E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit (Nr. 11, November 1998,
S. 284-287)

Warum brauchen wir Entwicklungstheorien?
Franz Nuscheler

Den Abgesang auf die Entwicklungstheorie, wie er vor allem von Ulrich Menzel angestimmt wurde, hält Franz Nuscheler für verfehlt. Vielmehr werde Theorie heute dringender als je gebraucht - nicht nur, um die Zusammenbruchsprozesse zu erklären, die Menzel den Anlaß zu seiner These gaben, sondern vor allem, weil die Prozesse der Globalisierung einen neuen Anlauf globaler Theorien erfordern. Dabei geht es Nuscheler vor allem um die Bedingungen nachhaltiger Entwicklung, um die richtige Gewichtung der Marktkräfte im Verhältnis zu sozialen und ökologischen Fragen, und um ein neues Politikmodell, in welchem Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in vernetzten Strukturen zusammenarbeiten.
Dieser Beitrag soll eine Summe der in E+Z geführten entwicklungstheoretischen Debatte ziehen. Dies hat zuvor schon Ulrich Menzel in E+Z 1998:2 unternommen, allerdings mit Aussagen, die Widerspruch provozieren. Seinem Fazit, daß Entwicklungstheorie angesichts der Chaotisierung und Rückentwicklung vieler oder gar der meisten "Entwicklungsländer" objekt- und sinnlos geworden sei, ist entgegenzusetzen: Wir brauchen Entwicklungstheorien nötiger denn je, gerade um das zu erklären und zu differenzieren, was Menzel zu seinem Rundumschlag verleitet hat; wir brauchen sie auch, um Auswege aus seiner Millennium-Apokalypse zu finden.
Sinnvolle Theoriebildung liefert keine für alle Zeiten, alle Orte und alle Probleme gültigen Antworten. Sie stellt vielmehr einen ständigen Lern- und Suchprozeß dar, bei dem aus Erfahrungen und Irrtümern gelernt wird. Ein entwicklungstheoretisches Denkverbot würde endgültig das doppelte Versagen bestätigen, das ratlose Entwicklungspolitiker den in akademische Spiegelfechtereien verstrickten Theorieproduzenten anzulasten pflegen: nämlich weder die widersprüchlichen Prozesse von Entwicklung, Rückentwicklung und Auseinanderentwicklung in dem als Dritte Welt zusammengefaßten Sammelsurium von rund 150 Staaten angemessen erklärt zu haben, noch brauchbare Handlungsorientierungen für eine armutsüberwindende, umweltrettende, chaosvermeidende und friedensbewahrende Entwicklungspolitik zu liefern.

Die Lust an der Provokation
Ulrich Menzel hat nicht nur, was vor ihm auch schon andere getan haben, das "Scheitern der großen Theorien" und das "Ende der Dritten Welt", sondern nun auch das "Ende der Einen Welt" erklärt und damit suggeriert, es habe jemals solche Welten gegeben. Was meint der notorische Provokateur in der entwicklungspolitischen Debatte, der mit seinen Provokationen Steilvorlagen für ganze Akademietagungen gab, mit dieser neuerlichen Provokation? Nicht das, was die Begriffs- und Bilderproduktion der "Entwicklungsszene" vermuten ließe: daß die romantische Vision der Einen Welt schon am Ende ist, bevor sie (jenseits von Wunschdenken) Gestalt annehmen konnte. Er meint vielmehr, daß der Gegenstand allen entwicklungstheoretischen Nachdenkens und Debattierens auf dem besten Wege sei, "ganz auseinanderzulaufen", und den Entwicklungsstrategen das Objekt abhanden komme.
