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Islamkonferenz: Jenseits der Moschee
 11/2006
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Jenseits der Moschee
Ende September veranstaltete das Bundesinnenministerium den Auftakt einer auf zwei bis drei Jahre angelegten Islamkonferenz. Gesucht wird ein tragfähiger Konsens für das Zusammenleben von Minderheit und Mehrheit. Dabei geht es um mehr als bloß einen symbolischen Schritt.
[ Von Canan Topçu ]
Im Vorfeld der Auftaktsitzung übten islamische Organisationen Kritik, weil Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) nicht nur die fünf großen muslimischen Dachverbände in Deutschland eingeladen hatte. Auf der Gästeliste standen auch die Namen von Einzelpersonen etwa der beiden traditionskritischen Frauen Necla Kelek und Seyran Ates. Trotz Vorbehalten nahmen dann aber doch alle Verbände am Treffen teil. Sie wollten mögliche Chancen der Einflussnahme nicht verpassen.
Fest steht: Ohne den Vorstoß Schäubles hätten sie sich nicht an einem Tisch versammelt geschweige denn mit ihren Kritikern. Die muslimischen Verbände konkurrieren miteinander. Schließlich gibt es den Islam nicht; die Religion wird weltweit recht unterschiedlich ausgelegt und gelebt. Das ist auch in Deutschland so. Von geschätzt etwa 3,2 Millionen Menschen mit muslimischer Prägung in Deutschland gehören denn auch nur etwa 15 Prozent den Verbänden an.
Wenn sich muslimische Gruppen hier zu Lande Gehör verschaffen wollen, müssen sie sich auf gemeinsame Vorstellungen einigen. Das ist in Jahrzehnten der Zuwanderung nicht gelungen. Allein aus diesem Grund ist Schäubles Initiative begrüßenswert. Positiv ist zudem, dass die Verbände diese erste Gelegenheit, mit einer Stimme zu sprechen, konstruktiv nutzten. Sie erklärten, die Freiheit der Kunst dürfe nicht angetastet werden. Es sei falsch gewesen, das Mozart-Werk Idomeneo vom Spielplan der Berliner Oper zu nehmen. Die Inszenierung war abgesetzt worden, weil die Intendantin fürchtete, eine Szene könne als islamfeindlich interpretiert werden und Anlass zu Gewalt bilden.
Zu Recht sind an der Islamkonferenz auch weltliche Muslime sowie Islamkritiker beteiligt. Die Dachverbände tun zwar gern so, als sprächen sie für die Muslime in Deutschland, aber das stimmt nicht. Die meisten Muslime in Deutschland haben mit organisierter Religion nichts am Hut. Sie besuchen keine Moscheen, ihr Glauben fällt kaum auf und ist keineswegs konfliktträchtig.
Probleme gibt es dagegen mit der strenggläubig-traditionellen Minderheit. Manche Familien, die schon in dritter Generation hier leben, klammern sich an die vermeintlichen Regeln ihrer Religion und grenzen sich vom deutschen Alltag ab. Viele Verbandsvertreter orientieren sich ähnlich an den Traditionen der Herkunftsländer. Sie haben sich bislang dafür engagiert, dass Mädchen vom koedukativen Schulsport freigestellt werden und nicht an Schwimmunterricht oder Klassenfahrten teilnehmen müssen.
Die deutsche Politik hat endlich begriffen, dass sie diese Menschen nicht einfach zur Integration auffordern und ansonsten allein lassen kann. Wer keinen Islamunterricht in Hinterhofmoscheen möchte, muss für Lehrangebote in der regulären Schule sorgen. Bisher scheitert derlei aber daran, dass der Staat keine Ansprechpartner nach dem Beispiel der Kirchen findet. Die rechtliche Stellung der Religionsgemeinschaft Islam muss geklärt werden.
Nun hofft jeder Verband, er werde sich durchsetzen und einer Kirche gleichgestellt. Die Bundesregierung dagegen strebt einen breit angelegten Konsens über die Einhaltung gesellschafts- und religionspolitischer Grundsätze an. Diese Zielsetzung ist ihrerseits fragwürdig. Denn die große Mehrheit der Muslime hält sich schon längst an die politischen und gesellschaftlichen Regeln dieses Landes. Von der orthodoxen Minderheit sind dagegen allenfalls Lippenbekenntnisse zu erwarten. Menschen ändern nicht mir nichts, dir nichts ihren Wertekanon, nur weil ein Minister zur Konferenz einlädt. Es muss also noch viel passieren, damit die Islamkonferenz über den Austausch von Selbstverständlichkeiten hinauskommt.
In der Türkei gilt all dies übrigens als innerdeutsche Angelegenheit. Die Medien haben über den Start der Islamkonferenz berichtet, ihn aber nicht weiter kommentiert. Wenn sie in der Bundesrepublik Fehlentwicklungen wittern, schlagen sie normalerweise Alarm. Rund 1,8 Millionen Muslime in Deutschland haben einen türkischen Hintergrund.
Canan Topçu
ist Redakteurin der Frankfurter Rundschau.
c.topcu@fr-aktuell.de
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