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 12/2004
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Die Arbeit in Slums war meine Ausbildung
Wie in anderen Entwicklungsländern zieht es auch in Ghana immer mehr Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben vom Land in die großen Städte. Dort stranden viele in den wachsenden Elendsvierteln. Jeder achte der rund zwei Millionen Einwohner von Ghanas Hauptstadt Accra lebt in einem der beiden großen Slumgebiete Nima und Ga Mashie. James Annorbah-Sarpei, der Leiter der Organisation Center for Community Studies, Action and Development (CENCOSAD), arbeitet seit über dreißig Jahren in städtischen Armenvierteln in Ghana. Im Gespräch mit E+Z berichtet er über seine Erfahrungen.
Professor Sarpei, Armut wird in Ghana meistens als Problem auf dem Land gesehen. Wird städtische Armut vernachlässigt?
Das war lange der Fall. Als ich 1968 als Student das erste Mal nach Nima kam, war ich geschockt von der Armut mitten in Accra, der Hauptstadt unseres Landes. Allen war klar, dass etwas nicht stimmte, aber die offizielle Politik ignorierte das Problem. Die Armut im Einwandererviertel Nima galt als Problem von Fremden. Ga Mashie, der alte Hafenbezirk von Accra, war dagegen schon immer Teil der Stadt und verkam erst zu einem Elendsviertel, nachdem der Hafen und die Fischerei Ende der 1960er Jahre nach Tema, 30 Kilometer östlich von Accra, verlegt worden waren. Hier war die offizielle Haltung, die Bewohner als Eingeborene und Fischer abzutun, die nicht zur eigentlichen ghanaischen Gesellschaft gehören.
Hat sich die offizielle Haltung seither verändert?
Ja, teilweise. Heute erkennt die Politik an, dass es städtische Armut gibt. Aber wie man sie bekämpfen soll, bleibt umstritten. Und die urbane Armut wächst weiterhin.
Was sind die Hauptgründe dafür?
Erstens die schwierige ökonomische Lage in Ghana nach den Ölpreiserhöhungen der 1970er Jahre, zweitens das Versagen der Entwicklungspolitik seit der Unabhängigkeit. Der dritte Grund ist eine weitverbreitete Haltung unter jungen Leute in den Slums, die über ihr Leid klagen und der Ansicht sind, dass jemand anderes dieses Problem für sie lösen muss.
Welche Rolle spielt die Landflucht?
Die Migration vom Land in die Städte wächst stetig. Mehr und mehr Menschen, die in Ghana keine Perspektive sehen, betrachten Accra und andere städtische Zentren als Durchgangsstationen nach Europa und in den Westen. Sie kommen und versuchen herauszufinden, wohin sie gehen könnten. Dann versuchen sie ein Visum zu bekommen und Geld für ein Flugticket zu verdienen.
Wie sollte man mit der Migration in die Städte umgehen? Einfach zu stoppen versuchen?
Das Problem ist, dass vor allem die jungen und cleveren Leute in die Städte gehen, die in den ländlichen Gebieten Innovation und Veränderung vorantreiben könnten. Die ländliche Wirtschaft leidet unter diesem Verlust, und das bewegt noch mehr Leute dazu, die ländlichen Gebiete zu verlassen. Man muss auf dem Land Perspektiven schaffen, anstatt einfach die Landflucht zu stoppen versuchen. Eines meiner ersten Projekte bei CENCOSAD war, junge Leute aus den trockenen nördlichen Teilen Ghanas herunter in die Ebenen um Accra zu bringen, wo Wasser aus dem Voltasee zur Bewässerung von Zuckerrohr- und Reisfeldern genutzt wird. Die Leute sahen, dass es Alternativen zu einer vom Regen abhängigen Landwirtschaft gibt, und das eröffnete vielen eine neue Perspektive in Nordghana.
Bringt die Migration in städtische Gebiete auch Nutzen?
Sicher. Die industrielle Revolution wurde dadurch vorangetrieben, dass Arbeitskräfte vom Land in die Städte gingen. Innovation nimmt immer in städtischen Gebieten ihren Anfang. Wenn fähige Leute vom Land in den Städten Arbeit finden, dann entsteht dadurch ein großes Potenzial. Wir setzen darauf in einigen unserer Projekte, indem wir beispielsweise Handwerker aus verschiedenen Branchen in einem Stadtteil zusammenbringen und so Orte schaffen, an denen Ideen und Fähigkeiten sich gegenseitig befruchten. Wenn beispielsweise ein Mechaniker ein Problem in seinem Haus hat, wendet er sich an seinen Nachbarn, der vielleicht Elektriker ist. Sie gucken sich gegenseitig ihre Probleme an, reden über Lösungsmöglichkeiten und daraus entstehen Innovationen. Solche Orte kennt man überall in Ghana.
Slumgebiete werden oft nur als Problem gesehen oder sogar als Gefahr für die Einwohner und die Gesellschaft insgesamt. Ist das angemessen?
