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Mythen der Globalisierung
 12/2006
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Fremde Kulturen
ernster nehmen
Patrick Chabal und Jean-Pascal Daloz:
Culture troubles. Politics and the interpretation of meaning.
University of Chicago Press, Chicago 2006, 395 S.,
29,00 US-Dollar, ISBN 0-226-10041-3
Vor sieben Jahren sorgten die Politikwissenschaftler Patrick Chabal und Jean-Pascal Daloz mit einem provokativen Buch für Aufsehen: Africa Works, so der Titel, beschrieb, wie im heutigen subsaharischen Afrika soziale Unsicherheit hergestellt und als Instrument zur Akkumulation von Pfründen und zur Sicherung von Herrschaft genutzt wird. Darüber hinaus kritisierten die Autoren ahistorische Auffassungen von Zivilgesellschaft, den Gebrauch der analytischen Kategorien Tradition Moderne und andere in Forschung und Praxis wenig hinterfragte Ausgangsvermutungen.
Mit ihrer neuen Veröffentlichung Culture Troubles knüpfen die derzeit in London und Bordeaux lehrenden Akademiker an die kontroverse Debatte an, die das frühere Buch ausgelöst hat. Das ehrgeizige Ziel der übersichtlich strukturierten, gut lesbaren und dennoch anspruchsvollen Abhandlung ist, einen neuen, in der Kultur verorteten Zugang zur vergleichenden Politikwissenschaft zu entwickeln. Nur ein solcher Zugang ermöglicht laut Chabal und Daloz den Vergleich von sehr unterschiedlichen Ländern. Ihr Ansatz, den sie perspektivistisches Paradigma nennen, ist maßgeblich von den Arbeiten des kürzlich verstorbenen Anthropologen Clifford Geertz und dessen dichter Beschreibung geprägt. Die Autoren veranschaulichen ihre Theorie und Vorgehensweise durch einen Vergleich von Staat und politischer Repräsentation in Frankreich, Nigeria und Schweden.
Sie gehen von einer Erfahrung aus, die jeder macht, der sich einmal längere Zeit in einer ihm fremden Kultur bewegt: Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen fällt es oft schwer, sinnvoll miteinander zu kommunizieren. Ständig kommt es zu Missverständnissen und zu Fehleinschätzungen über den sozialen Status des Gegenübers, seine Absichten und Interessen. Aus dieser Beobachtung entwickeln die Autoren den Grundpfeiler ihres methodischen Programms: Um andere zu verstehen, ist es notwendig zu verstehen, wie diese sich selbst verstehen. Der vergleichende Politikwissenschaftler müsse verstehen lernen, wie die jeweilige Gesellschaft nach ihren eigenen Maßstäben Bedeutung und Sinn zuweist selbst wenn ihm diese Maßstäbe undurchsichtig oder grotesk erscheinen mögen.
Das mag wie ein Gemeinplatz klingen. Das Buch belegt jedoch, dass der Ansatz keineswegs allgemein akzeptiert ist. In ihrer Kritik des Universalismus, des Kulturrelativismus und der verschiedenen Varianten des Postmodernismus veranschaulichen die Autoren das an vielen Beispielen. Eines davon ist Korruption: Chabal und Daloz verwerfen sowohl die universalistische Suche nach überall und jederzeit gültigen Definitionen für Korruption als auch die relativistische Sicht, Bestechung sei in Afrika eben verbreiteter und akzeptierter als anderswo. Stattdessen suchen sie nach den jeweiligen lokalen Definitionen, die anzeigen, was unter legitimen und illegitimen Transaktionen verstanden wird.
Culture Troubles schöpft aus einem breiten Fundus an Sekundärquellen und aus vielen praktischen Erfahrungen. Das Buch ist eine kraftvolle Intervention, die verbreitete wissenschaftliche wie politische Überzeugungen ins Wanken bringt. Es könnte die akademische und entwicklungspraktische Debatte der Zukunft stark prägen.
Ruben Eberlein
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