E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 11, November 2001, S. 324 - 327)


Armut, Beschäftigung und ökonomisches Wachstum
Wirtschaftliche Modernisierung breitenwirksam gestalten

Tilman Altenburg


Wirtschaftswachstum trägt nur dann zur Armutsminderung bei, wenn ein zunehmender Teil der Bevölkerung aktiv daran beteiligt ist und dadurch Kaufkraft entsteht. Dazu sind zunächst wachstumsfreundliche Reformen der Rahmenbedingungen nötig. Diese genügen aber nicht: Eine zu schnelle Marktöffnung kann ruinöse Folgen für die ganze Volkswirtschaft haben. Zusätzlich ist eine aktive und strategische Wirtschaftsförderung erforderlich, die dafür sorgt, dass neue "Potenzialbranchen" eine Chance erhalten. Gebraucht wird, so sagt Tilman Altenburg, ein Staat, der in der Lage ist, die Grobrichtung des wirtschaftlich-technologischen Strukturwandels zu erkennen und eine nationale Anpassungsstrategie zu entwickeln.



1. Die Armuts- und Beschäftigungs-
probleme sind nicht gelöst

Die wirtschaftliche Dynamik der letzten Jahrzehnte hat - von einigen ost- und südostasiatischen Ländern abgesehen - nicht ausgereicht, um die Armuts- und Beschäftigungsprobleme der Entwicklungsländer zu lösen. In den 80er und 90er Jahren sind deren Volkswirtschaften jährlich um durchschnittlich 2,9 % gewachsen. Dieses Wachstum war aber zu gering, um hinreichend Beschäftigung und damit Einkommensmöglichkeiten für die Bevölkerung zu schaffen und die Armut deutlich abzubauen.

Zwar ist der Bevölkerungsanteil der Armen, mit einem Tageseinkommen von unter einem US$, im statistischen Mittel der Entwicklungsländer von 28,3 % (1987) auf 24,0 % (1998) zurückgegangen. Diese positive Entwicklung geht jedoch zum größten Teil auf die wirtschaftlichen Erfolge eines einzigen Landes - Chinas - zurück. In den meisten anderen Entwicklungsregionen stagniert der Anteil der Armen, in einigen steigt er sogar. Wenn, wie zu erwarten ist, Chinas Wachstumskurve abflacht, wird sich auch der Rückgang der Armut verlangsamen.

Noch unbefriedigender hat sich die Beschäftigungslage entwickelt. In den meisten Ländern Afrikas und Lateinamerikas sowie den Nachfolgestaaten der Sowjetunion steigt der ohnehin sehr hohe Anteil prekärer, informeller Beschäftigungsverhältnisse, während die (in Ländern ohne Arbeitslosenversicherung wenig aussagekräftige) Quote offener Arbeitslosigkeit bestenfalls stagniert. Vor allem viele Jugendliche, Alte, Ungelernte, Angehörige ethnischer Minderheiten und große Teile der ländlichen Erwerbsbevölkerung bleiben dauerhaft von der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung ausgeschlossen, wobei in jeder dieser Gruppen die Frauen überproportional betroffen sind. Nur in Südost- und Ostasien haben sich die Arbeitsmarktindikatoren trotz der Krise von 1997 insgesamt deutlich verbessert.


2. Breitenwirksame Entwicklung

Gefragt sind daher Konzepte für eine breitenwirksame Entwicklung1. Breitenwirksamkeit bedeutet, dass ein zunehmender Teil der Erwerbsbevölkerung zu angemessenen Bedingungen (z. B. Sozialversicherung, Einhaltung arbeitsrechtlicher Mindeststandards) am arbeitsteiligen Wirtschaften im formellen Sektor teilhat. Dies beinhaltet mehr als Umverteilung und trickle-down von Einkommenseffekten in den informellen Sektor. Ein Entwicklungsmuster ist breitenwirksam, wenn es auf ein arbeitsteilig integriertes nationales Produktionssystem hinaus-läuft, wenn es also gelingt, marginalisierte Wirtschaftsbereiche funktional mit den dynamischen Bereichen zu verflechten und die in Entwicklungsländern typischerweise besonders großen Produktivitätsunterschiede zu verringern. Breitenwirksamkeit hat außerdem eine soziale und politische Dimension. Wer keinen Zugang zu Beschäftigung und Einkommen in den modernen, produktiven und rechtlich formalisierten Wirtschaftsbereichen hat, bleibt häufig auch hinsichtlich der sozialen Sicherung, der Bildungsangebote, der öffentlichen Infrastruktur, der sozialen Anerkennung und der politischen Partizipation ausgegrenzt.

