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 12/2004
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Ruanda:
Protokoll eines Völkermordes
Linda Melvern:
Ruanda. Der Völkermord und die Beteiligung der westlichen Welt.
München, Hugendubel 2004,
384 Seiten, 23 Euro, ISBN 3-72052486-8
Am 6. April 2004 jährte sich zum zehnten Mal der Tag, an dem das Flugzeug des damaligen Präsidenten Ruandas, Juvénal Habyarimana, beim Landeanflug auf Kigali abgeschossen wurde. Die Ermordung Habyarimanas gab den Auftakt für den größten Völkermord seit dem Zweiten Weltkrieg. Mindestens 800 000 Tutsi und gemäßigte Hutu wurden während der folgenden hundert Tage ermordet. Die Geschichte des Verbrechens erzählt Linda Melvern in diesem zeitgleich auf Englisch und Deutsch erschienenen Buch. Die britische Journalistin legt hier die Ergebnisse ihrer langjährigen Recherchen über die Hintergründe der Ereignisse in dem kleinen zentralafrikanischen Land vor.
Melverns Publikation bezieht ihre Sprengkraft aus den exklusiven Quellen. Neben dem Briefwechsel zwischen dem verzweifelten Kommandeur der in Ruanda stationierten UN-Truppe UNAMIR und dem phlegmatischen Hauptquartier in New York greift sie auf das bisher unveröffentlichte Geständnis des Premierministers der Übergangsregierung, Jean Kambanda, vor dem Internationalen Ruanda-Tribunal in Arusha zurück. Eigene Arbeiten und die Auswertung wesentlicher Standardwerke zum ruandischen Völkermord (u.a. von Gérard Prunier, Alison Des Forges und Thomas P. M. Barnett), Interviews mit zentralen Protagonisten und zahlreiche graue Literatur liefern weiteres Rohmaterial. Quellen sind akribisch belegt, was jedoch der Lesbarkeit des Buches keinen Abbruch tut.
Die Autorin breitet das Schreckenspanorama eines konspirativ geplanten und gleichzeitig immer wieder angekündigten Völkermordes aus. Eindringlich zeichnet sie den nach der Invasion der Rebellen der Ruandischen Patriotischen Front (RPF) im Jahr 1990 beschleunigten Aufstieg der Hutu-Extremisten ins Zentrum des ruandischen Staats- und Machtapparates nach.
Das Buch erzählt von der Komplizenschaft Frankreichs mit den Mördern und der Ignoranz der anderen Großmächte, die sich im skandalösen Lavieren des UN-Sicherheitsrates widerspiegelte. Doch es beschränkt sich keinesfalls darauf, wie die Verlagswerbung unverständlicherweise nahe legt.
Die Veröffentlichung kommt zur rechten Zeit. Rechtzeitig zum zehnten Jahrestag legte ein französischer Untersuchungsrichter einen bisher unveröffentlichten Bericht zum Abschuss des Präsidentenflugzeuges vor. Er kommt zu dem Ergebnis, die RPF habe das Attentat begangen. Diese zumindest zweifelhafte These kommt denen gelegen, die seit Jahren zum Teil aus recht eigennützigen Gründen die Vermischung des Völkermordes mit der Invasion der RPF und deren Kriegsverbrechen betreiben. Dass die Massaker von 1994 keine spontane Reaktion waren, sondern im Detail vorbereitet und kaltblütig exekutiert wurden, schildert Melvern auf höchst eindrucksvolle Weise.
Ruben Eberlein
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