E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 1, Januar 2002,
S. 20-23)

Zwischen Unschuld und Verantwortung
Die Rolle der USA in der aktuellen Weltkrise
Gert Krell

Die Bin-Ladin-Variante des islamischen Terrorismus bekämpft den Westen und die USA nicht für das, was sie tun, sondern für das, was sie repräsentieren: die säkularisierte, pluralistische
Moderne. Dennoch, so sagt Gert Krell, müssen die USA sich die Frage stellen, warum so viele Menschen in der ganzen Welt die Demütigung der USA mit Genugtuung beobachten. Die Gründe dafür liegen im Unilateralismus und in der Doppelmoral der US-amerikanischen Außenpolitik, die immer wieder von anderen Staaten das Einhalten von Regeln erwartet, die sie selbst nicht beachtet.

1. Denk- und Gefühlsmuster
Es gehört zu den vergleichsweise banalen Einsichten der Psychologie, dass in die Reaktionen und Diskussionen über Gewaltakte immer auch andere (Ab-) Rechnungen eingehen. Die Empfindung, bei den Terrorakten in New York und Washington handle es sich um eine Form von höherer Gerechtigkeit, ist auch unter solchen Menschen weit verbreitet, die die Aktionen selbst ablehnen, nach dem Motto: Es geschieht den USA ganz recht, jetzt wissen sie endlich, was es bedeutet, selbst zum Opfer zu werden. Solche Stimmungen werden aus der Dritten Welt berichtet, nicht nur aus arabischen Ländern, sondern z. B. auch aus Lateinamerika, sie finden sich aber auch in der kritischen westlichen Intelligenz und im rechtsradikalen Spektrum.
Auch im intellektuellen Diskurs werden alle möglichen Themen in die Debatte getragen, die mit der Sache nichts zu tun haben, z. B. der Hunger in der Welt. Natürlich ist der Hunger ein Skandal und die mögliche Verstrickung der reichen Länder zu diskutieren. Aber wer Bin Ladin zu einem Sprecher der Armen macht, der/die zeigt nur, dass er oder sie sich mit dem Hintergrund dieser Terrorgruppe nie beschäftigt hat.1 Abgesehen davon, dass die politischen Helfer der Al-Quaida, die Taliban, selbst in großem Stil für den Hunger in Afghanistan Verantwortung tragen - der Hunger spielt so gut wie keine Rolle im politischen Denken Osama Bin Ladins. Hier geht es allenfalls - neben dem Hunger nach Macht - um Hunger nach Sinn, und wir wissen aus unserer eigenen Geschichte, dass auch dabei grauenhafter, verbrecherischer Unsinn herauskommen kann.
Alle Versuche, die USA in der einen oder anderen Weise für die Anschläge verantwortlich zu machen, laufen auf eine groteske Verharmlosung der Terroristen hinaus. Dann hätte man auch, wie Peter Schneider gesagt hat, den Nazis mit der Suche nach vernünftigen Gründen für ihren mörderischen Antisemitismus antworten müssen, etwa mit der Überlegung, ob 570 000 "Juden" in einem 80-Millionen-Volk von "Ariern" nicht in der Tat zu viel seien2 , und dann müsste man auch darüber diskutieren, ob Auschwitz nicht doch ein Ergebnis der Demütigungen der deutschen Geschichte war. Thierry Chervel hat kürzlich daran erinnert, mit welcher Verblendung französische Linksintellektuelle in den dreißiger Jahren Hitler schöngeredet haben. Sie interpretierten sein Aufkommen als eine nachvollziehbare Antwort auf westliche Verfehlungen und sahen die Errichtung seines Regimes als einen legitimen Versuch an, dem deutschen Volk seine Würde zurückzugeben. Die Verfolgung der Juden und der Regimegegner wurde systematisch heruntergespielt, so wie heute die muslimischen Opfer des radikalen islamistischen Fundamentalismus (übrigens auch in New York). Diese französischen Intellektuellen hatten nicht begriffen, dass für Hitler der Kampf gegen Versailles nur eine vergleichsweise unbedeutende Etappe in einer geradezu wahnhaften totalitären Expansionsstrategie war, so wie heute der Kampf gegen den Westen auch nur eine Metapher für die Errichtung und Verbreitung einer totalitären Form des Islam darstellt.3 Im "Handbuch des Terrorismus", das die Al-Quaida-Organisation herausgegeben hat, wird als Ziel ganz offen angegeben: "Umsturz der gottlosen Regierungen des Westens und ihre Ersetzung durch islamische Regierungen."4
