E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 10, Oktober 1998, S. 251)


Editorial

Die Kultur wiederentdeckt

Christiane Kahrmann


Angesichts der Theorienkrise warnte der Weltsystemtheoretiker Immanuel Wallerstein im Jahr 1990 davor, alte Fehler zu wiederholen und sich nun nach Ökonomie und Politik auf Kultur zu beschränken, um die Entwicklung der Welt zu erklären. Die noch zur Zeit des Ost-West-Konfliktes vertretenen ökonomischen und politischen Globaltheorien galten als gescheitert, die alten ordnungspolitischen Modelle als überholt. In den Köpfen der Wissenschaftler und Praktiker herrschte Chaos. Und da kam Samuel Huntington mit seiner neuen Globaltheorie und stellte wieder eine scheinbare Ordnung her. Der amerikanische Politologe hat in seinem "Kampf der Kulturen" die Kultur wiederentdeckt. Wie schnell ändern sich doch die Moden und die Zeiten!

Der Zeitpunkt von Huntingtons erster Veröffentlichung war günstig: Man erinnerte sich noch an den Golf-Krieg; in Bosnien wütete gerade ein schrecklicher Bürgerkrieg. Die Thesen des bedeutenden amerikanischen Politikberaters waren schnell in aller Munde. Sein theoretisches Konzept steht jedoch auf tönernen Füßen (siehe Harald Müller, S. 263ff.). Das gilt insbesondere für seinen Kulturbegriff. Er ist statisch und veraltet. Seine statischen Kulturkreise erinnern stark an die Kulturkreislehre zu Beginn dieses Jahrhunderts. Damals, in einer Zeit, als Transport und Kommunikation noch weltweit beschwerlich waren, mag es berechtigt gewesen sein, geschlossene Kulturkreise zu konstruieren. Heute aber, in einer zunehmend vernetzten Welt, erscheinen diese Konstrukte realitätsfremd.

Kulturen sind dynamisch. Sie wandeln sich durch Außen- und Inneneinflüsse. Menschen gestalten sie. Türken in Deutschland verstehen unter islamischer Kultur sicherlich etwas anderes als solche, die in Anatolien leben. Wir leben nicht mehr in einer Welt, in der eine Kultur klar von der anderen abgegrenzt werden kann, sondern in Nationen, in denen Menschen verschiedener Kulturen im Alltag Elemente anderer Kulturen auswählen und sich aneignen. Migration, Ferntourismus und die neuen Kommunikationstechniken beschleunigen diesen Prozeß. Kulturelle Praktiken, einst im Westen entwickelt, sind längst nicht mehr im alleinigen Besitz westlicher Kulturträger. Der Westen hat in diesem Bereich seine Vormachtstellung verloren. Der Traum vom McLuhanschen Global Village ist ausgeträumt, und die neue (neoliberale) Variante davon - McWorld - wird nicht entstehen. Ein Ausverkauf der Kulturen findet nicht statt. Coca-Colafizierung, Disneyfizierung wirken in jeder Kultur auf ihre eigene Art. Die Analysen von Mitsuhiro Yoshimoto zeigen die japanische Modifikation von Tokyo Disneyland; ähnliches gilt für Euro Disneyland in Frankreich. Und globale Idole wie Madonna werden in Sarajevo anders nachgeahmt als in Frankfurt.

Auch Kulturen reisen heute. Kulturelemente und kulturelle Praktiken sind nicht mehr an ein bestimmtes Territorium gebunden. Belege dafür gibt es - wie aus dem Artikel von Tomlinson hervorgeht - in unserer (westlichen) Kultur. So fällt es nicht schwer, Huntingtons Kulturkonstrukte zu zerschlagen, die immer noch fest an diese Territorien gebunden sind. Die Vertreter der Kulturwissenschaften haben zur Huntington-Debatte kaum Stellung bezogen. Haben sie sie nicht wahr- oder ernst genommen? Sie muß ernst genommen werden, denn Huntingtons Thesen sind gefährlich - sie schaffen neue Feindbilder.

Bedrohliche Bilder vom Süden und Osten verbreiten auch die Medien. Neben Wissenschaftlern haben auch die Journalisten die Kultur wiederentdeckt. Die Berichterstattung etwa über Bosnien oder Somalia vermittelte uns zu oft Bilder von Blutrache und Stammesfehden. In den ethnischen Gegensätzen und der Multikulturalität dieser Länder sehen deshalb heute viele die Wurzeln von Konflikten. Georg Elwert räumt mit diesem Vorurteil auf, indem er die ökonomischen Ursachen dieser Bürgerkriege analysiert. Bürgerkriege sind für ihn Gewaltmärkte.

Dieter Kramer sieht in der kulturellen Vielfalt der Welt nicht Konfliktpotential, sondern eine Ressource, um gemeinsam globale Probleme zu lösen. Den interkulturellen Lerngemeinschaften, die er benennt, liegt der Gedanke von Partnerschaft, Gleichberechtigung und Empowerment zugrunde. Solche Gemeinschaften setzen die Solidarität der Wohlhabenden dieser Welt mit den Armen voraus. Ist diese Solidarität, die in den 60er und 70er Jahren die Basis bewegte, nicht schon längst Geschichte geworden? Welches Weltbild werden die kommenden Generationen haben - Menschen, die als Kinder mit Tamagotchis und Game boys spielten und mit den virtuellen Welten vertraut sind. Sie drücken den Reset-Knopf, wenn ihr Tamagotchi verhungert ist. Lernt man so gemeinsam Verantwortung zu tragen oder solidarisches Handeln?

Internet-Zugänge, E-Mail und Newsgroups intensivieren den Austausch zwischen Nord und Süd, zwischen Arm und Reich auf der Welt, hört man heute immer wieder. Vergessen wird dabei allzuoft, daß nur eine kleine Bildungselite Zugang zu diesem Kommunikationsnetz hat und viele Menschen ihn sich nicht leisten können. Georg Elwert berichtete auf einer Tagung, daß man in manchen afrikanischen Ländern sogar für den Empfang von E-Mails bezahlen muß. Das Internet vermittelt uns nur ein Gefühl von scheinbarer Egalität. Schon bei der Bereitstellung von Daten zeigt sich, wer mehr oder weniger Macht hat. Die neuen Medien aber als eine Bedrohung anzusehen, wäre eine falsche Reaktion. Sie bieten auch die Chance, die eigene Sicht zu erweitern und die anderer Kulturen kennenzulernen. Ihr Entwicklungsbeitrag sollte aber im Kontext einer Welt, in der es immer noch Arme und Reiche gibt, beurteilt werden.

Neben der Angst vor den Warlords im Cyberspace wird heute auch Furcht vor mächtigen transnationalen Unternehmen verbreitet. Die Ethnologin Erika Dettmar setzt sich mit diesem Mythos auseinander. Ihr Modell wird dem Anspruch von Wallerstein gerecht, da es sich nicht nur auf die Kultur beschränkt, sondern gleichermaßen die Politik und Wirtschaft der untersuchten Länder einbezieht. Dettmars Ausführungen stehen in der Tradition des Wirtschaftstheoretikers Karl Polanyi. Solche Theorien brauchen wir heute, denn sie erfassen besser als Huntingtons kulturalistische Großtheorie oder die neoliberale Wirtschaftstheorie unsere globale Welt.



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