E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 10, Oktober 1998, S. 262-264)


Der Mythos vom Kampf der Kulturen
Eine Kritik an Huntingtons kulturalistischer Globaltheorie

Harald Müller


Der Kampf der Kulturen findet nicht statt. Vorsicht ist angeraten gegenüber Huntingtons Globaltheorie. Sie pflegt ihre Tugend der Einfachheit auf Kosten der Wahrheit und verfälscht die Realität.


Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts ist nichts mehr, wie es früher war, die Zukunft ist ungewiß - und die Sowjets können nicht mehr schuld daran sein. In dieser Ungewißheit verspricht uns Samuel Huntington1 neue Orientierung: die Weltgeschichte treibt nach den Ideologien nun die "Kulturen" gegeneinander - er benutzt den Begriff der "Zivilisation", die im Angelsächsischen bevorzugte Ausdrucksweise. Sie bilden die großen Feindgruppen der Gegenwart und Zukunft. Am Horizont dräut die islamisch-konfuzianische Koalition gegen alles Westliche - hier kombiniert Huntington die "Gelbe Gefahr" mit den "Türken vor Wien", zwei in den westlichen Kulturen tiefverwurzelte historische Bedrohungsängste.


Huntingtons Theorie auf einen Blick

Der "Kampf der Kulturen" verfolgt ein ehrgeiziges Projekt: Huntington versucht uns zu erklären, wie die Welt heute und morgen "im Innersten beschaffen" ist, was die Menschen zum Nachdenken und Handeln zwingt. Und das sei, so Huntington, die Entwicklung und Abgrenzung der größten existierenden menschlichen Kollektive auf der Erde, der Kulturen, die durch historische Nähe, gemeinsame Wertsysteme, Lebensweisen, Weltbilder und entsprechende gesellschaftliche und politische Denkweisen geprägt seien. Interessanterweise gruppiert er seine Weltkulturen um Religionen - dies mag überraschen, aber er führt die religiöse Fundamentalisierung in vielen Teilen der Welt als Beleg ins Feld. In diesem Lichte unterscheidet er:

  • die westlich-christliche Kultur Europas, Nordamerikas und Ozeaniens;
  • die orthodox-christliche Kultur der slawisch-griechischen Welt;
  • die islamische Kultur, die sich im Bogen von Mittelafrika über den Nahen Osten bis nach Zentralasien und Indonesien ausgebreitet hat;
  • die afrikanische Kultur - was immer das sein mag;
  • die hinduistische Kultur Indiens;
  • die japanische Kultur;
  • die konfuzianische Kultur Chinas und seiner ost- und südostasiatischen Peripherie.

Huntington ist sich unschlüssig, ob Lateinamerika kulturell selbstständig ist oder bereits zur christlich-westlichen Kultur gehört.

Die meisten dieser Kulturen gruppieren sich um einen Zentralstaat: die USA im Westen, China in der konfuzianischen Kultur, der sich Japan nolens volens anschließen wird, Rußland in der Orthodoxie; in Indien fallen Kulturkreis und Staat ohnedies zusammen.

Huntington sieht die Kulturen, verkörpert und geführt durch die jeweilige Vormacht, aufeinanderprallen. Bereits jetzt seien ihre Grenzen Orte der Reibung. Multikulturelle Staaten wie Bosnien, der Sudan, Malaysia oder Indonesien zeigen Bruchstellen bis hin zu inneren Kriegen, wobei vor allem der Islam "blutige Grenzen" aufweise. Trennung sei die einzige friedensstiftende Antwort: Schluß mit dem Multikulturalismus; Huntington empfiehlt die Schaffung kulturell reiner Staaten. Nur eine Politik der wechselseitigen Abgrenzung, die die interkulturellen Begegnungs- und Reibungsflächen vermindert, könne fatale globale Konfrontationen eindämmen.


Das Ockhamsche Rasiermesser wird geschwungen

Der "Kampf der Kulturen" ist ein Kind der amerikanischen Wissenschaft von den Internationalen Beziehungen. Viele US-Wissenschaftler folgen einem vermeintlich der Naturwissenschaft abgelauschten Ideal. Aus wenigen Grundannahmen soll ein Netzwerk theoretischer Sätze abgeleitet und an der Wirklichkeit getestet werden. Diese Tests sollen die Theorie dann vorläufig bestätigen oder widerlegen. So hat es der "kritische Rationalismus", die vor allem von Sir Karl R. Popper entwickelte Wissenschaftstheorie, aus den Erfahrungen der Naturwissenschaften herausdestilliert.