Die Bin-Ladin-Variante des islamischen Terrorismus bekämpft den Westen, vor allem die USA, nicht für das, was er tut, sondern für das, was er repräsentiert: die (mehr oder weniger) säkularisierte, pluralistische Moderne. Insofern sind die Motive der Bin-Ladin-Terroristen politisch irrelevant, und wir hätten, um diesen Teil der Debatte zu begreifen, nach den Ursachen eines reflexhaften Antiamerikanismus zu fragen, der gerade auch in Deutschland viel mit antimodernen und vor allem nationalistischen Affekten zu tun hat. Wir hätten zu fragen, welche Rolle die USA als Sündenbock spielen und welche Entlastungsfunktion diese Projektionen für Eliten und Massen in den Krisenländern der Dritten Welt übernehmen, um kritische Selbstprüfungen zu vermeiden; und welche Omnipotenzphantasien westliche Intellektuelle auf die USA übertragen nach dem Motto: Wenn die USA nur alles richtig machten, dann gäbe es keinen Terrorismus.
Die einzigen im Westen, die Bin Ladin wirklich verstanden haben, kommen aus dem seelenverwandten Fundamentalismus unserer eigenen Religionen. Wie sagte doch der evangelikale US-Fernsehprediger Jerry Falwell zwei Tage nach den Angriffen auf das World Trade Center und das Pentagon: Was am 11. September passiert sei, geschehe Amerika ganz recht, und zwar wegen seiner Civil Liberties Union (etwa unsere Humanistische Union), wegen seiner Abtreibungskliniken, der Befürwortung von Rechten für Homosexuelle und Lesben und wegen seiner Bundesgerichte, die Schulgebete verbieten. Das alles mache Gott rasend ("they make God mad").5
Auch wenn die USA sich Bin Ladin gegenüber nicht zu verantworten haben, sondern er sich ihnen, so müssen sie sich andererseits doch fragen, warum sich so viele Menschen von ihm in der einen oder anderen Form vertreten fühlen und wie sie, die USA, darauf reagieren können. Solche Überlegungen wären ganz unabhängig davon anzustellen, ob die US-amerikanische Außenpolitik eher einer klugen "realistischen" Interessenkalkulation folgte oder sich mehr "weltgemeinschaftlichen" Überlegungen verpflichtet fühlte. Gewalttätige Eskalationsprozesse sind jedoch ein ungünstiges Umfeld, um Einsicht in Fehlverhalten zu fördern oder eigene Defizite zu thematisieren. Selbstgerechtigkeit ist gerade für Großmächte nichts Ungewöhnliches. So wird die aufgeladene Deutung des Konflikts durch die Islamisten in den USA gespiegelt, ist auch dort die Rede vom Kampf zwischen Zivilisation und Barbarei, zwischen Gut und Böse, zwischen der Unschuld und dem Teufel. Dieser Gegen-Fundamentalisierung, wie sie auch in offiziellen Bezeichnungen für die Antwort auf die Attentate als "Kreuzzug" für "unbegrenzte Gerechtigkeit" (infinite justice) ihren Ausdruck fand, kommt eine Tendenz zur Selbsterhöhung in den USA entgegen, die nicht nur an die Großmachtrolle gebunden ist, sondern weit in die Geschichte und politische Kultur der USA hineinreicht. Eine Tendenz, die der US-amerikanische Schriftsteller Saul Bellow als "angelization" bezeichnet hat.6
