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Tribüne


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11/2005
 

[ Klimawandel ]

Unterschätzte Wälder

Afrika kann zum Abbau von Kohlendioxid-Emissionen beitragen. Gemäß dem Prinzip „Handel statt Hilfe“ sollten Emissionsguthaben aus nachhaltiger Forstwirtschaft und Landnutzung auf internationalen CO2-Märkten akzeptiert werden. Die EU sollte ihre Politik ändern.


[ Von Lidia Brito und Benoit Bosquet ]

Die internationale Klimadebatte gewinnt seit einiger Zeit an Schwung. Besonderes Augenmerk gilt den Folgen für Afrika. Es ist richtig, sich über diesen Kontinent Sorgen zu machen: Afrika ist bereits jetzt verletzbar und wird es noch stärker werden. Laut einer NEPAD-Studie zur Verbesserung der Ernährungssicherheit in Afrika (Study to Explore Further Options for Food-Security Reserve Systems in Africa) ist der Klimawandel eine Hauptursache für Nahrungsmittelknappheit.

Bislang hat sich die Debatte darüber, welche Maßnahmen ergriffen werden sollten, vor allem auf die Anpassung an den Klimawandel konzentriert. Das ist notwendig, weil der Klimawandel bereits in Gang ist und nicht ignoriert werden darf. Afrika ist heute schon häufiger als die meisten anderen Regionen der Welt Naturkatastrophen ausgesetzt; die humanitären und ökologischen Probleme, die sich daraus ergeben (bakterielle Erkrankungen, Ernteausfälle, Transformation von Ökosystemen), verschärfen sich.

Dennoch darf Anpassung an den Klimawandel nicht die einzige Antwort sein. Afrika kann – und sollte – auch zur Minderung des Klimawandels beitragen. Diesem Zweck dienen zum Beispiel Maßnahmen auf den Gebieten der Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft (land use, land-use changes and forestry, LULUCF). In der Landwirtschaft, der Waldbewirtschaftung und der Rehabilitierung von Wäldern sind nachhaltige Methoden erforderlich. Diese sollten verbreitet und unterstützt werden.

Das Thema lenkt die Aufmerksamkeit auf den engen Zusammenhang zwischen Umwelt, Entwicklung und Handelspolitik. Insbesondere die ländliche Bevölkerung in Afrika und anderen Weltregionen kann durch LULUCF-Maßnahmen zur CO2-Minderung beitragen. Solche Maßnahmen verbessern ihren Lebensunterhalt und mildern lokale Umweltprobleme. Gleichzeitig könnten Afrikaner Emmissionsguthaben erwirtschaften und sie international handeln. Die Vorteile wären eine höhere Nahrungsmittelproduktion, zusätzliches Geldeinkommen, Transfer von Wissen und langfristigem Kapital sowie Schutz der Artenvielfalt und die Sanierung von Böden. Weitere Vorteile für die Umwelt wären die Verbesserung des Mikroklimas, die Erhaltung hydrologischer Systeme und der Erhalt natürlicher Lebensräume.

Aus diesem Grund plädieren Experten dafür, sämtliche LULUCF-Maßnahmen, die den Klimawandel mindern, in Handelsregime wie den Clean Development Mechanism (CDM) des Kyoto-Protokolls zur UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) zu integrieren. Das wäre schon deshalb sinnvoll, weil solche UNFCCC-Projekte zugleich zur Erfüllung der UN-Konventionen über die biologische Vielfalt und zur Bekämpfung der Wüstenbildung beitrügen, die beide wesentlich schlechter finanziell ausgestattet sind.

