E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 10, Oktober 1998, S. 265-267)


Wie ethnisch sind Bürgerkriege?
Der Irrglaube, daß Bürgerkriege kulturelle Wurzeln haben

Georg Elwert


Bürgerkriege können ethnische Konflikte schaffen. Sie entstehen aber nur selten durch solche "Stammesgegensätze". Wenn wir hinter den Vorhang von angeblich trennender Kultur und Religion sehen, können wir Akteure mit klaren wirtschaftlichen Interessen erkennen. Das wichtigste Motiv von Bürgerkriegen ist das Geschäft mit Raub, Hehlerei, Schmuggel und Geiselnahme. Wie dieses Geschäft organisiert ist, zeigt die sozial-anthropologische Theorie der Gewaltmärkte.


Die "Stammesgegensätze" etwa in Afrika seien es, die zur Gewalt führen, hören wir ständig. Bei fernen Völkern scheint man sich besonders sicher zu sein, daß die Konflikte dort kulturelle Wurzeln haben. Die Gewalt, die dabei ausgeübt wird, wird als emotionale Handlung gesehen und mit Irrationalität in Verbindung gebracht. Bürgerkriege im Kaukasus, in Zentralafrika und im ehemaligen Jugoslawien werden uns als Ausdruck von Haß und Rache dargestellt. Welche Motive und Strukturen stehen aber wirklich hinter diesen radikalen Gewaltausbrüchen? Sozial-anthropologische Feldforschungsberichte vermitteln uns ein anderes Bild von diesen Kriegen und denen, die sie führen. Sie beschreiben die Kriegsherren als ökonomische Akteure, die rational handeln. Am armen Rand der florierenden industriellen Märkte, wird Gewalt zweckrational als effizientes Mittel marktwirtschaftlichen Erwerbsstrebens eingesetzt. Moderne Kriege benötigen - anders als Wirtshausschlägereien - strategische Planung und Logistik. Ohne die kühle Planung des Nachschubs an Waffen, Munition, Nahrung und Kraftstoff kann das Morden keine Dauer haben. Strategisches Handeln und militärische Logistik setzen einen kühlen Kopf voraus, nicht die Dauermobilisierung von Emotionen. Wie dieses Handeln organisiert ist, zeigt die Theorie der Gewaltmärkte1.


Gewaltmärkte

Unter Gewaltmärkten verstehen wir als Bürgerkriege, Kriegsherrensysteme oder Räubertum bezeichnete Konflikte, bei denen das ökonomische Motiv des materiellen Profits dominiert.

Auf den Gewaltmärkten ist der Handel mit Genußmitteln, Edelsteinen, Drogen, Waffen und Treibstoff besonders lukrativ. Diamanten- und Goldschmuggel im heutigen Zaire - der frühere zairische Kriegsherr Kabila entstammt dieser Branche -, Qat-Handel in Somalia, Smaragdschmuggel in Kolumbien sind in bestimmten Perioden die wichtigste Einkommensquelle der Kriegsherren. Neben dem Handel ist Raub eine andere bedeutsame Erwerbschance. Raub dient nur selten der unmittelbaren Aneignung. Wer sich Kühlschränke und Videogeräte aneignet, Fahrzeuge abschleppt (und deutlicher noch, wer Goldzähne ausschlägt), sucht nicht seinen persönlichen Bedarf zu stillen, sondern reagiert auf die Nachfrage der Hehler.

Als Zwischenform von Handel und Raub hat sich die Eintreibung von Schutzgeldern, auch Zölle genannt, und die Geiselnahme entwickelt. Meldungen, daß humanitäre Hilfsorganisationen Schutzgelder an Kriegsherren entrichten, um ungehindert ihre Hilfelieferungen ins Frontgebiet transportieren zu können, sind uns aus dem Sudan, dem Libanon, aus Somalia und Bosnien bekannt.

Die Entscheidung darüber, ob Akteure bestimmte Güter rauben oder durch Handel erwerben, ist auf Gewaltmärkten prinzipiell immer offen. Der Kriegsherr bedenkt und optimiert das Verhältnis von Aufwand und Ertrag. Die wichtigste Ressource für den Handel ist Geld (oder ein ähnliches Tauschmittel). Die "Räuberhändler" bevorzugen Tauschgüter wie Diamanten, Gold, Smaragde, Drogen und leichte Waffen, weil mit einem einzigen Transport dieser Güter große Wertmengen bewegt werden und sie bei Kontrollen verborgen werden können. In Verbindung mit dem illegalen Handel, dem Schmuggel mit Drogen und Waffen, kann sich der professionelle Begleitschutz durch Kriegsherren etablieren; unter Umständen entwickelt sich sogar der Entrepôt-Handel, das Zwischenlager im "sicheren" Gebiet. Handelsströme ("Schmugglerrouten") machen einen Umweg durch dieses (aus ihrer Sicht kriegssichere) Gebiet.

