Editorial


11/2005
 

Zum Beispiel Indien

Indien belegt beispielhaft den Hang zu dogmatischer Verbohrung in Handelsfragen. Seit der Liberalisierung der frühen 90er Jahre registriert die Volkswirtschaft mit mehr als einer Milliarde Menschen wachsenden Wohlstand. Die im Land Mahatma Gandhis und Jawaharlal Nehrus noch immer beliebte Sicht, Freihandel schade armen Nationen, wurde spektakulär widerlegt. Dennoch ist die pauschale These unter Globalisierungskritikern nach wie vor verbreitet – und zwar international.

Andererseits stimmt natürlich, dass Indiens Industrialisierung nicht bei offenen Grenzen gelang. Es hatte andere Gründe, dass die Strukturanpassung erfolgreich verlief, die Manmohan Singh – seinerzeit Finanzminister und heute Premier – vor anderthalb Jahrzehnten unter dem Druck von Weltbank und Internationalem Währungsfonds einleitete. Der Subkontinent verfügte bereits über viele Voraussetzungen, um im globalen Wettbewerb mitzumischen: Kompetente Ingenieure, tüchtige Unternehmer, einen eingespielten Kapitalmarkt, qualifizierte Arbeitskräfte und dergleichen mehr. Dieses Potenzial war längst geschaffen und hätte früher genutzt werden können. Asiatische Schwellenländer, die Handelsschutz einsetzten, um im Export wettbewerbsfähig zu werden, kamen schneller voran.

Die Zerrbilder greifen nicht, denen zufolge liberaler Handel wahlweise ein Grundübel oder auch ein Allheilmittel ist. Es ist ebenso unsinnig, die Welthandelsorganisation (WTO) als bösartige Agentur des Wirtschaftsliberalismus zu werten, wie zu behaupten, sie bringe allen Beteiligten nur Segen. Sicherlich erfordert aber eine gerechte Weltordnung verbindliche Regeln. Allein schon deshalb ist die multilaterale WTO mit dem Auftrag, ein faires Handelsregime zu schaffen und durchzusetzen, unverzichtbar.

Leider genügt die Praxis indessen diesem Anspruch nicht. Die Hoffnung armer Länder auf leichteren Zugang zu prosperierenden Märkten – beispielsweise für Agrarprodukte – wurde mehrfach enttäuscht. So sind denn auch in der kurzen Geschichte der WTO bereits die Ministertagungen von Seattle (1999) und Cancún (2003) geplatzt. Die Ausnahme bildete der Gipfel in Katars Hauptstadt Doha kurz nach den Attentaten vom 11. September 2001. Angesichts des Terrors war Konsens geboten. Die Handelspolitiker rangen sich zu Formelkompromissen durch, die immerhin eine neue Verhandlungsrunde ermöglichten. Leider erkannten USA und EU aber die Zeichen der Zeit nicht. Sie hätten mit großzügigen Angeboten das Los schwacher Volkswirtschaften erleichtern und für globale Gerechtigkeit sorgen sollen. Stattdessen folgten Stillstand, der Flop von Cancún und seither nur sehr magerer Fortschritt.

Der Erfolg des Gipfels in Hongkong im Dezember wird nicht nur von der Einsicht der reichen Länder abhängen. Seit Cancún kommt es besonders auf die großen Schwellenländer an. Neben Indien sind das Brasilien, China, Südafrika und andere Staaten, deren Regierungen längst die Chancen des Welthandels erkennen. Ihnen ist aber auch noch bewusst, welche Spielräume sie brauchten, um dafür fit zu werden. Wenn sie verantwortlich handeln, werden sie ihr Wissen nutzen, um tragfähige Kompromisse zu vermitteln.

Allerdings sind sie selbst der Versuchung ausgesetzt, Partikularinteressen durchzusetzen, zumal bittere Armut durchaus noch ihre Gesellschaften prägt. Immerhin könnte den aufstrebenden Riesen aber zu konstruktiver Haltung verhelfen, dass hohe Wachstumsraten normalerweise Regierungen langfristiges Denken und kohärentes Handeln erleichtern.



Dr. Hans Dembowski
Chefredakteur E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit/
D+C Development and Cooperation
euz.editor@fsd.de