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Beiträge aus der Rubrik InWent-Forum
Biotechnologie schafft neue Chancen
Fahrzeugzulieferer auf der Nachhaltigkeitsspur
 11/2005
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[ Indien ]
Fahrzeugzulieferer
auf der Nachhaltigkeitsspur
Nachhaltigkeit ist seit Jahren ein Thema der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt. Längst haben Fragen nach der Zukunftsfähigkeit auch die Länder des Südens erreicht. InWEnt berät im Rahmen eines EU-Projektes indische Autozulieferer, wie sie sozial gerechter und umweltfreundlicher produzieren können.
[ Von Berthold Hoffmann ]
Wenn mehr Unternehmen Nachhaltigkeitsstrategien umsetzen, wächst der Druck auf die Zulieferer, den steigenden Ansprüchen zu genügen. Der Zwang, nachhaltig zu wirtschaften, wird mehr und mehr zu einem weltweiten Erfordernis. Nötig ist eine dreifache Bilanz: Firmen sollen nicht nur ihre ökonomische, sondern auch die ökologische und soziale Nachhaltigkeit ihres Tuns belegen. Der Begriff der Nachhaltigkeit steht dabei nicht nur für umweltschonendes Handeln mit Blick auf kommende Generationen. Er steht mittlerweile generell für die langfristige Orientierung zum Nutzen der Gesellschaft und des Unternehmens.
Der Leiter der Abteilung für Umweltmanagement der Confederation of Indian Industry (CII), K. P. Nyati, hält Nachhaltigkeit in den Betrieben für eine strategische Aufgabe. Indien positioniert sich gegenwärtig international als Standort für die Auto- und Autozuliefererindustrie. Schon heute ist das Land zweitgrößter Markt für Zweiräder in Asien. Marktstudien rechnen damit, dass sich Indien bis 2020 zum viertgrößten Automobilmarkt der Welt entwickelt. Der gegenwärtige Bestand an Fahrzeugen pro Einwohner ist gering. Allerdings erwarten Experten bis 2009 jährliche Wachstumsraten von 13,5 Prozent. Dank qualifizierter und dennoch billiger Arbeitskräfte kann Indien Fahrzeuge und Fahrzeugteile kostengünstig herstellen. Die Firmen profitieren von den globalisierten Märkten. Doch die Unternehmen stehen unter dem Druck ihrer Kunden, sozial gerecht und umweltfreundlich zu produzieren.
Seit der wirtschaftlichen Öffnung in den 90er Jahren werden Investitionsentscheidungen in Indien nicht mehr zentral gesteuert. Unternehmen tragen mehr eigene Verantwortung. Einige Firmen haben begriffen: wenn sie ihre Produktion verstärkt an Kriterien der Nachhaltigkeit ausrichten, stellen sie mittel- und langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit auf den internationalen Märkten sicher. Hier bilden sich Schnittstellen zwischen traditionellen indischen Werten und globalen Markterfordernissen heraus.
Als ein Vorreiter im Umweltmanagement hat sich Honda Motorcycle and Scooter India (HMSI) profiliert, eine Tochter des japanischen Honda-Konzerns und wichtiger Produzent von Zweirädern. In seiner Produktionsstätte in Manesar südwestlich von Neu-Delhi führte HMSI nicht nur eine moderne Abfallentsorgung ein. Das Unternehmen verbesserte auch die Ressourceneffizienz beim Einsatz von Wasser, Farben, Ölen und Kühlmitteln und reduzierte die im Produktionsprozess anfallenden CO2-Emmissionen um 60 Prozent je Fahrzeug. Als einer der ersten indischen Zweiradhersteller hat HMSI zudem das Nachhaltigkeitsmanagement auf sein Händlernetz und die Zulieferkette ausgedehnt. ISO 14001 wurde als Umweltschutzstandard im Management verbindlich festgesetzt. Nach Angabe von HMSI hatten bis Anfang 2005 37 Zulieferer und 17 Händler eine entsprechende Zertifizierung erworben.
HMSI ist nicht der einzige Hersteller, der sich um Nachhaltigkeit bemüht. Die im Raum Delhi ansässige Maruti Udyog Limited und der Zweiradproduzent Bajaj Auto Limited aus der Gegend von Pune haben ebenfalls ISO 14001 eingeführt. Maruti ist Marktführer unter den indischen Automobilherstellern mit einer jährlichen Produktion von 350.000 Fahrzeugen. Vor allem bei Abfallmanagement, Ressourceneffizienz, Schadstoffausstoß und Lärmbelästigung haben viele Produzenten und Zulieferer in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte verzeichnet. Sie senkten beispielsweise dank wiederverwendbarer Verpackungen den anfallenden Abfall um 75 Prozent oder halbierten mittels intelligenter Wassernutzung und -aufbereitung den Frischwasserverbrauch. Innovative Ansätze wie der Betrieb einer Biogas-Anlage gespeist aus Abfällen der Werkskantine zeigen ebenso wie das soziale Engagement vieler Firmen, dass sie vorausschauen.
