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Informelle Stadt-Land-Beziehungen


12/2004
 

Informelle Stadt-Land-Beziehungen

Stadt und Land sind keine getrennten Welten. Eine spezifische Form der Stadt-Land-Verflechtung verdient mehr Beachtung. Die Entwicklungsforschung hat sich bislang um Überlebensstrategien multilokaler Haushalte nur wenig gekümmert.


[ Von Einhard Schmidt-Kallert und Volker Kreibich ]

Seit Jahrzehnten wachsen die großen Städte in den meisten Entwicklungsländern in vorher nie dagewesenem Ausmaß. Die ungelösten Probleme der Megastädte sind Thema unzähliger internationaler Konferenzen. Und doch wissen wir immer noch sehr wenig über das, was sich jenseits der statistisch fassbaren Daten im Urbanisierungsprozess abspielt. Bis heute ist das beherrschende Paradigma zur Erklärung von Urbanisierung und Überurbanisierung das konventionelle Push-and-Pull-Modell. Es postuliert, dass Migration vor allem in einer Richtung, vom Land in die Stadt stattfindet, weil in der Vorstellung der Migranten die (Über-)Lebensbedingungen auf dem Land im Vergleich zur Stadt schlechter abschneiden.

Damit verbunden ist die Vorstellung, dass Migranten sich gewöhnlich einmal im Leben entscheiden, ihrem Heimatdorf den Rücken zu kehren und für immer in die Stadt umzuziehen. Aus Landbewohnern werden Städter. Spätestens die zweite Generation – so die Annahme – vollzieht den Wandel vom ländlichen zum städtischen Lebensstil.

Dieses konventionelle Paradigma wurde abgeleitet von den empirischen Beobachtungen des Urbanisierungsprozesses in Europa, Nordamerika und Japan. Viele Wissenschaftler und die meisten Praktiker gingen lange Zeit davon aus, dass sich Urbanisierung in Asien und Afrika ganz ähnlich vollzieht. Dabei konnte das einfache Push-and-Pull-Modell auch in Europa nie die ganze Wirklichkeit einfangen. So zeigen neuere Forschungen zur Industriegeschichte des Ruhrgebiets, dass es hier vor mehr als 100 Jahren städtische Subsistenzproduktion sowie das Phänomen der „zirkulären Migration“ gab.

Die Wirklichkeit ist meist komplexer und facettenreicher, als es einfache Modelle nahe legen. Einige Autoren haben schon früh darauf aufmerksam gemacht. So legte der Geograph T.G. McGee Anfang der 80er Jahre eine Reihe von Studien über die Rolle von saisonaler und zirkulärer Wanderung in Asien vor. Per saldo wachsen die Megastädte Asiens zwar stetig, aber keineswegs gleichmäßig und linear. Eine Stadt wie Surabaya weist im Jahresverlauf beachtliche Schwankungen ihrer Einwohnerzahl nach oben und nach unten auf. Sie kann leicht auch einmal 500.000 Einwohner weniger haben als ein halbes Jahr vorher – je nachdem in welcher Jahreszeit, zu welchem Zeitpunkt des landwirtschaftlichen Zyklus die Stichprobenzählung stattfindet. Vor allem die Menschen, die im informellen Sektor der Städte nach Überlebensmöglichkeiten suchen, brechen längst nicht alle Bindungen zu ihrer ländlichen Heimat ab, sondern kehren zu bestimmten Zeiten im Jahr zurück in ihre Dörfer.


Verankerung am Heimatort

Der indonesische Regionalplaner Joseph Oenarto zeichnete vor 20 Jahren in einer beeindruckenden Studie die Lebensgeschichten von Müllsammlern in Jakarta nach. Gerade die Ärmsten unter ihnen, die immer auf der Flucht vor Polizei oder Straßendieben waren und die selbst auf der Straße lebten, hatten noch eine Familie im Heimatort und fuhren einmal im Jahr, wenn zusätzliche Arbeitskräfte in der Landwirtschaft gebraucht wurden, dahin zurück. Das sicherte ihr physisches Überleben. Wichtiger noch: Die Verankerung im Heimatort garantierte diesen am untersten Rande der Gesellschaft Lebenden ein Stück Menschenwürde.