Nur in wenigen, dafür international besonders beachteten, Gewaltmärkten wird noch mit einem Gut gehandelt, das die fernen Käufer nicht als Ware identifizieren: mit dem Opfer, das ideologisch motiviert erscheint, also mit einer Form der Gabe. Von ausführlicher internationaler Berichterstattung begleitet, werden Schlachten hier noch für ein ideelles Ziel geschlagen. Das Leben der "Gegner" oder auch der eigenen Leute wird einer Sache geopfert, die Emigranten oder am Weltschicksal interessierten Ausländern etwas wert ist. Der freie Westen, die sozialistische Weltrevolution, die "Ehre unserer Nation", die Rettung unseres Glaubens scheinen auf dem Spiel zu stehen. Beträchtliche Ressourcen lassen sich vom Ausland in den Gewaltmarkt transferieren, wenn die Kriegsherren diese Ware durch den Einsatz einer rhetorisch geschulten und international kommunizierenden Spezialtruppe besonders gut verkaufen. Jonas Savimbi konnte so seine Schlachten in Angola sowohl als Opfer für die maoistische Weltrevolution als auch (später) für die Verteidigung des freien Westens gegen den Sozialismus verkaufen, bevor er sich wieder seinen alten Geschäften, dem Abbau und Schmuggel von Diamanten in Angola und Zaïre widmete.

Auch die Produktion von Gewalt folgt ökonomischen Imperativen. Die Kosten der Gewalt müssen gering gehalten werden. Zu den unverzichtbaren Ressourcen gehören Waffen, Munition und Treibstoff; hier empfiehlt es sich nicht zu sparen. Günstiger ist es hingegen, am Sold der Söldner, also an den Kosten der Arbeitskräfte, zu sparen. Das "Marodieren", systematische Plünderungen durch Soldaten, ist die Folge. Es kann sogar ein Markt für das Marodieren entstehen. Das heißt, man bezahlt eine Gebühr, um an organisierten Raubzügen teilnehmen zu können. Aus Großserbien und Kroatien hörten wir von "Wochenendsoldaten", die Freitag nachmittags gegen entsprechende Gebühr für Transport und Waffenverleih mit Bussen an die "Front" gefahren wurden, um Sonntagabend reich beladen wieder zurückzukehren. Daß man es auch Sadisten, die ihre Gebühr bezahlt hatten, gestattete, sich ihre Befriedigung zu suchen, ist im ökonomischen Sinne nur logisch. Das Marodieren dient der Reproduktion von Arbeitskraft. Dort, wo die Bevölkerungsdichte nicht so hoch ist, daß sich das Marodieren lohnt, eignen sich die kämpfenden Truppen Nahrungsmittelhilfe-Lieferungen an, die für die Zivilbevölkerung bestimmt sind. Von internationalen Gebern finanzierte Flüchtlingslager dienen als Kasernen für auf den Kampfeinsatz wartende Truppen und ihren Troß.

Kostensenkend ist auch die Gewinnung von freiwilligen Soldaten. Für kurze Zeit - wichtig vor allem in der Anfangsphase des Gewaltmarkts - kann die Verheißung, latente Konflikte zu lösen oder eine Willkürherrschaft zu beseitigen, unbezahlte Akteure mobilisieren. In manchen Gesellschaften sind junge Männer hoch motiviert, freiwillig in den Krieg zu gehen, da sie dadurch an Prestige gewinnen oder der Erfordernis einer Initiation mit Gewalt gerecht werden können.

Eine besonders kostengünstige Form der Mobilisierung von Arbeitskraft ist die Erzeugung von Angst. Die Propaganda wird so ein wichtiges Produktionsinstrument. Ökonomisch gesehen kann sinnlose Gewalt dadurch ihren Sinn finden. Die Angst vor der Rache der Opfer führt dazu, daß sich Menschen einer Armee anschließen oder sie zum eigenen Schutz unterstützen. Die Angst vor Rache stabilisiert das System.

Wir finden nicht nur eine Akkumulation von Mitteln zur Ausübung von Gewalt und von Geld bzw. Waren, sondern auch eine Akkumulation der Zeitoptionen. Zeitoptionen erwirbt man erstens dadurch, daß man sich Subsistenzmittel sichert, indem man z.B. Tribute von versklavten Bauern einfordert und Zölle auf Nahrungsmittelhilfe-Lieferungen an "Flüchtlingslager" erhebt. Zweitens schaffen Pakte mit Konkurrenten oder Gegnern Zeitoptionen. Drittens gewinnt man Zeit durch Verhandlungen über Gewaltverzicht, Warenlieferungen oder die Form eines Paktes. Dabei sind die Akteure vielleicht gar nicht an dem Gewaltverzicht, der Ware oder dem Pakt selbst interessiert (oder nur sekundär), sondern am Zeitgewinn. UN-Unterhändler, die diese Hintergründe nicht kennen, werden nervös, wenn sie von lokalen oder überregionalen Machthabern in drohender Situation hingehalten werden. Aus der Sicht ihrer Verhandlungspartner ist dies nur ein Jonglieren mit den drei Ressourcen (latente) Gewalt, Güter (als Tauschmittel) und eben: Zeit.


