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Editorial
 12/2004
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Das Jahrhundert der Stadt
Lang galt Stadtentwicklung als politisch nicht ganz korrektes Ziel. Dabei spielte Michael Lipton eine wichtige Rolle, der Ende der siebziger Jahre den urban Bias der Entscheidungsträger kritisierte. Tatsächlich hatten viele Regierungen ehemaliger Kolonien zu viele Mittel in den Ausbau repräsentativer Hauptstädte gesteckt. Niedrige Lebensmittelpreise galten obendrein als Schutz vor Rebellion, so dass Großagrarier ohne Rücksicht auf die Lebensbedingungen der Kleinbauern subventioniert wurden. Derweil schlugen Investitionen in großindustrielle Projekte häufig fehl, weil die Rahmenbedingungen einfach nicht stimmten.
Klar wurde zudem, dass sinnvolle Strategien für ländliche Regionen auch den Ballungsräumen dienen. Denn jeder Fortschritt in den Städten schien immer wieder derart starke Landflucht auszulösen, dass Infrastruktur, Wohnungs- und Arbeitsplatzangebot ständig überfordert blieben. Da Armut ursprünglich ein ländliches Phänomen sei, hieß es nun, gelte es auch, sie dort zu bekämpfen. Das war aber leichter gesagt als getan nicht zuletzt, weil es oft innenpolitisch unmöglich blieb, die Großgrundbesitzer durch Landreformen zu entmachten.
Städte bieten Chancen, die in Agrarregionen nicht zu schaffen sind. Sicherlich prägt Leid das Leben in den Elendssiedlungen von Mumbai, Mombasa oder Mexiko. Aber die überwältigende Mehrheit überlebt und die provisorische Slumhütte muss sich nicht als Endstation erweisen. Sozialer Aufstieg gelingt in Städten eher als auf dem Land. Außerdem lassen sich auch die Bedingungen in Armenvierteln verbessern etwa durch Ausbau der Infrastruktur. Um derlei zu erreichen, kommt es vor allem auf die Fähigkeit der Bevölkerung an, sich zu organisieren und ihren Interessen Gehör zu verschaffen (Interview mit Bürgerrechtler James Sarpei, S. 456).
Lebensverhältnisse zu verbessern, muss nicht viel Geld kosten. Im Gegenteil: Intelligente Lösungen sind oft billig. Das gilt zum Beispiel für die Architektur, und zwar nicht nur im Slum-Maßstab. Statt kostenintensiven Vorbildern wie den Hochhäusern von Chicago oder dem Flächenverbrauch von Los Angeles nachzueifern, wäre es sinnvoll, an das örtliche Klima angepasste Strukturen zu entwickeln. In Rio de Janeiro gibt es dafür interessante Ansätze (Michael Laar, S. 460).
Seit den 90er Jahren revidieren Entwicklungspolitiker den inzwischen vorherrschenden rural Bias allmählich wieder. Dazu trug wesentlich die UN-Konferenz Habitat II 1996 in Istanbul bei. Die Folgeveranstaltung findet 2006 in Vancouver statt. Das Thema Stadtentwicklung, das die GTZ zum Schwerpunkt des Jahres 2005 macht, gewinnt weiterhin an Bedeutung. Auch InWEnt widmet sich verstärkt diesen Fragen (Michael Funcke-Bartz, S. 476).
Tatsächlich wird das 21. Jahrhundert sich als Jahrhundert der Stadt erweisen. Erstmals leben mehr Menschen in Agglomerationen als in Dörfern. Diese Urbanität prägen aber die Straßenkinder von Lagos oder die Kleingewerbeklitschen von Manila mindestens so sehr wie die edle Einkaufsmeilen in Paris, London oder Hamburg. Die klassische Weltstadt mit lässig entspanntem Flair ist ein überkommenes Cliché. Urbanisierung bedeutet Lärm, Dreck und Stress denn vor allem in den Entwicklungsländern wachsen die Städte schnell.
Der brisante Prozess gewinnt durch die Globalisierung zusätzlich an Bedeutung. Sie beruht auf der internationalen Vernetzung wichtiger Funktionssysteme wie der Finanzwirtschaft oder dem Informationsfluss. Die virtuellen Räume, die in diesem Sinne die Zukunft prägen, sind aber in Städten real verankert. Dort konkurrieren sie mit anderen lokalen und globalen Interessen um Raum und Ressourcen. Wie die Globalisierung selbst ist Urbanisierung kaum plan- oder beherrschbar. Im chaotischen Wachstumsprozess werden aber immer wieder Exempel statuiert, die langfristig definieren, welchen Umgang mit Konflikten die Betroffenen für normal und erwartbar halten (Rüdiger Korff, S. 452). Das ist Institution Building in der Praxis.
Derart entstehende Normen und Konventionen wirken weit über die Stadtgrenzen hinaus. Sie beeinflussen die politische Kultur im Hinterland. Zudem zeigt die empirische Forschung, dass die analytische Dichotomie Stadt/Land der sozialen Realität nicht unbedingt gerecht wird. Familien in multilokalen Haushalten nutzen für ihre Überlebensstrategie urbane wie rurale Milieus manchmal über Generationen hinweg (Einhard Schmidt-Kallert und Volker Kreibich, S. 464).
Letztlich belegt das nur eine alte Einsicht überraschend eindrucksvoll: Städte und Hinterland brauchen einander. Der Appell, städtisches Wachstum und seinen Problemdruck entwicklungspolitisch nicht zu vernachlässigen, ist nicht so zu verstehen, dass ländliche Strukturpolitik verzichtbar sei. Gute Transportwege auf dem Land können das Leben in der Stadt verbessern, während funktionstüchtige Institutionen, die schon aus pragmatischen Gründen städtischen Charakter haben, auch der Dorfbevölkerung dienen. Dass es auf die richtige Balance ankommt, schrieb übrigens Michael Lipton schon 1977 im Vorwort seines Buchs über den urban Bias.
Dr. Hans Dembowski
Chefredakteur E+Z
euz.editor.@fsd.de
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