Auch in Afrika gilt das Push-and-Pull-Modell nicht. Ende der 80er Jahre interviewten Kofi Diaw und Einhard Schmidt-Kallert in Ghana in abgelegenen Umsiedlerdörfern am Volta-See Bauern systematisch über ihre Biographien. Unterschiedliche Überlebensstrategien schälten sich heraus. Eines der interessantesten Ergebnisse war, dass viele Haushalte räumlich geteilt waren. Eines oder mehrere Familienmitglieder leben in der Großstadt und verdienen Bargeld. Ein Teil davon steht dem ländlichen Teil des Haushaltes zur Zeit der Aussaat und der Landvorbereitung zur Verfügung. Monate später kehrt sich das Verhältnis um. Nach der Ernte erhalten die städtischen Haushaltsmitglieder vom ländlichen Teil des Haushalts Yams und andere Naturalien für ihre Haushaltsführung.

Solche Haushalte leben ganz bewusst an zwei weit voneinander entfernten Standorten. Ihre Überlebensstrategie bezieht die jeweiligen Chancen von Stadt und Land ein. Solche multilokalen Haushalte verfügen zwar oft nicht über höhere Einkommen als an einem einzigen Ort konstitutierte Haushalte. Aber die Risiken, denen sie ausgesetzt sind, sind besser räumlich und zeitlich verteilt. Deshalb ist diese Art der Überlebenssicherung auch kein Übergangsphänomen, sondern eine Strategie, die über Generationen beibehalten werden kann.


Ökonomische und soziale Ziele

Es lohnt sich also, einen genauen Blick auf Entscheidungen und Handlungsstrategien der Individuen und Haushalte zu werfen, die in solchen „multi-lokalen“–Haushaltskonstellationen zwischen Stadt und Land leben. Die Thematisierung dieser Form informeller Stadt-Land-Beziehungen ist ohne Übertreibung vergleichbar mit der „Entdeckung des informellen Sektors“ in den 70er Jahren. So wenig sich die soziale und ökonomische Wirklichkeit in den Megastädten demjenigen erschließt, der die ökonomischen und sozialen Funktionen des informellen Sektors nicht kennt, so wenig lässt sich Urbanisierung von Entwicklungsländern ohne die informellen Stadt-Land-Beziehungen multi-lokaler Haushalte verstehen.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion haben sich ähnliche Strukturen an den ausgefransten Rändern von Moskau, Minsk, Tbilisi und vieler anderer osteuropäischer Städte herausgebildet. Ohne die Subsistenzproduktion der Datschen oder der in einigen Ländern neu zugewiesenen landwirtschaftlichen Parzellen wäre ein großer Teil der Stadtbewohner in den Krisenjahren nicht über die Runden gekommen. Wer dann noch in den Sommermonaten seine Moskauer Wohnung an zahlungskräftige Ausländer vermietet, dem bietet das Leben zwischen Stadt und Land auch noch zusätzlichen Möglichkeiten, das Bareinkommen zu erhöhen.

Das Leben zwischen Stadt und Land in multilokalen Haushalten stellt ein wichtiges Forschungsfeld dar. Denn nur aus der Perspektive der handelnden Akteure, der Haushalte und der einzelnen Haushaltsmitglieder lässt sich die aktuelle Dynamik zwischen den großen Städten und den ländlichen Regionen in den Entwicklungsländern wirklich verstehen. Und in der Tat sind auf diesem Gebiet in den letzten Jahren zahlreiche neue Studien erschienen, die auf sehr differenzierte Motive bei den Akteuren aufmerksam gemacht haben.

1999 legte Martin Raithelhuber eine empirische Studie zu Stadt-Land-Beziehungen in Nepal vor. Er führte Feldforschungen in mehreren Dörfern im Westen des Landes durch, von denen eines mehr als fünf Stunden Fußmarsch von der nächsten Straße entfernt war. Aber multilokale Haushalte gab es gerade in diesem besonders abgelegenen Dorf. In Nepal ist das Phänomen des multilokalen Haushaltes keineswegs auf die dörfliche Unterschicht beschränkt. Wohlhabende Haushalte investieren in städtische Immobilien, um einen späteren (Teil-)Umzug in die Stadt vorzubereiten. Nur ein Teil der Haushaltsmitglieder zieht in die Stadt, zum Beispiel der erwachsene Sohn mit seiner Kleinfamilie und Schulkindern, während die Elterngeneration sich weiterhin im Dorf um die Landwirtschaft kümmert.

Auch die Haushalte, die nicht über genügend Vermögen verfügen, um sich ein Haus in der Stadt zu leisten, wenden ähnliche Strategien an. Sie mieten ein Zimmer in der Stadt, das sie mit mehreren Familienmitgliedern oder auch Fremden teilen, um die Mietkosten möglichst gering zu halten. Andere siedeln als Squatter am Stadtrand oder an einer Ausfallstraße. All das geschieht im Rahmen einer Strategie, die sich eher als eine schrittweise Verlagerung vom ländlichen zum multilokalen Land-Stadt-Haushalt denn als klarer Umzug kennzeichnen lässt.