Menzel begründet die Bankrotterklärung mit dem Vorwurf, die ganze Zunft der Entwicklungstheoretiker beschäftige sich mit der virtuellen Welt von "vorgestellten Gemeinschaften, die nur in der Hauptstadt, auf dem Papier und in der Statistik (und einige nicht einmal mehr dort) existieren", und tue so, "als gäbe es sie wirklich, die Eine Welt wie ihre einzelnen Teile, nämlich die 180 Entwicklungsländer". Seine Folgerungen aus dieser Pauschalschelte lauten: Wenn sich der Gegenstand in virtuellen Fehlwahrnehmungen verflüchtige, könne auch keine erklärungsfähige Theorie gebildet werden. Theorie könnte erst dann wieder für den entwicklungstheoretischen Diskurs und für die entwicklungspolitische Handlungsorientierung fruchtbar gemacht werden, wenn in einer wachsenden Zahl von jetzt nur noch virtuell existierenden "Ländern" die staatliche Ordnung wiederhergestellt worden sei.
Menzel hatte ja recht, daß alle entwicklungstheoretischen Königswege nicht hielten, was sie versprachen; daß die "großen Theorien" mit ihrem universalistischem Erklärungs- und Geltungsanspruch dem Test der unterschiedlichen Realitäten in der heterogenen "Dritten Welt" nicht standhielten. Seine Argumente, mit denen er das "Ende der Dritten Welt" erklärte, rannten Türen ein, die ohnehin längst offen standen. Aber seine Argumente, mit denen er nun das "Ende der Einen Welt" und die Irrelevanz aller Entwicklungstheorien zu belegen versucht, sind aus verschiedenen Gründen fragwürdig.

Hausen überall die Dämonen und "neuen Barbaren"?
Man fragt sich verwundert, welches Weltbild Menzel zu seinen apokalyptischen Deutungen der Realitäten hinter der virtuellen Welt von Statistiken und Symbolen der Staatenwelt verleitet. Er hat sich offensichtlich von den Katastrophenszenarien beeindrucken lassen, die Robert Kaplan1, Jean-Christophe Rufin2 oder Daniel Moynihan3 in seinem "Pandaemonium" an die Wand malten. Warum sind diese Anleihen bei Kassandrapropheten und die mit ihnen untermalten Attacken gegen die Entwicklungstheorie fragwürdig?
Erstens verzerrt dieses Weltbild die Realität, weil es überall in der virtuellen Einen Welt nur Chaos und Staatszerfall vermutet. Dieses Chaosszenario trifft nicht einmal für den sprichwörtlichen Krisen- und Katastrophenkontinent Afrika zu, geschweige denn für Lateinamerika und die größten Teile von Asien. Der Vorwurf des Realitätsverlustes fällt auf seinen Urheber zurück. Natürlich gibt es in Afrika und in Zentralasien diesen Staatszerfall und Staaten, die als solche nur noch auf politischen Landkarten existieren, aber es gibt im "neuen Afrika" auch Ansätze zur Konsolidierung von Staatlichkeit. Sie sind ebenso erklärungsbedürftig wie Erscheinungen und Ursachen des Staatszerfalls.
Zweitens zeugt es schon von einiger Chuzpe, wie Menzel der Erklärungsnot, die ihm der Aufstieg von Ost- und Südostasien aus dem Pandämonium bereiten sollte, zu entgehen versucht: Die gesamte Region, in der immerhin nahezu ein Drittel der Menschheit lebt, sollte "nicht mehr Gegenstand entwicklungstheoretischer Überlegungen sein, soweit dahinter entwicklungspolitische Absichten stehen". Alle Gründe, die er für diese Ausklammerung der Region aus der entwicklungstheoretischen Reflexion anführt, sprechen im Gegenteil für ihren Gebrauch als Lehrstück in der vergleichenden Entwicklungsforschung, auch wenn das "ostasiatische Modell" aufgrund seiner Entstehungsgeschichte und seiner sozio-kulturellen Voraussetzungen nicht auf andere Kulturräume übertragbar ist.
