Beiträge aus der Rubrik
Medien


Unternehmen in der Weltpolitik

Die Welt vor dem Abgrund

Achieving food and nutrition security

Financial stability and growth in emerging economies

Debatte um Menschenrecht auf Wasser


11/2005
 

Entwicklungshilfe:
Persönliche Bilanz

Rainer Barthelt:
Die Welt vor dem Abgrund. Kriege, Armut, Hunger, Klimaänderung, Umweltzerstörung, Terrorismus, Drogen und Korruption. Was kann die Entwicklungshilfe leisten?
Düsseldorf, Droste 2005, 287 Seiten, 16,95 ¤, ISBN 3-7700-1185-6

„Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“, hatte die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ bereits 1995 in ihrem Zehn-Punkte-Programm gefordert. Doch die Mahnung, die Mentalität des „Immer-weiter-schneller-mehr“ zu ändern und einen „Perspektivenwechsel“ einzuleiten, scheint an der Wirklichkeit zu scheitern. Wie also umgehen mit den vielen Dilemmata unserer Welt?

Gesellschaftliche Veränderungen bedürfen der Reflexion, der Anstöße von Theoretikern, Praktikern und Querdenkern. Rainer Barthelt, viele Jahrzehnte im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) tätig, zuletzt als Beauftragter für Afrika südlich der Sahara, legt mit seinem Buch das vor, was der Schweizer Denker Hans A. Pestalozzi „positive Subversion“ nennt. Als Kenner und Mitgestalter dessen, was ursprünglich „Entwicklungshilfe“ hieß und heute „Entwicklungszusammenarbeit“ genannt wird, diskutiert der Autor die aktuellen Herausforderungen. Dabei gilt ihm makroökonomische Stabilität als unabdingbare Voraussetzung, um das nötige Wachstum zu erzielen. Das führe jedoch nicht automatisch zu Vorteilen für alle. Für Barthelt setzen hier die Aufgaben der Entwicklungszusammenarbeit an. Sie müsse sich um die Bedürfnisse der Menschen kümmern.

Zurückgreifend auf eigene Erfahrungen beschreibt Barthelt, wie bi- und multinationale Programme sich auf Entwicklungen in Staaten südlich der Sahara auswirkten, wie gut gemeinte Projekte kontraproduktive Folgen für eigenständige Initiativen vor Ort hatten, wie zögerlich ein zaghaftes Verständnis dafür einsetzt, dass es gilt, zunächst die in der Kolonialzeit zerstörten Entscheidungsstrukturen wieder herzustellen. Mit dem „Millenniums-Entwicklungspakt“ versuche die Menschheit nun zu erreichen, was bereits 1990 als „Herausforderung des Südens“ bezeichnet wurde: Beseitigung der extremen Armut und des Hungers, Grundschulbildung für alle, Senkung der Kindersterblichkeit; Bekämpfung der Infektionskrankheiten et cetera.

Diese Herausforderungen gehen alle an. Barthelt hätte sein Buch deshalb ebensogut „Globale Partnerschaft“ titulieren können. Er formuliert keine neuen, sensationellen Erkenntnisse über den Zustand unserer Welt. Stattdessen illustriert seine Tour d`horizon die Irrwege und Versäumnisse der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit des vergangenen Jahrhunderts und richtet den Blick auf neue Herausforderungen: Kyoto-Protokoll, Globalisierung, Terrorismus und dergleichen mehr. Barthelt mischt sich ein als Angehöriger des Nordens, der Eine-Welt- Politik über Jahrzehnte beruflich mitgestaltet hat. Seine Bestandsaufnahme kommt weder parteiisch noch blauäugig daher. Der skeptische Blick zurück wird von einem optimistischen Blick nach vorne ausbalanciert.

Jos Schnurer