangig.

Als drittes Kernanliegen (neben Umwelt und angemessener Beschäftigung) kam für Schumacher hinzu: die Organisation eines selbstbestimmten Lebens. Der Mann aus der bürokratischen Spitze der verstaatlichten britischen Kohlewirtschaft mit ihren damals rund 800 000 Beschäftigten hielt Großorganisationen für destruktiv. Zentralismus betone Ordnung, Dezentralisierung Freiheit. Beide Prinzipien seien berechtigt – abermals gehe es um die richtige Balance. Sie erfordere erstens die Delegation aller Entscheidung auf möglichst niedrige Ebenen und zweitens die Rechenschaftspflicht der Vorgesetzten. Derlei entspreche eher dem Leben in Dörfern oder Klein- und Mittelstädten als dem in Millionenmetropolen.

Auf dieser Basis betrachtete Schumacher die Entwicklungshilfe der 60er und 70er Jahre als verfehlt. Er kritisierte die Fixierung auf möglichst hohe Summen für Industrieinvestitionen und die Mittelverteilung durch große bürokratische Apparate. Als Alternative schlug er vor, stärker auf regierungsunabhängige Initiativen zu setzen. Sie könnten dazu dienen, dezentral Wissen zu vermitteln und Menschen unabhängig zu machen.

Schumachers Denken kreiste indessen immer weniger um praktische Politikempfehlungen. Er interessierte sich für die Grundlagen des Denkens und betrieb Wissenschaftskritik. Er schrieb, traditionelle Philosophen und religiöse Lehrer hätten geordnete Ideensysteme geliefert, nach denen Menschen die Welt interpretieren und ihr Leben ausrichten konnten. Die moderne Wissenschaft sei dazu aber nicht in der Lage, denn Positivismus und Relativismus seien letztlich metaphysische Konzepte, die nur dazu dienten, alle weiteren metaphysischen Fragen und Spekulationen abzuwehren. Die permanente Krisenanfälligkeit der vermeintlich fortgeschrittenen Industriegesellschaften sei die Konsequenz dieser „schlechten“ Metaphysik. Sie machte aus Schumachers Sicht die reichen und nicht die armen Länder zu den „Problemkindern der Welt“. Der Versuch, ihr Modell auf andere Weltregionen zu übertragen, führe systematisch zu Massenarmut auf dem Land und riesigen urbanen Elendsvierteln.


III. Wirkungsgeschichte

Der publizistische Erfolg von „Small Is Beautiful“ war in gewisser Weise ein Strohfeuer. Schumacher wird heute nur noch selten zitiert. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass viele Entscheidungsträger in der Dritten Welt die Idee der angepassten Technologie ablehnten. Sie interpretierten das Buch als fadenscheinige Begründung dafür, benachteiligten Volkswirtschaften den höchsten Stand der Technik vorzuenthalten. Deshalb stieß Schumacher selbst in New Delhi auf überwiegend taube Ohren, obwohl er sich ausdrücklich auf Mahatma Gandhi bezog.

Das Abklingen des Interesses an Schumacher lag aber sicherlich auch daran, dass die ethisch-spekulativen Passagen seines Werkes eher missionarisch als pragmatisch-wissenschaftlich klingen. Schumacher – am Schluss seines Lebens bekennender Katholik – scheute nicht davor zurück, sich auf die Bibel oder Franz von Assisi zu berufen. Derlei war in den frühen 70er Jahren, als weltverbesserische Schwärmerei auch Professoren erfasst hatte, einigermaßen akzeptabel. Doch diese Ära ging im angelsächsischen Kulturkreis in den Regierungsjahren von Margaret Thatcher und Ronald Reagan rasch zu Ende.

