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InWEnt fördert Zusammenarbeit zwischen Städten

Soziale Sicherung in Vietnam


11/2006
 

„Wir schließen Gräben
zwischen Forschung und Praxis“


In den vergangenen Jahren wurden Städte als Akteure der internationalen Kooperation neu entdeckt. Fortschritt auf wichtigen Feldern hängt von kommunalen Lösungen ab. Verwaltungsreformen, Demokratieförderung, nachhaltige Abfallwirtschaft – all das fängt auf der örtlichen Ebene an. Deshalb ist der Austausch zwischen lokalpolitisch Aktiven aus verschiedenen Ländern unverzichtbar, sagt der Leiter der InWEnt-Servicestelle Kommunen in der Einen Welt, Ulrich Nitschke.


[ Interview mit Ulrich Nitschke ]

Was verstehen Sie unter einer „Ankerstadt“?
Ankerstädte sind schnell wachsende Städte mit vielen Einwohnern. Gute Beispiele sind Guangzhou im chinesischen Perlflussdelta oder Pune in der Nähe von Mumbai in Indien. Beide haben laut offiziellen und einigermaßen zuverlässigen Daten heute zwischen vier und sechs Millionen Einwohner. Den vorherrschenden Trends zufolge werden sie aber ihre Bevölkerungszahl in den nächsten zehn Jahren verdoppeln. Wir halten diese Städte entwicklungspolitisch für besonders richtungweisend. Die Weichen für ihr nachhaltiges Wachstum müssen jetzt richtig gestellt werden, denn Megastädte mit mehr als zehn oder zwölf Millionen Menschen sind kaum noch steuerbar.

Was folgt daraus?
Wir müssen mit allen wesentlichen Entscheidungsträgern in solchen Agglomerationen in Dialog treten und Verständnis für Konzepte nachhaltiger Stadtentwicklung schaffen. In Pune und Guangzhou arbeitet unser Konsortium, das im Kontext eines Großvorhabens des Bundesministeriums für Forschung und Wissenschaft entstanden ist und in dem unter anderen die Universität zu Köln und die Freie Universität Berlin mitmachen, deshalb auf den Feldern Wasser und Gesundheit. Beides hat viel miteinander zu tun, sicheres Trinkwasser ist wichtig, zuverlässiges Abwassermanagement auch.

Sprechen Sie nur mit Funktionären aus dem Staatsapparat und Managern der formell verfassten Privatwirtschaft, oder kommen Sie auch an informelle Strukturen heran?
Wir legen besonderen Wert auf Kooperation mit Universitäten, Schulen, Nichtregierungsorganisationen und kommunalen Entscheidern aus Politik und Verwaltung. Wir arbeiten mit Wettbewerben, Fragebogenaktionen und anderen kleinen Maßnahmen, um breites Interesse an der Problematik und Verständnis für mögliche Lösungen zu wecken. Dass deutsche Studenten in den beiden Projektstädten vor Ort mitarbeiten, hilft Kontakte zu kommunalen Entscheidern sowie zu Menschen vor Ort zu knüpfen, und verschafft uns so auch eine breite Öffentlichkeit.

Aber deutsche Städte wachsen doch kaum noch. Obendrein ist selbst Berlin, unsere größte Stadt, mit 3,5 Millionen Menschen im internationalen Maßstab relativ klein. Megastädte haben – je nach Definition – mindestens acht, zehn oder sogar zwölf Millionen Einwohner. Lassen sich hiesige Erfahrungen wirklich übertragen?
Selbstverständlich ist die langfristige Urbanisierung, wie sie etwa im Ruhrgebiet in 100 Jahren stattgefunden hat, nicht vergleichbar mit dem Wachstum heutiger Ankerstädte. Das heißt aber nicht, dass aus deutschen Erfahrungen nichts zu lernen wäre. Wie an Rhein und Ruhr aus Industriebrachen mit öffentlicher Förderung attraktive soziokulturelle Zentren gemacht wurden, ist auch für Pune oder Guangzhou relevant.

Gilt das nicht eher für Megastädte? In Mumbai wurde in den vergangenen Jahren über die Zukunft alter, längst nicht mehr rentabler Textilfabriken gestritten.
Wenn InWEnt dort mit Rat und Tat helfen kann, tun wir das natürlich gern. Aber auch in den genannten Ankerstädten gibt es Brachflächen neben modernen Hochhäusern. Die Brüche sind vielfach brutal. Uns geht es darum, rechtzeitig für ausreichende Grünflächen zu sorgen, rechtzeitig leistungsfähige Infrastrukturen anzulegen, rechtzeitig die Grundlagen für ein lebendiges Kulturangebot zu schaffen. Wenn all das jetzt unterbleibt, wird dort menschenwürdiges Dasein in Zukunft kaum möglich sein.

