| |
Beiträge aus der Rubrik Tribüne
Chinas bilaterale Handelspolitik
Probleme mit Partizipation
Darfur: Hintergründe des Konflikts
Côte d'Ivoire: Fatale Landreform
 11/2006
|
|
[ Dafur-Konflikt ]
Lokale Ursachen, globale Folgen
Der Konflikt in Darfur ist vielschichtig, verschiedene Faktoren auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene kommen zusammen. Die Auseinandersetzungen werden immer wieder neu entfacht, weil die verschiedenen Parteien in einer scheinbar endlosen Spirale der Gewalt gefangen sind. Es geht nicht nur um einen Konflikt zwischen Arabern und Schwarzafrikanern.
[ Von Atta El-Battahani ]
Auf lokaler Ebene sind die Spannungen in Darfur seit langem offensichtlich. Sie drehen sich um Landbesitz, Weiderouten von Nutztieren, Wasser, Umweltzerstörung und die Ausdehnung der mechanisierten Landwirtschaft. Solche Spannungen haben sich nahe der Grenzen zu Tschad und Libyen verstärkt, wo Wanderungsbewegungen nicht auf einzelne Staaten begrenzt bleiben. Doch sie bleiben lokaler Natur, da sie nicht die jeweiligen Regierungen oder Hauptstädte, sondern die lokale Bevölkerung unmittelbar betreffen.
In der Region gibt es mehr als einhundert Stämme und Clans: Konflikte innerhalb einer Gruppe sind ebenso häufig wie zwischen ihnen. Banditentum und bewaffnete Raubüberfälle sind eine alltägliche Erscheinung und haben wegen der Verfügbarkeit moderner Waffen verheerende Auswirkungen. Diesen Konflikttyp werde ich als Typ A bezeichnen.
Typ B wiederum hat regionale Dimensionen. Zwei kollektive Einheiten, die jedoch nicht strikt getrennt voneinander sind, die Zurgha (Schwarzafrikaner) und die Araber konkurrieren um politische Ressourcen. In diesem Konflikt geht es inzwischen um Fragen der sozialen, kulturellen und sogar rassischen Identität, obwohl seine Ursachen in Spannungen vom Typ A (Land, Wasser und Weidegebiete) liegen. Die Konkurrenz, die sich in diesen identitätspolitischen Kategorien ausdrückt, ist eskaliert, und das Aufkommen eines islamischen Fundamentalismus im Zentralsudan hat dazu beigetragen. Zunehmend überschatten identitätsdefinierte Typ-B-Konflikte jene Auseinandersetzung, die ich Typ-C-Konflikt nenne: die Konkurrenz um Macht, Ressourcen und Wohlstand zwischen der gesamten Bevölkerung von Darfur und Zentralsudan.
Typ D wiederum erfasst die internationalen Dimensionen des Konflikts in Darfur. Andere afrikanische Staaten und die mächtigsten Nationen der Welt beobachten, was sich in Darfur ereignet. Es geht auf dieser Ebene nicht nur um rechtliche Prinzipien und die Kosten einer humanitären Krise, sondern auch um den Zugang zu Energiequellen. Während die meisten afrikanischen Regierungen dazu neigen, die Regierung in Khartum zu unterstützen, nimmt die G7 eine kritische Haltung ein.
Die verschiedenen Typen überschneiden sich, und die Dynamik des lokal verwurzelten Konflikts hat sich mit der Zeit verändert. Die verschiedenen Konfliktphasen und -typen lassen sich nicht exakt voneinander unterscheiden und doch gibt es eine eindeutige Tendenz.
Vergangene und aktuelle Entwicklungen
Der Sudan befand sich von 1898 bis 1956 unter kolonialer Herrschaft. Danach folgte bis 1983 eine Ära relativer Ruhe, geprägt durch die Hegemonie von Eliten aus dem Norden, die den Staatsapparat von den Briten übernommen hatten. Von 1983 bis 1992 erlebte das Land eine Periode der Eskalation und oberflächlichen Konflikteindämmung. Die Region litt unter Dürre, Hungersnöten und der Konkurrenz zwischen Nomaden und sesshaften Landwirten um Land und Weidegebiete. Die Zentralregierung war nicht direkt beteiligt. Später führten die wachsenden Spannungen dazu, dass sich zwei große ethnische Gruppen in verschiedenen Blöcken organisierten: die Al-Tajamaa al-Arabi (Arabische Versammlung) und die Zurgha (Schwarzafrikaner). Diese Polarisierung fiel mit dem Anwachsen des radikalen Islamismus zusammen. 1992 stellte sich das in Khartum herrschende islamistische Regime auf die Seite der Araber und unterstützt sie seither. Die Spannungen eskalierten in den 1990er Jahren, nachdem ein Militärputsch das Regime von Umar al-Baschir an die Macht gebracht hatte.