Der Hauptunterschied zur temporären Arbeitsmigration besteht darin, dass nicht nur eines der männlichen Haushaltsmitglieder an den neuen Standort zieht, sondern eine Kleinfamilie. An jedem der Standorte bleibt immer eine „Kernbesatzung“, während einige Haushaltsmitglieder zwischen beiden Standorten hin und her pendeln, je nachdem, wo es gerade Arbeit gibt.

Eine andere Art der Kombination von städtischen und ländlichen Lebenschancen in multilokalen Haushalten hat Beate Lohnert in einer Untersuchung über die Stadt-Land-Beziehungen zwischen ehemaligen Townships in Kapstadt und der Provinz Eastern Cape in Südafrika nachweisen können. Die jungen Kernfamilien ziehen zwar nach Kapstadt, aber viele Kinder verbringen nur die Ferienzeit in Kapstadt bei ihren Eltern, über 50 Prozent der Kinder leben sonst nicht in städtischen Haushalten. So ergibt sich für die Organisation multilokaler Haushalte eine sehr spezifische und für das neue Südafrika typische Arbeitsteilung: Der Haushaltsstandort im ländlichen Raum hat die Funktion, Kleinkinder zu betreuen, Alte und Kranke zu versorgen und Nahrungsmittelüberschüsse für die städtischen Haushaltsmitglieder zu produzieren. Dagegen erwirtschaftet der städtische Haushaltteil das Geldeinkommen und ist eine Art Brückenkopf für neu Zugewanderte. Er dient auch dem Austausch von Gütern, Leistungen und Informationen.

Lohnerts Studie zufolge leben 60 Prozent der Bewohner der ehemaligen Townships in solchen dynamischen Konstellationen zwischen Stadt und Land. Die meisten würden am liebsten wieder in ihre Dörfer zurückkehren – allerdings nur unter der Bedingung, dass sie dort auch Erwerbsarbeit finden. Sie leben so in einem Schwebezustand, der ihre Identifikation mit dem Leben in der Stadt beeinträchtigt und sie zum Beispiel davon abhält, in ihre städtische Behausung zu investieren.

Multilokale Haushalte sind nach Lohnerts Beobachtungen auch für den Rückgang der landwirtschaftlichen Produktivität in ihren Herkunftsgebieten verantwortlich. Gespaltene Haushalte können ihr Land nicht mehr angemessen nutzen, geben es aber auch nicht an andere Dorfgenossen ab, sondern lassen das unbestellte Feld durch bezahlte Wächter bewachen.


Strategien von Eliten

Es kommt auch vor, dass städtische Haushalte in Dörfern Ackerland erwerben, um unzureichende Arbeitseinkommen zu ergänzen. In anderen Fällen wollen sie Abfindungen anlegen, die sie beim Stellenabbau im öffentlichen Sektor erhalten haben. Häufig werden die bäuerlichen Betriebe anfangs durch „Verwalter“, etwa einen entfernten Verwandten, geführt, um später dem Haushaltsvorstand als Altersruhesitz zu dienen. Auch dabei lassen sich vielfältige Formen der familiären Aufgabenzuweisung und der Bewegung auf dem Stadt-Land-Kontinuum beobachten.

In schnell wachsenden Städten wie Dar es Salaam bleibt selbst die Bildungs- und Einkommenselite zumindest in der ersten Zuwanderergeneration dem ländlichen Leben noch stark verhaftet. Dozenten an der Universität und höhere Verwaltungsangestellte unterhalten nicht nur enge Beziehungen zu ihren Heimatdörfern, sondern besitzen auch bäuerliche Betriebe im Umland der Stadt. Sie verfügen über die Produktionsmittel, vor allem Autos, Telefone und vielfältige Beziehungen, um ihr Ackerland auch als „absentee landlord“ ertragreich zu bewirtschaften.

