Meinung

Leserbriefe

Afghanistan: Keine Abkürzung zur Demokratie


11/2004
 

Leserbriefe

Falschmünzerei

Weltbank braucht innovative Theorie,
E+Z 2004:4, S. 162

Nina V. Michaelis schreibt, die Neoklassik sehe sich „außerstande, Aussagen über die Wohlfahrtsverteilung zu treffen ... und greift deshalb für die Armutsproblematik der Entwicklungsländer zu kurz“. Hier liegt die übliche Verwechslung von Armut und Verteilung vor. Mit „Wohlfahrtsverteilung“ dürfte die Verfasserin die Einkommensverteilung gemeint haben. Misst man diese, wie wohl auch im Sinne von Michaelis, mit dem Gini-Index, dann gilt für die Veränderung von Ungleichheit und Armut das, was die Ökonomen Ravi Kanbur und Lyn Squire in einem Aufsatz festgestellt haben: „It is difficult to establish a simple formula relating changes in aggregate measures of inequality such as the Gini index to changes in poverty. The Gini index can increase or decrease, leaving poverty unchanged, if the distribution above the poverty line changes, and poverty can increase or decrease without any change in the Gini index if there are appropriate offsetting changes in distribution among the nonpoor.“ Oder mit den Worten von Meinhard Miegel: „Von Armut zu sprechen und materielle Gleichheit zu meinen, ist begriffliche Falschmünzerei.“

Auch der Satz von Michaelis „Bevölkerungswachstum stellt in Entwicklungsländern ein gravierendes Entwicklungshemmnis dar“ entbehrt der empirischen Basis; nicht einmal der theoretisch postulierte Zusammenhang mit Armut ist empirisch überzeugend nachgewiesen worden. Drei Argumente dazu: Erstens verzeichneten, wie Kuznets gezeigt hat, zwischen 1750 und 1960 ausgerechnet die Länder mit dem größten wirtschaftlichen Aufschwung – die westlichen Industrieländer – auch das höchste Bevölkerungswachstum. Zweitens ein Vergleich zwischen Ghana und Taiwan: Die Bevölkerungen der beiden Länder sind seit 1950 ungefähr gleich stark gewachsen. Das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (in Dollar von 1990) dagegen wuchs im gleichen Zeitraum in Ghana um insgesamt 10,9 Prozent, in Taiwan jedoch um 1579,5 Prozent. Ein vergleichbar schnelles Bevölkerungswachstum hat also den phänomenalen Aufstieg Taiwans in keiner Weise verhindert. Drittens: Stellte das Bevölkerungswachstum in Entwicklungsländern tatsächlich ein „gravierendes Entwicklungshemmnis“ dar, dann müsste bei schrumpfendem Bevölkerungswachstum ceteris paribus das Wachstum des Sozialproduktes zunehmen. Davon ist nichts zu merken. In allen Weltregionen ist das „gravierende Entwicklungshemmnis“ in den letzten vierzig Jahren deutlich zurückgegangen – von einer entsprechenden Erhöhung der Wachstumsraten ist jedoch nichts bekannt geworden.

Prof. Dr. Jürgen H. Wolff,
Ruhr-Universität Bochum



Keine Lösung

Der Nutzen der Diaspora, E+Z 2004:10

Die Verschickung philippinischer Arbeiter ins Ausland in den frühen Jahren der Marcos-Diktatur war ursprünglich als zeitlich begrenzte Lösung für das Problem der Arbeitslosigkeit und der steigenden Ölpreise gedacht. Marcos hatte mit den reichen Ländern des Nahen Ostens vereinbart, philippinische Bauarbeiter zu beschäftigen, damit die Philippinen ihre Ölimporte bezahlen konnten. Daraus ist eine regelrechte Industrie zur Anwerbung von Arbeitskräften für das Ausland entstanden, die in den vergangenen 30 Jahren mehr als acht Millionen Filipinos in rund 165 Länder vermittelt hat. In der Bauwirtschaft arbeitet freilich nur noch ein Teil von ihnen. Filipinos dominieren beispielsweise die Crews der internationalen Handels- und Kreuzfahrtschiffe. Sie arbeiten unterbezahlt in den Ausbeutungsbetrieben in Taiwan und Südkorea, als Pflegepersonal in vielen nordamerikanischen Altersheimen, als Entertainer in Japan oder als Haushaltshilfen in Hongkong, Singapur, Spanien und Italien. Was als Übergangslösung gedacht war, hat sich zum prägenden Merkmal der philippinischen Wirtschaft entwickelt. Entstanden ist daraus eine Kultur der Orientierung nach außen, die sich weniger für die Entwicklung der Nation interessiert als für die Migration ins Ausland.

Die Auslandsbeschäftigung ist für die Philippinen Segen und Fluch zugleich. Indem sie den Konsum fördert, hat sie es der Regierung ermöglicht, ein Klima oberflächlichen Wohlstands und ökonomischer Stabilität aufrechtzuerhalten. Allerdings haben die Rücküberweisungen aus dem Ausland bewirkt, dass die Steigerung der Produktivität der philippinischen Ökonomie als weniger dringlich bewertet wird. Das erklärt auch, warum die Zahl der philippinischen Arbeitslosen wächst, obwohl das Land ein bescheidenes jährliches Wirtschaftswachstum von 4,5 Prozent erzielt. Dieses Wachstum basiert auf Konsum. Es wird von den Milliarden an Geldüberweisungen aus dem Ausland gespeist, die es der Regierung erlauben, die öffentlichen Ausgaben zu steigern und sich stark zu verschulden.

Eine nationale Existenz, die auf einem solchen Muster basiert, bietet keine Lösung für das Problem der Armut. Sie bietet auch keine stabile wirtschaftliche Grundlage. Sie hat nur die Ungleichheit bei den Einkommen verstärkt.

Prof. Randolf S. David,
University of the Philippines, Manila


Einseitig

PPP im UN-System: Das Industry Cooperative Programme,
E+Z 2004:6, S. 263

Von einer Besprechung des Buches von Alexander G. Friedrich, dem früheren Leiter der FAO-Tochter Industry Cooperative Programme, hätte ich erwartet, dass auch die zweite Sichtweise der politischen Vorgänge in der FAO zu dieser Zeit erwähnt wird. Diese wurde seinerzeit unter anderem von Erich Jacobi und Solon Barraclough artikuliert. Ich erinnere mich an scharfe Artikel in der internationalen Presse gegen die Aktivitäten des ICP. Die Kritiker werteten die Schaffung des ICP als – aus ihrer Sicht leider erfolgreiche – politische Strategie, die FAO von der Kleinbauernförderung abzubringen und die industrielle Landwirtschaft zu favorisieren. Das ging einher mit der Unterbindung von Agrarreformen in Lateinamerika, der Austrocknung des Comité Interamericano de Desarrollo Agrícola (CIDA), nachdem die US-Regierung diese Reformen zunächst im Rahmen der Allianz für den Fortschritt für wenige Jahre mitgetragen hatte.

Das sollte man bei einem Buch in derart selbstheroisierendem Ton in der Besprechung wenigstens anmerken. Zumal Friedrich mit keiner Silbe ausführt, was denn die positiven Ergebnisse der Arbeit des IPC aus seiner Sicht gewesen sind.

Peter Lock, Hamburg


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