Ideal ist eine Theorie, die auf möglichst wenigen, einfachen Grundannahmen beruht und möglichst viel erklärt. Im Wettbewerb wird man demjenigen Gedankengebäude den Vorzug geben, das bei gleichem Erklärungsgehalt mit weniger Annahmen auskommt: die Theorie soll "sparsam" sein. Die Tugend der theoretischen Sparsamkeit, die alles Überflüssige wegschneidet, hat in der Wissenschaftsgeschichte den Namen "Ockhams Rasiermesser" bekommen, nach dem großen spätscholastischen Philosophen William von Ockham, der einer der Vordenker der modernen Wissenschaft war.

Viele Großtheoretiker in den USA, so auch Huntington, haben zwar mit großem Fleiß das Rasiermesser geschwungen, die hohen Ansprüche der kritischen Rationalisten an die empirische Überprüfung jedoch weit weniger ernst genommen. Anstelle des Bemühens um die Falsifikation der eigenen Hypothesen folgen sie weitgehend der bewährten Praxis von Rechtsanwälten: Sie sammeln die zugunsten des eigenen Klienten sprechenden Beweismaterialien und sehen über die unangenehme Gegen-Empirie großzügig hinweg.

Die Komplexität der Welt wird zudem soweit reduziert, daß wichtige Variablen und Faktoren, die das politische Weltgeschehen entscheidend mitbestimmen, aus dem Blickfeld geraten. Unterkomplexe Theorien folgen durchweg einem schlichten Schema, das als "politikwissenschaftlicher Manichäismus" bezeichnet werden kann. Die Manichäer, Anhänger einer altpersischen Religion, teilen die Welt in eine Zweiheit entgegengesetzter Pole. Der Kampf dieser beiden Pole, der Streit zwischen Licht und Finsternis, bestimmt das Weltgeschehen. In diesem Sinne knüpft Huntington an der "Theorie des Kalten Krieges" an, die mit der Aufteilung in die "Freie Welt" und die "Welt des Kommunismus" eine einfache klare Orientierung bot. Durch Parteinahme entsteht eine Theorie nach dem "Wir-Sie"-Schema - bei Huntington "The West and the Rest". An diesen Theorien hat die Welt ein großes Repertoire: Fundamentalismus, Sozialdarwinismus, Marxismus-Leninismus, Realismus usw. Sie alle pflegen ihre Tugend der Einfachheit auf Kosten der Wahrheit. Sie sind simpel und falsch. Ihre Anwendung beginnt bei scheinbar überzeugenden und für jeden einsichtigen Leitsätzen und endet in Rüstungswettlauf, Krieg und Massaker. Diese Art Theorien brauchen wir nicht.

Vorsicht ist angeraten im Umgang mit dieser "großen Theorie". Wer eine blau gefärbte Brille aufhat, kann nicht anders sehen als eine blaue Welt. Nicht anders geht es Huntington mit dem Kampf der Kulturen: die (theoretische) Brille verzerrt den Blick auf eine allzu widerständige Wirklichkeit. Huntington spricht z.B. von den "blutigen Grenzen des Islam". Er "beweist" diese These statistisch, indem er zeigt, daß von einunddreißig gewaltsamen Konflikten zwischen zwei und mehreren Parteien aus verschiedenen Kulturen einundzwanzig - also zwei Drittel - mit moslemischer Beteiligung stattfinden. Das sieht freilich danach aus, als sei der Islam eine besonders gewaltfreudige Kultur. Bei genauerer Überprüfung dieser Aussage fällt allerdings auf, daß die islamischen Kämpfer für einen "interkulturellen Konflikt" stets einen nichtislamischen Gegner brauchen. Mit dieser Überlegung kann man die Statistik in der folgenden Weise neu lesen: Von zweiundsechzig Parteien, die in gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den Kulturen verwickelt sind, sind einundzwanzig - also etwa ein Drittel - Staaten oder Gruppierungen islamischer Herkunft. Das hört sich bereits anders an. Wirft man jetzt noch einen Blick auf den Atlas und sieht sich die Grenzen zwischen den Kulturen genauer an, so stellt man fest, daß der Islam weitaus mehr Außengrenzen zu Lande hat als jede andere Weltreligion. Huntingtons Statistik sagt uns nichts, was wir nicht längst gewußt hätten, daß Staaten, deren Territorien aneinandergrenzen, die größtmögliche Chance haben, in Händel miteinander zu geraten. Die überdurchschnittliche Kampfeslust des Islam entpuppt sich bei gründlicher Überlegung als durchschnittlicher statistischer Erwartungswert.