Das beginnt damit, dass die Attentate als der erste Angriff von außen auf das amerikanische Festland im engeren Sinne (Pearl Harbor traf die Pazifik-Insel Hawaii) bezeichnet werden. Die nordamerikanischen Indianer könnten schwerwiegende Einsprüche gegen eine solche Interpretation vorbringen - immerhin hat der Kontinent einmal ihnen "gehört", und sie haben ihn nicht freiwillig, sondern unter dem Ansturm ethnischer Säuberungen mit einer Tendenz zum demokratischen Völkermord räumen müssen. Heute sprechen liberale Intellektuelle wie der Politikwissenschaftler Stanley Hoffmann von einem Mangel an Sensibilität in den USA für andere Völker: "We have tended, in the last ten years, toward a form of self-congratulation that can be grating for others: We are the indispensable nation, the carriers of a globalization that will bring peace, democracy, prosperity, etc., the champions of an economic system that will eventually lift all boats, the catalysts of world order. We have not been sufficiently sensitive to other peoples fears for their cultures, and to others sense of shock at the inequities that come with capitalism and globalization."7

2. Die Doppelkrise
In der gegenwärtigen Konfliktkonstellation kommt jenseits der polarisierenden Deutungen eine Doppelkrise zum Ausdruck, die im Augenblick von der "Koalition gegen den Terrorismus" verdeckt wird. Damit meine ich einmal die Entwicklungs- und Modernisierungskrise der arabischen bzw. der islamischen Entwicklungsländer. Sie ist differenziert von den Fachleuten zu
diskutieren, hier müssen Stichworte genügen wie Modernisierungsblockade (mangelnde Säkularisierung und Demokratisierung), Wirtschaftskrise (Krise des Rentenstaates, Globalisierung) und kulturelle Krise (Unglaubwürdigkeit und damit Niedergang des arabischen Nationalismus und die Krise des Marxismus und der
Linken).
Kritische Intellektuelle und Journalisten in islamischen Ländern analysieren diese Krise sehr nüchtern, machen vor allem die mangelnde Trennung von Staat und Religion für die Rückständigkeit verantwortlich. Und sie sehen Osama Bin Ladin als Produkt, ja geradezu als einen Ausdruck dieser vom Islam selbst zu verantwortenden und zu lösenden Krise. Aus einer umfassenderen entwicklungs- und zivilisationstheoretischen Perspektive zeigen sich in dieser Krise auch die Schwierigkeiten der Institutionalisierung von Pluralität. Darin nämlich besteht das eigentliche Kennzeichen der Moderne, und auch Zivilisationen wie der Westen, die in diesem historischen Prozess vorangegangen sind, haben ihn unter schweren, z. T. äußerst gewalttätigen Konvulsionen und mit vielen Rückschritten durchlaufen.8
Der islamische Fundamentalismus bietet einen Ersatz für fehlende legale und demokratische Artikulationsmöglichkeiten gegen Autoritarismus, er macht soziale Angebote dort, wo staatliche Vor- und Fürsorge eklatant versagen, und er bietet kulturelle Identität in als bedrohlich empfundenen Wandlungsprozessen. Das Feindbild USA dient hier als Mobilisierungsfaktor in sozialen Auseinandersetzungen. Plausibilität erhält das Feindbild u. a. durch relevante ökonomische und politische Verbindungen der USA mit den für die Krise verantwortlichen bzw. verantwortlich gemachten Eliten.
Der projektive Charakter des Feindbildes wird aber wieder deutlich, wenn man sich den Antiamerikanismus dort anschaut, wo die islamische Revolution an der Macht ist, nämlich in Iran. Dort wird das Feindbild inzwischen von islamistischen Machthabern gezielt instrumentalisiert, um demokratische Kritik abzuwehren. Und in Ländern, in denen große muslimische Gruppen demokratische Artikulationsmöglichkeiten haben, wie in Indien oder in Bangladesh, ist der Fundamentalismus und mit ihm der Antiamerikanismus deutlich schwächer ausgeprägt.