Eine bessere Landnutzung verlangsamt den Klimawandel und dient zugleich der Anpassung an ihn. Projekte, die zum Kohlendioxidabbau beitragen, können gleichzeitig die Widerstandsfähigkeit von Bevölkerungsgruppen und Ökosystemen stärken. Es wäre zum Beispiel sinnvoll, Mangrovenwälder zu sanieren, die über Jahrzehnte durch zerstörerische Aquakulturvorhaben (vor allem große Shrimps-Farmen) dezimiert wurden. Die wiederhergestellten Mangroven würden auf der einen Seite große Mengen von Kohlendioxid aus der Atmosphäre absorbieren und Kohlenstoff in Biomasse und Böden speichern. Auf der anderen Seite würden natürliche Vegetationsbarrieren wiedererrichtet, die die Küstenlinien gegen das Meer festigen.


Chancen für Afrika

Die industrialisierte Welt muss Afrika die Chance geben, durch bessere Landnutzung und nachhaltige Forstwirtschaft zur Minderung des Klimawandels beizutragen. Der entstehende internationale Markt für den Emissionshandel bietet dazu eine nie da gewesene Möglichkeit. Europa, Japan und Kanada fahren bei ihren Bemühungen, dem Kyoto-Protokoll zu entsprechen, am besten damit, dass sie Emissionszertifikate von Afrika kaufen. Sie haben das Recht, Zertifikate aus neuen und zusätzlichen Waldprojekten zu erwerben und sie auf ihre Treibhausgasemissionen durch Industrie, Transport und Privathaushalte anzurechnen.

Der Clean Development Mechanism erlaubt es denjenigen industrialisierten Ländern, die sich zur Verminderung ihrer Treibhausgase verpflichtet haben (so genannten „Annex-I-Ländern“), Emissionsguthaben aus Wiederaufforstungsprojekten in Entwicklungsländern zu erwerben – und zwar bis zum Gegenwert von einem Prozent ihrer Treibhausgasemissionen im Jahre 1990. Das ist zwar nur ein Bruchteil dessen, was diese Länder zur Erfüllung der Kyoto-Ziele in der ersten Verpflichtungsperiode (2008–2012) leisten müssen. Doch die anrechenbaren Projekte könnten dabei helfen, die Forst- und Landnutzung in Afrika und anderen Weltregionen zu verbessern. Vor allem die Europäische Union sollte ihr Engagement für die Minderung des Klimawandels und die wirtschaftliche Entwicklung in Afrika demonstrieren und ihre Guthaben aus dem Clean Development Mechanism durch Wiederaufforstungsprojekte einlösen. Zusätzlich sollte die EU einige Regeln ihres internen CO2-Marktes – des EU-Emissionshandelssystems (EU ETS) – ändern.

Trotz ihrer klaren Vorteile für Klima, Umwelt und Soziales haben CO2-Guthaben aus CDM-Forstprojekten keinen Wert im EU-Emissionshandelssystem. So will es die so genannte Linking Directive der EU: Deren Zweck besteht zwar darin, das europäische System mit dem Handelsregime des Kyoto-Protokolls zu verbinden. Doch Guthaben aus Forstprojekten sind ausdrücklich ausgeschlossen. Umweltgruppen begrüßen das, weil sie fürchten, die Konzentration auf schnell wachsende Wälder könnte den Schutz von Primärwäldern untergraben und die Verbreitung von Monokulturwäldern fördern. Doch diese europäische Sicht der Dinge berücksichtigt weder die Bedürfnisse der Menschen in den Entwicklungsländern noch die Dringlichkeit, mit der gegen den Klimawandel vorgegangen werden muss.

Zwar dürfen europäische Regierungen zurzeit noch ihre Ein-Prozent-Quote durch Landnutzungsprojekte in Entwicklungsländern auffüllen, doch sie können diese Guthaben nicht innerhalb des EU-Emissionshandelssystems verwenden. Aus diesem Grund ist gegenwärtig kein europäisches Unternehmen daran interessiert, solche Guthaben zu erwerben. Die Nachfrage auf dem europäischen Markt beschränkt sich bislang auf Guthaben aus Infrastruktur- und Energieprojekten. Die 12 000 Wirtschaftseinrichtungen, die am 1. Januar 2005 im EU-System den Handel mit Emissionsrechten gestartet haben, wollen von Landnutzungsprojekten nichts wissen. In dieser Situation kann sich der Markt für CO2-Guthaben aus afrikanischen Forstprojekten nicht entwickeln, da er die Finanzierung durch den Privatsektor benötigt, um zu wachsen.