Bevor ich nach Nima ging, habe ich auch so gedacht. Ich hatte krankhafte Angst. Aber dann stellte ich fest, dass die Realität anders aussieht. In all den Jahren, in denen ich mit Menschen aus den Armenvierteln gearbeitet habe, ist mir nicht ein einziger Penny geklaut worden. Ich lernte die Stärken der Menschen kennen und schätzen. Die Universität hat mir Bildung gebracht. Meine wahre Ausbildung aber war die Arbeit mit Menschen in den Slums. Viele von ihnen haben sehr viel Erfahrung, weil sie an vielen verschiedenen Orten arbeiten mussten. Je mehr ich mit Gemeinschaften in den Armenvierteln zusammenkam, desto mehr wurde mir klar, dass es dort ein großes Potenzial gibt. Zusammen haben wir Einrichtungen und soziale Strukturen aufgebaut, die Leuten mit Doktortiteln nicht eingefallen wären.
Wie sehen Slumbewohner selbst ihre Situation? Sind sie sich dieses Potenzials bewusst?
Nein. Am Anfang kämpfen sie schlicht ums Überleben. In diesem Zustand trauen sie einander nicht. Es braucht Zeit, bis ein Gefühl von Gemeinschaft entsteht. Aber wenn das passiert, besinnen die Menschen sich auf gemeinsame Traditionen und machen die Erfahrung, am gleichen Ort zu wohnen. Von diesem Moment an beginnen sie sich mit ihrem Stadtteil zu identifizieren. Von da an kann man mit ihnen zusammen an Veränderungen arbeiten.
Wie lässt sich dieses Potenzial anstoßen?
Nehmen Sie das Beispiel Tema, das industrielle Zentrum in der Nähe von Accra, das in den 1960er Jahren geschaffen wurde. Die Bewohner kamen aus vielen verschiedenen Orten und wir mussten künstlich Gemeinschaften schaffen. Es zeigte sich, dass der beste Weg darin bestand, den Menschen zu helfen, ihre Probleme zu artikulieren. Als sie feststellten, dass andere die gleichen Probleme haben, begannen sie Beziehungen zu knüpfen und Gemeinschaften aufzubauen. Von diesem Moment an waren sie in der Lage, ihr Umfeld zu beeinflussen. Die Leute gründeten Vereine oder taten sich in ethnischen Gruppen zusammen, die Grundlage für kollektive Aktionen wurden.
Die beiden größten Slums in Accra, Nima und Ga Mashie, unterscheiden sich sowohl durch ihre Entstehungsgeschichte als auch durch ihre Sozialstrukturen. Nima gleicht einem Vorort mit Dorfcharakter, in dem eine Vielzahl von Migrantengemeinschaften mit verschiedenen ethnischen Wurzeln lebt. Ga Mashie dagegen ist das frühere ökonomische Zentrum von Accra. Gibt es auch Unterschiede beim Selbsthilfepotenzial?
Ja. Der auffälligste Unterschied ist, dass die Slum-Gemeinschaften der Migranten stärker daran interessiert sind, ihre Situation zu verbessern. Das liegt möglicherweise daran, dass sie häufig nichts zurückgelassen haben, auf das zurückzublicken sich lohnt. Dagegen sind die nicht zugewanderten Menschen in den innerstädtischen Slums der Meinung, dass die Regierung ihnen etwas schuldet. Sie warten darauf, dass ihnen von außen jemand hilft. Eingeborene Slumbewohner haben zudem häufig einen Vertreter in der Stadtverwaltung, an den sie sich wenden können. Zuwanderer haben diese Möglichkeit in der Regel nicht und müssen viel stärker um ihre Anerkennung kämpfen. Sobald die anfängliche Furcht überwunden ist, nicht akzeptiert zu werden, lassen sich in diesen Gemeinschaften leichter Selbsthilfekräfte mobilisieren.
Sind die Strategien bi- und multilateraler Geber für Slumgebiete angemessen?
Oft leider nicht. Nehmen Sie Nima als Beispiel: Wir haben mit unserer Arbeit dort vor mehr als 30 Jahren begonnen und immer noch ist viel zu tun. Geberprogramme dagegen laufen nach drei Jahren aus, unter Umständen kann man eine weitere Runde beantragen. Dieser starre Ansatz ist Nachhaltigkeit nicht gerade förderlich. In einem Projekt für die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation und die niederländische Regierung ist es mir einmal gelungen, klarzumachen, dass Projekte sich langsam entwickeln müssen und nicht in eine Zwangsjacke gehören. In den 1980er Jahren gab es bei den Gebern für kurze Zeit Offenheit für einen solchen flexiblen Ansatz. Aber bald darauf schloss sich dieses Fenster wieder, als die Industrieländer selbst mit Wirtschaftskrisen zu kämpfen hatten und Entwicklungshilfegelder kürzten.
Die Fragen stellte Tillmann Elliesen.
Professor James Annorbah-Sarpei
leitet das Center for Community Studies, Action and Development (CENCOSAD) in Accra.
Er arbeitet seit über 30 Jahren mit Slumbewohnern in Ghanas Städten. 1968 gründeten er und Kommilitonen von der Legon-Universität in Accra die Operation Help Nima zur Unterstützung der Bewohner des größten Armenviertels in Accra.
prof_annorbahsarpei@yahoo.com
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