Beiträge aus der Rubrik
Tribüne


Unterschätzte Wälder – arme Länder und Klimaschutz

Leiser Wandel – buddhistische Frauen in Kambodscha

Korruptionsbekämpfung – ein indonesisches Beispiel


11/2005
 

[ Gleichstellung der Geschlechter ]

Leise Veränderung

Die Association of Nuns and Lay Women of Cambodia (ANLWC) knüpft an buddhistische Traditionen an, um die Lebenssituation buddhistischer Frauen zu verbessern und häuslicher Gewalt vorzubeugen. In der kriegstraumatisierten Gesellschaft suchen viele Menschen Orientierung eher in den Klöstern als bei staatlichen Autoritäten. Die Arbeit der ANLWC eröffnet ihren Mitgliedern neue sozialarbeiterische Handlungsräume und verhilft den Frauen zu stärkerem Selbstbewusstsein.


[ Von Kristin Mundt ]

Donchee Ear Sokha ist Kummer gewöhnt. Die kambodschanische Nonne berät andere Menschen in Notlagen. Beispielsweise kümmert sie sich um eine junge Frau, die Hilfe sucht, weil ihr Mann sie im Alkoholrausch schlägt und missbraucht. Ear Sokha spricht ausführlich mit ihr. Dabei spielen Begriffe wie Recht und Schutzmöglichkeit eine Rolle, obwohl sie der Lebenserfahrung der Frau kaum entsprechen.

Ear Sokha besucht später auch die Familie in ihrem Dorf. Sie erkennt die bittere Armut und versteht die innere Scham und Hoffnungslosigkeit des Mannes. Sie erinnert ihn an die Werte und wechselseitigen Verpflichtungen einer buddhistischen Ehe und an die Gefahr, alles zu verlieren. Sie betont, wie viel positives Karma er ansammeln könnte, wäre er seiner Familie von Nutzen. Der junge Mann hört aufmerksam zu. „Auf Khmer wird Aussöhnung mit den Worten ,kar phsas phsa‘ ausgedrückt. Das bezieht sich auf ,Akt des Heilens‘ im Sinne von Herzenswandel, um durch Konflikte getrennte Menschen wieder zusammenzubringen“, erklärt Ear Sokha. Die buddhistische Methode sei durchdrungen von Toleranz und Mitgefühl und unterscheide nicht zwischen Opfer und Täter. Vielmehr setze sie auf „die friedliche innere Entwicklung jedes Individuums“.

Ear Sokha gehört der Association of Nuns and Lay Women of Cambodia (ANLWC) an. Die Organisation entstand 1995 im Anschluss an eine Konferenz, die die Heinrich-Böll-Stiftung organisiert hatte. Sie bot kambodschanischen Nonnen erstmals die Gelegenheit zur Aussprache. Seither bemüht sich die ANLWC unter anderem mit systematischer Ausbildung darum, den Status der Frauen zu verbessern.

Dass ANLWC-Mitglieder in Fällen häuslicher Gewalt schlichtend eingreifen, ist nicht ungewöhnlich. Häufig gelingt es, die körperliche und psychische Integrität der betroffenen Frauen und Familien wiederherzustellen. Sie sensibilisieren die Landbevölkerung auch dafür, Gewalt gegen Frauen als Körper- und Menschenrechtsverletzung wahrzunehmen.

In kambodschanischen Dörfern wird männliche Gewaltausübung nicht selten auf „weibliches Fehlverhalten“ zurückgeführt. Sie gilt als Privatsache. Schätzungen zufolge wird jede sechste Kambodschanerin von ihrem Mann missbraucht. Vier Fünftel suchen keine Hilfe – oder allenfalls bei vertrauten Menschen aus ihrem Umfeld. Zu Ärzten oder Ämtern gehen sie nicht. Letztere lehnen es ohnehin ab, in solche Auseinandersetzungen hineingezogen zu werden.

„Gerade wurde vom Parlament ein Gesetz zur Prävention von häuslicher Gewalt und zum Schutz der Opfer verabschiedet“, berichtetet ANLWC-Leiterin Peou Vanna. Das sei ein Fortschritt, gehe aber nicht an die Ursachen. „Es ist wichtig, die Wahrnehmung von Frauen und Männern und die ethischen Regeln des Zusammenlebens durch wahrhaftige buddhistische Praxis wieder zu beleben.“

Kambodscha leidet noch immer unter den Folgen des Pol-Pot-Regimes der 70er Jahre und des jahrzehntelangen Krieges und Bürgerkrieges. Beinahe alle gewachsenen gesellschaftlichen Strukturen wurden in dieser Zeit zerstört. Der Schatten des Unbewältigten liegt bis heute über der traumatisierten Gesellschaft. Hinzu kommt das Überstülpen fremder Systeme in den Jahren danach. Die großen ökonomischen und sozialen Veränderungen haben bei jung und alt unterschiedliche Wahrnehmungs- und Deutungsmuster zurückgelassen.

Wirtschaftsliberalisierung und Privatisierung gingen einher mit der Ausplünderung von Naturressourcen. Es gab keine Kontrollmechanismen für die Einhaltung von Rechtsnormen. Trotz – oder vielleicht sogar wegen – der erheblichen Finanztransfers durch die Gebergemeinschaft sind Armut und Ungleichheit gewachsen. Das wird deutlich in einer kritischen Selbstreflexion der Weltbank vom November 2004.

