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Corinna Kreidler: Humanitäre Hilfe birgt Korruptionsrisiken

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12/2006
 

[ Korruption ]

Versuchung humanitäre Hilfe

Korruption in der humanitären Hilfe ist wenig erforscht. Lange Zeit galt sie als Problem für Rechnungsprüfer, das hinter verschlossenen Türen diskutiert wurde, um kein Aufsehen zu erregen. Doch zunehmend wird Korruption als Managementproblem betrachtet, das bekämpft werden kann und sollte.


[ Von Corinna Kreidler ]

Korruption in Hilfsorganisationen hat verschiedene Gesichter. Vetternwirtschaft, Bestechung oder Unterschlagung von Geldern sollten natürlich nicht vorkommen, passieren aber dennoch. Besonders in Notsituationen steigt aufgrund verschiedener Faktoren die Wahrscheinlichkeit solcher Veruntreuungen. Der Zeitdruck ist hoch, über Personalauswahl und Vergabe von Hilfsleistungen muss schnell entschieden werden. Die Notwendigkeit, Leben zu retten, hat Vorrang vor der Beachtung detaillierter Verfahrensvorschriften; die Medien wollen schnelle Ergebnisse sehen.

Viele Nothilfeeinsätze finden im Kontext von Konflikten statt. Wo der Zugang zu Hilfsempfängern gefährlich ist, heuern Hilfsorganisationen manchmal private Firmen an, um Hilfsgüter an lokale Behörden zur Weiterverteilung zu liefern. Sowohl die privaten Partner als auch die Behörden können die Güter jedoch veruntreuen. Sie können sie verkaufen oder nach eigenen Prioritäten verteilen. Hilfsorganisationen müssen solche Risiken des Missbrauchs häufig mit der Alternative abwägen, gar nichts tun zu können.

Humanitäre Hilfe ist aus vielerlei Gründen nicht immun gegen Korruption. In der Regel scheuen sich Hilfsorganisationen jedoch, dieses wichtige Problem anzugehen. Kontrolle zur Vorbeugung von Fehlverhalten kostet Geld und erhöht die Verwaltungskosten, während Geber jeden Cent an die Opfer von Kriegen und Naturkatastrophen weitergereicht wissen wollen.

Darüber hinaus tut sich leitendes Personal oft schwer mit der Tatsache, dass Kollegen in illegale Praktiken verstrickt sein könnten. Es ist in der Regel eine schmerzhafte Angelegenheit, die Zeichen von Korruption zu erkennen – ihnen nachzugehen, ist noch schwerer. Manchmal werden diejenigen, die auf solche Zeichen hinweisen, als Unruhestifter betrachtet. Schon die bloße Angst davor kann die Bereitschaft mindern, Verfahren und Handlungen gewissenhaft zu kontrollieren. Beschäftigte mit befristeten Verträgen mögen die Entscheidung treffen, sich um diese Probleme überhaupt nicht zu kümmern. Häufiger Personalwechsel verkürzt zudem das institutionelle Gedächtnis; dadurch kann in Vergessenheit geraten, dass ein bestimmter Mitarbeiter oder Auftragnehmer bereits in der Vergangenheit negativ aufgefallen ist. Und schließlich haben humanitäre Organisationen Anlass zu der Sorge, dass die Aufdeckung von Korruption zum Rückgang der Geberunterstützung führt oder zumindest Rückzahlungsforderungen drohen.

Zusammengefasst: Der Korruptions bekämpfung stehen viele Hindernisse entgegen, obwohl die Folgen des Wegschauens offensichtlich sind. Solange diejenigen, die zu Fehlverhalten neigen, merken, dass nur wenig dagegen unternommen wird und das Risiko einer Bestrafung gering ist, wird Korruption weiter stattfinden oder sich sogar ausbreiten. Wenn andererseits solche Praktiken öffentlich werden, kann das den Ruf einer Hilfsorganisation für immer zerstören.

Einige grundlegende Prinzipien helfen Korruption vorzubeugen:
– Transparente Entscheidungen,
– Öffentlichkeit und Offenheit beim Umgang mit Informationen,
– „Vier-Augen-Prinzip“ bei allen Verfahren, und
– Mechanismen zur Durchsetzung von Regeln und Vorgaben.


Korruption schwerer machen

Transparente Verfahren zur Personalrekrutierung helfen der Vetternwirtschaft vorzubeugen. Es ist deshalb sinnvoll, offene Stellen öffentlich bekannt zu machen. Bewerbungen müssen sorgfältig begutachtet, den Entscheidungsträgern müssen alle Dokumente zugänglich gemacht werden. Hilfsorganisationen sind gut beraten, Bewerber schriftlichen Tests zu unterziehen und ihren Hintergrund zu prüfen. In armen Länder ist die Öffentlichkeit gut informiert über die Einstellungspraxis von ausländischen Hilfsorganisationen und viele Leute hätten gerne deren gut bezahlte Jobs. Undurchsichtige Einstellungsprozeduren können dem Ruf einer Organisation folglich schaden. Andererseits kann sie ihr Image durch eine transparente und auf den Fähigkeiten der Bewerber beruhende Auswahl aufwerten.

Bestechung ist in den meisten Ländern illegal. Leitendes Personal sollte solche Zahlungen verbieten und mit gutem Beispiel vorangehen. Zum Beispiel sollten sie davon absehen, in Auseinandersetzungen mit der schwerfälligen Bürokratie eines fremden Landes „Abkürzungen“ per Bestechung zu nehmen, auch wenn die Versuchung groß ist. Sie sollten auch Untergebene niemals mit solchen Zahlungen beauftragen. Wurde einmal bestochen, gibt es keinen Grund, es nicht wieder zu tun. Die Buchhaltung darf „Quittungen“ über Bestechungsgelder natürlich auf keinen Fall akzeptieren.

