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Biotechnologie schafft neue Chancen

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11/2005
 

[ Wissenstransfer ]

Biotechnologie schafft neue Chancen

Viele Entwicklungsländer nutzen die Chancen neuer Technologien nur unzureichend. InWEnt fördert seit 1982 mit Trainingsprogrammen den Einsatz von Biotechnologien im Nahrungssektor. E+Z sprach darüber mit Günter Tharun, bei InWEnt zuständig für Projekte im Bereich industrieller Biotechnologien.


[ Interview mit Günter Tharun ]

Seit Jahrhunderten nutzen die Menschen einfache Fermentierungsverfahren, um Nahrungsmittel wie Brot, Käse, Tofu, Wein und Bier zu erzeugen oder haltbar zu machen. Was ist das Neue an der modernen Biotechnologie?
Die Biotechnologie ist in der Tat ein uraltes Betätigungsfeld. Seit Menschengedenken benutzen wir Mikroben für unsere Zwecke. Andererseits ist die Biotechnologie durch die heutigen Möglichkeiten, in die DNA-Struktur einzugreifen und Gene zu verändern, auch ein hochmodernes Verfahren. Nutzen wir ihre neuesten Erkenntnisse, können wir traditionelle Verfahren bei der Verarbeitung von Lebensmitteln deutlich aufwerten. Das hebt Produktivität und Qualität. So konnten wir in Thailand dank verbesserter mikrobieller „Impfstoffe“ zwischen 1991 und 1995 die Qualität der Sojabohnen-Fermentation nicht nur erhöhen, sondern dauerhaft gewährleisten. Bei Getränken konnten wir durch biotechnische und betriebswirtschaftliche Verbesserungen in den betreuten Betrieben die Produktivität zwischen 20 und 80 Prozent steigern.

Worauf ist beim Einsatz von Biotechnologie in Entwicklungsländern zu achten? Gibt es hier Unterschiede zu den Industrieländern?
Abhängig vom Entwicklungsstand eines Landes kommen neben der Agrobiotechnologie vermehrt Verfahren der industriellen Biotechnologie zum Einsatz. Das geschieht vor allem im pharmazeutischen Bereich – etwa bei der Herstellung preiswerter Medikamente und Impfstoffe zur medizinischen Versorgung der Bevölkerung – sowie in der Nahrungsmittelindustrie. Natürlicher Artenreichtum sowie die Qualität des Bildungs- und Forschungssektors eines Landes spielen eine wichtige Rolle. Hinzu kommen das soziokulturelle Umfeld, die jeweiligen Vorlieben der Bevölkerung, ihre Kaufkraft, unternehmerisches Gespür sowie das Agieren beim Verbessern vorhandener und der Kreation neuer Produkte. Die gezielte Nutzung von Exportchancen beeinflusst ebenfalls den Einsatz von Biotechnologien. Ebenso können staatliche oder internationale Fördermittel für die Entwicklung von Kleinunternehmen eine positive Rolle spielen. All diese Faktoren wirken zusammen.

Welche Bereiche sind für die Entwicklungsländer besonders interessant?
Besonders vielversprechend erscheint der Einsatz von Biotechnologien dort, wo solche Verfahren seit alters her genutzt werden – etwa im Lebensmittelbereich. Sie müssen stets einfach, preiswert, den lokalen Bedingungen angepasst und für die Zielgruppen zugänglich sein. Hier setzen wir an. In Südostasien wird industrielle Biotechnologie heute vor allem im Lebensmittelbereich genutzt etwa zur Fermentierung von Milch- und Sojaprodukten sowie alkoholischen und anderen Getränken. Der pharmazeutische Bereich, Pilzzucht und die Produktion von Biodünger sind weitere wichtige Anwendungsbereiche.

Warum unterstützt InWEnt gerade den Getränkebereich so stark?
Der Eindruck mag durch die hohe Zahl der bislang dafür trainierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Thailand entstanden sein. Doch er täuscht. In der Vergangenheit steckten viele Thais ihre Ersparnisse in die vermeintlich lukrative Erzeugung von traditionellen Alkoholika wie Satho (Reiswein). Über die nötigen technischen und betriebswirtschaftlichen Kompetenzen verfügten die wenigsten. Genau dort setzten wir an. In fünf lokalen Zentren für technisches und unternehmerisches Training sowie individuelle Beratung haben wir wirksam Hilfe geleistet. Wir haben innerhalb von zwei Jahren etwa 1800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer weitergebildet.