Der kulturelle Faktor

Welche Rolle spielt der kulturelle Faktor in den Konflikten der Gegenwart? Sehen wir uns die Kriegs- und Konfliktstatistik des Jahres 1996 an. Das Heidelberger Institut für Konfliktforschung, das gewaltsame Konflikte regelmäßig beobachtet und statistisch erfaßt, hat für dieses Jahr 27 Kriege und gewaltsame Krisen gezählt, also solche Konflikte, in denen Menschen gewaltsam zu Tode gekommen sind. Es handelt sich dabei überwiegend um "innere Kriege", d.h. Gewalthandlungen innerhalb der Grenzen eines Staates. Seit dem zweiten Weltkrieg dominiert diese Kriegsform in der Welt, insbesondere "Regimekriege", bei denen es um das Ersetzen einer Regierungsform oder auch nur einer Herrschaftselite durch die andere geht, sind sehr häufig geworden2.

Nur neun der 27 Gewaltkonflikte haben an den von Huntington gezogenen "zivilisatorischen Bruchlinien" stattgefunden. Bei der großen Mehrheit, nämlich siebzehn, handelt es sich um Konfliktparteien, die der gleichen Kultur angehört haben. Ganz anders sieht es aus, wenn man den ethnischen Faktor einbezieht. Angehörige unterschiedlicher Ethnien, d. h. Stämme, Völker, Rassen oder Nationen, waren an einundzwanzig gewaltsamen Konflikten beteiligt, nur in sechs spielte der ethnische Faktor keine Rolle. In anderen Worten: ethnische Konflikte dominieren das gewaltsame Konfliktgeschehen. Was noch bedeutsamer ist: in allen neun Fällen, in denen ein "kultureller Zusammenstoß" eine Rolle spielt, ist auch der ethnische Faktor beteiligt. Der "Kampf der Kulturen" hat nicht unabhängig davon gewirkt, daß sich die Konfliktparteien als unterschiedliche Ethnien verstehen, sondern nur im Zusammenwirken mit einem bestehenden, gravierenden ethnischen Konflikt.

Nun soll der "Kampf der Kulturen" ja vor allem künftige Konflikte prognostizieren. Auch hier ist die Heidelberger Statistik hilfreich. Sie erfaßt mit dem Begriff "latente Konflikte" 52 Konstellationen, in der zwei oder mehr Parteien einen Streit miteinander haben, der gewaltsam ausgetragen werden könnte, aber gegenwärtig noch nicht ausgebrochen ist. In dieser Kategorie, so können wir vermuten, finden wir Auseinandersetzungen, die in Zukunft die Vereinten Nationen und die Weltöffentlichkeit beschäftigen könnten.

Nur achtzehn dieser 52 Konflikte, also etwas mehr als ein Drittel, spielen sich an den "zivilisatorischen Bruchlinien" ab. Vierunddreißig haben nichts damit zu tun. Andererseits haben wieder sechsunddreißig Konflikte, also mehr als zwei Drittel, verschiedene ethnische Gruppen als Akteure. Auch hier ist also der ethnische Faktor ganz eindeutig beherrschend3. Überdies fällt auf, daß bei den latenten Konflikten die Mehrzahl, nämlich dreißig, klassische Territorialkonflikte, also internationaler Natur, sind. Dies ist deswegen bemerkenswert, weil von den achtundzwanzig gewaltsamen Auseinandersetzungen des Jahres 1996 lediglich sechs sich um traditionelle Territorialfragen drehten. Die große Mehrheit hingegen stellte "interne" Konflikte um die Macht im Staate oder um Sezession dar. Die meisten latenten Territorialkonflikte finden jedoch zwischen Angehörigen gleicher Ethnien (z.B. China/Taiwan, Südamerika, Arabische Halbinsel) statt; somit ist der Anteil des ethnischen Faktors bei den latenten Konflikten etwas niedriger. Wir müssen also erwarten, daß auch in Zukunft die kulturelle Verursachung von gewaltsamen Konflikten hinter ethnischen Ursachen zurückbleiben und auch im Vergleich zu klassischen zwischenstaatlichen Territorialkonflikten innerhalb der unruhigeren Weltregionen keineswegs eine dominierende Rolle spielen wird.