Breitenwirksame Entwicklung setzt voraus, dass gesellschaftliche Lernprozesse stattfinden, die einen Großteil der Erwerbsbevölkerung zum Strukturwandel befähigen und das Wissensgefälle verringern, das marginalisierte Bevölkerungsgruppen von den dynamischen Marktakteuren trennt. Zwar können auch einfache Tätigkeiten, etwa in arbeitsintensiven Anbaukulturen oder in der Lohnveredelungsindustrie, geeignet sein, regelmäßige und sozialversicherungspflichtige Einkommensquellen für bislang marginalisierte Bevölkerungsgruppen bereitzustellen; ein Wachstumsmuster, das ausschließlich auf solchen Tätigkeiten basiert, kann jedoch schnell wieder zum Verlust von Arbeitsplätzen führen, wenn arbeitsparende Produktionsmethoden entwickelt werden. Je komplexer Gesellschaften werden, desto mehr wird Wissen zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil, der traditionelle Faktorkostenvorteile (z. B. Lohnkosten) entwertet. Hohe Produktivität und hohe Realeinkommen lassen sich nur erzielen, wenn es gelingt, in spezialisierten Bereichen einen Wissensvorsprung zu schaffen und durch kontinuierliche Innovation zu halten.

Eine auf Breitenwirksamkeit zielende Wirtschaftspolitik muss - neben einer wachstumsfreundlichen Gestaltung makroökonomischer Rahmenbedingungen - zwei Elemente verknüpfen:

  • Eine Flankierung des Strukturwandels durch Wirtschaftsförderung. Armutsminderung ist in einer zunehmend liberalisierten Weltwirtschaft nicht ohne einen Mindestbestand effizienter Unternehmen zu erreichen, die aufgrund ihrer Wettbewerbsposition stabile und angemessen entlohnte Arbeitsplätze sowie die Steuerbasis für sozialpolitische Reformen schaffen. Wachstumsfreundliche makroökonomische Rahmenbedingungen allein gewährleisten keine wettbewerbsfähige Unternehmensstruktur. Dies zeigen die neoliberalen Strukturanpassungsprogramme, die den Privatsektor in vielen Fällen überfordert haben. Protektions- bzw. subventionsabhängige Unternehmen und Branchen gerieten in die Krise, aber nur selten gelang es, komparative Kostenvorteile in dem Maße zu erschließen, dass die Arbeitsplatzverluste der "Verliererbranchen" überkompensiert werden konnten.
  • Sektor- und zielgruppenspezifische Maßnahmen mit dem Ziel, gesellschaftliche Gruppen möglichst umfassend in moderne, arbeitsteilige Organisationsformen in zukunftsfähigen Wirtschaftssektoren zu integrieren. Auch wenn, wie unten gezeigt wird, statistisch nachweisbar ist, dass Wirtschaftswachstum die Einkommen der Armen erhöht, gewährleistet es doch nicht deren produktive Integration und den Abbau der krassen Produktivitäts- und Einkommensgefälle. Überdies ist klar, dass Armut in Gesellschaften mit einer schwachen Produktionsbasis nur zu einem kleinen Teil durch Umverteilung von Einkommen abgebaut werden kann. Daher muss der Schwerpunkt darauf liegen, benachteiligte soziale Gruppen in produktive (und damit in der Tendenz wettbewerbsfähige und angemessen entlohnte) Wirtschaftsaktivitäten einzubeziehen bzw. den Strukturwandel so zu flankieren, dass wettbewerbsfähige Branchen expandieren und die Erwerbsbevölkerung aus chancenlosen Wirtschaftsbereichen absorbieren können.