Den anderen Teil der Doppelkrise sehe ich in gravierenden Defiziten US-amerikanischer Weltordnungspolitik. Sie bilden gleichsam die Brücke zwischen den Terroristen auf der einen und denjenigen, die ihre Taten nicht gutheißen, aber sich von ihnen doch zumindest partiell vertreten fühlen, auf der anderen Seite. In den Worten von Tony Judt, der eine knappe und präzise Analyse dieser Problematik geboten hat: "Those who hate us for our values (which in any case are Western, not American) are vastly outnumbered by
those who resent us for our foreign policy."9
Es sind diese konkreten Defizite in der US-amerikanischen Außenpolitik, die eine Absicherung der genannten Projektionen erleichtern, weshalb man hier auch teilweise von Real-Externalisierungen sprechen kann. Es ist vor allem jene Mischung aus knallharter Großmacht-Interessenpolitik einerseits und den hohen moralischen Ansprüchen, die die USA häufig vor sich her tragen, die ihre Glaubwürdigkeit nachdrücklich beeinträchtigt.
So wurde der Irak nicht als Schurkenstaat angesehen, als die USA ihn im Krieg gegen Iran unterstützten. Er wurde es erst, als er sich gegen US-amerikanische Interessen wandte und Kuwait angriff. Die arabischen Söldner in Afghanistan wurden als Freiheitskämpfer unterstützt, solange sie gegen die Sowjetunion agierten. Und was soll man zum strategischen Bündnis mit Saudi-Arabien sagen, das den USA Zugang zu den größten Ölreserven der Welt sichert, aber gleichzeitig die Öleinnahmen für die Verbreitung eines reaktionären Islamismus benutzt? Was ist mit dem Nahost-Konflikt, der für sehr viele Araber eine hohe symbolische Bedeutung hat, unabhängig von den unglaubwürdigen Instrumentalisierungen durch Saddam Hussein oder Osama bin Ladin? Noch einmal Tony Judt:
"Arabs and other Muslims from Rabat to Jakarta have watched Israel build settlements in occupied territory in defiance of UN resolutions and international law. Theyve been shown footage [of films] of the Israeli army destroying houses and land; theyve noted the election of Ariel Sharon in spite of his shameful record
in Lebanon; and theyve seen the American president assure Israel of unwavering US support."10
Und wie müssen schließlich die internationalen Wirtschaftsverhandlungen auf die Dritte Welt wirken, in denen die USA - und andere westliche Länder - liberale Handelsprinzipien durchsetzen, wenn sie ihnen nützen, obwohl sie selbst nicht oder jedenfalls nicht allein durch Freihandel groß geworden sind, ihnen jedoch zuwiderhandeln, wenn es darum geht, ihre eigene Textilindustrie oder Landwirtschaft vor billigen Importen aus Entwicklungsländern zu schützen?
Neben diesem moralisierenden Realismus ist es der amerikanische Unilateralismus, der nicht nur die Gegner der USA aufbringt, sondern auch ihre Freunde irritiert. Was macht es für einen Eindruck, wenn der amerikanische Kongress, nachdem er jahrelang die Beitragszahlungen an die Vereinten Nationen verweigert und die Weltorganisation damit an den Rand des finanziellen Zusammenbruchs gebracht hat, diese Beiträge plötzlich bewilligt, weil deutlich geworden ist, dass auch die USA die Weltorganisation brauchen? Wie soll die Welt reagieren, wenn internationale Rüstungskontrollvereinbarungen wie der umfassende Teststoppvertrag, der auch als Gegenleistung an die Entwicklungsländer für die unbegrenzte Verlängerung des nuklearen Nichtverbreitungsvertrages gedacht war, an einem nationalistischen US-Kongreß scheitern? Was wird aus den Bemühungen um den internationalen Klimaschutz, aus dem sich die USA als größter CO2-Emittent trotz vieler Angebote verabschiedet haben? Und warum treten die USA dafür ein, Kriegsverbrecher anderer Länder durch internationale Gerichte anzuklagen und zu bestrafen, während sie gleichzeitig die Anerkennung eines internationalen Strafgerichtshofs für ihre eigenen Soldaten vehement ablehnen?