Welchen Stellenwert haben biotechnologische Innovationen für Entwicklungsländer?
Eine große und zunehmende Bedeutung. Ein wesentlicher Grund liegt in dem Willen, die medizinische Grundversorgung der Bevölkerung zu verbessern sowie auf Epidemien schneller und gezielter zu reagieren. So stellen die Government Pharmaceutical Organization und das Queen Saovabha Memorial Institute des Thailändischen Roten Kreuzes Medikamente für den lokalen Markt sowie traditionelle Impfstoffe gegen Tetanus, Diphtherie, Masern und Tuberkulose her. Seit längerem produziert das Institut auch einen Impfstoff gegen Tollwut sowie diverse Antisera gegen Schlangengifte. Beide staatliche Einrichtungen stellen die Impfstoffe teilweise bereits unter den Good- Manufacturing-Practice-Richtlinien der US Food and Drug Administration – kurz GMP genannt – her. Viele der notwendigen Kenntnisse haben wir in Trainingskursen vermittelt. Um in Zukunft auch für die Nachbarländer produzieren zu können, ist es nötig, GMP für alle international zu vertreibenden Produkte einzuführen und neue Verfahren auf der Basis moderner Biotechnologien zu entwickeln.

Welchen Nutzen bringt die Biotechnologie den Entwicklungsländern?
Die moderne Biotechnologie nutzt die Biodiversität, macht Produktionsabläufe in Landwirtschaft und Industrie umweltfreundlicher, verbessert den Ressourcenschutz und reduziert den Einsatz von Chemikalien. Nehmen wir als Beispiel die kleinindustrielle Produktion von Biodünger aus landwirtschaftlichen und agroindustriellen Abfällen in ländlichen Gebieten. Unser Programm „Thai-Ger-Phil Training and Technology“ war auf den Philippinen und in Thailand so erfolgreich, dass die Biodüngerkomponente auf sechs weitere Länder ausgeweitet wurde. Die wertvollen Bio-Reststoffe belasteten bislang als lästige Abfälle die Umwelt. Nun entsteht daraus hochwertiger Dünger. Dank entsprechender Impfungen wehrt er sogar Schädlinge ab. Das schafft nicht nur Mehrwert, sondern rehabilitiert auch ausgelaugte Böden und reduziert den Einsatz von chemischem Dünger und Pestiziden.

Gibt es in Asien Skepsis gegenüber der Biotechnologie?
Sicher gibt es auch in Entwicklungsländern vereinzelt Widerstände gegen den Einsatz moderner Biotechnologien. Meist beziehen sich diese auf gentechnisch veränderte Nahrungs- und Futtermittel. Ansonsten gibt es damit kaum Probleme. Man geht in Asien viel offener mit dem Einsatz moderner Technologien um als in Deutschland.

Experten forderten bereits Mitte der 90er Jahre eine stärkere Nutzung der Biotechnologie. Haben die Eliten in den Entwicklungsländern auf diesen Appell reagiert?
Die Herausforderung ist angenommen worden, wenn auch nicht mit der erhofften Geschwindigkeit. Das nationale Zentrum für Genetic Engineering and Biotechnology in Thailand bietet auf seinem neuen Campus Räumlichkeiten für Start-up Companies, Spin-off Companies und dergleichen an. Daraus entsteht allmählich ein kleiner industrieller Biotechpark. Auch in Hanoi hat sich aus einem medizinischorientierten Forschungsinstitut eine Firma für Pharmaprodukte entwickelt, die derzeit ausgebaut wird. In Brasilien gibt es etliche solcher Biotechparks in der Nähe von Universitäten in Porto Alegre, Rio de Janeiro und Belo Horizonte.

Anfang 2004 haben InWEnt und seine Partner eine Biotech-Plattform für Südostasien eingerichtet. Hat sie die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt?
Im Rahmen des PPP-Vorhabens mit BioLaunch Deutschland, einer auf Management spezialisierten Consultingfirma, haben wir bis jetzt zwölf Partnerschaften zwischen Firmen und Instituten angebahnt. Gespräche mit potentiellen Partnern in Südkorea und Taiwan laufen derzeit. Wir haben mit mehr Anbahnungen von Firmen- und Forschungskooperationen gerechnet. Andererseits erfreut sich die Website www.BioAsia.de erheblicher Beliebtheit. Die Rubrik Nachrichten allein verzeichnet monatlich 450 Zugriffe.

Warum will InWEnt künftig verstärkt den Austausch Südostasiens mit den Ankerländern Argentinien und Brasilien fördern?
Aus Gesprächen mit Fachleuten aus beiden Regionen wissen wir, dass es ähnliche Probleme und Fragen im biotechnologischen Bereich gibt. Zwei der weltweit führenden Institute bei der Produktion von Antisera gegen Schlangenbisse haben Interesse am Süd-Süd-Gedankenaustausch signalisiert. Es handelt sich um das Butantan-Institut in São Paulo und das bereits erwähnte Institut des Roten Kreuzes in Bangkok.

Welches Thema steht gegenwärtig im Mittelpunkt der Debatten um den Einsatz von Biotechnologien in Entwicklungsländern?
Seit 2002 bieten wir verstärkt Workshops über Vertragsgestaltung zum Schutz intellektueller Eigentumsrechte für unsere Partner in Indonesien und Thailand an. Patentrechtliche Fragen werden für diese Länder immer wichtiger.

Die Fragen stellte Norbert Glaser.