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Umweltschutz im südlichen Afrika

„E-Learning macht mehr Arbeit“

Jenseits des Washington Consensus


11/2004
 

[ SANTREN - Netzwerk ]

Umweltschutz im südlichen Afrika

Das „Southern African Network for Training and Research on the Environment“ (SANTREN) bringt in den Ländern der Southern African Development Community (SADC) Fachleute für Umwelt- und Ressourcenschutz aus Forschung, Entwicklung und Lehre mit Praktikern von Unternehmen und Institutionen zusammen. Das Netz führt eigene Forschungen durch und bietet Weiterbildungskurse zu Umweltthemen an – seit 2001 auch elektronisch.


[ Von Kathrin Megerle ]

Über Monate wurde die 1,5-Millionen-Stadt Zabekwa von einer Rattenplage heimgesucht. Weil die Stadtverwaltung nicht rechtzeitig auf den starken Bevölkerungsanstieg reagiert hatte, war die kommunale Müllentsorgung der expandierenden afrikanischen Großstadt unter der Last der zusätzlichen Abfallmengen zusammengebrochen. Ergebnis: 3400 Tote durch Infektionskrankheiten, und Zabekwa hatte seinen Ruf als „sauberste Stadt des südlichen Afrika“ verspielt.

Mit diesem fiktiven, aber keineswegs unrealistischen Szenario beginnt der E-Learning-Kurs „Abfall-Management“, den Hochschullehrer des „Southern African Network for Training and Research on the Environment“ (SANTREN) gemeinsam mit der InWEnt-Abteilung „Umwelt, Energie und Wasser“ erarbeitet haben. In sechs Modulen vermittelt er Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmern die Grundlagen der Abfallentsorgung – von den ökologischen und sozialen über die rechtlichen bis hin zu den institutionellen Rahmenbedingungen. Drei bis fünf Stunden pro Woche reichen aus, um die kompakten Lerneinheiten zu studieren, schriftliche Hausaufgaben anzufertigen und den Stoff im Online-Forum mit den anderen Kursteilnehmern sowie den Tutoren und Experten aus der Praxis zu diskutieren.

Seit 1995 tauschen sich im Rahmen von SANTREN etwa 500 Experten des Umwelt- und Ressourcenschutzes aus Forschung, Entwicklung und Lehre mit Praktikern aus Unternehmen und Institutionen aus. Dass das Netz seit 2001 seine Kurse auch elektronisch anbietet, ist gut angekommen: „Das hat viele Vorteile“, sagt der sambische Geologe Thomson Sinkala, der an der Entwicklung der E-Learning-Angebote von SANTREN von Anfang an beteiligt war. „Die Module können bequem am Arbeitsplatz und unabhängig von vorgeschriebenen Unterrichtszeiten erarbeitet werden. Eine Zustimmung der Vorgesetzten ist nicht nötig. Die Arbeit mit Computer und Internet hat ein modernes Image, und sie erlaubt eine Zusammenarbeit über die Grenzen der SADC-Staaten hinweg.“

Beim ersten Versuch stießen die Beteiligten allerdings auf einige Schwierigkeiten. Der gesamte Kurs sollte damals online durchgeführt werden. Doch schon bei der Registrierung gab es technische Probleme. Für die Arbeit mit den multimedialen Inhalten war die Internetverbindung der meisten Teilnehmer viel zu langsam – wenn sie denn überhaupt funktionierte. Heute werden die Lernmodule zusätzlich zum Online-Angebot im Internet auf CD-ROM gebrannt und per Post verschickt. Die Kommunikation zwischen Teilnehmern und Dozenten läuft vor allem über E-Mail – dem zuverlässigsten Kommunikationskanal im südlichen Afrika. Und aus E-Learning wurde „Blended Learning“.

Ohne praktische Anschauung und ohne persönlichen Kontakt – so hatte sich gezeigt – war der Lernerfolg zu gering. Gleichzeitig war die Gefahr groß, dass von den registrierten Teilnehmern am Ende nur noch ein Bruchteil aktiv mitarbeitete. Deshalb wird das Selbststudium an den Lernmodulen jetzt von einem bis zu einwöchigen Workshop ergänzt („blended“). Er findet nicht am Anfang und nicht am Ende des Kurses statt, sondern am Ende des zweiten Drittels. „Das hat den Vorteil, dass alle Teilnehmer bereits grundlegendes Wissen zum Workshop mitbringen, sich in den Chats schon etwas kennen gelernt haben und durch das Treffen und die praktische Anschauung bei einer Exkursion für den Rest des Kurses neue Motivation tanken“, sagt Crispin Kinabo.