Zu Beginn des Jahres 2003 gründeten Mitglieder der ethnischen Gruppe der Fur die Darfur Liberation Army. Bald traten ihr militante Mitglieder des Stammes der Zaghawa bei und tauften sie in Sudan Liberation Movement/Army (SLM) um. Kurz darauf entstand eine weitere bewaffnete Rebellenbewegung, das Justice and Equality Movement (JEM). Die Angriffe der SLM und der JEM auf Regierungstruppen verschafften ihnen die Bewunderung und Unterstützung eines Großteils der Zurgha-Bevölkerung in Darfur.
Allerdings sind diese Bewegungen in sich zersplittert, denn die lokalen Spannungen gären weiter. Nur einige der Rebellenorganisationen unterstützen den Darfur-Friedensvertrag, der im Mai 2006 in Nigeria ausgehandelt wurde. Angesichts der Komplexität der Angelegenheit überrascht es nicht, dass dieser Frieden nicht gehalten hat.
Darüber hinaus nutzen Teile der Eliten die lokalen Konflikte zu ihrem eigenen Vorteil, zum Beispiel, indem sie die Spannungen in ethnischen und rassischen Kategorien beschreiben. Viele Mitglieder der Eliten leben nicht in Darfur, sondern haben sich im relativ bequemen Khartum niedergelassen, von wo aus sie weiter die Fäden ziehen.
Als die sudanesische Regierung im Jahr 2002 im krisengeschüttelten Süden des Landes Frieden mit den dortigen Rebellen schloss, entstand der Eindruck, nun werde sich das Gleichgewicht der Kräfte überall ändern. In Darfur beeilten sich starke arabische Organisationen, ihre Allianz mit den Hardlinern in der islamischen Regierung in Khartum zu festigen, und hofften, die Zurgha in Darfur künftig endgültig zu beherrschen.
Diese Allianz arabischer Eliten in Darfur mit den Islamisten in Khartum ist alles, was von der ideologisch-expansionistischen fundamentalistischen Bewegung im Sudan geblieben ist. Ihre Träume sind angesichts der kläglichen Bilanz der Zentralregierung längst zerstört. Heute schickt das Regime in Khartum arabische Milizen gegen Rebellenbewegungen in Darfur los. Die meisten arabischen und muslimischen Regierungen unterstützen das; das Interesse Khartums an baldigem Frieden ist gering. Die Regierung sieht stattdessen die einzigartige Chance, die Landfrage endgültig zu lösen. Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung, das Potenzial für einen Völkermord ist offensichtlich. Die Strategie lautet, alle Nichtaraber von ihrem historisch beanspruchten Land zu beseitigen.
Die Afrikanische Union, die Liga Arabischer Staaten und die Organisation der Islamischen Konferenz scheinen alle aus verschiedenen Gründen Khartum zu unterstützen. Ein entscheidendes Motiv dafür ist sicherlich der Impuls, ausländische Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates generell zu beschränken schließlich weist die Regierungsführung in den meisten ihrer Mitgliedstaaten Mängel auf.
Auf der anderen Seite zeigen große internationale Mächte Interesse an der Sache. Offiziell unterstreichen die G7-Mitglieder ihre humanitären Bedenken und die Einhaltung der Menschenrechte. Es ist jedoch ziemlich offensichtlich, dass sie darüber hinaus Interesse an natürlichen Ressourcen haben so wie die Mitglieder des UN-Sicherheitsrates (China und Russland), die sich der US-Position zu Darfur nicht anschließen.
Es wird nicht leicht sein, die beschriebene Selbstentfachung des Konfliktes zu durchbrechen. Westliche Entscheidungsträger sollten jedoch den folgenden Aspekten (und Dilemmata) Aufmerksamkeit schenken:
Das Regime in Khartum und die internationale Gemeinschaft müssen sich auf halbem Wege treffen. Wenn die islamistische Regierung Grund zu der Befürchtung hat, dass große Mächte das Regime mit Gewalt ändern wollen, dann wird sie noch mehr Gewalt anwenden. Auf der anderen Seite machen Gespräche nur Sinn, wenn die Regierung aufhört, den Konflikt in Darfur zu eskalieren und die internationale Gemeinschaft durch die Androhung von Chaos und die Präsenz von Al-Qaida im Sudan zu erpressen.
Nachbarländern wie Libyen und Tschad darf nicht erlaubt werden, sich in Darfur einzumischen. Allerdings wird das wegen der ethnischen, religiösen und kulturellen Verbindungen zwischen der Bevölkerung auf beiden Seiten der Grenzen schwer zu verhindern sein.
Der in Nigeria ausgehandelte Darfur-Friedensvertrag sollte umgesetzt und alle Rebellenbewegungen sollten dazu bewogen werden, dem Abkommen beizutreten. Andernfalls drohen die Gruppen, die sich mit der Regierung verständigt haben, an Rückhalt zu verlieren. Sollten sie daraufhin ihre Position revidieren, würde das die Situation zusätzlich verschlechtern.
Prof. Dr. Atta El-Battahani
lehrt Politikwissenschaft
an der Universität von Khartum.
abhattani@hotmail.com
Die Tabellen stammen vom Autor.
|