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 12/2004
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Wege aus dem Elend finden
Auf dem kleinen Hof vor dem Haus bereitet die Frau von Ibrahim Yaya auf einer Feuerstelle ein Abendessen zu. Ibrahims jüngster Enkel macht es sich auf dem Schoß seiner Großmutter bequem. Früher tummelten sich hier Ganoven und Jugendliche, die Glücksspiele betrieben. Der Dreck stand meterhoch, sagt Ibrahim Yaya. Durch die schmale Gasse, die zu seinem Haus führt, dringt Verkehrslärm von der Hauptstraße. Eine junge Frau, die bei Ibrahim zur Untermiete wohnt, füllt über einen Schlauch Wasser in ein altes Ölfass, das zum Verkauf an die Nachbarn bestimmt ist. Ibrahims Haus verfügt über den Luxus eines Wasseranschlusses. Ibrahim verscheucht Ziegen und Federvieh und bittet seinen alten Freund James Sarpei und den Besucher aus Deutschland auf der Bank an der Hauswand Platz zu nehmen. Willkommen in Nima.
Nicht nur auf dem Land, auch in Ghanas Städten gibt es große Armut. Der erste Eindruck, den die Hauptstadt Accra beim Besucher hinterlässt, täuscht: Den vornehmen Stadtteil Kanda, in dem sich viele ausländische Botschaften, schicke Villen und der frühere ghanaische Regierungssitz finden, trennt nur eine vierspurige Straße von Nima-Maamobi, dem größten Elendsviertel der Stadt. Und läuft man die Verlängerung der Bankenmeile High Street im Süden der Stadt entlang, dann findet man sich unversehens in Ga Mashie wieder, dem einstigen Geschäftszentrum und Hafenviertel Accras, das dem Verfall preisgegeben ist, seit vor vierzig Jahren der Hafen geschlossen und an anderer Stelle wieder aufgebaut wurde.
Sarpei hat maßgeblich dazu beigetragen, dass urbane Armut ein Thema in Ghana wurde. 1968 schuf der heute 57-Jährige als Student mit einer Handvoll Kommilitonen die Aktion Hilfe für Nima. Ihre Ziele: die Öffentlichkeit auf die Zustände in dem Viertel hinweisen und die Einwohner von Nima dabei unterstützen, etwas gegen das Elend zu unternehmen.
Nima hat heute noch den Charakter einer Ansammlung von Dörfern inmitten der Stadt. Einwanderer aus ganz Westafrika, die nach dem Zweiten Weltkrieg an der Goldküste ihr Glück machen wollten, haben das Viertel geprägt. Noch heute gründen Nachbarschaften auf gemeinsamen ethnischen Wurzeln: Es gibt die Quartiere der Ivorer, der Burkiner, der Nigerianer, der Guineer. Das Problem war, dass alle, die nach Nima kamen, irgendwann wieder zurück nach Hause wollten. Deshalb hat sich niemand um etwas gekümmert, erzählt Ibrahim Yaya, der 1958 als Kind mit seinen Eltern nach Nima zog. Ende der 1960er Jahre, als James Sarpei nach Nima kommt, besteht das Viertel aus einer Vielzahl ethnischer Gemeinschaften, die kaum Kontakt untereinander und schon gar nicht über die Grenzen von Nima hinaus haben. Die meisten der damals 50 000 Einwohner schlagen sich als Tagelöhner durch, die Armut ist groß, die hygienischen Bedingungen sind katastrophal. Nima erstickt im Müll, in den Regenzeiten verwandeln sich die Gassen zwischen den Häusern, die durch die wilde Bebauung immer schmaler werden, in Schlammgruben.
