Beiträge aus der Rubrik
Tribüne


Patronage versus Popularität

„Der Bezugsrahmen ist international verbindlich”

Zehn Jahre private Waldpolitik


12/2004
 

[ Nachhaltigkeit ]

Zehn Jahre private Waldpolitik

Der Forest Stewardship Council (FSC) gilt als erfolgreiches Modell privater Politikgestaltung. Umweltschützer, Unternehmen und Arbeitnehmerorganisationen legen gemeinsam Regeln für nachhaltige Waldwirtschaft fest. Nach zügigem Wachstum des FSC in den vergangenen zehn Jahren zeichnen sich künftig aber Probleme ab. Bislang liegt nur ein Fünftel der Waldfläche, die nach den Regeln des FSC bewirtschaftet wird, in Afrika, Asien oder Lateinamerika.


[ Von Philipp Pattberg ]

Der Forest Stewardship Council (dt. Welt-Forst-Rat) ist eine vielschichtige Institution. Er vermittelt zwischen Waldwirtschaft, Handelsketten und holzverarbeitender Industrie und international operierenden Umweltorganisationen sowie lokalen Arbeitnehmer- und Menschenrechtsvereinigungen. Gemeinsam legen sie Stan-dards für die nachhaltige Waldbewirtschaftung fest, deren Einhaltung Voraussetzung für eine erfolgreiche Zertifizierung ist, die wiederum zur Werbung mit einem aussagekräftigen Produktlabel befähigt. Die Bedeutung des FSC beruht unter anderem auf der Mitwirkung von Organisationen wie dem Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND), Greenpeace und dem Sierra Club, Unternehmen wie OBI, Homedepot und IKEA oder Habitat sowie sozialen Interessenverbänden und Gewerkschaften.

Der FSC ist aus zwei Gründen für die Fachwelt interessant. Erstens verkörpert er den Trend zur Privatisierung globaler Regelungsmechanismen, wie er auch in der Tätigkeit der International Organization for Standardization oder des Marine Stewardship Council zum Ausdruck kommt. Zweitens dient er als Modell dafür, tendenziell widerstreitende Interessen in einen kooperativen Entscheidungsrahmen einzubinden.
Die FSC-Regeln verbinden Akteure in 74 Staaten. Darunter sind Entwicklungsländer wie Bolivien, Ekuador, Namibia und Uganda sowie wichtige Schwellenländer wie Malaysia und Brasilien. Der FSC nimmt Einfluss auf die Lebensverhältnisse zahlreicher Menschen, die im Wald leben oder anderweitig vom Wald abhängen. Allein in Deutschland besitzen 266 Firmen ein sogenanntes Chain-of-Custody-Zertifikat, welches einen lückenlosen Überblick vom Ausgangsmaterial bis zum fertigen Produkt gewährleistet. Auch die Politik hat den FSC für sich entdeckt. So steht im rot-grünen Koalitionsvertrag von 2002, dass die Waldflächen des Bundes in Zukunft nach FSC-Regeln zu zertifizieren sind.

Der FSC entstand, nachdem die Weltkonferenz über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio keine bindenden Regeln für Schutz und nachhaltige Nutzung der Wälder schaffen konnte. Die versammelten Regierungsvertreter erreichten nur einen Minimalkonsens unter dem verräterischen Titel „Nicht rechtsverbindliche maßgebliche Darlegung von Grundsätzen eines weltweiten Konsenses über Bewirtschaftung, Erhaltung und nachhaltige Entwicklung aller Waldarten”. Damals verstärkten jedoch einflussreiche Umweltorganisationen, insbesondere in den USA und Britannien, den Druck auf große Handels- und Baumarktketten. Der Verkauf von Gartenmöbeln, Parkett und Bauholz wurde unversehens brisant. In dieser Situation bot die Gründung des FSC allen Parteien etwas. Er konnte sinnvolle Sozial- und Umweltstandards schaffen, die den Unternehmen helfen würden, aus der Schusslinie zu kommen.

Grundlage der Arbeit bilden die 1993 in Toronto verabschiedeten „Principles and Criteria”. Sie definieren, welche Praktiken als sozial verträglich, ökologisch angepasst und ökonomisch rentabel gelten. Die Prinzipien verlangen beispielsweise die Einhaltung aller gültigen nationalen und internationalen Standards (unter anderem die Bestimmungen des Washingtoner Artenschutzabkommens, des Internationalen Tropenholz-Abkommens sowie der Konvention über Biologische Vielfalt), die Berücksichtigung von Land- und Nutzungsrechten der indigenen Bevölkerung sowie die Bewahrung biologischer Vielfalt und anderer nichtmonetärer Werte. Im Laufe seiner zehnjährigen Ge-schichte hat der FSC darüber hinaus detaillierte Regeln für die nachhaltige Waldwirtschaft entwickelt.


Erfolgsstatistik

Im Oktober 2004 betrug die nach FSC-Standards weltweit zertifizierte Waldfläche rund 47 Millionen Hektar. Das entspricht grob dem Vierfachen der bundesdeutschen Waldfläche. Insgesamt haben die bislang vom FSC akkreditierten dreizehn Zertifizierungsorganisationen über 4000 Zertifikate an Forstbetriebe und Unternehmen ausgegeben. Die Menge an Holz aus FSC-Quellen, die jährlich auf den Markt gelangt, beträgt nach konservativen Schätzungen 100 Millionen Kubikmeter. Das entspricht einem Weltmarktanteil von mehr als fünf Prozent. Die Ausdehnung der Fläche auf 140 Millionen Hektar bis 2100 hält der FSC für möglich.

