Kommentar

Der Islam - friedlich oder kriegerisch?
Gernot Rotter
Nach den Terroranschlägen vom 11. September in den Vereinigten Staaten hört man eine Mahnung immer wieder: Nicht der Islam sei für den Terror verantwortlich zu machen, denn tatsächlich sei der Islam eine friedliche Religion. Friedlicher als andere Religionen? Christentum, Judentum und Islam sind historisch und religionsphänomenologisch Geschwisterreligionen. Elohim, Deus, Allah sind Namen für ein und denselben transzendentalen Bezugspunkt der drei Religionen, die Abraham als ihren mythischen Urvater ansehen. Während jedoch Jesus als Aufrührer am Kreuz endete, waren Moses und Mohammed prophetische Staatsgründer und Staatsmänner und führten als solche Kriege. Eine Maxime wie "Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" enthält weder das Alte Testament noch der Koran. Diese enthalten dafür Aufforderungen, gegen die Ungläubigen zu kämpfen. Ganz frei von solchen Aufrufen ist jedoch auch das Neue Testament nicht. So liest man beim Evangelisten Matthäus (10, 34): "Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert."
Das Alte Testament ist voll von Aufforderungen Gottes an die Juden zum Kampf gegen die Ungläubigen, wie z. B. die Philister (die Namensgeber Palästinas!), und bei extremistischen Siedlern Israels erinnert man sich heute gerne dieser Aufrufe, ganz abgesehen davon, dass man das Alte Testament als Bodenkataster für die eigenen Gebietsansprüche missbraucht. Das Christentum verlor seine Unschuld, als es im 4. Jahrhundert in Byzanz und später in Rom Staatskirche wurde. In seinem Namen wurden fortan Kriege gefochten, Kreuzfahrer entsandt, Muslime und Juden durch die Inquisition verfolgt, "Hexen" verbrannt, "Heiden" gewaltsam bekehrt oder erschlagen usw. Der Dreißigjährige Krieg zwischen Katholiken und Protestanten von 1618 bis 1648 raffte in manchen Regionen Europas über die Hälfte der Bevölkerung hin.
Es war die Erfahrung dieses Krieges, die bei uns zur Aufklärung beitrug und die Erkenntnis reifen ließ, dass Staat und Religion strikt zu trennen seien. Obwohl sich diese Erkenntnis bis heute weitgehend durchgesetzt hat, genügt ein Blick nach Nordirland, wo sich Protestanten und Katholiken bekriegen, oder auch in die USA, wo Christen mit dem Hinweis auf die Bibel Abtreibungsärzte erschießen, um zu erkennen, dass auch das Christentum bis heute zur Begründung von Gewalt missbraucht wird.
Und der Islam? Mohammed sah sich der Feindschaft der heidnischen Mekkaner gegenüber, gegen die er nach seiner erzwungenen Auswanderung nach Medina zum Dschihad aufrief. Die Mekkaner wurden vor die Wahl gestellt, sich zu bekehren oder getötet zu werden. In dieser Zeit, als Mohammed bereits Staatsmann war, entstanden Koranverse wie dieser: "Er (Gott) ist es, der seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der wahren Religion geschickt hat, um ihr zum Sieg zu verhelfen über alles, was es (sonst) an Religion gibt - auch wenn es den Ungläubigen zuwider ist." (Sure 9, 33). Die Kalifen sind dieser Devise treu geblieben und haben die islamische Herrschaft mit dem Schwert vom Atlantik bis zum Indus ausgedehnt. Leben und Besitz von Christen und Juden wurden dabei weitgehend geschont, und sie durften ihren Glauben weiter ausüben, solange sie bereit waren, die politische Herrschaft des islamischen Staates anzuerkennen.
Mit der Zeit machte die Definition des Dschihad einen bemerkenswerten Wandel durch, indem man zwischen dem Großen Dschihad und dem Kleinen Dschihad unterschied. Mit ersterem war das Bemühen um die eigene Läuterung, mit letzterem der Kampf mit der Waffe gegen einen angreifenden Ungläubigen gemeint. Die meisten heutigen Ulama definieren den bewaffneten Dschihad als nur im Verteidigungsfalle legitimiert. Nicht geklärt ist freilich, wann ein solcher Verteidigungsfall gegeben ist.
Wir müssen uns bewusst werden, dass alle drei abrahamitischen Religionen den Virus der Gewalt in sich tragen, der jederzeit ausbrechen kann. Die Trennung von Religion und Staat ist gewiss ein vorbeugendes Mittel dagegen. Langfristig jedoch muss es darum gehen, die friedfertigen Aspekte der einzelnen Weltreligionen als für sie maßgeblich in den Vordergrund zu rücken, so dass es Gewalttätern schwerer fällt, sich zur Legitimation ihres Tuns auf Gott zu berufen. Das ist eine eminent politische Aufgabe. Der Westen tut gut daran, zu betonen, er führe keinen Krieg gegen den Islam. Das genügt aber nicht: Er muss seine Nah- und Mittelostpolitik, die in der islamischen Welt oft genug als von Heuchelei und eigener Profitsucht geprägte Bevormundung wahrgenommen wird, gründlich überdenken.
Prof. Dr. Gernot Rotter ist Leiter der Abteilung für Geschichte und Kultur des Vorderen Orients des Fachbereichs Orientalistik an der Universität Hamburg.

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