3. Was tun?
Niemand wird von den USA verlangen wollen, auf die Wahrung ihrer Interessen zu verzichten. Aber wäre nicht eine stärker an der Weltgemeinschaft ausgerichtete Interpretation der eigenen Rolle auch im längerfristigen wohlverstandenen Interesse der USA? Wäre es nicht auch für sie besser, wenn sie sich selbst, wie es
Pierre Bourdieu formuliert hat, als Nation neben anderen begriffen, und sei es als prima inter pares? Sie wären dann immer noch berechtigt, Rechenschaft zu fordern, aber gleichzeitig auch verpflichtet, selbst Rechenschaft abzulegen: "Ich fordere nicht, wie es andere getan haben, die Amerikaner dazu auf, ihre Macht zu teilen. (...) Es genügt bereits zu erkennen, dass die Logik der königlichen Willkür, des quia nominor leo (weil ich Löwe heiße), in dieser Welt nicht mehr gelten kann (...)."11
Die USA müssen in ihrem eigenen Interesse die Glaubwürdigkeit ihrer Außenpolitik verbessern. Sie werden damit nicht den harten Kern der Terroristen überzeugen, das ist unmöglich, aber sie können deren Attraktivität verringern. Was wäre konkret zu fordern für eine Politik, die sich die Perspektive eines Friedens in und zwischen dem Westen und dem alten/neuen "Osten" zu eigen macht? Der Westen muss, wie Bahman Nirumand vorgeschlagen hat, um die Muslime werben, die keine Terroristen sind; dazu gehört auch, den eigenen Teil an historischer Schuld in diesen Beziehungen anzuerkennen, einschließlich des Nahost-Konflikts, dessen Ursprung im europäischen Nationalismus, Antisemitismus und Kolonialismus liegt und der erst dann eine Chance auf eine dauerhafte Zivilisierung bekommen wird, wenn Israel das zionistische Kolonisationsprojekt beendet und sich mit einer gesicherten Eigenstaatlichkeit im wesentlichen in den Grenzen von 1967 begnügt. Zu diesem Dialog gehören Selbstkritik auf beiden Seiten und eine gerechtere Güter- und Chancenverteilung.12
Ansonsten käme es für die USA darauf an, "das eigene Haus in Ordnung zu bringen", d. h. das zu tun, was sie eigentlich ohnehin im Interesse des Überlebens der Menschheit und eines gedeihlichen Zusammenlebens auf diesem Planeten zu tun hätten:
- eine konsequente Verfolgung der illegalen Geschäfte und eine Einstellung der legalen Geschäfte mit den internationalen Gewaltmärkten, derer sich die Terroristen bedienen;
- die Ankündigung, das Projekt internationaler Strafgerichtshof ab sofort zu unterstützen;
- die Ankündigung von Verhandlungen über erweiterte Sicherheitsgarantien für den Staat Israel in den Grenzen von 1967 und einen palästinensischen Staat im Gazastreifen und auf der Westbank;
- das erneute Aussetzen von Tests im Rahmen des National Missile Defense Program (NMD);
- eine Neuvorlage des Umfassenden Teststoppvertrags an den Senat mit der Perspektive einer zügigen Ratifizierung;
- die Ankündigung ernsthafter Weiterverhandlungen einer Biowaffen-Konvention mit einer Verifikationsperspektive;
- die Aufnahme von ernsthaften Verhandlungen über internationale Beschränkungen im Kleinwaffenhandel;
- die vollständige Aufhebung des Handelsembargos gegen Kuba;
- die Ankündigung (zusammen mit der EU) des Abbaus protektionistischer Maßnahmen gegen Importe aus Drittweltländern in den laufenden Handelsgesprächen;
- die Ankündigung von Gesprächen im Rahmen der G7 über die Besteuerung von Spekulationsgewinnen im Devisenhandel und über Maßnahmen zur Verstetigung von Investitionen;
- die Ankündigung der Bereitschaft, das Kyoto-Protokoll zu unterzeichnen und zu ratifizieren, in Verbindung mit einer Überprüfung der Energiepolitik (Schwerpunkt auf Energiesparen, Energieeffizienz und Förderung erneuerbarer Energien).
