Beiträge aus der Rubrik
Tribüne


Wirtschaftsraum, Staatsraum und Entwicklung

Das Donor Business

Schlüssige Strategie gesucht

Vergessene Künstler


12/2005
 

[ Afrika ]

Vergessene Künstler

Kulturindustrien befördern Toleranz, den demokratischen Diskurs und Aufmerksamkeit gegenüber Problemen wie HIV/Aids. Kunst hilft Gesellschaften dabei, Visionen und Ziele zu definieren. Doch in der Entwicklungszusammenarbeit spielt Afrikas kreatives Potenzial kaum eine Rolle.


[ Von Paul Brickhill ]

Kultur macht den Kern dessen aus, was eine Gesellschaft ist oder zu sein hofft. Wenn Afrika rasche soziale und wirtschaftliche Fortschritte erzielen will, dann müssen die Kräfte des Kulturbetriebs für Entwicklungsstrategien nutzbar gemacht werden. Ziel ist, die soziale Identität und ihre Werte zu artikulieren, den intellektuellen Diskurs in der Gesellschaft anzuregen und die conditio humana zu enthüllen und zu verändern.

Die meisten Entwicklungsdebatten drehen sich um Wirtschaft, Armut, soziale Infrastruktur (Bildung, Gesundheitsversorgung), Regierungsführung und Menschenrechte. Dieser Rahmen erfasst jedoch nicht die gesamtheitliche Natur sozialen Fortschritts, zu der auch kultureller Ausdruck und kulturelle Interaktion – kurz: das Selbstgefühl der Menschen – gehören. Entwicklung kann nicht stattfinden, solange sie nicht auf dem Potenzial von Individuen und Gemeinschaften sowie deren Vorstellungen über ihre Welt und ihre Geschichte gründet.
Viele Afrikaner verletzte es, dass die „Live 8“-Konzerte – ein millionenschweres weltweites Medienspektakel über Armut in Afrika – kaum einen Bezug zum reichen musikalischen Erbe des Kontinents herstellten. Was für eine Gelegenheit wurde da verpasst. Es wird Zeit, umzudenken. Kultur ist kein Zufallsprodukt. Sie braucht organisatorische, finanzielle und technische Unterstützung. Die afrikanische Kulturlandschaft ist reich an Innovationen, eigenem Können und leidenschaftlichem sozialen Engagement – alles entscheidende Eigenschaften für eine nachhaltige Entwicklung.

Die Kulturindustrien weltweit sind seit 1980 enorm gewachsen. In wohlhabenden Ländern dienten sie der Erneuerung von urbanen Zentren, die durch Kulturindustrien angekurbelt wurde. Heute sind das wichtige Faktoren auf Weltmärkten und für einheimische Volkswirtschaften. Technologische Innovationen bieten nie da gewesene Möglichkeiten zur Erweiterung von Kulturindustrien. Vorsichtigen Schätzungen der UNESCO zufolge vervierfachte sich zwischen 1980 und 1998 der jährliche internationale Handel mit Drucksachen, Musik, bildender Kunst und Technik für Kino, Hörfunk und Fernsehen von 95 auf 388 Milliarden Dollar.

Afrika hat eine Menge kreativer Energie, aber Infrastruktur und politische Rahmenbedingungen sind schwach. Aus diesem Grund konnte der Kontinent vom weltweiten Wachstum der Kulturindustrien nicht profitieren. Stattdessen wurden viele wirtschaftlich relevante Aktivitäten in reiche Länder verlagert. Viele afrikanische Musiker, Wissenschaftler und Schriftsteller publizieren in Britannien, Frankreich und den USA; der wirtschaftliche Verlust für den Kontinent ist enorm.

Dennoch sind neu entstehende kulturelle Industrien in Afrika eine zunehmend wichtige Quelle von Arbeitsplätzen und Wohlstand. Das wird häufig übersehen, da Kultur in der Regel von kleinen und mittleren Unternehmen geschaffen wird, im informellen Sektor stattfindet und von Wirtschaftsindikatoren nicht erfasst wird. Der kulturelle Sektor wird als wirtschaftliche Ressource unterschätzt. In meiner Heimat Simbabwe leben Tausende direkt oder indirekt von der Kultur. In der aktuellen Wirtschaftskrise gehört sie zu den robusteren Arbeitgebern.

Wo Politik und Volkszugehörigkeit trennen, dient Kultur als Kraft des sozialen Zusammenhalts. Kultur steht in der Regel über politischen und ethnischen Zwängen. Sie spiegelt umfassendere und langfristige gesellschaftliche Anliegen wider. Viele Beispiele zeigen, dass kulturelles Schaffen nur schwer durch politische oder andere Eliten kontrolliert werden kann. Wer kulturelle Vielfalt fördert, stärkt die Toleranz in einer Gesellschaft. Kulturelle Vielfalt trägt unmittelbar zur Sensibilisierung für die Menschenrechte bei. Die „Welt der Ideen“ – in Büchern, Kunst, Musik und Theater – untermauert demokratische Werte und insbesondere die Meinungsfreiheit.

Kultur ist zudem eng verbunden mit „Identität“ (national, ethnisch, persönlich), was wiederum Entwicklung beeinflusst. Afrikanische Gesellschaften befinden sich in einem raschen epochalen Übergang vom ländlichen zum urbanen Leben. Kultur ist in allen Gesellschaften ein Instrument der Stabilität und Verständigung in einer sich schnell wandelnden sozialen Wirklichkeit. Kultur formt positive Werte und soziale Codes und verbreitet wichtige Informationen. Sie schärft die Wahrnehmung von Problemen wie HIV/Aids, Geschlechterrollen und Korruption.