Die Versuche, den Geheimnissen der fernöstlichen Erfolgsgeschichte auf die Spur zu kommen, beförderten das Nachdenken über die Funktion von Kultur, von Traditionen, Werten, Einstellungen und Verhaltensweisen im Entwicklungs- und Modernisierungsprozeß. Mehrere Beiträge in E+Z (1997:5-6 und 1998:2) kritisierten die Überbewertung ökonomischer und die Unterbewertung dieser kulturellen Erklärungsfaktoren. Die These vom Wirtschaftswunder im "konfuzianischen Kulturkreis" beschwor aber auch die Gefahr herauf, daß Konfuzius zum alles erklärenden deus ex machina avancierte und andere Erklärungsfaktoren (wie der "starke Staat" in Erziehungs- und Entwicklungsdiktaturen, die Verbindung von Akkumulations- und Sozialpolitik u.a.m.) unterbelichtet wurden.
Drittens wußten wir schon längst, daß die Statistiken der Weltbank und anderer internationaler Organisationen mit ihren mehr oder weniger geschätzten Durchschnittszahlen wenig über "Entwicklung" und noch weniger über die Lebensbedingungen der Bevölkerungsmehrheiten aussagen. Seltsam ist nur, daß Menzel diese Statistiken dennoch gebraucht, um seine Argumente zu unterfüttern. Bekanntlich kann mit Statistiken vieles, auch die Valididät von Theorien, be- oder widerlegt werden, aber ohne Theorie erklären sie gar nichts.
Viertens verdient die Hauptthese von Menzel Widerspruch, daß die Entwicklungstheorie erst nach der Wiederherstellung der staatlichen Ordnung in den virtuellen Staatsgebilden für die Entwicklungspolitik fruchtbar gemacht werden könne. Die Theorie ist auch schon vorher gefordert: Sie muß Erklärungen für die Ursachen des Staatszerfalles liefern und Bedingungen und Chancen der Konsolidierung von Staatlichkeit erarbeiten. Die sozialwissenschaftliche Entwicklungsforschung, die zu einem Gutteil Krisenforschung ist, hat sich in Forschung und Politikberatung diesen Aufgaben gestellt.
Samuel Huntington hatte schon vor drei Jahrzehnten den normativen Konstruktionen von "politischer Entwicklung" die Forderung entgegengesetzt, daß sich die Entwicklungsforscher stärker mit dem "politischen Verfall" beschäftigen sollten4. Seine berühmten Kollegen an den US-amerikanischen Eliteuniversitäten, die jahrzehntelang die entwicklungstheoretischen Paradigmen vorgaben, schickten ihrer Publikationsreihe über "political development" eine Serie über "crises of development" nach.
So blauäugig und realitätsblind, wie Menzel suggeriert, war und ist also die Entwicklungsforschung nicht. Er unterlegt seiner Bankrotterklärung nicht nur eine sehr eigenwillige Funktionsbestimmung von Entwicklungstheorie, sondern auch eine verengte Funktionsbestimmung von Entwicklungspolitik. Letztere kann eben nicht nur in geordneten Verhältnissen tätig werden, sondern muß auch Krisenprävention und Krisenmanagement leisten. Deshalb erarbeitete die GTZ ein Konzept zur Krisenprävention und Konfliktbearbeitung5, und deshalb machten sich Friedensforscher - wie Norbert Ropers6 und Volker Matthies in E+Z 1997:10 - Gedanken über eine stärkere Verzahnung von Friedens- und Entwicklungspolitik.
Die Reibereien zwischen AA und BMZ über Zuständigkeiten im Bereich der "präventiven Sicherheitspolitik" und der Humanitären Hilfe machen freilich deutlich, daß die Handlungsfähigkeit der Politik schon durch Kompetenz- und Organisationsprobleme gelähmt wird.

