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Urbanisierung gehört auf die Agenda

Fortbildungskonzept für eine bürgernahe
öffentliche Verwaltung


Parlamentarier wollen mehr Beteiligung


12/2004
 

[ Städtische Ballungsräume ]

Urbanisierung gehört auf die Agenda

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wohnen weltweit zum ersten Mal mehr Menschen in den Städten als auf dem Land. Eine Neupositionierung der Rolle der Städte in der Entwicklungszusammenarbeit ist überfällig. Bis 2006 sollte sie abgeschlossen sein. Dann steht die UN-Konferenz Habitat III auf der internationalen Tagesordnung.


[ Von Michael Funcke-Bartz ]

In Lateinamerika leben bereits heute mehr als drei Viertel der Menschen in Städten. Zuwachsraten der Bevölkerung in urbanen Gebieten von durchschnittlich zwei bis drei Prozent pro Jahr führen nun auch in Afrika und Asien zu einem massiven Anstieg der städtischen Bevölkerung. Dieser schlägt sich vor allem in einer Expansion der städtischen Armutsgebiete nieder. Immer schwieriger wird es, derartige Agglomerationen zu regieren, sie infrastrukturell zu ver- und entsorgen und die zunehmende Umweltbelastung in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig gehen von den Städten wichtige gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungsimpulse aus. Angesichts dieser Tendenzen ist es Zeit für eine Neubestimmung der Rolle der Städte in der Entwicklungszusammenarbeit.

Globalisierung hat zur Urbanisierung von Armut, sozialer Ausgrenzung und Spaltung der Städte geführt. UN-HABITAT, das Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen, geht davon aus, dass weltweit ein Drittel der städtischen Haushalte in absoluter Armut lebt. So verwundert es nicht, dass bei der Erreichung der Millenniumsziele den Städten eine zentrale Rolle beigemessen wird.

Der Stellenwert des Bereiches „Stadtentwicklung“ ist nicht nur in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit vergleichsweise gering. Sektorale Schwerpunkte stehen im Vordergrund. Sie drängen die Urbanisierungsproblematik als Querschnittsaufgabe in den Hintergrund. „Durch die systematische Benachteiligung der Ballungsräume haben wir viele Jahre verloren“, kritisiert Daniel Biau, Stellvertreter des Geschäftsführenden Direktors bei UN-HABITAT in der jüngsten Ausgabe von „Habitat Debate“. Die Schuld sieht Biau in Regierungen, die versuchen, ihre Wähler auf dem Land zufrieden zu stellen, und internationalen Hilfsagenturen, die alles unternehmen, um Menschen in ländlichen Regionen zu halten in der Hoffnung, so Nahrungssicherheit zu erreichen. „Es ist höchste Zeit“, appelliert Biau, „sich von diesen Mythen zu trennen, der Realität ins Gesicht zu sehen und den Anforderungen städtischer Gebiete in den LDCs die Priorität zu geben, die sie benötigen.“

Mit anderen Worten: Urbanisierung ist ein fortlaufender, nicht zu stoppender Prozess. Ihn bremsen zu wollen ist unrealistisch und vergeudet Kräfte, die für eine aktive Regional- und Stadtentwicklung dringend benötigt werden: Gelingt es nicht, die komplexen Probleme der immer größer werdenden städtischen Agglomerationen in den Griff zu bekommen, dann wächst in den Partnerländern die Gefahr, dass sich die sozialen Gegensätze verschärfen – mit entsprechend negativen Auswirkungen auf die politische und wirtschaftliche Stabilität in diesen Ländern.


Schlüsselrolle der Städte

Städte spielen eine Schlüsselrolle für eine nachhaltige Entwicklung, denn sie bieten wichtige Entwicklungspotentiale: Durch die Konzentration der Bevölkerung kann die erforderliche Infrastruktur in der Regel kostengünstiger bereitgestellt werden. Das erleichtert es, die Grundbedürfnisse gerade der ärmeren Teile der Bevölkerung zu decken. Städtische Ballungszentren sind in der Regel auch Ausgangspunkte für demokratische Beteiligung und neuer Leitbilder zukunftsfähigen Lebens und Wirtschaftens. Nicht umsonst spricht die erwähnte Ausgabe von „Habitat Debate“ von den „Städten als Motoren der Entwicklung“.

Eine nachhaltige regionale Entwicklung mit funktionierenden Klein- und Mittelstädten schafft nicht nur Nachfrage nach landwirtschaftlichen Produkten, sie trägt auch dazu bei, Menschen zu integrieren, die durch die gestiegene landwirtschaftliche Produktivität zum Verlassen des ländlichen Raumes gezwungen werden. Vor diesem Hintergrund muss eine nachhaltige Stadt- und Regionalentwicklung Dezentralisierungsprozesse fördern und sie mit kommunaler Wirtschaftsförderung, besseren Bildungsangeboten in Klein- und Mittelstädten sowie einer integrierten Regionalentwicklung, die nationale wie internationale Märkte erschließt, verzahnen. Gefragt sind innovative Konzepte, die Wirtschaft und Zivilgesellschaft aktiv beteiligen und zur Armutsbekämpfung beitragen.


