| |
Beiträge aus der Rubrik Medien
Postmodern Global Governance: The UNCCD
Lern- und Arbeitsbuch Entwicklungspolitik
The World Guide 2005/2006
Entwicklungshilfe: Ein hilfreiches Gewerbe?
 12/2005
|
|
Entwicklungshilfe: Provokante Thesen
Jürgen H. Wolff:
Entwicklungshilfe. Ein hilfreiches
Gewerbe? Versuch einer Bilanz.
Münster, Lit Verlag 2005, 298 Seiten,
19,90 Euro, ISBN 3-8258-8162-8
Wo Hunger und Elend zunehmen (voran in Schwarzafrika), geschieht dies trotz erheblicher (und weit überdurchschnittlicher) Entwicklungshilfeleistungen. Die kritischen Stimmen mehren sich, dass diese missliche Sonderentwicklung nicht trotz, sondern wegen der Entwicklungshilfeleistungen für den Kontinent eingetreten ist. Jürgen H. Wolff, Professor für Soziologie der Entwicklungsländer an der Ruhr-Universität Bochum, vertritt und untermauert mit vielen Daten die These, dass fast überall auf der Welt Lebenserwartung und Bildungsstand steigen, sich Ernährungs- und Gesundheitslage verbessern und der Wohlstand zunimmt. Einzige Ausnahme: Afrika südlich der Sahara. Die Region ist für den Politikwissenschaftler der Katastrophenkontinent par excellence.
Die Ursache dafür sieht Wolff im Entwicklungsestablishment, jenen Institutionen, die für und von Entwicklungshilfe leben. Wolff konstatiert ein Mikro-Makro-Paradox: Erfolge auf der Mikroebene gingen einher mit Misserfolgen auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene. Der von den entwicklungspolitischen Einrichtungen mit Zahlen und Analysen belegte Erfolg bedeute nicht, dass die Projekte dauerhaft Bestand hätten.
Den Selbstanalysen der Institutionen wirft Wolff mangelnde Objektivität vor. Sie hätten kein Interesse an unabhängigen Untersuchungen. Warum auch? Welche Rechtfertigung hätte die Fortführung ihrer kostspieligen Arbeit, fragt Wolff, wäre deren segensreiche Wirkung nicht nachweisbar? Wolffs Bilanz der Entwicklungspolitik fällt denn auch negativ aus.
Auf dieser Basis formuliert er seine Reformvorschläge. Wolff plädiert für eine verstärkte Forschung durch möglichst viele unabhängige Beobachter anstelle interessengeleiteter Schwarzseher. Ziel müsse die Herstellung menschenwürdiger Lebensbedingungen für alle Menschen sein, nicht die Umsetzung eines absoluten Gleichheitsanspruchs. Stärker als bisher müssten Studien den Fragen nachgehen, warum Entwicklungshilfe so unterschiedliche Ergebnisse erzielt habe und welcher Zusammenhang zwischen Entwicklungshilfe und tatsächlicher Entwicklung bestehe.
Reformbedürftig findet Wolff auch die Institutionenlandschaft der deutschen Entwicklungszusammenarbeit: Nötig seien Entstaatlichung auf Geber- und Empfängerseite sowie die Auflösung der Monopolstellungen der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und KfW Entwicklungsbank. Um Wirtschaftswachstum zu erreichen und die Armut zu mindern, bedürfe es der beiden Organisationen nicht. Auch indirekte Förderung könne dazu beitragen. Vielfach allerdings erfolgten Staats- und Wirtschaftsreformen nur zugunsten von Eliten. Wolff bezweifelt, dass sich mit Entwicklungshilfe dauerhaft die Armut mindern lässt. Er spricht sich dafür aus, nur den Ländern zu helfen, die effiziente Reformen durchführen.
Trotz teils berechtigter Kritik mutet das Buch bisweilen mehr als Abrechnung denn als Bilanz an. Nur ein Miteinander von Maßnahmen auf Mikro-, Makro- und Mesoebene kann langfristig die gewünschten Ergebnisse erzielen. Wenn sich Wolff dafür ausspricht, die staatlichen Institutionen auf der Empfängerseite außen vor zu lassen, dann verkennt er die Bedeutung dieser Ebene für die Schaffung günstiger Rahmenbedingungen auf der Mikroebene.
Wolff mag mit seiner These, dass Afrika südlich der Sahara in besonders desolatem Zustand sei, Recht haben (nicht umsonst liegt dort ein regionaler Schwerpunkt der staatlichen deutschen Entwicklungszusammenarbeit). Doch das darf nicht zur Vernachlässigung oder dem Ausschließen anderer Regionen des Erdballs führen. In China und Indien leben 50 Prozent der weltweit Armen. Das rasante Wirtschaftswachstum es sorgt für gute Durchschnittswerte, führt aber auch zu einer immer größeren Einkommenskluft darf darüber nicht hinwegtäuschen.
Regine Reim
|