Der kulturelle Faktor ist nur einer von vielen; die Ursachen von Konflikten sind viel komplexer. Unter den gefährlichsten Konflikten und blutigsten Kriegen der Gegenwart spielen sich der zentralafrikanische, der afghanische, der kurdische, der algerische, der koreanische innerhalb der gleichen Kultur ab; davon haben die ersten drei eine klare ethnische Komponente; der afghanische, der algerische, der zentralafrikanische und der koreanische Disput sind überdies Regimekriege, wobei in den Fällen Korea und Afrika die Dynamik eines zwischenstaatlichen Sicherheitsdilemmas hinzukommt.

Die Konflikte zwischen Indien und Pakistan, in Sri Lanka, Bosnien und im Mittleren Osten liegen auf der zwischenkulturellen Bruchlinie. Sie haben allerdings allesamt eine ganz starken ethnischen Hintergrund, der in Sri Lanka, Bosnien und im Mittleren Osten durch politische und wirtschaftliche Diskriminierung eskaliert ist. In all diesen Konflikten geht es um das klassische Objekt kollektiver Auseinandersetzungen: um die Kontrolle über ein Territorium, das die jeweiligen Streitparteien für sich beanspruchen. In Südasien und im Mittleren Osten werden die Konflikte überdies durch ein Sicherheitsdilemma, durch die Präsenz von Massenvernichtungswaffen, hochgradig verschärft.


Die islamische Gefahr

Den Ländern des Islam hat die Neuzeit eine schwere Geschichte beschert. Als Opfer eines besonders hartnäckigen und ausbeuterischen Kolonialismus ist ihnen bis heute der Modernisierungserfolg versagt geblieben. Die wirtschaftliche Entwicklung aller Länder weist Brüche auf, auch die ölproduzierenden Staaten haben von ihren Erdölvorkommen nur geringfügig ökonomisch profitieren können. Archaische Herrschaftsformen und besonders abstoßende Tyranneien haben die Ausbildung einer selbstbewußten Bürgerklasse verhindert. Die Kolonialmächte haben frühe Ansätze zur selbständigen Nationalstaatsentwicklung im Keim erstickt.

Dennoch ist es grundfalsch, von der islamischen Staatenwelt oder der islamischen Gesellschaft als einem bedrohlich überkochenden Einheitsbrei zu sprechen. Die islamische Staatenwelt ist differenziert, gespalten und von politischem Wettbewerb zwischen den führenden Staaten geprägt. Kein plausibles Szenario kann entworfen werden, das eine Vereinheitlichung dieses Mosaiks in Aussicht stellt. Auch die vorhandenen internationalen Organisationen - Arabische Liga, Islamische Konferenz - sind schwach ausgeprägt, andere Organisationen dienen lediglich den Interessen des jeweiligen Führungsstaates.

Zentralstaaten sind die Kristallisationspunkte, die Hauptakteure in Huntingtons "Kulturkrieg". Im Islam wird es keinen solchen Kernstaat geben, und zwar weder in einer weitgehend säkularisierten noch in einer stärker fundamentalisierten islamischen Staatenwelt. Die Geschichte zeigt, daß sich diese riesige, ethnisch, geographisch, wirtschaftlich und sozial heterogene Region keiner einheitlichen Herrschaft untergeordnet. Wo es zu einer solchen Herrschaft kam - im Jahrhundert nach dem Wirken des Propheten, unter der Abassidendynastie und während des Osmanenreiches - war die Einheit entweder rein nominell, oder bestimmte Regionen waren bereits faktisch oder auch rechtlich selbständig. In allen Fällen wurde die Einheit nicht durch kulturellen Gleichklang, sondern durch militärische Eroberung hergestellt. Auch in unserer Zeit könnte nur Gewalt die Vielfalt der islamischen Welt mit ihren gegenseitigen Feindschaften, ethnischen Sonderungen, konfessionellen und sektiererischen Gegensätzen unter eine Herrschaft zwingen. Die zwischenstaatlichen Konflikte und die Rivalitäten um die Führungsstellung - in Nordafrika, im Nahen Osten, auf der arabischen Halbinsel, am Persischen Golf, in Zentralasien, in der arabischen und in der gesamten islamischen Welt - sind Legion. Externe Mächte springen ein, um ein gestörtes Gleichgewicht in den Regionen wiederherzustellen, moderne Militärtechnik macht zudem Eroberungskriege unvergleichlich kostspielig und verlustreich. Militärisch läßt sich die politische Einheit des Islam jedoch nicht mehr erzwingen.

