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12/2005
 

[ Gesundheit für alle ]

Katastrophenerprobte Promotoren

In guatemaltekischen Dörfern leisten genossenschaftlich organisierte Basisgruppen unverzichtbare medizinische Dienste. Wie wichtig sie für die Versorgung sind, zeigt sich nicht nur, wenn eine Naturkatastrophe wie Hurrikan Stan die Region erfasst. Die gemeindenahe Arbeit leistet alltäglich wesentliche Beiträge zur Armutsminderung.


[ Von Katja Maurer ]

Als Hurrikan Stan Anfang Oktober durch Guatemala tobte, waren auch Gemeinden betroffen, in denen medico international seit mehr als drei Jahren den Aufbau von basisnahen Gesundheitsdiensten unterstützt. Angesichts der Naturkatastrophe erwies es sich als hilfreich, dass in diesen Dörfern eingespielte Teams mit medizinischem Sachverstand existieren. Die Gesundheitspromotoren verfügen über eine rudimentäre Ausbildung in den wichtigsten Gesundheitsdingen – und einige von ihnen sind auf Zahnbehandlung spezialisiert.

Die Frage drängt sich auf: Was können Promotoren, die im Hauptberuf als Bauern arbeiten und Grundkenntnisse der Zahnbehandlung haben, in der von Stan ausgelösten Notlage bewirken? Eine ganze Menge. Denn sie haben auch eine Ausbildung in erster Hilfe. Sie sind Teil einer sozialen Infrastuktur der Gemeinden, die im Notfall mobilisiert werden kann. Gemeinsam mit den Gesundheitspromotoren bildeten sie in 18 Gemeinden an der Küste, in denen der Wirbelsturm erhebliche Schäden anrichtete, Nothilfeteams. Sie waren nicht nur für die medizinische Erstversorgung zuständig, sie organisierten auch die Verteilung der Hilfsgüter und sorgten für den Informationsfluss nach draußen. Nun sind sie damit beschäftigt, die Risikozonen ihrer Gemeinde ausfindig zu machen und für den Wiederaufbau Katastrophenschutzpläne zu erarbeiten.

Die Gesundheitspromotoren in den guatemaltekischen Dörfern sind freilich längst katastrophenerprobt. Ihre Arbeit begann während des Bürgerkriegs der 80er Jahre, dem der deutsche Völkerrechtler Christian Tomuschat später in einem Bericht an die Vereinten Nationen „genozidalen“ Charakter bescheinigte. Die Armee zerstörte Hunderte von Siedlungen und ermordete die Bevölkerung. Flüchtlinge überlebten in „geheimen Dörfern“ oder in Lagern im benachbarten Mexiko. Sie mussten sich abseits staatlicher Strukturen die Subsistenz sichern. Damals bewährten sich Gesundheitspromotoren, die einfache Behandlungen durchführen konnten und auch Wissen über Vorsorge vermittelten.


Nach dem Völkermord

Seit dem Ende des Bürgerkriegs setzt die genossenschaftliche Koordination für Gesundheitsdienste ACCSS (Asociación Coordinadora Comunitaria de Servicios para la Salud) diese Arbeit offiziell fort. Sie unterstützt den Wiederaufbau auf kommunaler Ebene. Richtungweisend ist dabei das zahngesundheitliche Programm mit zehn ländlichen Dentalstationen. Es sichert der Dorfbevölkerung angemessenen Behandlungszugang. Die Leistungen akademisch ausgebildeter Zahnärzte bleiben dagegen für viele unerschwinglich. Zudem prägt weiterhin Rassismus die Gesellschaft. Indígenas, die sich „weißen“ Ärzten anvertrauen, erleben allzu oft, dass ihnen Zähne gezogen werden – ohne Diagnose, ohne weitere Behandlung, ohne Tipps für die Prophylaxe. Es ist für marginalisierte Menschen in Guatemala nicht ungewöhnlich, schon mit 30 Jahren keinen Zahn mehr im Mund zu haben.

Armut ist folglich oft schon am Lachen zu erkennen. Allein das widerlegt das in reichen Ländern gängige Vorurteil, Zahnbehandlung sei ein Luxusthema. Dabei weiß doch jeder aus eigener Erfahrung, wie sehr Zahnbeschwerden das Leben beeinträchtigen. Gesunde Zähne sind Ergebnis und Voraussetzung für gesunde Ernährung. Zahnfüllungen stehen zwar nicht auf der Liste der Millenniumsziele der Vereinten Nationen, zuverlässige Behandlung ist aber für arme Menschen existenziell wichtig.

Die Mitarbeiter der Dentalstationen in Guatemala stammen aus den Dorfgemeinschaften. Sie haben zwar keinen Universitätsabschluss – aber ein solides Grundtraining. Sie wissen, wie man einfache Füllungen einsetzt oder kranke Zähne korrekt entfernt. Die Dentalpromotoren können mehr als 90 Prozent aller gängigen Beschwerden beheben. Sie klären die Bevölkerung auch über angemessene Zahnpflege auf.

Die Arbeit der Dentalstationen beruht auf Dreiecksverträgen zwischen ACCSS, den Promotoren und der jeweiligen Gemeinde. Die Gemeinde wählt das Personal aus, stellt Bauland zur Verfügung und hilft beim Bau der Stationen. Auch die Qualifikation der Zahnpromotoren wird festgeschrieben. Sie erhalten eine Ausbildung in Anatomie, Zahnerhalt, Kariesbeseitigung, Einsetzen von Füllungen, Prävention, aber auch in Lagerhaltung und Buchführung. Die Promotoren verwalten die Dentalstationen selbst und behalten einen Teil des kleinen Patienten-Honorars als Aufwandsentschädigung für ihre Arbeitszeit und um die laufenden Kosten zu refinanzieren.

Wünschenswert wäre eine staatliche Anerkennung der Promotoren. Doch bislang lässt sich die Regierung unter dem Druck der Zahnärzte, die ihr Monopol bedroht sehen, nicht darauf ein. Immerhin können die Dentalstationen aber ungestört arbeiten – und französische Experten haben ihnen ausgezeichnete Leistungen bescheinigt.

Den Promotoren selbst bringt die Ausbildung einen wichtigen Qualifizierungszugewinn. Sie eröffnen sich so neue Horizonte. Als Dentalpromotoren arbeiten Bauern indigener Herkunft auf einem Gebiet, in dem sonst nur Ärzte tätig sind.

Die guatemaltekischen Dentalpromotoren können nicht nur auf ihre großen Erfolge in den benachteiligten Gemeinden verweisen. Manche von ihnen haben dank der Ausbildung den Weg zur eigenen Weiterqualifizierung geschafft und Schulabschlüsse nachgeholt. Zum ersten Mal ist nun aus dem Kreis der Promotoren eine junge Frau dabei, ein Studium der Zahnmedizin zu beginnen. Rosita ist der Stolz des Teams.

Für die Gemeinden sind die Dentalstationen ein Symbol des sozialen Aufstiegs. Nach den Jahren des Leids und der Verfolgung versprechen sie humanitär akzeptable Lebensverhältnisse. „Somos Personas – wir sind Menschen“, lautet denn auch ein Leitspruch der Promotoren. Sie wissen, dass dies im Alltag der ländlichen Regionen eines armen Landes ein wichtiger Anspruch ist – und nicht nur dann, wenn gerade ein Sturm die Region verwüstet hat.



Katja Maurer
leitet die Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von medico international in Frankfurt. medico unterstützt mit eigenen Mitteln und EU-Geldern das beschriebene zahngesundheitliche Programm.
maurer@medico.de