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Beiträge aus dem Schwerpunkt
Innovative Milieus
Die Arbeit in Slums war meine Ausbildung
Wege aus dem Elend finden
Energieeffizienz für Rio de Janeiro
Informelle Stadt-Land-Beziehungen
 12/2004
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Innovative Milieus
Globalisierung und Urbanisierung haben gemein, dass sie bestehende Ordnungen in Frage stellen, Planungsversuchen ständig zuwiderlaufen und Pluralität betonen. Spannungen sind der Normalfall. Sie lassen sich nicht vermeiden, sondern müssen konstruktiv gehandhabt werden. Gerade hier sind Städte relevant, denn sie sind auf die Eingrenzung von Gewalt angewiesen. Deshalb haben Städte wichtige Formen der Zivilisierung hervorgebracht.
[ Von Rüdiger Korff ]
Zwei Trends bestimmen die Gegenwart: Globalisierung und Verstädterung. Beide Phänomene sind eng verknüpft, weil Globalisierung bedeutet, dass weltweite Netzwerke entstehen, deren Knotenpunkte in Großstädten zu finden sind. Die Netzwerke sind heterogen, beruhen häufig auf Konkurrenz und bieten Stoff für Konflikte. Es geht um Finanzströme und transnationale Unternehmen, um zivilgesellschaftliche Strukturen, um Migrantengruppen und religiöse Gemeinschaften, um multilaterale Politik und kulturelle Wechselwirkungen. Selbstverständlich ist auch die transnational organisierte Kriminalität zu nennen.
Zu Recht heißt es in dem UN-Report mit dem Titel Cities in a Globalizing World vom Beginn des Jahrzehnts: Cities are strategic sites and will become even more so sites for global interests seeking to maximize profit, but they are also sites where local grassroots and civil society develop new claims to assert their rights to liveable urban places (Habitat 2001:75).
Als globale Städte sind Orte definiert, die internationale Vernetzung tragen. Sie stehen unter besonderem Druck. So scheint manchmal sogar fraglich, ob eine globale Stadt überhaupt als Einheit behandelt werden kann. Wenn ihre Bevölkerung in verschiedene Netzwerke eingebunden ist, verstärkt das nämlich den ohnehin schon bestehenden Trend zur Fragmentierung durch diverse Normen und Werte, Identitäten und soziale Wirklichkeiten. Andererseits verfügen die globalen Netzwerke über virtuelle Heimaten mit weitgehend homogenen Regeln. So gebieten beispielsweise die Finanzmärkte oder die Vereinten Nationen jeweils über ihre eigene virtuelle Stadt. Das gilt aber auch für den Handel mit Heroin oder Kokain. Solche virtuellen Welten sind wiederum örtlich in wirklichen Städten verankert.
Die herkömmliche Vorstellung von Weltstädten als Herrschaftszentren mit grenzüberschreitender Bedeutung und kosmopolitischer Kultur ist insofern überholt, als die Hierarchie der diversen Funktionen nicht beständig ist. Während die Weltstadt als Kontrollzentrum des modernen Weltsystems begriffen wurde, ist die globale Stadt in unterschiedliche globale Netzwerke integriert, von denen eines nicht ohne weiteres als strukturierend unterstellt werden kann. Vielmehr stehen sich unterschiedliche Wirklichkeiten gegenüber. Sie sind mehr oder weniger kompatibel und manchmal sogar inkompatibel. Unordnung prägt globale Städte, weil ihre diversen Realitäten sich nicht mehr in eine einzige Ordnung integrieren lassen.
Schon immer waren Städte Schauplätze des Zusammentreffens und Austauschs von vielfältigen Kulturen und Gewohnheiten und folglich auch Zentren von Konflikten. Dies gilt heute für globale Städte mehr denn je. Sie sind allerdings mehr als nur Artikulationspunkte transnationaler Netzwerke. Angesichts dessen, dass die Welt in Territorialstaaten aufgeteilt ist, gehören sie immer auch zu einem nationalen politischen System und spielen darin eine besondere Rolle. Moden, Trends und andere Formen des gesellschaftlichen Wandels gingen schon immer von Städten aus. Die neuzeitlich-repräsentative Demokratie ist ein Kind der Städte das belegen historische Stichtage wie der Sturm auf die Bastille oder die Boston Tea Party. Andererseits sind staatliche Institutionen von der Finanzverwaltung bis hin zur Gerichtsbarkeit in Städten angesiedelt. Ein weiterer Aspekt ist die gesellschaftliche Stratifizierung, denn nationale Eliten leben gewöhnlich in den wichtigen Städten.
Selbstverständlich sind nicht alle Personen und Gemeinschaften einer Stadt in globale Netzwerke integriert. Auch zu globalen Städten gehören soziale Kontexte mit örtlich spezifischer Geschichte, die sich von den Konkretionen globaler Netzwerke unterscheiden. Freilich verweisen Lokales, Nationales und Globales in der Stadt aufeinander. Zum Manager mit weltweitem Wirkungskreis gehört das Dienstmädchen in der Küche.
