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Beiträge aus der Rubrik InWent-Forum
Krankenhauspersonal: Von HIV/Aids besonders belastet
Abwasser: Ungenutzte Ressource im Nahen Osten
 12/2005
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[ HIV/Aids ]
Ärzte und Pfleger besonders belastet
[ Interview mit Claudia Kornahrens ]
Die Situation für die Beschäftigten in den nationalen Gesundheitssystemen Afrikas muss dringend verbessert werden. Nur so lässt sich nach Ansicht von Claudia Kornahrens verhindern, dass Fachpersonal ins Ausland abwandert und die Dienste zusammenbrechen. E+Z/D+C sprach mit der Leiterin der InWEnt-Abteilung Gesundheit über Probleme der HIV/Aids-Versorgung.
Wie erleben die Beschäftigten im Gesundheitssektor in Afrika die HIV/Aids-Krise?
Ärzte und Pflegepersonal sind dreifach belastet. Zu den bekannten Problemen wie gravierendem Personalmangel und unzureichender Infrastruktur kommen mit HIV/Aids neue Aufgaben und ein höheres Arbeitsvolumen hinzu. Zweitens sind Ärzte und Pflegepersonal wie alle anderen gesellschaftlichen Gruppen von der Krankheit betroffen. Schätzungen gehen davon aus, dass in manchen Ländern bis zu 20 Prozent des Gesundheitspersonals in den kommenden Jahren als Folge von Aids sterben könnten. Aids-bezogene Sterbe- und Pflegefälle erhöhen die Fehlzeiten. Der dritte Gesichtspunkt, der die Beschäftigten im Gesundheitsbereich besonders belastet, ist psychologischer Natur: Sie begleiten das Leiden und Sterben einer großen Zahl von Menschen und können ihnen nicht helfen, weil etwa antiretrovirale Medikamente nicht verfügbar sind. Die Situation in Subsahara-Afrika ist aber nicht überall gleich, die Regionen sind unterschiedlich stark betroffen.
Lässt sich die zusätzliche Arbeit beziffern?
In manchen Krankenhäusern hat sich die Zahl der Patienten durch HIV/Aids um bis zu 50 Prozent erhöht, insbesondere auch auf Grund von Folgeerkrankungen wie Tuberkulose. Die gestiegene Belastung durch eine wachsende Zahl von Patienten betrifft aber nicht nur Ärzte und Pflegekräfte, sondern auch die Arbeit von Labor- und Verwaltungspersonal, Management, kurz: alle Beschäftigten.
In welchem Umfang können die Gesundheitsdienste moderne Therapien einsetzen?
Die nachhaltige Finanzierung der Aids-Bekämpfung ist bereits ohne die Einführung der antiretroviralen Therapie (ART) ein zentrales Problem. Die Einführung von neuen Therapien wie die Reduzierung der Übertragung von der erkrankten Mutter auf das Kind und ART ist ein wichtiges Zeichen der Hoffnung im Kampf gegen die Krankheit. Aber die Behandlungsschemata sind kompliziert, die Therapie muss kontrolliert, Nebenwirkungen müssen überwacht werden. Das erfordert zusätzliche Arbeitskräfte und Qualifikationen. Um ART umzusetzen, müssen manche Länder ihr ohnehin nicht ausreichendes Gesundheitspersonal um bis zu 20 Prozent erhöhen.
Wie viele Betroffene in Sub-Saharawerden nach modernen Standards versorgt?
Im Moment erhalten nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO in Afrika südlich der Sahara etwa 500 000 Menschen antiretrovirale Medikamente. Therapiebedürftig wären 4,7 Millionen Menschen, bei 25 Millionen HIV-Infizierten in der Region.
Reicht Fortbildung angesichts der desolaten Situation aus?
Nein. Wichtig sind natürlich zunächst eine entsprechende Infrastruktur inklusive Laborausstattung und Medikamentenversorgung sowie vorhandene Personalkapazitäten. Allein für Tansania schätzen Experten ein Defizit von 17500 qualifizierten Arbeitskräften im Gesundheitssektor ohne die Einführung von ART. Hinzu kommt, dass Pflege- und Hilfskräfte oft Aufgaben wahrnehmen müssen, die normalerweise Ärzten vorbehalten wären. Zudem sind Ressourcen und Personal zwischen städtischen und ländlichen Regionen sehr ungleich verteilt.
Wie groß ist die Gefahr, dass Personal in reichere Länder abwandert?
Sehr groß. Die Abwanderung von Gesundheitspersonal ist bereits ein gravierendes Problem. Dass es in Großbritannien mehr malawische Ärzte gibt als in Malawi ist schon sprichwörtlich. Neben den niedrigen Einkommen im Heimatland gehören ausbleibende Gehaltserhöhungen und fehlende Aufstiegschancen zu den Push-Faktoren. Selbst bei einer guten Ausbildung sind die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten unklar. Das verbindet sich mit hoher Arbeitsbelastung und schlechter Infrastruktur. Viele Beschäftigte können das eigene Überleben und das ihrer Familie nur sichern, indem sie ihr Einkommen durch Nebeneinkünfte im privaten Sektor aufbessern.
Vergrößert die Migration die Kluft zwischen hoch und weniger qualifizierten Beschäftigten?