Die Entwicklungstheorie hat keinen Mangel an Themen
Der Entwicklungstheorie ist weder das Objekt abhanden gekommen noch sind ihr die erklärungsbedürftigen Themen ausgegangen. Die nach dem Ende des Schlagabtausches zwischen den "großen Theorien" allenthalben beklagte Theoriekrise erwies sich als notwendige Reinigungskrise. Holger Mürle konstatierte in seinem systematischen Überblick über "Entwicklungstheorie nach dem Scheitern der großen Theorie" sogar, daß von einer Theoriekrise keine Rede sein könne7.
Der "neue Realismus", der sich durch einen stärkeren Realitätsbezug auszeichnete8, anerkannte vor allem die regionale Unterschiedenheit der materiellen Faktorausstattungen und der sozio-kulturellen Bedingungen, die Ausgangspunkte für Entwicklung bilden. Es gibt eben keinen für alle Kontinente und Ländergruppen mit verschiedenen Strukturproblemen passenden entwicklungstheoretischen Universalschlüssel. Erklärungen, die für Lateinamerika passen mögen, werden schief oder gar irreführend, wenn sie auf die ganz anderen Situationen Afrikas oder Asiens übertragen werden.
Die Differenzierung der "Entwicklungswelten", zu denen sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion noch eine - Reihe von "Transformationsländern" mit Dritte-Welt-Syndromen gesellte, entzog Globaltheorien die empirische Grundlage. Die weltpolitischen Strukturveränderungen und die unterschiedlichen Entwicklungen im Süden, hier die Wachstumsdynamik in Asien, dort die Marginalisierung des subsaharischen Afrika, brachten gewohnte Denkfiguren und Erklärungsmuster durcheinander. Sie zwangen die Entwicklungstheoretiker, ausgetretene Pfade zu verlassen und nach neuen Antworten auf neue Problemlagen zu suchen.
Entwicklungstheorie, welcher Schule oder ideologischen Provenienz sie sich auch zugerechnet haben mag, stellte sich eine doppelte Aufgabe, die sie freilich immer zu überfordern drohte: Erstens mit einem Maximum an empirisch gesicherten Erkenntnissen ein Optimum an Erklärung für die res gestae, also für beobachtbare Tatbestände, Entwicklungen und Zusammenhänge, zu liefern; zweitens nachzudenken und vorauszudenken, was Entwicklung bedeutet und was Politik tun sollte, um normativ begründete Ziele (die res gerendae) erreichen zu können.
Entwicklungstheoretiker sind gefordert, unter sich verändernden weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Bedingungen mit ihren unterschiedlichen Rückwirkungen auf die Entwicklungsfähigkeit der verschiedenen Ländergruppen neue Antworten auf alte Fragen und auf neu auftauchende Fragen zu suchen: Was bedeuten ihre zentralen Begriffe wie Entwicklung, Unterentwicklung, Gerechtigkeit, Demokratie oder Partizipation? Welche Rolle spielen Staat, Markt, Weltmarkt, multinationale Unternehmen oder zivilgesellschaftliche Organisationen? Neue begründungsbedürftige Paradigmen gesellten sich zu diesem Fragenkatalog: sustainable development, human development, good governance und global governance.
Es gab auch keinen Mangel an alten und neuen Kontroversen. So war das Nachdenken über die Rolle des Staates, den der Neoliberalismus als Hauptverursacher von Entwicklungskrisen ausmachte, eingekeilt zwischen der Kritik am strangulierenden Interventionsstaat und der Kritik am neoliberalen Konzept des "Minimalstaates", das den Aufbau eines leistungsfähigen Staats- und Verwaltungsapparates vernachlässigte; dieser ist aber notwendig, um für die internationale Wettbewerbsfähigkeit, den sozialen Ausgleich und die Nachhaltigkeit der Entwicklung zu sorgen.
Und natürlich gab es Streit über die neoliberale Vergötzung des Marktes. Zwar konnten auch aufgeklärte Linke nicht umhin, den Markt als dynamisches Bewegungsprinzip der Wirtschaft, als Antriebskraft der Leistungsbereitschaft und als Energiequelle des schöpferischen Unternehmertums anzuerkennen, aber wachsende Ungleichheiten zwischen Staaten und sozialen Gruppen lieferten ihnen genügend Ansatzpunkte für Kritik an der Destruktivität eines sozialstaatlich ungezügelten Konkurrenzprinzips. Durch die Globalisierung erhielt diese Diskussion eine neue Dimension.