Wie strukturbildend sind Emotionen?

In der Kriegsrhetorik (einschließlich Lied und Roman) und im Ritual der Kämpfer treten uns Freundschaft und Solidarität als Handlungsmotive entgegen. Bruderschaft wird durch Blutrituale bekräftigt. Gerade die zeremonielle Zelebrierung von Bruderschaft verdeckt häufig die Tatsache, daß die neuen Blutsbrüder eben nicht auf ihre emotional gewachsene Freundschaft bauen können. Zweifelhaft erscheint es mir, Waffenbrüderschaft auf persönliche Vertrautheit zurückzuführen. Aus Somalia wie aus Kamerun erreichen uns Berichte, denen zufolge auch frühere Spielkameraden sich gegenseitig hinmetzeln. Ritual wie rhetorische Beschwörung sind daher eher Ausdruck des Zweifels an der Beständigkeit dieser Beziehung.

Für den erschrockenen Beobachter nachvollziehbar erscheint das Handlungsmotiv des Hasses, welcher sich dann militärisch im Revancheschlag ausdrückt. Historischen Berichte - etwa über Opfer von Gewalt im 2. Weltkrieg - deuten jedoch darauf hin, daß in der unmittelbaren Folgezeit von Schicksalsschlägen die Bereitschaft zur Revanchegewalt eher gering ist. Die Opfer sind weniger an Revanche als an einem Ende der Gewalt interessiert.

Bedeutsamer scheint mir das Phänomen des legitimierten Sadismus zu sein. Sadismus, auch dann, wenn er offensichtlich einer neurotischen Verklemmung entspringt, erscheint als legitimiert, wenn er sich ausschließlich gegen den Gegner richtet. Die Taten der sadistischen "Helden" und auch diese selbst werden häufig von der Propaganda eingesetzt, um den Gegner abzuschrecken und zu destabilisieren. Der theatralisch inszenierte Terror soll zukünftige Opfer lähmen, ihre Verteidigung zu organisieren.

Die Berichte von Gewaltopfern deuten auf Angst als wichtigste von den kriegführenden Parteien genutzte Emotion hin2. Die Angst, selbst Opfer von Gewalt zu werden, führt zu Präventivschlägen3, die meist nicht strategisch geplant sind, rasch eskalieren und in einem Gemetzel von und an Personen enden, welche sich zuvor nahe gestanden haben mögen. Berichte aus Ruanda und Bosnien stellen Radio- oder Fernsehpropaganda in den Vordergrund. In Ruanda spielte der aus Entwicklungshilfemitteln aufgebaute Rundfunk die Rolle des Angsterzeugers und des Angstverstärkers, welcher dann die Gemetzel provozierte.


Die Stabilisierung der Gewaltmärkte

In gewaltoffenen Räumen bildet sich eine völlig deregulierte Marktwirtschaft, eben eine radikal freie Marktwirtschaft. Die kulturalistische Brille führt zum Mißverständnis dieser Struktur. Nicht Ethnien und Klans, sondern wirtschaftliche Interessen (vom Profit über den Sold, den Erlös aus Raubgut bis zum einfachen Bedürfnis zu überleben) stehen in diesen Bürgerkriegen gegeneinander. Wenn nicht durch ein Gewaltmonopol gewaltfreie Räume gewährleistet werden, wird die Masse der Bevölkerung als Fußvolk verheizt und als Flüchtlinge verjagt. Es stabilisieren sich reproduzierende wirtschaftliche Systeme der Gewaltnutzung und der Gewalterzeugung - Systeme, die immer wieder eine Nebelwand politischer Legitimation errichten und daher gerne kulturalistische Interpretationen aufnehmen und wieder zurückspielen.