Ein Volk ohne Kultur und kulturelle Werte gibt es nicht. Kultur als soziale und ökonomische Ressource ist immer ein einheimisches Produkt – selbst wenn die technische Infrastruktur importiert ist. Kulturelles Schaffen und den Zugang zu kulturellen Einrichtungen zu fördern heißt einen Sektor zu unterstützen, der die besondere Kraft besitzt, sich selbst durch lokale Ressourcenmobilisierung zu erneuern und zu erhalten. Afrika besitzt die Fähigkeit, kulturelle Produkte aller Art zu schaffen und zu erneuern. Alle daran Beteiligten sollten sich untereinander stärker vernetzen – beispielsweise durch unsere Initiative African Synergy/Pamberi Trust, die in Simbabwe startete und sich nun über große Teile des südlichen Afrikas ausdehnt.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk als Medium freien kulturellen Ausdrucks ist in Afrika eine problematische Angelegenheit. Radio und Fernsehen sind mit der Politik verwoben, Regierungen sind versucht, Kontrollen durchzusetzen. Das ist ein Missstand, der behoben werden muss. Die Fähigkeit des kulturellen Sektors jedoch, solchen politischen Restriktionen auszuweichen, belegt einmal mehr seine Dynamik. Überall in Afrika wächst die ungehinderte Produktion von CDs, Digitalvideos und Internetpublikationen.

Der rasche Fortschritt digitaler Technologien hat große Auswirkungen auf Afrika. Digitale Technologien revolutionieren das kulturelle Schaffen. Die erforderlichen Kosten und Fachkenntnisse fürs Filmemachen sind keine unüberwindbaren Hürden mehr. Praktisch jeder IT-Nutzer kann heute Drucksachen herstellen. Die Aufnahme und Verbreitung von Musik sind viel einfacher geworden.

Nigeria zum Beispiel ist in den letzten fünf Jahren einer der weltweit größten Produzenten von Videofilmen geworden. 650 Filme werden jährlich in dem Land produziert. Das Überspringen ganzer technischer Stadien ist auch bei Büchern (Print-on-Demand-Technologie), Musik (neue digitale Aufnahme- und Abspieltechnologie), in der Fotografie und in den Bereichen IT und Internet möglich.

Noch vor weniger als zwanzig Jahren galt Afrika als „buchloser“ Kontinent – eine Übertreibung zwar, die aber den alarmierenden Mangel an Büchern spiegelte. Im Vergleich zu anderen Medien sind Bücher für die Wissensverbreitung besonders wichtig. Geistige Entwicklung im weitesten Sinne beeinflusst unmittelbar wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt. Wie soll der Kontinent sich von der endemischen Armut befreien, wenn die Mehrheit der Menschen keinen Zugang zu Büchern oder Bibliotheken hat? Das Klischee, dass Information Macht ist, gilt buchstäblich für Entwicklung.

Print-on-demand ist eine Technologie, die Drucksachen mit niedriger Auflage relativ billig in Buchqualität produzieren kann. Sie hat das Potenzial, die Buchproduktion in Afrika auf zwei Arten zu revolutionieren:
– Bücher können elektronisch gelagert und vertrieben werden. Dadurch könnten die Probleme des innerafrikanischen Buchhandels überwunden werden.
– Afrikas Abhängigkeit vom Import wissenschaftlicher und technischer Bücher, die meist nur in kleinen Mengen benötigt werden, kann überwunden werden.
Dennoch haben die meisten afrikanischen Länder keine Print-on-demand-Einrichtungen, obwohl diese schnell selbsttragend arbeiten würden. Die Technik ist in den Schlüsselregionen noch nicht einmal getestet worden.


Schlussfolgerung

Kulturzentren, in denen lokale Kultur inszeniert wird und die Künstlern ein Publikum bieten, dienen überall auf der Welt dem lokalen Kulturaustausch und der Entwicklung kultureller Fähigkeiten. Afrika hat leider nur wenige solcher Zentren, um seine großen kulturellen Leistungen zu feiern, kreative Aktivitäten zu fördern und die Ideen von Toleranz und Menschenrechten zu pflegen. Kulturzentren tragen sich nach einer Startinvestition größtenteils selbst. Das Harare Book Café zum Beispiel, ein kleines Nachbarschaftskulturzentrum, trägt zum Lebensunterhalt von 300 Künstlern bei und organisiert jährlich 500 Kultur- und Diskussionsveranstaltungen. Warum werden solche Erfolgsbeispiele nicht kopiert und systematisch in die Entwicklungsarbeit in Afrika integriert?

Wachstum der Kulturindustrien erhöht den lokalen Wohlstand, schafft Arbeitsplätze und stärkt den sozialen Zusammenhalt, die Menschenrechte und die Demokratie. Vor allem aber verschafft Kultur auch marginalisierten Gruppen eine Stimme. Kulturindustrien sind ökonomisch nachhaltig. Die erforderliche Entwicklungshilfe, die zu einem guten Teil durch Partnerschaften erbracht werden könnte, ist niedriger als in anderen Sektoren. Es besteht die Chance, Kultur als Katalysator für soziale Aufklärung und wirtschaftliches Wachstum zu nutzen. Wir müssen sie nur ergreifen.




Paul Brickhill
arbeitet seit 25 Jahren als Buchhändler, Verleger, Schriftsteller, Musiker und Kulturverwalter und setzt sich dabei für die Entwicklung von Literatur und darstellenden
Künsten ein. Er betrachtet soziale Entwicklung durch das Prisma des reichen afrikanischen Kulturlebens. Er lebt in Harare und ist Direktor des African Synergy/Pamberi Trusts, eines kulturellen Netzwerks mit 35 Partnern.
bricks@mweb.co.zw