Breitenwirksame Wirtschaftspolitik setzt sich damit von solchen Konzepten ab, die es ordnungspolitisch ablehnen (oder in der Praxis vernachlässigen), den Strukturwandel und die wirtschaftliche Integration bestimmter Zielgruppen durch eine aktive und differenzierte Förderpolitik zu flankieren. Auf der anderen Seite ist sie durchaus wachstums- und wettbewerbsorientiert. Damit steht sie im Widerspruch zu Ansätzen - auch der deutschen Entwicklungszusammenarbeit -, die sich vorrangig über kurzfristige zielgruppenspezifische Armutsminderung legitimieren und darüber versäumen, nach einer realistischen gesamtwirtschaftlichen Strategie für den Wettbewerb in einer offenen Weltwirtschaft zu suchen.


3. Wirtschaftliches Wachstum
kann auch den Armen nützen

Wirtschaftswachstum ist Voraussetzung für neue Arbeitsplätze und höhere Einkommen. Die südostasiatischen Schwellenländer und China haben z. T. jahrzehntelang - wenn auch mit einem Einbruch infolge der Finanzkrise von 1997 - eindrucksvoll vorgeführt, dass hohes Wachstum zu einem deutlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit, zu beträchtlichen Reallohnzuwächsen und damit zu einem markanten Rückgang der Armut führen kann. Auch in anderen Regionen haben sich die Beschäftigungs- und Einkommensindikatoren vor allem in den Ländern mit hohem Wachstum (z. B. Chile, Mauritius, Irland) verbessert.

Wachstum nützt in der Regel auch den ärmsten Bevölkerungsgruppen. Die Weltbank2 zeigt für 80 Länder, dass sich die Einkommen der ärmsten 20 % der Bevölkerung in den vergangenen vier Dekaden durchschnittlich im Verhältnis 1:1 zum BIP-Wachstum erhöht haben. Dies ist trotz fortschreitender Globalisierung auch in den 90er Jahren der Fall. Allerdings sind die Trickle-down-Effekte des Wirtschaftswachstums regional unterschiedlich. So ist es in Lateinamerika in den 90er Jahren nicht gelungen, das moderate Wirtschaftswachstum (1991-99 jährlich 3,2 %) zur Verbesserung der Arbeitsmarktlage und zur Verringerung der Armut zu nutzen. Hier hat sich die seit je besonders starke Einkommenskonzentration noch zugespitzt, den Armen nützt das Wirtschaftswachstum nur unterproportional.

Da Vollbeschäftigung, höhere Einkommen und Armutsminderung ohne wirtschaftliches Wachstum nicht zu erreichen sind, muss eine armuts- und beschäftigungsorientierte Wirtschaftspolitik zunächst die Rahmenbedingungen für das Wachstum verbessern. Wachstumsfreundliche Wirtschaftspolitiken umfassen eine konsequente Stabilitätsorientierung in der Geld- und Fiskalpolitik, die schrittweise Liberalisierung des Außenhandels, der Kapital- und Gütermärkte sowie die Privatisierung bzw. Modernisierung öffentlicher Unternehmen.


4. Wettbewerbsfähigkeit und
Strukturwandel

Wachstumsfreundliche makroökonomische Reformen schaffen wesentliche Voraussetzungen für die Entstehung eines wettbewerbsfähigen privaten Sektors, sie sind dafür jedoch nicht hinreichend. Diese Lehre ist nach zwei Jahrzehnten umfangreicher Strukturanpassungsprogramme klar. Je komplexer die Weltwirtschaft wird, je tiefer die Arbeitsteilung und je größer die Bedeutung des Produktionsfaktors "Wissen", desto höher werden die Anforderungen an die Akteure des Wirtschaftsprozesses: an Unternehmer, abhängig Beschäftigte und wirtschaftspolitische Institutionen. Spezialisierungsvorteile von Unternehmen, Branchen oder Standorten sind immer weniger durch Faktorproportionen erklärbar, immer mehr durch spezifische technologisch-organisatorische Lernpfade geprägt.

Damit gewinnt eine aktive und strategische Wirtschaftsförderung an Gewicht, die den Strukturwandel begleitet und bei der Ausgestaltung von Spezialisierungsmustern hilft. Ohne eine solche können Liberalisierungsprozesse leicht dazu führen, dass Unternehmen oder ganze Branchen ruiniert werden, die bei langsamer Marktöffnung und geeigneten Anpassungshilfen eine Chance gehabt hätten.