Es gibt eine Reihe von Beschaffungsverfahren, um das Schmiergeldrisiko zu verringern. Eine Standardoption besteht darin, teure Aufträge öffentlich auszuschreiben. Dennoch könnten Zulieferer immer noch Betrugswege finden; die ausschreibenden Organisationen müssen daher sicherstellen, dass sensible Informationen vertraulich bleiben. Angebote sollten öffentlich oder zumindest durch ein Komitee begutachtet werden. Der Informationsaustausch mit anderen Hilfsorganisationen über fragwürdige Zulieferer kann helfen, die schlimmsten Fälle zu umgehen. Wenn möglich sollten gegen Übeltäter rechtliche Schritte eingeleitet und Schuldige öffentlich bekannt gemacht werden.

Scheckzahlungen – mit zwei Unterzeichnern – verringern die Wahrscheinlichkeit, dass Geld abgezweigt wird. Qualitätskontrollen können das Risiko betrügerischer Lieferungen von minderwertigen Gütern reduzieren. Durchnummerierte Bestellformulare können verhindern helfen, dass Mitarbeiter offizielle Bestellungen für private Zwecke mißbrauchen. Personalrotation in sensiblen Bereichen kann der Entstehung und Ausbreitung eines Korruptionssystems innerhalb einer Organisation vorbeugen.

Die Einbeziehung lokaler Akteure ist der beste Weg, die Veruntreuung von Ressourcen während der Verteilungen zu bekämpfen. Insbesondere die vorgesehenen Hilfsempfänger müssen frühzeitig gehört werden. Wenn die Kriterien für den Bezug von Hilfe transparent sind, konsequent angewendet und alle Daten zur Verteilung veröffentlicht werden, dann kann das die Abzweigung von Hilfsgütern deutlich reduzieren. Die Opfer von Veruntreuungen schrecken möglicherweise davor zurück, Übeltäter in der Öffentlichkeit anzuklagen. Ein funktionierender Beschwerdemechanismus kann sie dazu ermutigen, Verdächtige zu benennen.

Leider hat es Fälle gegeben, in denen Informanten – innerhalb einer Organisation oder unter den Hilfsempfängern – persönlich bedroht wurden. Hilfsorganisationen müssen daher durch die Untersuchung solcher Fälle deutlich machen, dass sie sich als Ganzes betroffen fühlen und die Angelegenheit nicht als persönlichen Zwist zwischen Individuen betrachten, egal ob es sich um Mitarbeiter oder andere Beteiligte handelt. Den mit der Untersuchung beauftragten Mitarbeitern muss es ermöglicht werden, sich zurückzuziehen, wenn sie sich am Ort des Geschehens nicht länger sicher fühlen. Sie brauchen und verdienen die Unterstützung ihrer Zentrale.

Wenn Korruptionsvorwürfe zu rechtlichen Schritten gegen eine Hilfsorganisation führen, dann sollte sie mit der Justiz kooperieren. Es wird den Vertrauensverlust begrenzen, wenn sie den Fall in der Öffentlichkeit bekannt macht und glaubhaft Vorkehrungen trifft, solche Vorgänge künftig zu vermeiden. Die betroffene Hilfsorganisation muss klarstellen, dass nicht die gesamte Organisation korrupt ist, sondern individuelle Personen schuldig sind. Das ist die Botschaft, die Hilfsorganisationen an die Medien vermitteln müssen. Sie werden damit nur Erfolg haben, wenn sie glaubwürdig und überzeugend auftreten.


Schlussfolgerungen

Natürlich haben Hilfsorganisationen Grund zu der Sorge, dass ihr Ruf bei Regierungen sowie privaten und institutionellen Gebern beschädigt wird. Andererseits ermutigen immer mehr Regierungen und Geber ihre Partner dazu, Maßnahmen gegen Korruption zu ergreifen. Organisationen, die über problematische Fälle berichten, finden heute vermutlich mehr Unterstützung und Verständnis als früher.

Aktive Korruptionsbekämpfung birgt jedoch auch nicht zu leugnende Risiken. Es können zum Beispiel übereifrig Vorwürfe erhoben werden, die sich lediglich auf Gerüchte stützen. Eifersucht und Neid können Menschen dazu bringen, Fehlverhalten anzuprangern, das es niemals gegeben hat. In Verdrehung der Tatsachen können korrupte Mitarbeiter sogar Kollegen anschwärzen, die sie als potenzielle Informanten fürchten.

Die Angelegenheit muss also mit großer Sorgfalt gehandhabt werden. Die Risiken der Korruptionsbekämpfung sind jedoch kleiner als die Gefahren, die bei Nichtbeachtung drohen. Hilfsorganisationen sind von ihrer Glaubwürdigkeit abhängig, sie müssen sie sich daher verdienen und erhalten.



Corinna Kreidler
arbeitet für ECHO, die Generaldirektion der EU-Kommission für Humanitäre Hilfe, in Liberia. Der Artikel gibt ihre persönliche Meinung wieder und ist unabhängig von der EU-Kommission entstanden.
corinna_kreidler@yahoo.de

Eine längere Fassung des Artikels findet sich im Journal of Humanitarian Assistance, Juli 2006: http://www.jha.ac