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Private Krankenversicherung in Abu Dhabi


11/2006
 

Interview mit Peter Choueiri

„Wir wollen die Gesundheitsversorgung verbessern“

Als erster Golfstaat hat Abu Dhabi dieses Jahr eine teilprivatisierte Krankenversicherung eingeführt. Das neue Unternehmen Daman versichert zunächst den Großteil aller Ausländer, die in dem Emirat arbeiten – rund 80 Prozent der Bevölkerung. Die Münchener Rück bekam den Zuschlag, Daman aufzubauen. Peter Choueiri, Leiter des Geschäftsbereichs Gesundheit in der Münchener Rück, erläutert das Konzept und erklärt, welche Hürden zu überwinden waren.

Herr Choueiri, was hat die Regierung von Abu Dhabi dazu bewogen, eine Krankenversicherung einzuführen?
Sie hatte zwei wesentliche Gründe: Zum einen will sie Kosten einsparen. Bis zum Aufbau von Daman hat die Regierung die Krankenversorgung sowohl für die Bürger des Emirats als auch für Arbeitskräfte aus dem Ausland, die Expats, finanziert. Mit Daman wird die Finanzierung teilprivatisiert, indem die Versorgung der Expats den Arbeitgebern übertragen wird. Zum anderen – und das ist für uns und die Regierung von Abu Dhabi die wichtigere Dimension – soll der Systemwechsel die Qualität der Krankenversorgung verbessern.

Was macht den Auftrag für die Münchener Rück interessant?
Die Münchener Rück ist bereits seit 20 Jahren auf Krankenversicherungen spezialisiert. Mit der integrierten Gesundheitsmarktstrategie unserer Gruppe gehen wir dabei über die normale Gedankenwelt eines Rückversicherers hinaus und versetzen uns in die Lage von Krankenerstversicherern. Im Nahen Osten sind wir seit etwa 15 Jahren im Krankenversicherungsgeschäft. Den Auftrag aus Abu Dhabi, eine Erstversicherung aufzubauen, sehen wir als Möglichkeit, das Gesundheitswesen dort mitzugestalten und sicherzustellen, dass die Versicherungsnehmer gute Qualität bekommen.

Wer ist dort bisher für die Gesundheitsversorgung aufgekommen?
Es gab bisher eine so genannte Gesundheitskarte, die dem Inhaber umfassende Versorgung gewährleistete. Für viele Behandlungen musste jedoch aus der eigenen Tasche zugezahlt werden, und Medikamente als Teil der ambulanten Behandlung waren nicht gedeckt. Die Karte kostete umgerechnet ungefähr 130 Euro, was bei weitem nicht kostendeckend war. Die Expats mussten die Karte selbst bezahlen und bei der Visa-Erneuerung vorlegen. Für die Einheimischen war und ist die Gesundheitsversorgung in staatlichen Einrichtungen kostenlos. Behandlungen in privaten Einrichtungen müssen jedoch aus der eigenen Tasche bezahlt werden.

Und die Kosten für die Expats tragen jetzt vollständig die Arbeitgeber?
Daman bietet zwei Produkte an: Das eine ist eine Basisversorgung, die normale Arztbesuche und stationäre Aufenthalte in staatlichen Krankenhäusern abdeckt. Dieses Produkt ist für alle Expats gedacht, die umgerechnet weniger als 900 Euro im Monat verdienen – und das gilt für ungefähr 75 Prozent von ihnen. Die Versicherungsprämie von knapp 150 Euro wird vom Arbeitgeber getragen. Diese Prämie ist nicht kostendeckend und wird deshalb vom Staat subventioniert. Die anderen Produkte für die übrigen Expats, die über der Einkommensgrenze von 900 Euro liegen, sind eine umfassendere Versicherung, die höherwertige Versorgung auch in Privatkliniken und teils im Ausland gewährleistet. Die Kosten dafür entfallen vollständig auf die Arbeitgeber. Das heißt also, dass die Versicherungsprämie für diese Produkte so hoch sein muss, dass sie die tatächlich anfallenden Kosten abdeckt.

Gab es dagegen denn keine Einwände seitens der Arbeitgeber?
Die meisten akzeptieren die neue Regelung. Einwände kamen bisher lediglich aus der Baubranche. Dort sind vor allem Arbeiter im Niedriglohnbereich beschäftigt, und die Arbeitgeber sind daher nicht glücklich über die zusätzlichen Sozialkosten. Es war allerdings eine wesentliche Absicht der Regierung, gerade die Situation der Niedriglohnarbeiter zu verbessern.

Welche Hürden waren bei der Einführung von Daman zu überwinden?
Eine Herausforderung für uns war, dass die Regierung die Privatisierung der Krankenversicherung möglichst schnell verwirklichen wollte, nachdem sie im letzten Jahr das entsprechende Gesetz erlassen hatte – nicht zuletzt weil man sich in Abu Dhabi ja im Wettbewerb zu Nachbarn wie Dubai oder Saudi-Arabien sieht. Die Versicherungsgesellschaft musste deshalb in nur wenigen Monaten aus dem Boden gestampft werden. Wir haben im letzten Jahr mit 13 Projektmitarbeitern angefangen, derzeit sind es 250, am Jahresende soll Daman 350 Mitarbeiter stark sein. Es war ein enormer Aufwand, ausreichend qualifizierte Leute zu finden, zu schulen und einzuarbeiten. Ein anderes Problem war, dass die staatlichen Krankenhäuser bislang nie Rechnungen ausstellen mussten. Die Kliniken mussten erst dazu befähigt werden, ihre Leistungen zu codieren und entsprechend abzurechnen.

Eine der größten Hürden bestand darin, dass Versicherungen in islamischen Ländern keineswegs üblich sind. Zwischenzeitlich war erwogen worden, Daman am islamischen Takaful-Konzept zu orientieren, das den Genossenschaften in westlichen Ländern entspricht. Die Idee wurde aber wieder verworfen, da die Versicherung zunächst ja nur für die Expats gilt. Für die geplante Ausdehnung auf die Einheimischen erwarten wir, dass die Kosten für die Krankenversorgung weiterhin von der Regierung getragen werden und Daman voraussichtlich das Management übernimmt. Die Regierung verspricht sich davon mehr Effizienz, höhere Qualität und eine Reduzierung der Kosten. Eine Arbeitsgruppe berät zurzeit aber noch darüber, welche Lösung für die Einheimischen am besten ist.

Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.



Peter Choueiri
leitet den Geschäftsbereich Gesundheit in der Münchener Rück.
pchoueiri@munichre.com