In den meisten Entwicklungsländern werden die Branchenstruktur der privaten Wirtschaft sowie die Form und die Tiefe der zwischenbetrieblichen Arbeitsteilung den Anforderungen einer offenen, wettbewerbsorientierten Weltwirtschaft kaum gerecht. Ziel der Wirtschaftsförderung muss es daher sein, den Strukturwandel nicht zu behindern, sondern so zu gestalten, dass neue Potenzialbranchen expandieren können und die sozialen Kosten des unvermeidbaren Niedergangs in Branchen ohne Wettbewerbspotenzial abgefedert werden. Möglichst vielen Unternehmen und Erwerbstätigen muss die Anpassung an die neu entstehenden Spezialisierungsmuster ermöglicht werden, und all dies zu möglichst geringen Kosten für die öffentliche Hand. Dies erfordert einen Nationalstaat, der in der Lage ist, im Dialog mit dem Privatsektor

  • die Grobrichtung des wirtschaftlich-technologischen Strukturwandels zu erkennen,
  • eine nationale Anpassungsstrategie zu entwickeln, die mit den jeweils spezifischen gesellschaftlichen Entwicklungszielen kompatibel ist und möglichst viele Unternehmen bzw. Erwerbstätige in wettbewerbsfähige Branchen integriert,
  • und diese Strategie mittels entsprechender Regulierungs- und Fördermaßnahmen zu implementieren.

Neoliberale Strukturanpassungsprogramme, die auf eine effiziente Faktorallokation durch selbstregulierte Märkte setzen und für die die Verkleinerung des Staates Selbstzweck ist, unterschätzen diese Herausforderungen.

Mit Strukturwandel gehen, vor allem am Ende gescheiterter Protektionismusversuche, zum Teil erhebliche Arbeitsplatzverluste einher, weil Unternehmen Konkurs anmelden bzw. (nachholend) rationalisieren müssen. Das Streben nach internationaler Wettbewerbsfähigkeit wird daher - auch in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit - mitunter als unvereinbar mit den Zielen der Armutsminderung und Schaffung von Arbeitsplätzen angesehen. Dem ist entgegenzuhalten, dass die sozialen Kosten der Alternative, nämlich eines dauerhaften Protektionismus, noch höher wären. Der Schutz ineffizienter Unternehmen führt zu

  • einer ungünstigen Ressourcenallokation und damit zu Wohlfahrtsverlusten;
  • geringerem Innovationsdruck, so dass der Rückstand gegenüber der internationalen Konkurrenz größer wird (es sei denn, der Aufholprozess wird durch industriepolitische Vorgaben beschleunigt, was jedoch nur selten funktioniert hat), und
  • zu Verteilungsungerechtigkeit, denn überhöhte Preise bedeuten einen ständigen Kapitaltransfer von den Verbrauchern und Steuerzahlern zu den (meist wohlhabenderen) Produzenten.


5. Warum gelingt es selten,
die Armen produktiv zu integrieren?

Nur wenigen Ländern, selbst solchen, die ein moderates wirtschaftliches Wachstum aufweisen, gelingt es, die Armen produktiv zu integrieren. Zwei Faktoren sollen näher beleuchtet werden:

Erstens nimmt die Erwerbsbevölkerung weiterhin erheblich zu. Zwar wird deren jährliche Zuwachsrate in den Entwicklungsländern kleiner - von durchschnittlich 2,0 % in den 80er auf 1,6 % in den 90er Jahren -, aber in vielen Ländern Afrikas, Süd- und Südostasiens, im Nahen Osten und in den ärmeren Ländern Lateinamerikas beträgt der Zuwachs noch immer über 2,5 oder gar 3,0 %.

Gleichzeitig steigt die Arbeitsproduktivität zumindest in den moderneren, stärker arbeitsteilig organisierten Bereichen der Volkswirtschaft. Die Arbeitslosen- bzw. Unterbeschäftigungsquote kann nur sinken, wenn das BIP-Wachstum höher ist als der kumulierte Effekt von Erwerbsbevölkerungs- und Produktivitätszuwachs, d. h. mindestens 4-5 % pro Jahr. Nur wenige Entwicklungsländer erreichen dauerhaft solche Wachstumsraten.