Entwicklungstheorie unter den Bedingungen der Globalisierung
Die weltpolitische Zeitenwende, der Zusammenbruch des kommunistischen Konkurrenzmodells und vieler Diktaturen in der Dritten Welt, die Francis Fukuyama zum voreiligen Gerede über das "Ende der Geschichte" verleiteten und Samuel Huntington über eine "dritte Welle der Demokratisierung"9 schreiben ließen, konfrontierten auch die Entwicklungspolitik mit neuen Herausforderungen. Der Paradigmenwechsel manifestierte sich erstens darin, daß das Nachdenken über die Bedingungen einer globalen "nachhaltigen Entwicklung" und das Bewußtwerden der "gemeinsamen Überlebensinteressen" (die durch den Club of Rome ausgelöst und im Brandt-Bericht von 1979 beschworen worden waren, ohne damals viel Gehör zu finden), nun einen neuen Stellenwert erhielten; zweitens in der normativen Synthese von Entwicklung, good governance, Demokratie und Menschenrechten, die auf eine Rundumerneuerung staatlichen Handelns abzielte; drittens in der fast weltweiten Bekehrung zu marktwirtschaftlichen Prinzipien; viertens in der neuen Rolle, die zivilgesellschaftlichen Organisationen sowohl im sozialen und politischen Wandel als auch im Zivilisierungsprozeß der internationalen Beziehungen zugedacht wurde, und sie als Hoffnungsträger einer "neuen Weltordnung" gehörig überforderte10.
Die Globalisierung, die weder ein "Phantom" noch ein "Mythos" ist, wie manche Kritiker des zur "Erklärung" aller möglichen Fehlentwicklungen mißbrauchten Schlagwortes einwandten, konfrontierte die Entwicklungstheorie mit einer Fülle neuer Fragestellungen: Wieweit ist sie erst eine Tendenz oder schon Wirklichkeit, wenn ihr Wesenskern in der zunehmenden Entgrenzung der Nationalstaaten und transnationalen Vernetzung aller Lebensbereiche entdeckt wird? Sind wir nicht nur auf dem Weg zu einer nun wirklich globalen Weltökonomie, die Handlungsspielräume nationalstaatlicher Wirtschafts- und Sozialpolitik verengt, sondern auch auf dem Weg zu einer Weltgesellschaft oder gar Weltbürgergesellschaft, der viel schwieriger ist, als sich manche Eine-Welt-Romantiker vorstellen11? Wer sind die Verlierer und Gewinner der zunehmend deregulierten Güter-, Kapital- und Dienstleistungsmärkte, sowohl auf der Ebene der Staatenwelt als auch innerhalb der Gesellschaften, sowohl im Süden als auch im Norden, im Westen und Osten? Lothar Brock wies deshalb in E+Z 1997:5-6 der Entwicklungstheorie die weltweite Verallgemeinerung der Entwicklungsproblematik als neuen Fokus der Theoriebildung zu.
Die Globalisierung bewirkte eine Rückbesinnung auf Globaltheorien, vor allem auf die Weltsystemtheorien. Die durch sie verstärkten zwischen- und innerstaatlichen Marginalisierungsprozesse reaktivierten auch wieder Theoreme, die dem Requiem auf die Dependenztheorien zum Opfer gefallen waren: So das Theorem der strukturellen Heterogenität und der Imperativ der selektiven Dissoziation, der durch gleichzeitige Regionalisierungstendenzen und neue Ansätze zur regionalen Kooperation und Integration (wie ASEAN, Mercosur, Caricom, Ostafrikanische Gemeinschaft u.a.) politischen Rückenwind erhielt.