Urbanisierung auf der Agenda

Die Fusion von Carl Duisberg Gesellschaft (CDG) und Deutscher Stiftung für internationale Entwicklung (DSE) zu InWEnt bot der neuen Organisation die Chance, das eigene Profil zu schärfen. Mit der Einrichtung des Geschäftsfeldes „Regionale Entwicklung und Urbanisierung“ als Querschnittsaufgabe wurde ein klares Zeichen für eine stärkere Berücksichtigung der städtischen Herausforderungen sowie der Wechselbeziehungen zwischen ländlichem und städtischem Raum gesetzt.

Bereits jetzt fördert InWEnt Prozesse im urbanen Raum durch Capacity Building, verstanden als Personal- und Organisationsentwicklung, internationalen Dialog und dem Aufbau globaler Wissensnetzwerke. Das Spektrum reicht von Projekten, die die Managementkompetenz städtischer Dienstleistungsbetriebe stärken über höhere Effizienz der öffentlichen Verwaltung und bessere Beteiligungsmöglichkeiten für die Bevölkerung bis hin zur Förderung von Dezentralisierung und integrierter regionaler Entwicklung.

Angesichts der Komplexität der Ursache-Wirkung-Beziehungen und der beteiligten Akteure wird es zunehmend wichtiger, sektorübergreifend zu arbeiten, ganzheitliche Methoden der Analyse und strategischen Planung zu vermitteln und die Partner bei der Entwicklung eigener realitätsnaher Stadt- und Regionalentwicklungskonzepte zu unterstützen. Dabei ist Vermeidungsstrategien im Interesse der Nachhaltigkeit eine deutlich wichtigere Rolle beizumessen als Maßnahmen des nachsorgenden Umweltschutzes.

Bei derartigen Planungs- und Entscheidungsprozessen gewinnt die Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor und die Beteiligung der Zivilgesellschaft zunehmend an Gewicht. Beides erfordert ein hohes Maß an Dialogbereitschaft und Fähigkeit zur Moderation. InWEnt sieht ein wichtiges Anliegen darin, Kooperationen zwischen verschiedenen Interessensgruppen zu unterstützen und den informellen Sektor nicht aus dem Auge zu verlieren.

In diesem Zusammenhang wird auch zu diskutieren sein, welchen Beitrag InWEnt im Rahmen der deutschen Bemühungen zur Erreichung der Millenniumsziele leisten kann. Dabei wird es ebenso um Fragen einer armutsorientierten Wohnungs- und Siedlungspolitik gehen wie um die Überwindung der sozialen Ausgrenzung in den Städten, der Dezentralisierung von Kompetenzen und Finanzen, Modelle der Beteiligung der Zivilgesellschaft oder angemessene Formen der Zusammenarbeit zwischen öffentlichem und privatem Sektor.


Zusammenarbeit mit UN-HABITAT

Um die Arbeit von InWEnt im Bereich Regionale Entwicklung und Urbanisierung auf internationaler Ebene noch stärker zu verzahnen, ist eine enge Zusammenarbeit mit dem „Sustainable Cities“-Programme (von UN-HABITAT und dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen / UNEP koordiniert) geplant. Das Programm hilft Kommunen etwa, indem es Planungskompetenzen vermittelt. In Marokko setzen UN-HABITAT und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) einen nationalen Agenda 21-Prozess in Gang, der in Agadir, Marrakesch und Meknes auch lokal umgesetzt wurde. An diese Strukturen knüpft ein InWEnt-Projekt im Bereich Infrastruktur an, das diese lokalen Prozesse durch Personalentwicklung unterstützt.

Parallel zum Prozess der Konzentration auf die Schwerpunkt- und Partnerländer des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) wird – soweit sinnvoll und machbar – eine stärkere Konzentration auf ausgewählte Städte angestrebt. InWEnt will so dazu beitragen, vorhandene Kompetenzen besser zu bündeln und globales Lernen von guten Beispielen zu erleichtern. Das nutzt und fördert sowohl den Süd-Süd-Austausch als auch die kommunale Nord-Süd-Zusammenarbeit deutscher Kommunen sowie die entwicklungspolitische Inlandsarbeit.

Habitat III steht vor der Tür – 2006 in Vancouver. Erfahrungsgemäß helfen derartige Anlässe, bestimmte Themen auf die internationale Agenda zu setzen. Damit das mit der Verstädterungsproblematik gelingt, ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig.




Michael Funcke-Bartz
ist Projektleiter in der InWEnt-Abteilung „Nachhaltige Technologie, Industrie- und Stadtentwicklung“ und koordiniert die Entwicklung des Geschäftsfeldes „Regionale Entwicklung und Urbanisierung“. michael.funcke-bartz@inwent.org