Die herkömmliche Urbanisierungsdiskussion kreist um die Erfahrung der alten Industrieländer. Empirisch erforscht wurden zunächst die Ballungszentren Europas, Nordamerikas und Japans mit ihrer jeweils national geprägten Geschichte. Demgegenüber resultiert die Entwicklung von etwa Singapur, Kuala Lumpur und Jakarta aus dem Kolonialismus, ihre Dynamik war von Anfang an mit globalen Netzwerke verbunden.
Bis heute sind diese Städte heterogener als die meisten Städte im OECD-Raum. Während in Europa ab dem 19. Jahrhundert der Nationalismus als zentraler Integrationsmechanismus der urbanen Bevölkerung diente, galten ähnliche Bestrebungen in den Kolonialstädten als Gefahr, die, so gut es ging, unterdrückt wurde. Typisch sind folglich Kulturen, in denen selbst in städtischen Räumen ländliche Herkunftsgebiete Identitäten auf Dauer definieren. Menschen fühlen sich hier nicht mit ihren unmittelbaren Nachbarn verbunden, sondern mit der (möglicherweise tausende Kilometer entfernten) Heimat.
Alle Städte haben ihre eigene Geschichte und daraus resultierende Besonderheiten. Dieser jeweils spezifische Urbanismus wirkt indessen auch auf andere Gegenden, da die Städte nie alleine existieren. Sie gehören immer zu Systemen mit verschiedenen, korrespondierenden Zentren, weil Bevölkerungsgruppen gleiche oder zumindest aufeinander bezogene Interessen verfolgen. Typischerweise findet das auch architektonischen Ausdruck, so dass selbst in Ostwestfalen heute noch Spuren der norditalienischen Renaissance zu finden sind.
Urbanismus impliziert darüber hinaus Zivilisierung. Städte müssen, um auf Dauer zu bestehen, trotz der Heterogenität ihrer Bevölkerung und der vielfältig angelegten Konflikte Gewalttätigkeit einschränken. Wo das nicht gelang, spielt die Stadt keine Rolle mehr. Die Verbindung zwischen Zivilisierung und Urbanismus basiert auf zwei Säulen. Das ist zum einen die politische Öffentlichkeit und zum anderem das, was ich an anderer Stelle als Lokalität beschrieben habe (Berner, Korff 1996). Sie sorgt für soziale Kontrolle durch persönliche Kontakte und verbindende Institutionen. Es geht nicht um Gemeinschaften oder Stadtteile, sondern um Beziehungsnetzwerke, die durch diverse Aktivitäten integriert sind. Lokalität ergibt sich aus Eigeninitiative und Selbstorganisation und kann kaum verwaltungstechnisch orchestriert werden. Lokalität und Öffentlichkeit ergänzen sich, denn anders könnten selbst gestaltete Beziehungen unter dem Druck von Bodenspekulation, Stadtplanung und dergleichen nicht bestehen.
Soziales Kapital
Ähnlich sieht das auch die Weltbank. Ihr Urban
Peace Programme (Moser, Lister 1999, Moser, Shrader 1999) zielt auf Maßnahmen zur Begrenzung von Gewalttätigkeit ab. Es geht um die Unterstützung lokaler Gemeinschaften, um das soziale Kapital (verstanden als wechselseitiges Vertrauen, das Kooperation ermöglicht) zu stärken. Entsprechend heißt es bei den Vereinten Nationen: Violence erodes social capital when it reduces trust and cooperation within formal and informal social organizations that are critical for a society to function (Habitat 2001: 227).
Das rapide Wachstum vieler Städte macht solche Ansätze besonders dringlich, denn viele örtliche Verwaltungen sind eklatant überfordert. Allein schon die gigantische Dimension von Megastädten mit mehreren Millionen Einwohnern macht deutlich, dass Kontrolle oder Planung unmöglich ist. Oft entgeht den Beamten sogar, dass sich innerhalb weniger Jahre neue Slumviertel gebildet haben, die mehr Einwohner haben als deutsche Großstädte. Die Forderung nach besserer Planung ist dann schon deshalb obsolet, weil wir oft gar nicht wissen, wie diese Städte funktionieren.
Klar ist, dass private Unternehmen (häufig auch Multis) dort einsteigen, wo Profite locken. Ein Beispiel dafür ist bekanntermaßen die Bauwirtschaft von der Wohnungswirtschaft bis hin zur Anlage von Straßen. Aber auch Schulen und Krankenhäuser werden privat betrieben. Ohne Bus- und mancherorts auch Bahnunternehmer würde der Verkehr vollends kollabieren. Wo das Festnetz seit Jahren überlastet ist, entstehen lukrative Mobilfunkmärkte. Strom- und Wasserversorgung bieten Chancen für multinational agierende Unternehmen, die Gewinne wittern, ebenso wie für Slumdweller, die versuchen, Leitungen gratis anzuzapfen.