Zweitens führt Wachstum nicht automatisch dazu, dass die Segmentierung der Arbeitsmärkte überwunden wird. Zwar können die Armen ihre Einkommen in Zeiten volkswirtschaftlichen Wachstums erhöhen, entweder indem sie den Übergang aus informeller Selbstbeschäftigung in geregelte Arbeitsbeziehungen schaffen oder indem sie als selbständige Kleinstunternehmer höhere Umsätze erzielen. Beides führt jedoch häufig nicht zu der erwünschten produktiven Integration, denn:

  • Bei den abhängig Beschäftigten sind die Integrationschancen begrenzt, weil arme Bevölkerungsgruppen in der Regel schlecht ausgebildet sind und sich die Arbeitskräftenachfrage im Zuge der wirtschaftlichen Modernisierung zunehmend auf Fachkräfte verlagert.
  • Bei selbständigen Kleinstunternehmern führen verbesserte Absatzchancen nur selten zu den technologisch-organisatorischen Lernprozessen, die notwendig wären, um die für Entwicklungsländer typischen großen Produktivitätsunterschiede zwischen modernen und traditionellen Unternehmen bzw. Branchen abzubauen. In Lateinamerika stagniert die Arbeitsproduktivität der Kleinst- und Kleinunternehmen seit drei Jahrzehnten, während sie bei mittleren und großen Unternehmen kontinuierlich gestiegen ist3. Die Produktivitätslücke wird damit immer größer. In den Ländern, in denen das formelle Unternehmenssegment wächst, geschieht dies vorwiegend durch Diversifizierungsinvestitionen etablierter Unternehmen, durch Zufluss ausländischer Direktinvestitionen oder indem hochqualifizierte Personen neue Unternehmen gründen, nicht aber durch upgrading aus dem Kleingewerbe.


    6. Beschäftigungswirksame Gestaltung
    der Wirtschaftsmodernisierung

    Im folgenden werden fünf Maßnahmenbündel aufgeführt, die besonders geeignet sind, gleichzeitig die wirtschaftliche Effizienz und die Durchlässigkeit der Sozialstruktur zu erhöhen:

    1. Bildungsreformen. Aus wirtschaftlicher Sicht geht es darum, erstens das Know-how für neue, wissensbasierte Spezialisierungsmuster der Wirtschaft zu schaffen und zweitens die Produktivitätsdifferenzen in der Produktionsstruktur zu verringern. Um dies zu erreichen, muss in den meisten Ländern zunächst der Zugang zur Grundbildung verbessert und das Schulsystem stärker auf die Berufswelt orientiert werden. Viele Entwicklungsländer vernachlässigen die Grundbildung gegenüber der tertiären Bildung. In der universitären Ausbildung entsprechen die Inhalte vielfach nicht den nationalen Notwendigkeiten, nicht zuletzt weil Hochschulen und Wirtschaft zu wenig kooperieren. Auch in der beruflichen Bildung bestehen in der Regel erhebliche Defizite, insbesondere in Bezug auf die Abstimmung zwischen Bildungseinrichtungen und Unternehmen, die Schaffung modularer Ausbildungsangebote für die Fortbildung, die Einführung von Berufsbildungszertifikaten und das Angebot für das informelle Kleingewerbe.

    2. Abbau von Marktzutrittsbarrieren für den informellen Sektor. Arme Bevölkerungsgruppen und kleine Unternehmungen kommen aufgrund ihrer Informalität häufig nicht in den Genuss von staatlich zugeteilten Lizenzen, Importgenehmigungen, Devisen, Exportanreizen und Steuererleichterungen. Überdies werden sie durch unnötig komplizierte, zeitraubende Vorschriften diskriminiert. Immobilien, die nicht über rechtsverbindliche Eigentumstitel verfügen, sind am Markt unterbewertet und können nicht als Kreditsicherheit eingesetzt werden. Sie sind damit "totes Kapital", das nicht für effiziente und gesetzlich gesicherte Markttransaktionen und damit zur Wohlstandsmehrung zur Verfügung steht4. Die Formalisierung informeller Unternehmen und Immobilien leistet daher einen wichtigen Beitrag, um arme Bevölkerungsgruppen in marktwirtschaftliche Prozesse einzubinden und soziale Disparitäten abzubauen.