Ohne grundlegende Governance-Reformen zur Eindämmung von Korruption und Intransparenz wird diese defekte Demokratie die Armut nicht mindern können. Aber selbst wenn Reformen greifen sollten, würde es noch lange dauern, bis sich die Lebenssituation in abgelegenen kambodschanischen Agrarregionen spürbar bessern würde. Deshalb kommt es darauf an, traditionelle Institutionen konstruktiv wieder zu beleben. In der Tat suchen viele Menschen Orientierung eher aus den Klöstern („Wats“) als von staatlichen Autoritäten.


Leben als Donchee

Das bietet den „Donchees“ genannten Nonnen eine Basis im Kampf gegen Armut, soziale Verwerfungen, Gewaltkultur und geringe Bildung. Traditionell entscheiden sich Frauen in Kambodscha zu einem Leben als Donchee, sobald sie ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter erfüllt haben. Viele von ihnen sind alleinstehend oder Witwen, die aufgrund dieser Situation im Alter nur noch selten in funktionierende soziale Strukturen eingebunden sind. Sie sind normalerweise über 50 Jahre alt und wählen für ihren letzten Lebensabschnitt eine der buddhistischen Praxis verpflichtete Lebensweise, in der sie sich auf den Tod vorbereiten und ihre Gemeinde unterstützen.

Für kambodschanische Donchees gelten bestimmte Selbstverpflichtungen. Sie rasieren ihr Haar und ihre Augenbrauen und kleiden sich mit einer weißen Robe oder einem schwarzen Rock mit weißer Bluse. Einige von ihnen leben in den Wats, und andere, unterstützt von ihren Familien, daheim. Ihr Alltag ist traditionell von Härten und Entbehrungen geprägt. Ihr Bildungsstand ist gering. Doch sie gelten – nicht zuletzt nach den Jahren des Krieges – als moralisch gefestigt, dynamisch und frei von Angst.

Nonnen werden in Kambodscha traditionell nicht wie Mönche ordiniert. Ihr geringerer Status äußert sich unter anderem in geringerer Bildung und geringeren Chancen für materielles Wohlergehen. „Die ANLWC fördert die Rechte der Nonnen und Laienfrauen. Wir ermutigen sie, ihre marginalisierte Position zu verändern und selbstbewusst eine aktive Rolle in der Gesellschaft zu spielen“, berichtet Kim Souv, eine Koordinatorin der Organisation. Das gelte besonders in entlegenen Gegenden.

Das Netzwerk der ANLWC erreicht inzwischen rund 16 400 Mitglieder und hilft, Ressourcen und Informationen solidarisch zu nutzen. Das Ziel ist, den Frauen mittels fundierter Ausbildung in der buddhistischen Lehre und der Sozialarbeit die Möglichkeit zu geben, ihr spirituelles und humanitäres Potenzial voll zu entwickeln. Die Ausbildung schließt moderne Ansätze zu Konfliktlösung, Friedensarbeit, Menschen- und Frauenrechte sowie Trauma-Therapie und Rechtsberatung ein. Vermittelt werden auch Kenntnisse über die Ursachen und Hintergründe von familiärer Gewalt, Menschenhandel und Prostitution sowie HIV. Das Training ist so gestaltet, dass die Frauen ihr Wissen auch an andere weitergeben können.

Die neuen Tätigkeitsfelder stellen die Geschlechterverhältnisse sowohl von außen als auch – durch die Stärkung der Wirkungskreise und Professionalisierung – von innen in Frage, ohne sie jedoch aggressiv zu bedrohen. Einige Frauen berichten, dass sie inzwischen von Gemeindemitgliedern in Form von Lebensmittel- und Geldspenden unterstützt werden, was in Verbindung mit dem Karma-Prinzip bisher ausschließliches Privileg der Männer war.

„Trotz einiger bemerkenswerter Veränderungen machen wir bislang nur erste Schritte auf dem langen Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit“, sagt Peou Vanna. Sie hofft auf die junge Generation und auf die Zusammenarbeit mit international agierenden buddhistischen Organisationen anderer Länder. Eine Zukunftsvision wäre, kambodschanische Donchees zu ordinieren, wie das in den buddhistischen Traditionen von Taiwan oder Korea üblich ist.

Im Februar 2003 wurde das Projekt „Promoting Girls in Education and Morality“ im Wat-Kosh-Trainingszentrum ins Leben gerufen, um den nun dort mit den Nonnen zusammenlebenden 18 Mädchen aus armen Familienverhältnissen eine kombinierte säkulare und buddhistische Ausbildung zu ermöglichen. Signifikant ist die dabei gegebene Zukunftsperspektive für die begabtesten unter ihnen. Momentan studieren vier dieser Mädchen an der Fo Guang Shan University in Taiwan, um dort in vier Jahren mit einem Bachelor of Buddhism and Science abzuschließen.


Kristin Mundt
hat drei Monate für die Heinrich-Böll-Stiftung bei der Association of Nuns and Lay Women of Cambodia (ANLWC) mitgearbeitet. Sie studiert Kultur- und Religionswissenschaft in Leipzig.
terakasih@web.de



Literatur:
Weltbank, 2004: „Cambodia at the Crossroads: Strengthening Accountability to Reduce Poverty“, Washington, D.C.