Eine besonders komplexe Konstellation von Stadt-Umland-Beziehungen beschrieb Lupala am Beispiel des Dorfes Nyantira im Umland von Dar es Salaam. Dort sind Viehzüchter vom Stamm der Kurya von der kenianischen Grenze zugezogen. Sie erwarben Grundstücke, die groß genug für die Hühnerzucht, aber so schlecht erreichbar sind, dass der Preis erschwinglich ist. Die Belieferung der städtischen Märkte mit Eiern erfolgt durch junge Männer, die aus der Heimat nachgeholt werden. Sie sind stark genug, um 30 und mehr Eierkartons auf dem Fahrrad über Sandpisten und Waldwege in die 15 Kilometer entfernte Stadt zu transportieren. Auf dem Rückweg bringen sie Hühnerfutter und Medikamente mit. Das Geschäft läuft so gut, dass die Fahrradlieferanten aus ihrem Anteil bereits nach ein bis zwei Jahren eigene Grundstücke erwerben und mit der Hühnerzucht beginnen können. Die peri-urbane Ökonomie der Kurya-Migranten lebt von der Verknüpfung ländlicher Produktionsstandorte mit dem großstädtischen Absatzmarkt und der Stammesheimat an der nationalen Peripherie.

Die Bedeutung informeller Stadt-Land-Beziehungen für die Absicherung und Entwicklung von livelihoods auf dem Lande und in der Stadt wurde bisher meist unterschätzt. Sie dienen der Risikostreuung und dem Kapital- und Wissenstransfer. Die Austauschbeziehungen in Familiennetzwerken und gespaltenen Haushalten sind häufig reziprok, so dass sie in ländlichen und städtischen Entwicklungskonzepten beachtet und genutzt werden sollten.

Der informelle Leistungsaustausch zwischen Stadt und Land sollte nicht als „Abwanderung der Befähigten“ oder gar „Ausbluten“ beklagt, sondern im Rahmen regional und sektoral integrierter Entwicklungskonzepte gefördert werden. Zwei Strategien stehen dabei im Vordergrund: die Verkehrserschließung des ländlichen Raums, um die Mobilität von Personen und den Austausch von Gütern zu erleichtern und zu verbilligen, und die Beratung der Absender und Empfänger von Kapitaltransfers, um den Wert produktiver Investitionen im Vergleich zu konsumptiven Ausgaben zu verdeutlichen. Der Transfer von Kapital und Wissen aus der Stadt könnte helfen, eines der größten Hindernisse für die Entwicklung kleinbäuerlicher Sozial- und Wirtschaftssysteme zu überwinden, den Rückgang der landwirtschaftlichen Produktivität und den Mangel an Einkommensmöglichkeiten in anderen Wirtschaftssektoren.




Literatur
Diaw, Kofi und Einhard Schmidt-Kallert: Effects of Volta-Lake Resettlement in Ghana. Hamburg: Institut für Afrikakunde, 1990
Lohnert, Beate: Vom Hüttendorf zur Eigenheimsiedlung. Ist Kapstadt das Modell für das Neue Südafrika? Osnabrück: Universitätsverlag Rasch, 2002
Lupala, Aldo: Peri-urban Land Management for Rapid Urbanisation - The Case of Dar es Salaam. Dortmund: SPRING Research Series 32; 2002
McGee, T.G.: Labour Mobility in Fragmented Labour Markets, the Role of
Circulatory Migration in rural-Urban Relations in Asia. In. Helen Safa (Hg.): Towards a Political Economy of Urbanisation in Third World Economies. Delhi: Oxford University Press, 1982, S. 57-83
Oenarto, Joseph: Case Studies of the Housing Process in Jakarta. In: Einhard Schmidt (Hg.): Squatters’ Struggles and Housing Policies in Asia. Dortmund 1989 (Dortmunder Beiträge zur Raumplanung Bd. 48), S. 26-42
Raithelhuber, Martin: Stadt-Land-Beziehungen in Nepal. Eine institutionenorientierte Analyse von Verwundbarkeit und Existenzsicherung. Saarbrücken: Verlag für Entwicklungspolitik 2001




Prof. Dr. Einhard Schmidt-Kallert
arbeitet als Regionalplaner und Sozialwissenschaftler bei AHT Group AG in Essen und hat an zahlreichen Stadt- und Regionalentwicklungsprojekten der EZ mitgewirkt.
Er lehrt an der Universität Dortmund.
esk@aht-group.com

Prof. Dr. Volker Kreibich
leitet das Fachgebiet „Geographische Grundlagen und Raumplanung in Entwicklungsländern“ und den Studiengang SPRING (Spatial Planning for Regions in Growing Economies) an der Fakultät Raumplanung der Universität Dortmund. In der Forschung befasst er sich insbesondere mit der informellen Siedlungsentwicklung in
afrikanischen Großstädten.
volker.kreibich@uni-dortmund.de