Schumachers intellektuelles und politisches Erbe hütet heute ein kleiner Kreis von eingeschworenen, überwiegend britischen Initiativen. Die Soil Association ist nach BSE und anderen Tierseuchen inzwischen einflussreicher als je zuvor. Zum offiziellen Schumacher Circle zählen daneben die Zeitschrift Resurgence, der Verlag Green Books, die Beratungsgesellschaft Intermediate Technology Development Group und der Think Tank New Economics Foundation. Bereits 1977 wurde zur Pflege seines Andenkens eine Schumacher Society gegründet, seit 1992 gibt es in Devon ein Schumacher College.

Unbehagen an latent Sektiererischem sollte indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade Schumachers visionäre Ansätze weiterhin aktuell sind – auch entwicklungspolitisch. Die Forderung nach Dezentralisierung und breiter gesellschaftlicher Partizipation ist heute selbstverständlich, Schumacher thematisierte derlei bereits in „Small Is Beautiful“ unter dem heute gängigen Schlagwort „Ownership“. Ebenso bleiben die kategorische Frage nach dem richtigen Maß und die Skepsis gegenüber aufwendiger Technik berechtigt. Das belegen die Diskussionen über den informellen Sektor. Hier wird mit einfachen Mitteln Einkommen erwirtschaftet – und Reformvorschläge zielen darauf ab, die meist harten Arbeitsbedingungen zu erleichtern. Ähnlich illustrieren auch die vielfältigen Kleinkredit-Programme, wie sie die Grameen Bank in Bangladesh beispielhaft entwickelt hat, dass schon kleine Summen für bescheidene Investitionen reichen können, um elementare Not zu lindern.

Schumachers Hinweis auf die Irreparabilität zerstörten Naturkapitals gehört heute zu den Grundlagen der globalen Umwelt- und Entwicklungspolitik. Das gilt für Forderungen nach dem Erhalt der biologischen Vielfalt, der viel beschworenen Agrarwende oder auch dem sparsamen Einsatz fossiler Brennstoffe. Dass letzteres heute mit Verweis auf den Treibhauseffekt und kaum noch mit der Endlichkeit der Bodenrohstoffe begründet wird, ändert nichts an der Dringlichkeit des Anliegens.

Schumacher war ein früher Prophet der nachhaltigen Entwicklung. Er selbst sprach von einer „auf Permanenz ausgerichteten Lebensweise“ („lifestyle designed for permanence“). Dieses Anliegen hat die UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro 1992 wieder aufgegriffen. Das Versprechen einer gerechten, demokratischen und dauerhaft lebbaren (Welt-)Gesellschaft bleibt aber weiterhin uneingelöst.






Schriften von E. F. Schumacher

1943: Multilateral Clearing, in: Economica, Vol. 10, pp. 150-65
1973: Small is Beautiful – Economics as if People Mattered. London, Blond & Briggs (Kommentierte Neuauflage mit Einleitung von Paul Hawken, Washington / Vancouver, Hartley & Marks 1999) Deutsch 1977: Die Rückkehr zum menschlichen Maß. Small is beautiful. Alternativen für Wirtschaft und Technik. Reinbek, Rowohlt
1977: A Guide for the Perplexed. London: Jonathan Cape. Deutsch 1979: Rat für die Ratlosen. Vom sinnerfüllten Leben. Reinbek, Rowohlt
1977: This I Believe – and other Essays. London, Green Books (Sammlung der Resurgence-Artikel), Neuauflage 1998
1979: Good Work. London, Jonathan Cape

Schriften über E. F. Schumacher

Wood, Barbara: Alias Papa: A Life of Fritz Schumacher. London, Jonathan Cape

Websites
www.resurgence.org
www.neweconomics.org (New Economics Foundation)
www.schumacher.org.uk/schumacher_circle.htm
www.itdg.org (Intermediate Technology Development Group)




Dr. Hans Dembowski ist freier Autor und hat als Redakteur für die Frankfurter Rundschau und die Deutsche Welle gearbeitet. Er hat promoviert über Konflikte der Stadtentwicklung in Kalkutta.
hansdembowski@gmx.net