Die Militärregierung damals wollte das Viertel komplett abreißen und wieder neu aufbauen. Zum Glück hatte sie dafür kein Geld, erzählt Sarpei. Zusammen mit seinen Studienkollegen motivierte er die traditionellen Führer in Nima, gemeinsam zu beraten, wie die Probleme in ihrem Viertel gelindert werden könnten. Zugleich verschafften sie ihnen Gehör bei der Stadtverwaltung von Accra und bei der Regierung. Mit Erfolg: Nach über zehn Jahren Lobbyarbeit billigte die Regierung Anfang der 1980er Jahre das Sanierungskonzept der Aktion Hilfe für Nima. Es sah neben der Verbesserung der sanitären Einrichtungen vor allem die Öffnung des dichtbebauten Viertels vor: Befestigte Plätze und Straßen, die nicht bei jedem Regen unpassierbar werden, sollten Raum für öffentliches Leben schaffen. Die Wohnungsnot sollte durch den Bau mehrstöckiger Häuser gelindert werden.
Gut zwanzig Jahre später ist die Lage in Nima nach wie vor schwierig. Die Sanierung wurde teilweise durchgeführt, doch noch immer durchzieht ein Netz von offenen Abwasserkanälen das Viertel, die in einen zehn Meter breiten träge dahinfließenden Strom aus Fäkalien und Müll münden, der Nima von Ost nach West durchschneidet. Noch immer gibt es viel zu wenig sanitäre Einrichtungen. Es ist bedrückend, jeden Morgen die langen Schlangen vor den öffentlichen Toiletten zu sehen, sagt Imoru Baba Issa, der wie schon sein Vater Chief seiner Gemeinschaft ist.
Die Bebauung hat sich kaum verändert. Die mehrstöckigen Häuser, die Städteplaner von der Technischen Hochschule Darmstadt in den 1970er Jahren für Nima entworfen haben, gibt es nur als Prototyp und wurden nicht weiter errichtet. Seither hat sich die Bevölkerung verdreifacht, heute leben in Nima 150 000 Menschen auf zwei Quadratkilometern. Früher waren wir hier zu fünft, sagt Baba Issa im Innenhof seines Hauses. Wir haben etwas angebaut, aber heute leben in fünf Zimmern 22 Menschen. Die Wasserversorgung ist dagegen deutlich besser als früher. Viele Häuser sind mit großen Wassertanks aus Plastik ausgerüstet.
Die wichtigste Veränderung hat bei den Einwohnern Nimas stattgefunden. Sie sind selbstbewusster als früher, ihr Bildungsstand ist besser. Einige neue Privatschulen zeugen davon, dass sich das durchschnittliche Einkommen erhöht hat. Den Menschen geht es besser. Alle sieben Kinder von Ibrahim Yaya haben die Schule mit Abitur abgeschlossen (Senior Secondary School). Ibrahims ältester Sohn ist Journalist und war bis vor kurzem beim ghanaischen Fernsehen, eine seiner Töchter arbeitet bei einer Fluggesellschaft Jobs, von denen Ibrahim selbst nur träumen konnte.
Die traditionellen Führer in Nima haben ein politisches Bewusstsein entwickelt, das weit über ihre Gemeinschaften hinausreicht. Ohne direkten Kontakt zur Regierung erreichen wir nichts, sagt Chief Baba Issa. Die Politisierung hat aber auch eine Kehrseite: Im demokratischen Ghana entscheidet anders als zu Zeiten der Militärregierungen die Parteizugehörigkeit über Macht und politischen Einfluss. Die Nachbarschaftstreffen, bei denen über Probleme im Viertel gesprochen wird, waren früher viel ergiebiger. Heute sind es vor allem Parteiveranstaltungen, klagt Ibrahim Yaya.
In Nima ist eine Generation herangewachsen, die stolz auf ihr Viertel ist. Aber was kommt nach denen, die wie Ibrahim Yaya und Baba Issa bei James Sarpei in die Lehre gegangen sind? Es ist nicht leicht, die jungen Leute immer wieder neu aus ihrer Lethargie zu reißen und Wortführer zu finden, die sich für Nima stark machen, sagt Sarpei. Die zehn- bis vierzehnjährigen Schüler im Islamic Studies Center, einer mit Geld aus Saudi-Arabien errichteten Schule, in der auch weltliche Themen unterrichtet werden, winken ab. Es gebe einfach zu viele Probleme in Nima. Alle wollen weg. Wohin? Am liebsten nach Amerika, England oder Deutschland.
Tillmann Elliesen
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