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Romeo Bertolini, Olaf Nielinger und Monika Muylkens: Perspektiven des Telekommunikationsmarkts Afrika
 12/2006
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[ Telekommunikation ]
Markt im Umbruch
Kaum ein Mobilfunkmarkt weltweit wächst heute schneller als der afrikanische: Fast jeder fünfte Einwohner des Kontinents verfügt bereits über Telekommunikationsdienste. Dennoch bleibt der Handlungsbedarf groß.
[ Von Romeo Bertolini, Olaf Nielinger und Monika Muylkens ]
Allein in den fünf Jahren zwischen 1999 und 2004 verzehnfachte sich die Nutzerzahl von 7,5 auf 82 Millionen Menschen und wird 2006 wohl noch die 120-Millionen-Marke überschreiten. Und auch für die nächsten Jahre ist dieser Trend deutlich positiv. Der Boom im afrikanischen Mobilfunk erscheint vielen Menschen in Industriestaaten verwunderlich, symbolisiert das Handy hier doch immer noch gesellschaftlichen Status und Wohlstand: Attribute, die nicht zum weit verbreiteten Bild des Armenhauses Afrika passen.
Mobilfunk ist in Afrika aber keineswegs ein Luxusgut. Viele auch sehr arme Menschen sind bereit, ihre knappen Mittel für Telekommunikationsdienstleistungen einzusetzen: Denn ein Telefonat kann nicht nur strapaziöse und zeitaufwendige Fahrten ersetzen, es erleichtert auch Geschäftskontakte oder gewährleistet die Erreichbarkeit im Geschäfts- und Privatleben.
Mobilfunk in Afrika ist zudem ein sehr gutes Geschäft und hat eine enorme Anziehungskraft für die ganz Großen der Branche. Da verwundert es nicht, dass die größte Firmenübernahme der Geschichte Subsahara-Afrikas im Mobilfunksektor stattfand. Celtel, ein panafrikanischer Mobilfunkbetreiber, wurde 2005 für 3,4 Milliarden Dollar an das kuwaitische Konsortium MTC verkauft.
Wie hoch das Wachstumspotenzial ist, lässt sich an den Geschäftsmodellen der Betreiber ablesen. Grundlage ihrer Kalkulation ist der durchschnittliche Umsatz pro Nutzer und Monat: ARPU (Average Revenue per User). Während junge afrikanische Märkte einen ARPU von rund 50 Dollar haben, liegen stärker konsolidierte Märkte gegenwärtig bei rund 27 Dollar. Der Betreiber Celtel, der vor allem in den ärmsten Ländern Afrikas präsent ist, liegt mit derzeit 17 Dollar deutlich darunter. Es gibt sogar schon realistische Geschäftsmodelle, die auf einem ARPU von zwei bis vier Dollar basieren.
Ein wichtiger Grund für die Wachstums- und Investitionsraten des Mobilfunks ist die mangelnde Festnetzinfrastruktur. Hinzu kommen politische Weichenstellungen in Richtung Marktöffnung und Wettbewerb sowie ein erfolgreiches Unternehmertum, das die neuen Freiräume zu nutzen weiß. Doch das reicht nicht. Denn die komparative Analyse zeigt, dass durch Liberalisierung allein nur geringe Wachstumsimpulse gesetzt werden konnten. Ein weiterer entscheidender Faktor heißt daher: effiziente Regulierung.
Im besten Falle setzt sie faire und transparente Marktregeln und verbindet Marktdynamik mit Steuerungsinstrumenten, die zu günstigeren Tarifen führen und mehr Menschen ans Netz bringen. So haben es Regulierungsbehörden durch Versorgungsauflagen oder -anreize geschafft, dass Gegenden außerhalb der hochprofitablen Hauptstadtregionen abgedeckt werden. Zudem können sie die Markteintrittsbarrieren für neue Wettbewerber abbauen, indem sie die Netzzusammenschaltung regeln oder die Wettbewerbsstruktur durch eine kostenorientierte Tarifpolitik verbessern.
Auch wenn die Leistungen afrikanischer Regulierungsbehörden höchst unterschiedlich ausfallen, sind sie im Allgemeinen mobilfunkfreundlich und begünstigen den Kapitaltransfer in diesen Wirtschaftszweig. Gleichzeitig gerät das Festnetz allerdings immer stärker unter Druck zumal sich die privaten Mobilfunkanbieter nicht verpflichtet sehen, in den Erhalt oder Ausbau der festen Infrastruktur zu investieren. Und das, obwohl diese auch vom Mobilfunk in Anspruch genommen wird.
Rahmenbedingungen verändern sich
Eine Konsolidierung des Marktes ist noch nicht in Sicht. Länder mit monopolistischen Marktstrukturen (wie Ruanda, Malawi oder Äthiopien) oder solche mit duopolistischen Strukturen (etwa Kamerun, Côte dIvoire oder Mosambik) werden mittelfristig wohl weitere Mobilfunklizenzen ausschreiben. Zudem wird die Zahl von Fusionen und Übernahmen zunehmen. Andere Unternehmen hingegen verlieren: Pioniere des afrikanischen Mobilfunks wie MIC haben bereits drastisch Marktanteile eingebüßt oder sind wie Telecel nahezu gänzlich vom Markt verschwunden. Neue Akteure tauchen stattdessen auf: Die Übernahme Celtels durch die kuwaitische MTC und das verstärkte Engagement von Etisalat aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zeugen von der anhaltenden Dynamik.