Als Folge der Gewaltsituation schwinden die Erwerbschancen in alternativen, friedlichen Wirtschaftszweigen. Gewerbe, Industrieproduktion, friedlicher Handel und Landwirtschaft geraten in Krisen und brechen dann, wenn die kontinuierlichen Lieferungen von außen, auf die sie angewiesen sind, ausbleiben, vollständig zusammen. Die Löhne und Einkommen in diesen Sektoren sinken; das dort investierte Kapital verliert an Wert. Das Fußvolk des Wirtschaftssystems, Lohnabhängige und die kleinen Selbständigen, haben oft keine andere Wahl als Söldner und/oder Marodeure zu werden, damit sie überleben. Unternehmer sind gut beraten, wenn sie ihr flüssiges Kapital in den Aufbau einer Truppe und den Kauf von Waffen investieren. So darf es uns nicht überraschen, daß die Kriegsherren Somalias zuvor - in der friedlichen Periode - überwiegend als Großhändler oder als politische Unternehmer (darunter verstehe ich Akteure auf dem Korruptionsmarkt, die sich auch der Entwicklungshilfe bedienen) tätig waren. Der Gewaltmarkt stabilisiert sich selbst, indem er Arbeitskräfte und Kapital von den alternativen Erwerbszweigen abzieht, da (relativ gesehen) Löhne und Profitchancen in den gewalttätigen Wirtschaftsbereichen höher sind.

Zur Selbststabilisierung gehören auch Anstrengungen auf dem symbolisch-ideologischen Feld. Durch den Einsatz eines Begleitschutzes wollen die militärischen Unternehmer den Eindruck von Wehrhaftigkeit und militärischer Stärke erwecken. Brutalität zu demonstrieren, gilt dabei als eine erfolgreiche Propagandamethode. Schon für das letzte Jahrhundert zeigt eine Wirtschaftsgeschichte des südlichen Zentralafrika, daß die zeremonielle Demonstration von Macht und Gewalt der damaligen Herrscher wichtig war, um Handelskarawanen in ihr Gebiet zu locken. Ob der Pfad einer Karawanenstraße 20 km nördlich oder südlich verlief, war für die lokalen Machthaber entscheidend für das Florieren oder den Niedergang ihres Gewerbes. Heute entsprechen diesem Zeremonial die Waffenparaden vor den Kameras der internationalen Fernsehteams. Die Konkurrenz der militärischen Unternehmer um immer ausdrucksvollere Darstellungen von Macht und Gewaltsamkeit - ob durch Symbole eines "sakralen Königtums" des 19. Jahrhunderts oder durch Schaukämpfe fürs Fernsehen im 20. Jahrhundert - ist nichts anderes als der Wettbewerb um Marktanteile in einer auf Begleitschutz aufbauenden Warenökonomie. Die ideologische Selbstdarstellung des Unternehmers, welche Gewalt in den Vordergrund rückt, soll die eigene Position im Gewaltmarkt stabilisieren.

Gewaltmärkte sind hochprofitable und für mehrere Jahrzehnte stabile Sozialsysteme, welche nur durch Monopolisierung von Gewalt, Erschöpfung der inneren Ressourcen und die Beendigung des Zustroms der äußeren Ressourcen in sich zusammenfallen. Aus der Sicht der leitenden Akteure kann Gewalt so zweckrational zur Profitmaximierung eingesetzt werden, daß sie neben anderen ökonomischen Mitteln bestehen kann. Solange die Machtausübung der Kriegsherren nicht von einer Zustimmung der auf der Verliererseite stehenden Mehrheit abhängt, kann dieses in sich hoch rationale Wirtschaftsverhalten Bestand haben.

Gewaltmärkte entstehen und bestehen nicht in einem Vakuum. Sie erwachsen aus sich selbst organisierenden Systemen, die als solche auf einen Austausch mit ihrer Umwelt angewiesen sind, und sie verändern z.T. ihre Form während dieses Austauschs. Wir können neuralgische Stellen von Gewaltmärkten identifizieren. Blockaden können sie von außen zerstören; allerdings lassen sich Beispiele für erfolgreiche Blockaden derzeit nur schwer aufzählen. Vielleicht ist Mosambik nach der Wende in Südafrika ein solcher Fall. Somalia kann man derzeit wohl gewiß nicht dafür nennen.

Wären die Geber von Entwicklungshilfe bereit, ihre ungewollte Unterstützung der Kämpfer einzustellen und außerdem die Wirtschaftsbeziehungen der Kriegsherren zu blockieren, dann könnte das Geschäft mit der Gewalt unrentabel werden, dann schlüge die Stunde der zum Schweigen gebrachten Mehrheit.


1) Georg Elwert: Gewaltmärkte, in: Trutz von Trotha (Hg.): Soziologie der Gewalt. Opladen, Westdeutscher Verlag 1997

2) Dieter Neubert: Mehr als eine Bruchlinie. Die Hintergründe des gegenwärtigen Bürgerkrieges in Ruanda, in: Südwind. Entwicklungspolitisches Magazin, 1994, 6-7: S. 10-11

3) Tone Bringa: Bosnia. Granada TV, Film 1993


Prof.Dr. Georg Elwert lehrt am Institut für Ethnologie der Freien Universität Berlin.



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