Der Geologe von der Universität Daressalam ist Manager und Teletutor der Blended-Learning-Kurse „Abfall-Management“ und „Luftverschmutzung“. Mit der von InWEnt betriebenen E-Learning-Plattform „Global Campus 21“, auf der die SANTREN-Kurse durchgeführt werden, ist er sehr zufrieden: „Man merkt, dass E-Learning inzwischen weit über das Stadium von Pilotprojekten hinausgekommen ist.“ Auch im südlichen Afrika wird das Lernen am Computer bei der SANTREN-Zielgruppe in Unternehmen und Institutionen immer stärker als normale Fortbildungsmöglichkeit wahrgenommen. Die meisten Universitäten der Region bauen eigene E-Learning-Plattformen auf. Das hat für SANTREN auch Nachteile. „Früher war E-Learning aufregend und wir konnten die Teilnehmer damit zusätzlich motivieren“, sagt Kinabo. „Heute müssen wir allein mit den Kursinhalten überzeugen.“


Neue Didaktik

Das erfordert sehr viel mehr Aufwand, als sich das die Mitglieder der Projektgruppe am Anfang vorstellten. „Es reicht nicht, dass man Experte in einem Themenfeld ist“, sagt Kinabo, „man muss auch den didaktischen Unterschied zwischen einem Präsenz- und einem E-Learning-Kurs kennen.“ Lassen sich kleine Unachtsamkeiten des Dozenten in einem Workshop durch Nachfragen schnell klären, können Fehler in den E-Learning-Modulen fatale Folgen haben. Sie verwirren die Teilnehmer und führen im schlimmsten Fall zum Abbruch des Kurses. „Der Aufwand für die Vorbereitung eines E-Learning-Kurses ist ungleich größer als für unsere traditionellen Präsenzveranstaltungen“, sagt auch der sambische Koordinator der Kurse Thomson Sinkala.

Einen Chat zu moderieren verlangt sehr viel klarere Fragen als eine Diskussion im Seminarraum. Und auf E-Mail-Anfragen und Hausarbeiten der Teilnehmer muss schnell geantwortet werden. Sonst entsteht Frustration. Gegenüber einem Vier-Augen-Gespräch zwischen Dozent und Teilnehmer ist die schriftliche Kommunikation wesentlich aufwändiger.

Ohne angemessene Bezahlung lässt sich all das nicht organisieren. Die Entwicklung der E-Learning-Kurse haben die SANTREN-Mitglieder ehrenamtlich oder für geringe Honorare geleistet. Ihre Motivation bezogen sie aus der Beteiligung an einer neuen und spannenden Lernmethode sowie den damit verbundenen Vorteilen für ihre wissenschaftliche Karriere. Nach Abschluss der Pilotphase entfällt dieser Anreiz. „Als Autor eines innovativen E-Learning-Angebots aufzutreten ist ein Pluspunkt im Lebenslauf“, sagt Crispin Kinabo, „Für die zweite oder dritte Durchführung des Kurses gilt das aber nicht mehr.“

Deshalb hat das Marketing der Kurse nun Priorität. Dass durch neue Umweltgesetze und -auflagen in den meisten SADC-Ländern die Bedeutung von umweltorientierten Fortbildungen zunehmen wird, hat sich in den betroffenen Betrieben und Institutionen noch nicht überall herumgesprochen. Entsprechend gering ist die Bereitschaft, für die Vermittlung dieses Wissens zu zahlen. SANTREN steht deshalb vor der schwierigen Aufgabe, das Problembewusstsein für Umweltfragen zunächst wecken zu müssen, bevor die eigenen Kurse als Lösung für den entsprechenden Fortbildungsbedarf angeboten werden können.

Die Bedeutung der Kurse unterstreichen erfolgreiche Beispiele wie das von Eugene Selengia, Qualitätsmanager bei „Raffia Bags“, dem führenden tansanischen Textilunternehmen für die Herstellung von Getreide- und Düngemittelsäcken. Als Teilnehmer des Kurses „Abfall-Management“ hat er im fiktiven Zabekwa auch Probleme seiner Heimatstadt Daressalam erkannt. „In dem Kurs habe ich die nötigen Argumente bekommen, um meine Chefs von der Notwendigkeit einer Recycling-Anlage für unseren Ausschuss zu überzeugen“, sagt er. Entscheidend war der Hinweis, dass sich die Investition in die Umwelt positiv auf die Exportchancen auswirken würde. Inzwischen ist das gesamte Qualitätsmanagement bei Raffia Bags nach ISO-9001 zertifiziert.





Kathrin Megerle
ist Mitarbeiterin in der InWEnt-Abteilung „Umwelt, Energie und Wasser“ und arbeitet hauptsächlich im SANTREN-Projekt.
kathrin.megerle@inwent.org