    3. Arbeitsmarktpolitische Reformen. Hier geht es darum, einen von den Tarifparteien akzeptierten Kompromiss zwischen der Absicherung bestehender Beschäftigungsverhältnisse und der Flexibilisierung zu erzielen. In einigen Entwicklungsländern herrschen frühkapitalistische Beschäftigungsbedingungen, Schutz bzw. Stärkung der schwächeren Marktteilnehmer sind in keiner Weise geregelt. Dies ist sozial inakzeptabel und entspricht überdies nicht den Erfordernisssen moderner Wissensgesellschaften. In anderen ist das Arbeitsrecht überzogen: Löhne liegen weit über dem Marktpreis der Arbeit, und Entlassungen sind kostspielig, was zu segmentierten Arbeitsmärkten mit "Arbeiteraristokratien" und hoher Informalität führt, weil die Arbeitgeber auf illegale Beschäftigungsverhältnisse ausweichen. Ein allgemein gültiges Modell "optimaler Flexibilität" gibt es nicht; Arbeitsmärkte sind gesellschaftliche Institutionen, deren Normen in einem sozialpartnerschaftlichen Dialog für jede Gesellschaft neu auszuhandeln sind.

    4. Strategische KMU-Förderung5. Klein- und Mittel-Unternehmen (KMU) sind nicht als "sozialer Sektor" anzusehen, sondern als zentraler Bestandteil einer arbeitsteilig spezialisierten, auf Wettbewerbsfähigkeit orientierten Unternehmensstruktur. Ihre Förderung sollte daher in erster Linie von strukturpolitischen Zielen geleitet und auf Potenzialunternehmen gerichtet sein. Dies erfordert spezifische Konzepte für die Entwicklung moderner und innovativer Unternehmen, die die bestehende Produktionsstruktur ergänzen und positive externe Effekte für die Gesamtwirtschaft hervorbringen. In erster Linie sind hier produktionsorientierte Dienstleistungsunternehmen, neue IT- und Medienfirmen, Exporteure in nicht-traditionellen Branchen und Zulieferer zu nennen.

    5. Ländliche Modernisierung. Armut ist ein vorrangig ländliches Phänomen. 75 % der Menschen, die als extrem arm gelten, leben auf dem Lande. Große Teile der landwirtschaftlichen Erwerbsbevölkerung haben keinen hinreichenden Zugang zu Boden und Kapital, der Bildungsstand ist unterdurchschnittlich, und Lernchancen sind gering, weil Bildungseinrichtungen fehlen und den Menschen im Gegensatz zum urbanen Milieu nur wenige wirtschaftliche Optionen vorgelebt werden; überdies ist die Infrastrukturausstattung mangelhaft. Da die Produktivität und die Einkommen der Agrarbevölkerung niedrig sind, fehlt die Nachfrage für neue Erwerbsmöglichkeiten in vor- und nachgelagerten Bereichen.

      Wenn dieser Teufelskreis durchbrochen werden soll, muss eine Dynamik erzeugt werden, in der sich die Modernisierung der Landwirtschaft und die Entwicklung moderner Industrie- und Dienstleistungsunternehmen wechselseitig Impulse liefern. Die Agrarpolitik im weitesten Sinne sollte ihren Schwerpunkt von der Kapitalabschöpfung zugunsten der Finanzierung anderer volkswirtschaftlicher Sektoren auf die Steigerung ländlicher Einkommen, die Verknüpfung mit modernen Industrie- und Dienstleistungssektoren sowie die Intensivierung technologisch-organisatorischer Lernprozesse verlagern. Dies erfordert Landreformen, Maßnahmen zur Produktivitätssteigerung und zur Diversifizierung vor allem in wissens- und wertschöpfungsintensivere Anbaukulturen (z. B. Export-Nischenmärkte), die Stärkung komplementärer Dienstleistungsbereiche (z. B. Logistik, private Beratungsdienste, angepasste Kredittechnologien) und den Aufbau ländlicher Industrien (Verarbeitungsbetriebe und Konsumgüter für den lokalen Bedarf).


