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11/2005
 

Leserbriefe

Noch zu optimistisch

ActionAid: Hilfe kommt nicht an,
E+Z 7/2005, S. 271

Die Berechnungen von ActionAid, nach denen nur ein Drittel der internationalen Entwicklungshilfe bei den Armen ankommt, sind möglicherweise immer noch zu optimistisch. Viele Projekte haben überhaupt keinen Kontakt zu den Armen – das gilt vor allem für solche Projekte, bei denen viel Geld im Spiel ist.

Selbst wenn man Projekte evaluiert, die eigentlich die „Ärmsten der Armen“ erreichen sollen, kommt man zu dem Ergebnis, dass nur zehn bis 20 Prozent der Mittel bei den Armen ankommen. Es sind vor allem Akademiker der Mittelklasse aus Afrikas Hauptstädten, denen es gelingt, Geld als Gegenleistung für Dienstleistungen zu verdienen. Das ist durchaus in Ordnung, sind doch diese Akademiker und Experten seit Jahrzehnten darin ausgebildet worden, genau das zu tun. Wir sollten uns dessen aber bewusst sein.

Andreas Peltzer, Schatzmeister
der Namibian Catholic Bishops’ Conference, Windhoek



Elitäre Perspektive

Ankerländer: Partner für globale Entwicklung,
E+Z 5/2005, S. 204



Der Artikel von Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul ist insofern zu begrüßen, als er die Notwendigkeit „breitenwirksamen Wachstums“ betont. Wer mit der Entwicklung in Indien oder der Volksrepublik China vertraut ist, weiß, dass nicht alle Menschen dort gleichermaßen vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren und dass in beiden Ländern weiterhin bittere Armut herrscht – und teilweise sogar schlimmer wird. Aus Sicht der deutschen Entwicklungspolitik mag es plausibel sein, die bevölkerungsreichsten Regionen der Welt als „Ankerländer“ zu definieren, Allianzen mit ihnen zu schmieden und mit ihnen bei der Armutsbekämpfung und anderen wichtigen Anliegen zu kooperieren, so wie das auch in Ihrem Oktoberheft beschrieben war.

Dennoch: Mich überzeugt der Ansatz nicht. Ich weiß, wie wenig einige der besten indischen Sozialwissenschaftler dazu in der Lage sind, mit der abscheulichen Schichtung der indischen Gesellschaft umzugehen. Fremde Berater sind nicht besser darauf eingestellt. Wir reden von Globalisierung! Aber wir haben nicht einmal eine Idee davon, wie wir eine „Indienisierung“ unseres Landes hinbekommen sollen – wenn „Indien“ für das steht, was normal ist in Städten wie Delhi, Mumbai oder Kolkata. Bei nachhaltiger Entwicklung geht es um Nachhaltigkeit allein aus Perspektive der Eliten.

Ein Beispiel: Lange Zeit war Chandrababu Naidu, der Chief Minister von Andhra Pradesh, der Liebling der internationalen Entwicklungspolitik. Seine E-Governance-Projekte und sein Interesse an ländlicher Entwicklung waren Gründe dafür. Die Leute in den Dörfern hingegen hat das wenig beeindruckt. Während meiner Forschungsarbeiten in der Region musste ich erstaunt feststellen, wie wenig populär die Regierung mittlerweile war. Denn vom Leiden und Sterben der Bevölkerung hatte sie nicht die geringste Ahnung. Aber die internationalen Entwicklungsexperten waren ziemlich überrascht, als Chandrababu bei Wahlen aus dem Amt gefegt wurde.

Ich befürchte, das Ankerlandkonzept wird dazu führen, dass die Eliten der reichen Länder es sich mit denen der armen Länder behaglich machen. Das würde allen nutzen, die daran beteiligt sind – aber eben nur ihnen. Verstehen Sie das bitte nicht als ein Werturteil. Es ist als Realitätskontrolle gemeint.

Aditi Roy Ghatak, Kolkata