Nicht selten kommt es zu Konflikten mit Auflagen und Plänen der Stadtverwaltung. Häufig sind aber einflussreiche Personen an den privaten Unternehmen beteiligt mit der Folge, dass offizielle Regeln umgangen oder neu formuliert werden. Ob Korruption im Spiel ist oder formal korrekte Entscheidungswege eingehalten werden, spielt dabei für das konkrete Ergebnis manchmal eine erstaunlich geringe Rolle. Auf die Bedürfnisse der armen Bevölkerung wird typischerweise wenig Rücksicht genommen.
Dennoch bietet städtisches Leben selbst für marginalisierte Menschen Chancen der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Teilhabe. Das ist die Ursache der Landflucht. Sie bedeutet freilich auch harte Konkurrenz um Wohnraum bei ständig steigender Nachfrage nach (billigen) Bleiben. Dabei sind öffentlicher wie privater Sektor weder daran interessiert noch dazu in der Lage, das schon auf der Habitat-Konferenz 1976 in Vancouver geforderte Recht auf adäquaten Wohnraum zu realisieren. Die arme Stadtbevölkerung kann ihr Los nur in den Slums und häufig nur mittels eigener Initiativen verbessern etwa durch nachbarschaftsgestützte Finanzierungsmodelle, um legalen Zugang zum Land zu bekommen.
Derartige soziale Kreativität in Eigeninitiative und Selbstorganisation ist nicht auf die Produktion von Wohngelegenheiten begrenzt. Sie schafft auch Einkommen in Kleinhandel und informellem Sektor. Derlei blüht in ökonomischen Nischen und entdeckt immer wieder neue Nischen (etwa im Abfallrecycling, bei häuslichen Dienstleistungen oder auch im Drogenvertrieb). Das innovative Milieu ist in der Stadt nicht nur in den Geschäftshäusern, Universitäten und Forschungseinrichtungen zu finden, sondern ebenso in den Elendsvierteln, den Märkten und sogar den Müllhalden.
Eigeninitiative, Selbstorganisation und soziale Kreativität haben politische Konsequenzen. Kommunale Selbstbestimmung und der Aufbau lokaler Organisationen sind nur auf der Grundlage zunehmender Demokratisierung realisierbar. Totalitäre und autoritäre Regime beäugen Städte immer mit großer Skepsis, denn hier drohen Revolten und Protestbewegungen. Gerade in Zeiten rasanten Wachstums werden aber die Präzedenzfälle geschaffen, die definieren, welcher Umgang mit Problemen als normal und erwartbar gilt. Institution Building verläuft dabei spontan und ungeplant mit langfristigen Folgen.
In Städten und Ballungsräumen geht es oft ungeplant und unordentlich zu. Die Lebensverhältnisse sind gerade in armen Ländern oft alles andere als idyllisch. Allerdings führt im Entwicklungsprozess kein Weg daran vorbei, auf dieser schwierigen Grundlage aufzubauen. Immerhin bieten die Agglomerationen Chancen der Teilhabe, der demokratischen Modernisierung und der Zivilisierung. Die Abstimmung mit den Füßen ist eindeutig: Massen strömen in die Städte der Rückzug aufs Land bleibt dagegen die Ausnahme.
Die Globalisierung beschleunigt derartige Phänomene ebenso sehr, wie sie selbst auf urbanen Basen aufbaut. Die zunehmende internationale Vernetzung wichtiger Lebensbereiche bedeutet, dass Stadtleben über den Nationalstaat hinaus politisch, wirtschaftlich und kulturell an Bedeutung gewinnt, ohne indessen berechen- oder gar planbarer zu werden. Im Gegenteil: Das Konfliktpotenzial nimmt zu.
Literatur
Berner, Erhard, Korff, Rüdiger, 1995:
Globalization and Local Resistance: The Creation of Localities in Manila and Bangkok, in: International Journal of Urban and Regional Research, Vol. 19, No. 2.,
Moser, Caroline, Lister, S., (Hrsg.), 1999:
Violence and Social Capital: Proceedings of the ICES Seminar Series, 1997-1998, Urban Peace Program Series, Latin America and Caribbean Region Sustainable Development Working Paper No. 5, Washington: World Bank
Moser, Caroline, Shrader, E., 1999:
A conceptual framework for violence Reduction. Urban Peace Program Series, Latin America and Caribbean Region Sustainable Development Working Paper No. 2, Washington: World Bank
HABITAT, 2001:
Cities in a Globalizing World, Global Report on Human Settlements 2001,
London, Sterling: Earthscan
Prof.Dr. Rüdiger Korff
ist Stadtsoziologe und lehrt in Passau Südostasien-Kunde.
korff03@pers.uni-passau.de
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