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Asien: Gefährliche Abhängigkeit vom Öl

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11/2006
 

Asien: Gefährliche
Abhängigkeit vom Öl

Xuewu Gu und Kristin Kupfer (Hg.):
Die Energiepolitik Ostasiens – Bedarf, Ressourcen und Konflikte in globaler Perspektive.
Campus Verlag, Frankfurt/New York 2006, 215 S., 29,90 Euro, ISBN 3-593-3791-6

Worldwatch Institute (Hg.):
Zur Lage der Welt 2006. China, Indien und unsere gemeinsame Zukunft. Verlag Westfälisches Dampfboot
(in Zusammenarbeit mit der
Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch),
Münster 2006, 319 S.,
19,90 Euro, ISBN 3-89691-628-9

Die Sicherheit der Energieversorgung ist für jedes Land von zentraler Bedeutung. Dies gilt nicht zuletzt für die energiehungrigen und sich schnell entwickelnden Volkswirtschaften Ostasiens. Die neun Autoren des von Gu und Kupfer herausgegebenen Sammelbandes untersuchen die Energiepolitik dieser Länder und ihre Rahmenbedingungen.

Sie kommen unter anderem zu dem Schluss, dass die verfügbaren fossilen Energiereserven (Erdöl, Erdgas und Kohle) den weltweiten Bedarf noch bis mindestens 2030 decken. Fraglich ist jedoch, wie sozial und ökologisch nachhaltig das Energiesystem ist. Vor allem Erdöl wird in Ostasien, wo das Verkehrsaufkommen ständig wächst, immer knapper. Das gilt auch für China, das zwar über nennenswerte eigene Öl- und Gasvorkommen verfügt, aber einen immer höheren Anteil des benötigten Öls importieren muss. In den anderen Ländern Ostasiens ist Öl seit langem ein Importgut.

Der wachsende Ölbedarf kann nur aus einer kleinen Zahl von Ländern mit großen Reserven gedeckt werden – vor allem aus dem Nahen und Mittleren Osten sowie Russland. Etwa 70 Prozent der nachgewiesenen Ölreserven liegen in den politisch instabilen Regionen des Persischen Golfes und des Kaspischen Meeres. Dort leiden selbst relativ stabile Staaten wie Saudi-Arabien an mangelnder innenpolitischer Legitimität. Für Ostasien, so die Autoren, sei es deshalb strategisch notwendig, ihre Energieimporte auch aus anderen Ländern zu beziehen.

Zudem werden etwa 60 Prozent des weltweit geförderten Öls mit Tankern oder durch transnationale Pipelines an seine Bestimmungsorte gebracht. Das Buch weist darauf hin, dass in den letzten Jahren Terroranschläge auf diese strategisch wichtigen Transportmittel zugenommen haben. Die Sicherung der Pipelines und Meerengen ist auch in Ostasien eine zunehmend wichtige militärische Aufgabe.

Auch Konflikte auf Grund der wachsenden Konkurrenz um Energieressourcen und Versorgungslinien sind laut dem Buch zu befürchten. Dies zeigten etwa die Bürgerkriege im Sudan und in Tschetschenien, die Kriege im Nahen und Mittleren Osten, aber auch der schwelende Konflikt um die Spratly-Inseln im Südchinesischen Meer und der Atomstreit mit Nordkorea (wegen seiner Bedeutung für die Nutzung der Kernenergie).

Natürlich schadet der Energieverbrauch in Ostasien der Umwelt (saurer Regen, globaler Klimawandel et cetera). China ist heute bereits der zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen. Vor allem mit Blick auf lokal und regional wirkende Schadstoffe wie Schwefeldioxyd bescheinigen die Autoren der Volksrepublik Erfolge bei der Verminderung von Emissionen.

Auch der Bericht über die Lage der Welt 2006 behandelt die Folgen des Wachstums in Asien für globale Umweltgüter. Dass er mit Vorworten des früheren chinesischen Umweltministers Xie Zhenhua und der Direktorin des Zentrums für Wissenschaft und Umwelt in Indien, Sunita Narain, beginnt, zeigt bereits die steigende Verantwortung der beiden aufstrebenden Wirtschaftsnationen für globale Umweltfragen.

Dem Buch zufolge müssen erschöpfliche fossile Kraftstoffe durch erneuerbare Energieträger ersetzt werden – etwa durch Windenergie oder durch Biokraftstoff aus Raps und anderen Ölsaaten. Hier jedoch setzen die Autoren das Potenzial möglicherweise zu hoch an. Der Energieertrag aus Raps ist relativ gering; große Flächen müssten bebaut werden, die derzeit noch für den (in den USA und der Europäischen Union zum Teil stark subventionierten) Anbau von Lebensmitteln genutzt werden. In China ist die Erzeugung von Biokraftstoff derzeit nicht sinnvoll, da die knappe landwirtschaftliche Nutzfläche dringend für die Ernährung der Bevölkerung benötigt wird.

Der Bericht sieht für die Zukunft auch die Gefahr von Kriegen um einen anderen Rohstoff: Wasser. Derzeit werden immer mehr Süßwasserökosysteme einem umweltschädlichen Wirtschaftswachstum geopfert. Wenn 6,4 Milliarden Menschen ihren steigenden Wasserbedarf befriedigen wollen, dann müssen dem Bericht zufolge neue Ansätze verfolgt werden. So müsse die Wasserverschmutzung durch industrielle Abwässer und durch die übermäßige Nutzung von Dünge- und Schädlingsbekämpfungsmitteln in der Landwirtschaft verringert werden. Dies gilt gerade auch für den Westen Chinas, wo der Wassermangel sich auf Grund von Klimaänderungen weiter verschärfen wird.

Beide Bücher ergänzen sich: Das Buch von Gu und Kupfer nimmt eher eine wissenschaftlich-objektive Position ein, der Bericht über die Lage der Welt ist stärker weltanschaulich geprägt und deutlich pessimistischer. Doch sind beide Bücher sehr zu empfehlen. Andreas Oberheitmann