Ich schließe nicht aus, dass auch diese Agenda über das eigentliche Thema hinausgeht, und ich weiß, dass sie utopisch klingt. Aber was bliebe den USA sonst - außer der unmittelbaren Bekämpfung der Terroristen selbst -, um ihre Attraktivität als Sündenbock und Hassobjekt zu reduzieren? Mehr Kooperation und mehr Glaubwürdigkeit im eigenen weltpolitischen Engagement, das ist wahrscheinlich zu wenig, um weitere Terrorakte zu verhindern; diese folgen ihrer eigenen Logik oder Unlogik. Aber die USA könnten die Externalisierungseffekte aus den krisenhaften Modernisierungsprozessen in den Entwicklungsländern mit Sicherheit reduzieren und brauchten dabei nicht einmal ihren eigenen Interessen zu schaden. Kluge Realpolitik ist heute auf Multilateralismus und Kooperation angewiesen. Leider haben das viele in den USA, die politische Verantwortung tragen, noch nicht begriffen. Sie bleiben in der Arroganz der Macht befangen.
1) Vgl. dazu Khalid Duran: Der einen Teufel, der anderen Held, in: FAZ, 20. 9. 2001, S. 10; oder Günter Lerch: Back on the Map - For the Time Being, in: FAZ (engl. Ausgabe), 17. 10. 2001, S. 8
2) Peter Schneider: Verschon mein Haus, zünd andere an, in: Dienstag 11. September 2001, Reinbek 2001, S. 80-86, hier S. 85
3) Thierry Chervel: Sündenstolz: Nicht der Westen ist schuld - ein Einwand gegen neue Plattitüden, Süddeutsche Zeitung, 24. 9. 2001, S. 14. (Die Parallelen zum Islamismus habe ich hinzugefügt.)
4) Zitiert nach Hans Joachim Schädlich: Islamistische Internationale, in: Dienstag 11. September 2001, S. 75-79, hier S. 76
5) Vgl. Aryeh Neier: The Real Clash Is Fundamentalists vs. Modernity, in: International Herald
Tribune, 10. 10. 2001, S. 8
6) Vgl. Martin Amis: Wir befinden uns noch im ersten Kreis, in: Dienstag 11. September 2001, S. 49-55, hier S. 54
7) Stanley Hoffmann: On the War, in: The New York Review of Books, Nov. 1, 2001, S. 4-6, hier S. 6
8) Vgl. dazu Dieter Senghaas: Zivilisierung wider
Willen. Der Konflikt der Kulturen mit sich selbst. Frankfurt 1998
9) Tony Judt: America and the War, in: The New York Review of Books, Nov. 15, 2001, S. 4-6, hier S. 5
10) Ebd.
11) Sprechende Turbane. Pierre Bourdieu über Islam und kollektive Intellektuelle, in: Süddeutsche Zeitung, 21. 11. 2001, S. 17
12) Bahman Nirumand: In welcher Welt wir leben, in: Dienstag 21. September 2001, S. 113-121, hier S. 121
Prof. Dr. Gert Krell war lange in der Friedensforschung tätig. Seit 1994 lehrt er an der Universität Frankfurt/M. Internationale Beziehungen mit dem Schwerpunkt Außenpolitik der USA. Seine jüngste größere Publikation: Weltbilder und Weltordnung. Einführung in die Theorie der internationalen Beziehungen. Baden-Baden 2000.
krell@soz.uni-frankfurt.de

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