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Ein neuer Maßstab für Wohlstand


11/2005
 

[ Ressourcenschutz ]

Weltbank: Wohlstand der Nationen neu bestimmen

Wenn ein Land seinen Regenwald abholzt, dann erhöht es damit sein Bruttoinlandsprodukt und nach dem heute gängigen Verständnis seinen Wohlstand. Das gilt unabhängig davon, ob es den Wald nachhaltig nutzt oder Kahlschlag betreibt. Das gängige Wohlstandsmaß ignoriert zudem, ob die Einnahmen, die aus dem Verbrauch natürlicher Ressourcen erzielt werden, in andere Vermögenswerte (wie Bildung) investiert oder einfach konsumiert werden. Auf dem UN-Weltgipfel im September hat die Weltbank einen neuen Maßstab für Wohlstand vorgestellt, der diesen zweiten Mangel behebt. Er bezieht im Gegensatz zum Bruttoinlandsprodukt nicht nur produziertes, sondern auch natürliches und immaterielles Kapital in die Berechnung des Wohlstands der Nationen ein.

Das Team um den Weltbank-Umweltökonomen Kirk Hamilton hat auf dieser Grundlage den Wohlstand von knapp 120 Ländern bewertet. Immaterielle Vermögenswerte – zum Beispiel die Qualität von Institutionen, Human- und Sozialkapital – haben fast überall den größten Anteil am Wohlstand. Anders als in Ländern mit hohem und mittlerem Einkommen ist in vielen Niedrigeinkommensländern der Anteil des natürlichen Kapitals – zum Beispiel von landwirtschaftlichen Flächen, Bodenrohstoffen und Wäldern – größer als der des produzierten Kapitals. Einige der natürlichen Vermögenswerte, wie Wälder, sind erneuerbar und können bei entsprechender Nutzung dauerhaft Erträge erwirtschaften. Manche, zum Beispiel Edelsteine, sind nicht erneuerbar – die Erträge aus ihrer Nutzung müssen in andere Vermögenswerte investiert werden, beispielsweise in Bildung und den Aufbau von Institutionen, um den Wohlstand einer Volkswirtschaft zumindest konstant zu halten.

Viele arme Länder verlieren trotz Wirtschaftswachstums an Wohlstand, weil sie diese Regel nicht beachten. Das Management natürlicher Ressourcen ist aus dieser Perspektive ein Schlüsselfaktor für Entwicklungsstrategien: Entwicklung wird zum Management des Vermögenswerte-Portfolios eines Landes. Botswana, Mauritius, Namibia, den Seychellen und Swasiland ist es mit Hilfe von gutem Ressourcenmanagement und solider makroökonomischer Politik gelungen, ihren Wohlstand pro Kopf zu erhöhen. Dagegen schneiden solche Länder schlecht ab, die einen Großteil ihrer Einnahmen mit dem Export von natürlichen Ressourcen erzielen, jedoch zu wenig in die Fertigkeiten ihrer Bevölkerung oder in effiziente Produktionsstrukturen investieren – Beispiele sind Nigeria, Algerien und Venezuela.

Die Weltbank geht davon aus, dass natürliche Ressourcen nur bis zu einem gewissen, nicht näher spezifizierten Grad ersetzbar sind. Dennoch basiert die Logik des Konzepts auf einem schwachen Leitbild für Nachhaltigkeit. Es „erlaubt“ letztlich die totale Ausbeutung erschöpfbarer Ressourcen, solange die Erträge in materielle und immaterielle Vermögenswerte investiert werden. Das umweltpolitische Vorsorgeprinzip dagegen („Wir wissen heute noch nicht, welche Folgen die Vernichtung natürlicher Ressourcen hat“) und die ethische Verantwortung der Menschheit für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen gebieten es, die Substitution natürlicher Ressourcen durch produzierte oder immaterielle Vermögenswerte von vornherein zu begrenzen. Bei natürlichen Ressourcen wie Wäldern, die der ganzen Menschheit dienen (Stabilisierung des Klimas), muss die Staatengemeinschaft zur Finanzierung des Erhalts beitragen.

Insgesamt jedoch ist das Wohlstandsmaß der Weltbank ein Fortschritt, weil es die Zerstörung der natürlichen Umwelt nicht länger per se als Wohlstandserhöhung verbucht. Nach dem neuen Konzept kann ein Land, das seinen Wald nicht nachhaltig nutzt, seinen Wohlstand nur dadurch erhöhen, dass es die Erträge spart und in andere Vermögenswerte investiert. Damit wird eine kurzfristige Wohlstandserhöhung zu Lasten zukünftiger Generationen unmöglich. Dieses Verständnis von Wohlstand, die erforderliche Quantifizierung aller Vermögenswerte und die darauf aufbauende umfassende ökonomische Analyse bieten eine gute Grundlage für politische Entscheidungen mit dem Ziel, den Weg einer nachhaltigen Entwicklung einzuschlagen.

Nina V. Michaelis


Im Internet:
http://www.worldbank.org/sustainabledevelopment