Das Emissionshandelssystem der EU schließt CO2-Guthaben aus der Forstwirtschaft mindestens noch bis zum Jahr 2008 aus. Die Frage, ob sie danach angerechnet werden dürfen, wird im Jahr 2006 erneut verhandelt. Die Europäische Kommission wird dem Europäischen Parlament und dem Ministerrat bis zum 30. Juni 2006 dazu einen Bericht vorlegen.

Europa und andere industrialisierte Länder haben im Rahmen der Doha-Handelsrunde grundsätzlich anerkannt, durch Subventionskürzungen für einheimische Produzenten und den Abbau von Zollbarrieren für Importe ihre Agrarmärkte zu liberalisieren. Doch mit Blick auf die CO2-Seite der Landwirtschaft hat Europa eine extrem protektionistische Position eingenommen. Das ist bedauerlich angesichts der Vorteile in Bezug auf Investitionen, Handel und Entwicklung, die Afrika dadurch vorenthalten werden.

Außer der Aufhebung oder zumindest Lockerung dieses Importverbots von CO2-Guthaben aus der Forstwirtschaft sind drei weitere Änderungen im internationalen CO2-Handel wünschenswert: die Lockerung der Ein-Prozent-Regel, der Verzicht auf die Vorschrift, dass Guthaben aus Projekten zur Änderung der Landnutzung nach 60 Jahren ersetzt werden müssen, und die Ausweitung der Kriterien für anrechenbare Projekte über den Bereich Wiederaufforstung hinaus. Beide Änderungen könnten ab 2012 für den CDM wirksam werden. Die erste Änderung würde es Annex-I-Ländern erlauben, in der zweiten Periode des Kyoto-Protokolls (2013-2017) einen größeren Teil ihrer zunehmenden Verpflichtungen durch Guthaben aus Forstprojekten in anderen Ländern abzudecken. Die zweite Änderung würde es ermöglichen, Guthaben aus aufgeforsteten Wäldern so lange immer wieder zu erneuern, wie die Wälder Bestand haben. Die dritte Änderung würde dazu führen, dass mehr Forst- und Landnutzungsprojekte zur Schaffung von CO2-Guthaben anerkannt werden. Das wäre angebracht, weil Aktivitäten wie Wiederbepflanzung, Wiederaufforstung, Forstkonservierung und verbessertes Agrarmanagement auch klimapolitisch sinnvoll sind.

Durch die Zustimmung zu diesen Änderungen könnten die industrialisierten Länder beweisen, dass sie bereit sind, die Marktkräfte im Kampf gegen den Klimawandel und zur Förderung eines nachhaltigeren Ressourcenmanagements zu nutzen. Schrecken sie jedoch davor zurück, dann kommt das einem Eingeständnis gleich, dass sie die Profite des entstehenden internationalen CO2-Marktes nicht teilen wollen. Eine solche Haltung würde zudem bedeuten, dass die reichen Länder sich offenbar keine anderen Wege zur Unterstützung Afrikas vorstellen können als die althergebrachte offizielle Entwicklungshilfe. Eine weitere Chance für „Handel statt Hilfe“ wäre verpasst.


Lidia Brito, PhD
ist Assistant Professor für Holzwirtschaft an der Eduardo Mondlane University in Maputo und frühere Ministerin für Hochschulbildung in Mosambik. lidia.brito@uem.mz

Benoit Bosquet, PhD
leitet den Prototype Carbon Fund
und den BioCarbon Fund der Weltbank
in Washington.
bbosquet@worldbank.org