Meinung

Leserbriefe

Kommentar: Schulterschluss der Schwellenländer


12/2003
 

Leserbriefe

[ Afrika – Hoffnung allein reicht nicht!, E+Z 2003:10 ]



Diskurs neu belebt
Meine Anerkennung für das Schwerpunktheft zu Afrika. Die vielfältig angesprochenen Aspekte tragen dazu bei, den (neuen?) Diskurs über die Entwicklung in Afrika neu zu beleben – und sie passen ausgezeichnet zu zwei Veranstaltungen, die wir im Wintersemester an der Universität Hildesheim durchführen.
Dr. Jos Schnurer, Hildesheim




Am Tropf der Reichen
Die Lage Schwarzafrikas wird sich auch in Zukunft nicht wesentlich verbessern, wenn nicht zweierlei geschieht: Erstens, die Afrikaner müssen erkennen und nach der Erkenntnis handeln, dass es bei der Bewältigung der Zukunft auf sie selbst ankommt, auf das, was ihre Köpfe und Hände leisten – nicht auf uns. Zweitens, wir müssen uns entsprechend verhalten, konsequenter als bisher. Zu viele der führenden afrikanischen Politiker vermitteln nicht den Eindruck, sie hätten dies begriffen und beherzigt. Die unbescheidene Art ihres Auftretens ist symbolisch und legt diese Vermutung nahe. Die Attitüde, mit der sie, in schwarzen Limousinen chauffiert, als Vertreter Ärmster-Schlucker-Staaten zum Beispiel bei internationalen Konferenzen aufkreuzen, sagt viel. „Fordern“, nicht „Dienen“, scheint die Devise zu sein. Über ihre politischen Leistungen braucht nichts gesagt zu werden. Abgesehen von der Führungsschicht muss in Afrika – aufs Ganze gesehen – mehr, gründlicher und zuverlässiger gearbeitet werden. Sonst wird sich kein funktionierendes Staatswesen organisieren lassen, keine Wirtschaft, die exportfähig ist und in welche ausländische Unternehmen investieren.

Die überwiegend entwicklungshemmende Haltung in Afrika wird durch die in der nördlichen Dritte-Welt-Szene vorherrschende Umverteilungsmentalität („Die Reichen schenken den Armen“) verstärkt. So edel diese Haltung sein mag – ihre Wirkung ist verheerend, weil sie die unzureichenden Anstrengungen der Afrikaner zusätzlich lähmt, ihre ausgestreckte Hand zum Dauerzustand macht und ihre Würde beschädigt. Dass ihr Stolz sich nicht dagegen aufbäumt, zeigt, zu welchen Deformierungen des Bewusstseins es schon gekommen ist. Wann hätte es so etwas je gegeben, dass ein ganzer Kontinent – ohne Aussicht auf ein Ende – am Tropf der finanzkräftigeren Weltgemeinschaft hängt.

Unsere öffentliche Entschuldungsdebatte ist zu weiten Teilen vom Gedanken der Umverteilung bestimmt, blind vor der Erkenntnis, dass Umverteilung die Unzulänglichkeit perpetuiert. Sie entlastet korrupte Staatsführungen und macht ganze Völker zu Bettlern. Umverteiler sind die schlimmsten Feinde der Armen. Die immer wieder geforderte Wiedergutmachung für die Verbrechen der Kolonialzeit und der Sklaverei könnte zwar moralisch gerechtfertigt sein. Doch für Afrika wäre sie eine Katastrophe, so wie jede Nachricht über neue Funde von Bodenschätzen eine Hiobsbotschaft ist, weil solche Funde zu mehr Korruption und Blutvergießen führen.

Wenn wir die Afrikaner für das, was sie zu leisten vermögen und zu leisten verpflichtet sind, nicht in Anspruch nehmen, missachten wir sie, weil wir sie nicht ernst nehmen. Sie auf ihre Verantwortung hinzuweisen, entbindet uns keineswegs von unserer Mitverantwortung und unserer Pflicht zu angemessener Hilfe.
Kurt Gerhardt, Bonn




Nicht fair
Herzlichen Glückwunsch zu der hervorragenden Schwerpunkt-Ausgabe Afrika. Sowohl die Überblicksartikel als auch die Länderfallstudien sind sehr fundiert und ausgewogen. Insbesondere der Beitrag von Gero Erdmann räumt mit einigen liebgewordenen Vorurteilen gegenüber Afrika auf, wie der Behauptung, in Afrika gebe es keine Demokraten.

Leider spiegeln aber einige Begriffe und Überschriften den alten Afro-Pessimismus wider. So stellt Erdmann zwar fest, dass die Zahl der „freien“ Staaten, also der liberalen Demokratien (Beispiel Ghana) von einstmals zwei auf elf gestiegen sei (auf der Basis der strengen Klassifizierung von Freedom House). Dann aber schreibt er: „Blühende oder wahre Demokratien sind in Afrika nicht entstanden.“ Ich habe schon von „blühenden Landschaften“ gehört, aber blühende Demokratien sind mir in der politikwissenschaftlichen Literatur bisher nicht begegnet. Durch welche Kriterien unterscheidet sich eine „blühende“ oder „wahre“ Demokratie von einer „liberalen“ Demokratie?

Den Gipfel der hartnäckigen Kultivierung eines Negativbildes von Afrika erreicht aber Reinold E. Thiel in seinem Editorial. Da das Anwachsen der Zahl der „freien“ Staaten in Afrika nicht zu leugnen ist, erklärt er liberale Demokratien (Erdmann) einfach zu „illiberalen Demokratien“. Dieser vom Präsidenten von Freedom House in seinem Artikel „The Decline of illiberal democracy“ (Journal of Democracy 10/1,1999) verwendete Begriff bezieht sich jedoch gerade nicht auf die Kategorie „frei“, sondern auf die hybriden Regime, auf „Fassadendemokratien“ der Kategorie „teilweise frei“. Länder, die nach Freedom House den Stempel „frei“ erhalten (Botswana, Ghana, Mauritius, Südafrika), haben nicht nur mal Wahlen abgehalten, sondern liegen in Bezug auf die Umsetzung politischer Menschenrechte und bürgerlicher Freiheiten (insgesamt 40 Kriterien) im internationalen Maßstab ganz vorn. (Im Nahen Osten wird von 18 Ländern nur eines als „frei“ kategorisiert.) Es ist wirklich nicht fair, afrikanische Länder einfach gefühlsmäßig in eigene Kategorien (nicht blühend, illiberal) zu stecken.

„Nur Realismus kann Afrika helfen“ schreibt Thiel – richtig, aber mit dem willkürlichen Erfinden oder Verdrehen von Begriffen wird Afrika auch nicht geholfen. Das Image Afrikas in der deutschen Öffentlichkeit ist – nicht ganz ohne Grund – schon so schlecht, dass man es durch das Zerreden auch ermutigender Entwicklungen nicht noch schlechter machen muss.
Prof. Peter Waller, Berlin