    7. Aufgaben der
    Entwicklungszusammenarbeit

    Armutsminderung wurde als "überwölbendes" Ziel der deutschen Entwicklungszusammenarbeit (EZ) festgeschrieben, die Bundesregierung will daran mitwirken, die Zahl der Armen in der Welt bis 2015 zu halbieren. Allerdings fehlt eine klare Perspektive, welche wirtschaftspolitischen Reformen notwendig sind, wie z. B. Prioritäten zwischen Bildungs-, Beschäftigungs- und Technologiepolitik zu setzen sind, um den Beitrag der deutschen EZ zur Erreichung dieses Ziels zu verbessern.

    In Ermangelung einer klaren Reformagenda werden in der Praxis Maßnahmen bevorzugt, deren armutsmindernde Wirkungen unmittelbar und damit leicht nachweisbar sind. So werden z. B. traditionelle Wirtschaftsaktivitäten armer Bevölkerungsgruppen gefördert (etwa im Kleinhandel oder bei der kleingewerblichen Fertigung traditioneller Massengüter), bei denen relativ schnell gewisse Verbesserungen erzielt werden können, auch wenn vorhersehbar ist, dass diese Aktivitäten die in einer globalisierten Welt unvermeidliche Modernisierung nicht überdauern werden. Andererseits werden Maßnahmen gescheut, die nur langfristig armutswirksam sind (z. B. Innovationsförderung) bzw. kurzfristig sogar soziale Härten verursachen (z. B. Stellenabbau bei Privatisierung).

    Aber eine Politik der "Armutsbekämpfung", die den Strukturwandel negiert oder zu bremsen sucht, nur weil die unmittelbare armutsmindernde Wirkung methodisch nicht nachweisbar ist, kann kontraproduktiv wirken. Die deutsche EZ sollte konsequent darauf ausgerichtet werden, dass die Partnerländer den durch Globalisierung und technologische Umbrüche erzwungenen Strukturwandel bewältigen und zukunftsfähige Strukturen entwickeln können: z. B. Unternehmen zu befähigen, ihren Platz in einem neuen, von Supermarktketten strukturierten Logistikverbund zu finden, Neugründungen in Informations-, Kommunikations- und anderen neuen Dienstleistungsbranchen zu fördern, innovative Produkte zu entwickeln und nicht-traditionelle Exportbranchen aufzubauen. Von einer solchen Wirtschaftsförderung profitieren die Ärmsten in Entwicklungsländern nicht direkt, über indirekte Wirkungszusammenhänge aber umso stärker.

    Einige der oben genannten, im Sinne einer breitenwirksamen Wirtschaftsentwicklung prioritären Aufgabenfelder haben in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit einen zu geringen Stellenwert. Das gilt z. B. für Bildungsreformen (nur die berufliche Bildung wird stark gefördert), für Maßnahmen zum Abbau von Marktzutrittsbarrieren und für eine innovations- und technologieorientierte KMU-Förderung. Im Bereich der ländlichen Entwicklung wird die Zusammenarbeit immer stärker zurückgefahren. Der aktuelle Prozess der Schwerpunktbildung sollte genutzt werden, um diese Fehlentwicklungen zu korrigieren.


    1) Hierzu ausführlicher: T. Altenburg, R. Qualmann, J. Weller (1999): Wirtschaftliche Modernisierung und Beschäftigung in Lateinamerika - Zielkonflikte und Lösungsansätze. Berlin, DIE

    2) D. Dollar, A. Kraay (2000): Growth Is Good for the Poor (www.worldbank.org/research)

    3) J. Weller (2000): Reformas económicas, crecimiento y empleo. Santiago de Chile, CEPAL

    4) Soto, H. de (1997): Dead Capital and the Poor in Egypt. Kairo

    5) Siehe hierzu R. Qualmann in diesem Heft.


    Dr. Tilman Altenburg ist Leiter der Lateinamerika-Abteilung am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) in Berlin und arbeitet über Wirtschafts- und Beschäftigungsförderung.
    tilman.altenburg@die-gde.de



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Copyright © 2001, DSE, letzte Änderung 24.10.2001