Trotz solcher Erfolgszahlen gibt es aber auch Anlass zur Skepsis. Der bisherige Trend dürfte sich nicht ungebrochen fortsetzen. Denn zunächst wurden Wälder zertifiziert, die kaum umstritten sind. Problematische Gebiete, besonders im tropischen Regenwald und im temperierten Urwald, rücken erst langsam ins Blickfeld. Zudem liegen derzeit 63 Prozent der zertifizierten Fläche in Europa und 17 Prozent in Nordamerika. Auf Afrika, Asien, den Pazifikraum und Lateinamerika entfallen nur 20 Prozent. Dieses Missverhältnis liegt an mangelhafter Infrastruktur und ökonomischem Ungleichgewicht. Gut organisierten Forstbetreibern in gemäßigten Regionen fällt es nicht schwer, die Standards und Kriterien zu erfüllen. Dagegen herrschen in Tropenwäldern nur sehr selten die Rahmenbedingungen, die die Zertifizierung begünstigen. Ein wichtiger Schritt hin zur Erfassung sensibler Forstgebiete ist der Beschluss des FSC, künftig auch staatliche Wälder zu zertifizieren. Damit gewinnt der FSC potenziell auch Einfluss auf weitere wichtige Flächen – beispielsweise in Russland.

Umstritten ist indessen die Bewertung von Plantagenwäldern. Nach langen, kontroversen Debatten hat der FSC 1996 auch Regeln für deren Bewirtschaftung aufgestellt. Momentan sind rund 12 Prozent der zertifizierten Gesamtfläche Plantangen. Für viele zivilgesellschaftliche Unterstützer des FSC steht damit ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel, da viele Umweltschützer die Plantagenwirtschaft grundsätzlich kritisieren. Der FSC hat deshalb im September 2004 einen zweijährigen Review-Prozess zum Thema gestartet.

Als weiteres Problem gilt die künftige Finanzierung des FSC. Bisher hängt er von der Unterstützung gemeinnütziger Stiftungen ab, verfügt also nicht über existenzsichernde Einnahmen aus der eigenen Arbeit. Allerdings ist zu befürchten, dass stärkere Gewinnorientierung der Grundidee des FSC zuwiderlaufen und damit seine Glaubwürdigkeit gefährden würde.

Ein zusätzliches Manko ist der unübersichtliche Wettbewerb diverser forstwirtschaftlicher Regelwerke. Mehr als 23 unterschiedliche nationale, regionale oder globale Standards konkurrieren inzwischen mit denen des FSC. In Deutschland gibt es beispielsweise die 1999 von Waldbesitzern und Holzindustrie als Reaktion auf den FSC ins Leben gerufene Paneuropäische Forstzertifizierung (PEFC). Sie schreibt im Gegensatz zum FSC keine unabhängige Vor-Ort-Prüfungen vor. Auch verbietet PEFC den Pestizideinsatz nicht generell. Dieser Verband verzichtet auf jährliche Betriebskontrollen und verlässt sich nur auf Stichproben. Holzindustrie und Waldbesitzer können also zwischen verschiedenen Standards den für sie angenehmsten auswählen. Verbraucher dagegen können aber ohne detaillierte Kenntnisse den tatsächlichen Wert der diversen Zertifikate kaum einschätzen.

Leider kamen auch Zweifel bezüglich der Zuverlässigkeit der FSC-Zertifizierung auf. So berichtete eine Evaluierung der Rainforest Foundation von punktuellen Regelverletzungen, die sie auf die Interessenkoalition von Zertifizierungsorganisationen und Forstbetreibern sowie die FSC-Strategie des schnellen Wachstums zurückführte. Daraufhin beschloss der FSC, die Akkreditierungsarbeit von der Standardsetzung zu trennen und Zertifizierer auch unangemeldet zu kontrollieren. Eher kritisch eingestellte Umweltverbände begrüßten diese Schritte.

Trotz der verschiedenen Schwachpunkte gilt der FSC insgesamt als Erfolg. Ein Indiz dafür ist die Mitarbeit der verschiedenen Umweltorganisationen und die Zustimmung diverser staatlicher Akteure. Für die Zukunft sind drei Szenarien denkbar. Wenn das öffentliche Interesse an Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit anhält oder wächst, dürfte die Nachfrage nach zertifizierten Produkten steigen oder zumindest gleich bleiben. Der FSC könnte sich dann dank seiner hohen Glaubwürdigkeit zu einem weltweit anerkannten Industriestandard entwickeln. Plausibel wäre – zumindest mittelfristig – aber auch die weitere Zersplitterung privater Forstregelsysteme in Anlehnung an diverse Klientelwünsche. Der FSC müsste dann wohl sein umwelt- und sozialpolitisches Profil zu Lasten der Rentabilitätsgesichtspunkte stärken, um seinen eigenen Ansprüchen und den zivilgesellschaftlichen Unterstützern zu genügen. Sollte allerdings in absehbarer Zeit auf internationaler Ebene der langerwartete Konsens über eine effektive Waldschutzpolitik doch noch zu Stande kommen, so scheint auch ein drittes Szenario denkbar. In diesem würde der FSC seine Autonomie weitgehend verlieren und zusammen mit den anderen Systemen im Sinne einer Re-Regulierung in die internationalen Bemühungen eingegliedert werden.



Die Website des Forest Stewardship Council (FSC):
http://www.fsc.org



Philipp Pattberg
ist Politikwissenschaftler und arbeitet an seiner Promotion über internationale Waldpolitik an der FU Berlin.
pattberg@glogov.org