Wenn der deregulierte Weltmarkt als Weltgericht über das Wohl und Wehe von ganzen Regionen entscheidet, wie Rainer Tetzlaff in E+Z 1996:2 argumentierte, dann ist nicht nur das Nachdenken über "systemische Wettbewerbsfähigkeit" gefordert, das eine Forschergruppe des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) um Klaus Eßer und Dirk Messner12 vorantrieb, sondern dann drängt sich auch die weiterreichende Frage auf: Wie sollte eine "neue Weltordnungspolitik", die den entfesselten "Raubtierkapitalismus" durch soziale und ökologische Leitplanken bändigen und die Weltprobleme bewältigen kann, gestaltet werden? Die Suche nach politischen Antworten auf die Herausforderungen der Globalisierung mündete in die Diskussion über Global Governance.
Global Governance meint nach den Vorstellungen der Commission on Global Governance, die 1995 ihren Bericht "Nachbarn in Einer Welt"13 vorlegte, mehr als nur ein Anwachsen des Multilateralismus in den internationalen Beziehungen, auch mehr als die ständig geforderte, aber durch Hegemonialinteressen blockierte Stärkung der Vereinten Nationen, nämlich ein neues Politikmodell, das durch ein netzwerkartiges Zusammenwirken von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren gekennzeichnet ist. Dirk Messner und Franz Nuscheler14 erarbeiteten weiterführende Entwürfe einer Global-Governance-Architektur, die auf mehreren Säulen ruhen und institutionelle Voraussetzungen für eine problemlösende Weltordnungspolitik schaffen soll.
Die Globalisierung muß kein Bedrohungsszenario bleiben, wenn sie durch globale Institutionen und Regelwerke gestaltet wird. Sie hat auch keineswegs nur destruktive Effekte, sondern ist das weltgeschichtlich umfassendste Lernprojekt, das alle Gesellschaften zu Anpassungsleistungen und auch die Industriegesellschaften dazu zwingt, von "Belehrungsgesellschaften" zu "Lerngesellschaften" zu mutieren.

Wie reagiert die Entwicklungspolitik auf die neuen Herausforderungen?
Die Entwicklungspolitik hat im Hinblick auf all diese Überlegungen zur Gestaltung der internationalen Beziehungen und zur eigenen Zukunftssicherung einen beträchtlichen Nachholbedarf. Sie wurstelt, trotz einiger konzeptioneller Neuansätze, mit ihrer überholten "Projektitis" weiter und ist durch ihren schleichenden Bedeutungsverlust nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, der ihr im Gerangel der Blöcke um Einflußzonen in der Dritten Welt geostrategische Schubkraft gegeben hatte, gehandicapt. Sie versteht und verkauft sich, auch unter dem Einfluß der Serie von Weltkonferenzen, zwar selbst als "globale Strukturpolitik", aber sie kann aufgrund der begrenzten Ressortkompetenzen und finanziellen Ressourcen des BMZ diesem Anspruch nicht gerecht werden.
Notwendig wäre die Aufwertung des BMZ zu einem "Ministerium für globale Zusammenarbeit und Zukunftsfragen", das die sektoralen Beiträge anderer Ressorts zur Lösung globaler Probleme bündeln und das Kohärenzproblem in der Organisation und Politikgestaltung der Bundesregierung überwinden könnte. Entwicklungsforscher und NROs drängen seit vielen Jahren auf eine "neue Entwicklungspolitik", die neue Organisationsstrukturen, aber vor allem ein neues Denken in globalen Perspektiven voraussetzt15. Die politischen Entscheidungsträger stellen sich taub. Wahrscheinlicher als eine Aufwertung und Kompetenzanreicherung des BMZ ist seine Fortexistenz als Wurmfortsatz mächtigerer Ressortinteressen oder gar seine Abwertung zu einer Abteilung des AA. Wie bei seiner Gründung spielt die Koalitionsarithmetik eine größere Rolle als der politische Handlungsbedarf.