Soziales Engagement
Maruti hat für den Nachwuchs seiner Beschäftigten eine Krippe eingerichtet. In ihr werden 85 Kinder verpflegt und betreut. Außerdem beteiligt sich die Firma an einem Schulprojekt für Kinder aus Familien, die unter der Armutsgrenze leben, sowie an einem Ausbildungsprogramm für die Mütter dieser Schüler. Bajaj engagiert sich mittels eines vor 15 Jahren eingerichteten Treuhandfonds für die arme Landbevölkerung im Distrikt. Das Spektrum reicht von Gesundheits- und Hygieneprojekten über Alphabetisierungskampagnen bis hin zu Mikrokrediten. Die Initiativen zeigen, dass nachhaltige Unternehmensführung und soziale Verantwortung nicht allein den globalen Handelserfordernissen geschuldet sind. Sie haben in der indischen Arbeitswelt eine eigene kulturelle Ausprägung.
InWEnt unterstützt diese Bemühungen im Rahmen des von EU und BMZ finanzierten EU-India Networks on Sustainability Management (EINS). Ein Höhepunkt in diesem Jahr: Vertreter indischer Autozulieferer besuchten die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt (IAA). Die Firmenvertreter interessierte vor allem, wie soziale und umweltfreundliche Produktion bei gleichzeitiger Behauptung am Markt an hochindustrialisierten Standorten möglich ist. Außerdem auf dem Programm der Studienreise: Besuche bei Opel und Daimler-Chrysler sowie Institutionen und Verbänden der Automobilbranche.
EINS macht Klein- und mittelständische Firmen mit Instrumenten einer nachhaltigen Betriebsführung vertraut. Es verbindet Umwelt-, Qualitäts- und soziale Aspekte mit Fragen der Gesundheit und Arbeitssicherheit. InWEnt führt das Programm gemeinsam mit CII, Austria Recycling, der IHK-Gesellschaft zur Förderung der Außenwirtschaft und Unternehmensführung und Adelphi Research durch. Schwerpunkt sind Betriebe in Delhi und Chennai (dem früheren Madras). 213 Unternehmen und 65 Multiplikatoren haben bislang an den Trainings teilgenommen.
Parallel zur Einsicht in die Notwendigkeit nachhaltiger Produktion werden die damit verbundenen Chancen immer stärker wahrgenommen. Die Einführung von Managementsystemen wie ISO 14001 erfordert zwar Investitionen. Die Kosten lassen sich aber durch niedrigeren Ressourcenverbrauch, höhere Energieeffizienz und gesteigerter Produktivität der Beschäftigten dank besserer Arbeitsbedingungen wieder herausholen. Jamil Ashraf, Vizepräsident der Sandhar Locking Devices Ltd., berichtet, dass seine Firma aufgrund moderner Technik bis zu fünf Prozent der Energiekosten eingespart hat. Das habe ihm den Freiraum für weitere Investitionen verschafft.
Auch in Indien selbst nimmt inzwischen der gesellschaftliche Druck durch kritische Verbrauchervereinigungen wie die Consumer Unity and Trust Society (CUTS) aus Rajasthan auf Firmen mit fragwürdigen Geschäftsmethoden zu. Im Gefolge gesellschaftlicher Nachhaltigkeitsdebatten konsumiert die Mittelschicht zunehmend bewusster und kritischer. Der Ruf einer Firma wird so immer wichtiger.
Vorteil im globalen Wettbewerb
Das Verständnis von Nachhaltigkeit bei den vorausschauenden Unternehmen trägt nicht nur ökonomischen und ökologischen, sondern auch sozialen Aspekten Rechnung. Gepaart mit wirtschaftlichem Erfolg, zeigen ihre Beispiele, dass die Umsetzung entsprechender Strategien nicht zum Verlust von Wettbewerbsfähigkeit führen, sondern der entscheidende Vorteil im globalen Konkurrenzkampf sein können.
Häufig haben aber kleine und mittelständische Unternehmen Schwierigkeiten, Sozial- und Umweltanforderungen zu erfüllen. Ihnen fehlen oft die relevanten Informationen. Hinzu kommen allenfalls eingeschränkte Möglichkeiten, die eigene Produktionsweise an internationalen Umwelt- und Sozialstandards zu messen. Das hindert die Firmen, Kostenvorteile und Einsparmöglichkeiten wahrzunehmen, die mit entsprechenden Maßnahmen leicht zu erreichen wären.
EINS hilft diesen Informationsbedarf zu decken. Für den Leiter der Handels- und Finanzabteilung der EU-Vertretung in Neu-Delhi, Stefano Gatto, ist die Initiative ein gutes Beispiel dafür, wie sich die schwierige Frage von Standards und Normen im Welthandel in Einklang bringen lässt mit erweiterten Handelsbeziehungen zwischen Europa und Indien. Das EINS-Programm fördert den gegenseitigen Erfahrungsaustausch und vermittelt Expertenwissen. So hilft es mit, die Voraussetzungen für einen Handel zu legen, von dem beide Seiten gleichermaßen profitieren.
Berthold Hoffmann
ist Projektleiter bei InWEnt in der Abteilung Wirtschaftsförderung und Infrastruktur.
Er leitet die EU-Asien Projekte mit Schwerpunkt Handel sowie Umwelt- und Sozialstandards. berthold.hoffmann@inwent.org
Weblink:
Ergebnisse und Erfahrungen des Projektes sind unter
http://www.eu-india-automotive.net dokumentiert.
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