E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 11, November 2000, S. 303)


Editorial

Die Mikrofinanz-Revolution

Reinhold E. Thiel


Kleinstkredite für die Armen sind ein entwicklungspolitisches Instrument, das in den letzten fünfzehn Jahren immer stärker an Bedeutung gewonnen hat. Die Anfänge des neuen Konzepts liegen noch weiter zurück. 1976 hatte die Wirtschaftsfakultät der Universität Chittagong in Bangladesch auf Initiative von Muhammad Yunus in einigen Dörfern ein Mikrokredit-Programm eingeführt, das in den darauffolgenden Jahren (mit Unterstützung mehrerer staatlicher Banken) immer weiter ausgebaut wurde und aus dem 1983 die Grameen Bank hervorging. In den 70er und 80er Jahren gab es zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Thema, vor allem von deutschen und US-amerikanischen Ökonomen. Etwa ab Mitte der 80er Jahre begannen in einer Reihe von Ländern Nichtregierungsorganisationen und staatliche wie überstaatliche Hilfsagenturen mit der Vergabe ähnlicher Kredite, gewöhnlich in der Organisationsform von Rotationsfonds. 1989 organisierte die Ohio State University, zusammen mit der Weltbank und USAID, in Washington die erste internationale Konferenz über "informal finance". 1995 gründete die Weltbank die "Beratungsgruppe für die Unterstützung der Ärmsten" (CGAP) mit dem Ziel, 200 Millionen Dollar für die Vergabe von Mikrokrediten zu mobilisieren. Zu einem Höhepunkt kam die Entwicklung mit dem Microcredit Summit von 1997, wieder in Washington, bei dem Hillary Clinton die Idee vortrug, Mikrokredite auch zur Armutsbekämpfung in den Slums US-amerikanischer Großstädte einzusetzen. Der Begriff der Mikrofinanz-Revolution kam auf. Die anschließenden jährlichen Konferenzen "on new development finance" fanden in Frankfurt am Main statt, zu den Organisatoren gehört der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Reinhard H. Schmidt.

Der Kern des Konzeptes ist, dass Arme durch Kleinstkredite in die Lage versetzt werden sollen, in kleinem Maßstab unternehmerische Aktivitäten zu entwickeln. Aber zum Bereich der Mikrofinanzen gehören nicht nur Kredite. Arme haben auch das Bedürfnis zu sparen.
Auch das ist eine relativ neue Erkenntnis der Entwicklungsökonomik. In den 50er und 60er Jahren glaubten die Theoretiker, dass die Bevölkerung armer Länder zu "arm zum Sparen" sei, und Autoren wie Nurkse und Myrdal leiteten daraus ihre Theorien über den "Teufelskreis der Armut" ab. Später kam eine andere Theorie auf, in der die Frage gestellt wurde, ob die Armen sparen wollen. Hans-Rimbert Hemmer (1988) formulierte das so: "Die Sparbereitschaft hängt davon ab, welche Wertbeziehungen die potenziellen Sparer zwischen Gegenwarts- und Zukunftskonsum sehen." Auch diese Frage ist inzwischen beantwortet, es gibt ein Bedürfnis, für später vorzusorgen, aber eine entscheidende Frage blieb weiter außer acht: Wo kann ein Bauer im afrikanischen Hinterland seine Ersparnisse eigentlich deponieren, wenn es auf hunderte Kilometer im Umkreis keine Bank gibt?

Wer im ländlichen Afrika gearbeitet hat, weiß, dass jeder Bauer Geld zurücklegen möchte, wenn er einmal im Jahr seine cash crop verkauft hat: die Baumwolle, den Kaffee, den Kakao. Für den Rest des Jahres kann man allenfalls, wenn man an der großen Straße wohnt, einige Nahrungsmittel an Durchreisende verkaufen - man muss also mit der Jahreseinnahme sorgsam umgehen. Aber Banken gibt es nur in wenigen größeren Städten, in manchen Ländern nur in der Hauptstadt, und selbst wer sein Geld hierher brächte, würde abgewiesen, weil die Beträge zu klein sind. Man versteckt das Geld also unter dem Dach oder vergräbt es; zahlreich sind die Anekdoten über die Ratten, die es fressen. In der Distriktshauptstadt gibt es vielleicht eine Postsparkasse, aber wenn man dort das Geld wieder abheben will, ist gerade keins in der Kasse. Wer das Glück hat, in der Nähe eines weißen Missionars zu wohnen, deponiert es bei ihm; das gilt als sicher. Wenn man es offen zu Hause behält, verlangt der "Teilzwang", dass man es bei der nächsten Krankheit oder sonstigen Notlage den Verwandten ausliefert.

Durch diese beiden Bedürfnisse, Sparen und Kredit, definiert sich die Nachfrage armer Bevölkerungsgruppen nach Finanzdienstleistungen. An der Grenze zwischen beiden teilen sich aber auch die Konzepte. Die eine Denkschule, in diesem Heft vertreten durch Reinhard H. Schmidt und Manfred Nitsch, vertritt die Auffassung, die Vergabe von Krediten müsse durch selbsttragende, überlebensfähige Institutionen erfolgen, müsse also kommerziell rentabel sein; das gelte für Kleinkredite wie für andere. Damit ist die Vergabe von Krediten unterhalb einer bestimmten Höhe ausgeschlossen, weil das Verhältnis zu den Kosten zu ungünstig würde. Es geht dieser Schule, so sieht man, eher um den Kredit für die Kfz-Werkstatt als für die Straßenrand-Köchin, die Muhammad Yunus im Sinn hatte. "Für die Ärmsten der Armen sind Transfers angesagt, nicht Kredite oder sonstige Bankleistungen", sagt Nitsch (s. S. 315).
Die Vertreter der anderen Denkschule hingegen meinen, dass auch die Ärmeren nicht nur angewiesen sein sollen auf Almosen von außen (die Nitsch vornehm "Transfers" nennt), dass auch sie das Bedürfnis und die Fähigkeit haben, zur Absicherung ihrer Zukunft zu sparen, und dass für sie daher andere Modelle geschaffen werden müssen. Diese Modelle können nicht rein kommerziell arbeiten, sie sind auf Solidarität und genossenschaftsähnliche Strukturen angewiesen, also auf Instrumente einer eher traditionellen im Übergang zur modernen Ökonomie. Das beschreiben Zeller und Lapenu, und Beispiele dafür bieten die Artikel von Adler und Sika/Strasser. (Dass es daneben auch noch Bevölkerungsgruppen gibt, die wirklich auf internationale Sozialhilfe angewiesen sind, bedarf keiner Erörterung.)

Bedauerlicherweise hat sich diese Unterscheidung, die zunächst nur die zwischen verschiedenen Wohlstandsniveaus ist, inzwischen zu einer ideologischen Barriere verfestigt, bei der auf der einen Seite die These steht, es dürfe in Bezug auf Finanzen keine anderen als rein kommerzielle Beziehungen geben, während auf der anderen moniert wird, es könne nicht jeder Mensch ein Unternehmer werden, und auch die große Masse der Nicht-Unternehmer müsse Zugang zu Instrumenten der Zukunftssicherung haben. Dass die erste These besser zum Zeitgeist passt, ist offensichtlich. Das muss die Entwicklungspolitik nicht daran hindern, beide Modelle gleichermaßen zu fördern.



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