Die Krise des Festnetzes in Afrika wirkt sich zudem negativ aus. Dass die herkömmlichen Telefongesellschaften Probleme haben, behindert den Aufbau von leistungsstarken regionalen und internationalen Datenleitungen. Die wichtigste Voraussetzung für ein Wachstum bei Internet und Datenkommunikation sind kostengünstige Breitbandlösungen. GSM-Mobilfunk wird zwar auch in absehbarer Zukunft die Technologie sein, die die Bevölkerung mit Telefondiensten versorgen wird. Doch ihr Stellenwert wird auf der wirtschaftspolitischen und regulatorischen Agenda zugunsten von Breitbandtechnologien deutlich nachlassen. Mobilfunkanbieter müssen sich also veränderten Rahmenbedingungen stellen.
Dieser Trend wird durch die zunehmende Konvergenz verschiedener Technologien weiter verstärkt. Die Grenzen zwischen Festnetz, Mobilfunk sowie Sprach- und Datendiensten verschwinden zunehmend. WiMAX, UMTS (CDMA-2000), HSDPA oder DSL sind nur einige Kürzel für technologische Lösungen, die neue Impulse im elektronischen Kommunikationsmarkt setzen können. Afrikanische Regulierungsbehörden gehen bereits dazu über, ihre technologiegebundenen Lizenzen durch konvergente zu ersetzen. Die Einführung eines unified licensing regimes in Nigeria ist dafür exemplarisch.
Elektronische Kommunikations- und Datendienste verändern sich stetig, sie bedürfen politischer Steuerung und regulatorischer Orientierung. In der frühen Mobilfunkphase haben Entwicklungsbanken eine beschleunigende Funktion übernommen. Ähnlich eröffnen sich in der gegenwärtigen Umbruchphase neue Chancen für die Entwicklungspolitik. Im Interesse der Armutsorientierung können neue Anreizsysteme dazu beitragen, dass sich die Versorgung im ländlichen Raum verbessert. Dies würde Mittel zugunsten der ländlichen Infrastrukturentwicklung freisetzen.
Ferner sollte die Entwicklungszusammenarbeit darauf abzielen, die Lücke zwischen Mobilfunk und Festnetz zu schließen. Hierzu bedarf es neuer regulatorischer Ansätze. Dies gilt für die Bereiche Konvergenz, grenzüberschreitende Dienstleistungen sowie für neue Anreizsysteme, um den Infrastrukturwettbewerb anzukurbeln.
So wird in Ostafrika gegenwärtig die letzte Lücke auf der globalen Datenautobahn durch die Verlegung eines Unterseeglasfaserkabels geschlossen. Auf diese Weise wird gegenüber der bislang üblichen Satellitenanbindung ein wesentlich kostengünstigerer und leistungsfähigerer Zugang zum globalen Glasfaserdatennetz geschaffen. Grundsätzlich hat zwar auch die Wirtschaft ein massives Interesse daran, diese Lücke zu schließen und das EASSy (East African Submarine System) zu verlegen. Doch lehrt das Beispiel des westafrikanischen Pendants SAT3, dass sich die Interessen der Wirtschaft nicht zwangsläufig mit sozioökonomischen Zielsetzungen decken.
Deutschland und andere bi- und multilaterale Geber sind dazu aufgerufen, gemeinsam mit afrikanischen Partnern Lösungen zu erarbeiten, um solche infrastrukturellen Zugangshemmnisse zu beheben. In Ostafrika wollen Regierungen, NEPAD und die Gebergemeinschaft durch kostengünstige Finanzierungsangebote und politische Einflussnahme den offenen Zugang zu EASSy fördern. Darüber hinaus wollen sie die Investoren zu einer kostenbasierten Tarifgestaltung bewegen, die die Breitenwirkung des Kabels sicherstellen würde.
Sowohl im Rahmen des EASSy-Projektes als auch bei anderen Herausforderungen müssen vorhandene Instrumentarien weiterentwickelt und ausgebaut werden. Finanzierungsinstrumente wie Least-Subsidy-Auktionen, bei denen der Anbieter mit dem geringsten Subventionsbedarf den Zuschlag erhält, weisen in die richtige Richtung. Das gilt auch für innovative Anreizsysteme oder die Förderung öffentlich privater Partnerschaften (PPP). Die afrikanischen Partner sollten zudem beim Kapazitätsausbau in den nachgelagerten Anwendungsbereichen angemessen unterstützt werden. Stichworte sind hier e-Health,
e-Education oder e-Governance.
Die oftmals sehr technischen Regulierungs- oder Finanzierungsansätze dürfen dabei nicht den Blick auf das Wesentliche verstellen: Es geht nicht nur darum, einen modernen Kommunikationssektor zu schaffen, der in vielen Ländern signifikant zur Wirtschaftsleistung beiträgt. Es geht vor allem darum, die Lebensqualität für Millionen von Menschen zu verbessern.
Romeo Bertolini
arbeitet im Referat Regionale Entwicklungspolitik; Naher Osten des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Er äußert hier seine persönliche Einschätzung.
romeo.bertolini@bmz.bund.de
Olaf Nielinger
ist Consultant im Bereich &Mac226; ICT Policy Management and Regulation der Detecon International.
olaf.nielinger@detecon.com
Monika Muylkens
arbeitet im BMZ-Referat Zusammenarbeit mit der Wirtschaft. Sie äußert hier ihre persönliche Einschätzung.
monika.muylkens@bmz.bund.de
Quellen:
EMC Informa Telecoms & Medias World Cellular Information Service: World Cellular Investors, März 2006.
Gartner Dataquest: Forecast Mobile Services Africa 2000-2009, Dezember 2005.
Vodafone, 2005: Impact of mobile phones in the developing world. http://www.vodafone.com/assets/files/en/SIM_Project_download_3.pdf
Fink, C.; Kenny, C., 2004: A Digital Divide? The Economist, Heft 3, 2004.
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