Sind bereits bestehende Megastädte für Ihre Arbeit überhaupt relevant?
Selbstverständlich sind sie das. Pune und Guangzhou sind gar nicht denkbar ohne die Ballungsräume, in denen sie wuchern, also dem Mumbai-Pune-Korridor einerseits und dem Perlflussdelta andererseits. Die Verbindung zu diesen Zentren prägen beide Städte. Andererseits kooperieren wir aber auch mit Wissenschaftlern, die solche Urbanisierungsprozesse seit 20 und mehr Jahren verfolgen. Es ist erstaunlich, was deutsche Hochschulen in Sachen Urbanisierungsforschung vorweisen können. Sie geben international den Ton an. Wir bekommen fachlichen Input aus den großen Metropolen. Unsere Servicestelle Kommunen in der Einen Welt organisiert kontinuierlich einen Policy-Dialog mit vielen Partnern dort. Wir arbeiten daran, die Gräben zwischen Forschung und politischer Praxis nach und nach zu schließen. Und wo wir mit konkreter Beratung und Qualifizierung helfen können, sind wir dazu natürlich gern bereit.

Wird das das Thema der 10. Bundeskonferenz der Kommunen und Initiativen Ende dieses Monats in Hamburg sein?
Das steht auch auf dem Programm. Ich finde es aber fast wichtiger, dass wir in den vergangenen Jahren im Zuge der Globalisierung eine Renaissance kommunaler Politik erleben. Wichtige Zukunftsthemen – jenseits von technischer oder finanzieller Zusammenarbeit – hängen von kommunalen Lösungen ab. Verwaltungsreformen, Demokratieförderung, nachhaltige Abfallwirtschaft – all das fängt auf der örtlichen Ebene an und der Austausch zwischen lokalpolitisch Aktiven aus verschiedenen Ländern ist unverzichtbar. Auch die vielbeschworenen Millenniumsentwicklungsziele werden nur erreicht, wenn in den Kommunen entsprechend gehandelt wird. Dafür ist Erfahrungsaustausch wichtig.

Aber die Lebenswirklichkeit ist doch in reichen und armen Ländern völlig unterschiedlich.
Dennoch gibt es erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Wir wissen, dass drei Viertel der deutschen Kommunen sich in der sogenannten Haushaltssicherung befinden. Sie sind hoch verschuldet und müssen sparen, wie das viele Länder der sogenannten Dritten Welt in den 80er und 90er Jahren mussten. Haushaltssicherung bedeutet, dass jeder Euro, der irgendwo zur Verfügung steht, für Zinsen und Tilgung draufgeht und nicht in neue Entwicklungsaufgaben gesteckt werden kann. In dieser Notlage sind Einsichten aus armen Ländern wertvoll – etwa die Arbeit mit transparenten Bürgerhaushalten, ein Konzept das aus der brasilianischen Stadt Porto Alegre stammt. Eine deutsche Stärke ist andererseits sicherlich, solche schmerzhaften Prozesse unter demokratischen Bedingungen zu vollziehen. Ein anderes Beispiel: In sehr vielen Ländern müssen kommunale Instanzen mit Zuwanderung zurecht kommen, ob aus dem Ausland oder aus dem agrarischen Hinterland, was kulturell ähnlich harte Brüche mit sich bringt. Alle Partner können voneinander lernen. Grundsätzlich gesprochen ist dies die Ebene, auf der es unmittelbar soziale, ökologische, politische und wirtschaftliche Gestaltungsspielräume gibt, die bisher nicht entdeckt sind.

Das klingt recht abstrakt, nennen Sie doch bitte ein Beispiel.
Ich erinnere immer gern an die Partnerschaft Aachen-Kapstadt, bei der es um nachhaltige Entwicklung geht. Ende der 90er reisten Delegationen zwischen beiden Städten hin und her. Das waren Leute, die mit Abfall- und Umweltmanagement zu tun hatten. Die Aachener waren in Kapstadt darüber erstaunt, wie viel Abfall recycelt wurde und wie viele Menschen damit ihr Geld verdienten. Ein konkretes Ergebnis war die Einrichtung einer Recyclingbörse für Elektroschrott im Rheinland. Andererseits war das Aachener Know-how etwa über Kompostierung in Südafrika nützlich. Das wurde in Khayelitsha, dem größten Township mit 600 000 Menschen, angewandt. Das ist ein Knowhow-Transfer auf Augenhöhe, bei dem die Partner wirklich voneinander lernen und wir wegkommen von diesen klassischen Geber-Nehmer-Rollen.

Die Fragen stellte Hans Dembowski.



Ulrich Nitschke
arbeitet als Abteilungsleiter bei InWEnt. Er ist zuständig für entwicklungsbezogene Bildung sowie Leiter der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt. ulrich.nitschke@inwent.org
http://www.service-eine-welt.de