Das kurze Fazit lautet: Die Entwicklungspolitik braucht Entwicklungstheorien nötiger denn je. Ihnen ist keineswegs das Objekt abhanden gekommen, sondern mit der Globalisierung, die noch viele ungelöste Fragen aufwirft, sogar ein neuer und komplexer Objektbereich zugewachsen. Es liegt sicherlich auch an den Unarten der wissenschaftlichen Theorienproduktion, daß ihre Erkenntnisse von der Politik allenfalls selektiv aufgegriffen werden. Dies bedeutet aber im Umkehrschluß auch, daß sie nur sehr begrenzt für die mageren Ergebnisse der Entwicklungspolitik mitverantwortlich gemacht werden kann. Die Philosophen sind zwar erfahrungsgemäß politikunfähig, aber mehr Philosophie würde der Politik sicherlich nicht schaden.
1) Robert Kaplan: The Ends of the Earth. From Togo to Turkmenistan, from Iran to Cambodia. A Journey to the Frontiers of Anarchy. New York 1996
2) Jean-Christophe Rufin: Das Reich und die neuen Barbaren. Berlin 1991
3) Daniel Patrick Moynihan: Pandaemonium: Ethnicity in International Politics. Oxford 1993
4) Samuel P. Huntington: Politische Entwicklung und politischer Verfall, in: Dirk Berg-Schlosser (Hg.): Die politischen Probleme der Dritten Welt. Hamburg 1972, S. 154-173 (Original 1965 in der Zeitschrift World Politics)
5) GTZ: Technische Zusammenarbeit im Kontext von Krisen, Konflikten und Katastrophen. Beiträge zur Krisenprävention und Konfliktbearbeitung. Eschborn, März 1998
6) Norbert Ropers/Tobias Debiel (Hg.): Friedliche Konfliktbearbeitung in der Staaten- und Gesellschaftswelt. Bonn 1995
7) Holger Mürle: Entwicklungstheorie nach dem Scheitern der "großen Theorie". INEF-Report, Heft 22/1997, Duisburg
8) Reinold E. Thiel: Entwicklungstheorien, in: E+Z 1995:10, S. 251
9) Samuel P. Huntington: The Third Wave. Democratization in the Late Twentieth Century. Norman/ Oklahoma 1991
10) Vgl. u.a. Dirk Messner: Politik im Wandel. NGOs in der Irrelevanzfalle oder NGOisierung der (Welt-)Politik?, in: Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.): Globale Trends und internationale Zivilgesellschaft. Bonn 1996
11) Vgl. Richard Münch: Globale Dynamik, lokale Lebenswelten. Der schwierige Weg in die Weltgesellschaft. Frankfurt/M.1998
12) Klaus Eßer, Wolfgang Hillebrand, Dirk Messner, Jörg Meyer-Stamer: Das Konzept "Systemische Wettbewerbsfähigkeit", in: Nord-Süd-aktuell, 4. Quartal 1994, S. 541-557; dies.: Systemische Wettbewerbsfähigkeit und Entwicklung in: E+Z 1995:10, S. 256
13) Commission on Global Governance/Stiftung Entwicklung und Frieden (Hg.): Nachbarn in Einer Welt. Bonn 1995
14) Dirk Messner, Franz Nuscheler: Global Governance. Organisationselemente und Säulen einer Weltordnungspolitik, in: Dies. (Hg.): Weltkonferenzen und Weltberichte. Bonn 1996, S. 12-36
15) Vgl. Uwe Holtz, Eckhard Deutscher (Hg.): Die Zukunft der Entwicklungspolitik. Konzeptionen aus der entwicklungspolitischen Praxis. Bonn, DSE 1995
Prof.Dr. Franz Nuscheler lehrt an der Universität Duisburg Politikwissenschaft und ist Direktor des Duisburger Instituts für Entwicklung und Frieden (INEF).

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