Auf jeden Fall. Denn es sind überwiegend besonders gut Qualifizierte, die ihre Chancen im Ausland wahrnehmen. Individuell ist das völlig verständlich. Doch die Folgen sind vielfältig. Da es die überdurchschnittlich qualifizierten Kräfte sind, die auch in der Fortbildung eingesetzt werden, verursacht die Abwanderung auch dort Lücken. Insgesamt verursacht die Abwanderung von im Lande ausgebildeten Fachleuten einen immensen volkswirtschaftlichen Schaden.
Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Abwanderung zu stoppen?
Motivation und Migration der Beschäftigten im Gesundheitswesen werden auf vielen Ebenen intensiv diskutiert. Die WHO macht die Situation der Beschäftigten zum Thema des Weltgesundheitsberichtes 2006. Eine internationale Arbeitsgruppe, die Joint Learning Initiative, hat im Auftrag des Global Health Trust gerade die Ergebnisse einer mehrjährigen Untersuchung vorgelegt. Ihre Empfehlungen zielen darauf ab, in Abstimmung mit den Finanzministerien in den Ländern ein strategisches Personalmanagement für den Gesundheitssektor zu schaffen. Die Gesundheitsversorgung wird unzulänglich bleiben, solange der Faktor Mensch nicht genügend beachtet wird.
Was lässt sich konkret tun?
Zunächst müssen wir alle Möglichkeiten zur Motivation des Gesundheitspersonals ausschöpfen: Einkommenssicherheit wäre ein erster wichtiger Schritt. Die öffentlichen Arbeitgeber müssen die Arbeitsbedingungen attraktiver machen und Anreize entwickeln. Wichtig ist auch, die Arbeit in den häufig unterversorgten ländlichen Gebieten aufzuwerten. Auch das Gesundheitspersonal arbeitet lieber in urbanen Räumen, die eine höhere Lebensqualität und bessere Schulen für die Kinder bieten.
Kranken die Gesundheitsdienste weniger an fehlendem Personal als an fehlenden Karrieremustern?
Es fehlt beides. Der genannte Bericht der Joint Learning Initiative kommt zu dem Ergebnis, dass in Afrika eine Million Ärzte, Pflegekräfte und Hebammen fehlen. Wir stellen in den InWEnt-Fortbildungskursen aber auch immer wieder fest, dass die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten nicht klar sind.
Leistung wird immer beschworen, doch nicht immer ist sie es, die Karrieren fördert?
Die Frage ist: Gibt es formale Leistungsbewertungssysteme und werden sie effizient eingesetzt? Entscheidungen über Versetzung, Beförderung oder Fortbildung liegen im öffentlichen Sektor auf einer höheren hierarchischen Ebene und sind häufig nicht transparent.
Wo soll das Geld herkommen, die Beschäftigten adäquat zu bezahlen, weiteres Personal einzustellen und nebenbei auch noch die Infrastruktur zu entwickeln?
Die meisten Länder werden mittelfristig nicht in der Lage sein, mit eigenen Ressourcen eine angemessene Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Sie sind auf Beiträge der Entwicklungspartner zur Deckung der Finanzierungslücken angewiesen. In den letzten Jahren gibt es im Bereich HIV/Aids weltweit einen Zuwachs von Finanzmitteln dank Global Fund, verschiedener Stiftungen, bilateraler und anderer Geber. Damit wird bereits zusätzliches Personal rekrutiert. Es geht um eine politische Schwerpunktsetzung in den nationalen Entwicklungsstrategien und um Harmonisierung der vielfältigen Aktivitäten in jedem Land.
Welche Fortbildungsangebote gibt es für das Pflegepersonal?
Es gibt nationale Programme für das Training von Gesundheitspersonal in allen relevanten Bereichen von Prävention, Tests, Beratung, Pflege und Behandlung. Die Frage ist, ob diese Fortbildungen ausreichend und nachhaltig sind. Besonders aktiv sind internationale Akteure wie Stiftungen, bilaterale Entwicklungspartner und NGOs. Die WHO hat Trainingspakete und Standards entwickelt für die Behandlung und den Einsatz von antiretroviralen Medikamenten. InWEnt und die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) haben gemeinsam mit tansanischen und anderen Partnern eine Reihe von Fortbildungsangeboten für AIDS-Prävention und antiretrovirale Therapie erarbeitet.
Welche Schwerpunkte setzt InWEnt?
Capacity Building ist eine der wichtigsten Aufgaben in der Bekämpfung von HIV/Aids. Und das bezieht sich nicht nur auf das Individuum, das eine Fortbildung erhält und dann in seinem Arbeitsumfeld als Multiplikator wirken kann. Unsere Capacity-Building-Programme setzen auch auf der Ebene von Organisationen an, etwa bei staatlichen Fortbildungseinrichtungen im Gesundheitssektor oder Krankenhäusern. InWEnt engagiert sich überdies im Krankenhausmanagement und bietet einjährige Fortbildungskurse in Deutschland an. Auch Policy-Dialoge und andere Veranstaltungen sind wichtig, um Fragen wie Governance und Aids oder HIV/Aids und Menschenrechte zu diskutieren. Schließlich ist HIV/Aids nicht nur ein Problem des Gesundheitssektors, sondern betrifft in vielen Ländern Afrikas alle Sektoren. Deshalb bietet InWEnt Trainingsangebote für verschiedene Zielgruppen in Bildung, Wirtschaft oder Medien an.
Die Fragen stellten Hans Dembowski
und Norbert Glaser.
Claudia Kornahrens
leitet bei InWEnt die Abteilung Gesundheit und verantwortet die HIV/Aids-Programmefür Afrika.
claudia.kornahrens@inwent.org
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