Auch der Fundamentalismus kann das nicht schaffen. Der Grund liegt darin, daß es laut Koran nur eine einzige sakral legitimierte Herrschaft geben kann. Der Fundamentalismus ist deshalb eine politische Mission zur Herstellung dieser Herrschaft. In den internen Hierarchien zweier Staaten wird es aber dieselbe Auffassung von dieser Herrschaft nur dann geben, wenn ein Verhältnis totaler Abhängigkeit besteht, wie es zwischen dem (extrem schwachen) Sudan und dem (relativ starken) Iran besteht. In allen anderen Fällen führt die gleiche Legitimitätsgrundlage - wegen ihres Absolutheitsanspruchs - bei geringstmöglichen Abweichungen zur erbitterten Feindschaft: denn dann stellt die Existenz eines islamischen Staates, der auf einer abweichenden Interpretation gegründet ist, diejenige aller anderen islamistischen Staaten in Frage, die anderen Auslegungen gelten als Ketzerei und müssen bekämpft werden. Die wechselseitigen Feindschaften der fundamentalistischen Staaten Afghanistan, Iran und Saudi-Arabien sprechen hier Bände. Der politische Fundamentalismus führt durch seine Verbreitung zum Schisma, zur Religionsspaltung.

Die islamische Gesellschaft besteht keineswegs nur aus Fundamentalisten, noch wird sie von ihnen dominiert. Neben den Fundamentalisten unterschiedlicher Couleur findet man dort die modernistischen Anpasser, die gemäßigten Modernisten, die opportunistischen Traditionalisten und die islamischen Traditionalisten. Ein durchgehender Trend des Fundamentalismus ist nicht auszumachen, im Gegenteil, die Ernüchterung, die durch die Mißerfolge der iranischen Revolution eingetreten ist, und die starke Ablehnung der Aktionen der Fundamentalisten durch die islamische Bevölkerung in Ägypten oder Algerien bremst eher die Ausbreitung solcher Bewegungen.


Die Zukunft der Weltpolitik

Daß Samuel Huntington zwar ein marktgängiges Produkt, aber eben auch eine unzutreffende Theorie entwickelt hat, sollte deutlich geworden sein. Der kulturelle Faktor ist wichtig, aufgrund der Globalisierungsfolgen auch deutlich wichtiger als in der vergangenen Geschichtsepoche. Er wird jedoch durch andere Prozesse gebrochen und relativiert: durch die Machtrivalitäten der Staatenwelt, durch die Kooperationszwänge der Handelsstaaten in der Wirtschaftswelt, deren Zahl zunimmt, und durch die Beziehungen der Gesellschaftswelt über Staatengrenzen hinweg.

An der Berechtigung der postmodernistischen Entschuldigung für den "westlichen Kulturimperialismus" müssen Zweifel angemeldet werden: Warum müssen eigentlich manche westliche Intellektuelle nach der Anbetung der Totalitarismen Stalins und Maos nun schon wieder ein Programm zur Inschutznahme von Unterdrückung erfinden, diesmal auch noch unter dem Deckmantel kultureller Toleranz? Im Gegensatz dazu ist es völlig sinnvoll und gerechtfertigt, westliche Ideen der Menschenrechte und der Demokratie nach außen zu vertreten; dabei gilt es jedoch durchaus, offen zu sein für Impulse der Gemeinschaftlichkeit und der Re-Solidarisierung, die auch unseren eigenen Gesellschaften beim Absichern ihrer Errungenschaften nützlich sein können. Dialog, nicht Kampf der Kulturen, verspricht Erfolg für die Zukunft.


1) Samuel P. Huntington: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München, Wien, Europa-Verlag 1996

2) Volker Matthies: Immer wieder Krieg? Wie Eindämmen? Beenden? Verhüten? Schutz und Hilfe für die Menschen? Opladen, Leske + Budrich 1994, Kap. 2. u. 3

3) Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung: Konfliktbarometer Welt 1996. Heidelberg, Dezember 1996


Dr. Harald Müller ist geschäftsführender Direktor der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) in Frankfurt am Main.


Dieser Artikel ist ein Auszug aus einem Vortrag, den der Autor am 11.11.1997 in der HSFK in Frankfurt gehalten hat.



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